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Lester Calderón, der chilenische Arbeiter, der die Stimme der Arbeiter:innen in den Kongress bringen will

Lester Calderón ist Gewerkschaftsführer in einer Sprengstofffabrik in Antofagasta, der Bergbauhauptstadt Chiles. Als Mitglied der Revolutionären Arbeiter:innenpartei (PTR), unserer Schwesterpartei in Chile, hat er im Mai unerwartet 13 Prozent der Stimmen bei der Wahl zum Gouverneur erhalten. Jetzt kandidiert er für den Kongress.

Lester Calderón, der chilenische Arbeiter, der die Stimme der Arbeiter:innen in den Kongress bringen will
Foto: La Izquierda Diario Chile

Lester Calderón ist 34 Jahre alt, Arbeiter und Gewerkschaftsführer in einer Sprengstofffabrik im Industrieviertel der Stadt Antofagasta, dem Bergbauzentrum Chiles. Bei den Wahlen in der Region Norte Grande im Mai überraschte er viele, als er für das Amt des Gouverneurs der Bergbauregion kandidierte und 21.387 Stimmen (mehr als 13 Prozent) erhielt. Er ist Mitglied der Revolutionären Arbeiter:innenpartei (PTR), einer Organisation, die dem internationalen Netzwerk La Izquierda Diario und der Trotzkistischen Fraktion angehört, die weltweit in 14 Ländern vertreten ist. Er kandidiert jetzt für das Unterhaus des Kongresses, „um einen Sitz für die Arbeiter:innen zu gewinnen, um unsere Kämpfe und die aller Menschen, der Jugendlichen und der Frauen zu stärken.“ Die Wahlen werden voraussichtlich am 21. November stattfinden.

Ein Arbeiter in der Politik, gegen die Politiker:innen des Systems

Lester wurde im Juli 1987 in der Stadt La Serena geboren. Doch im Alter von zwölf Jahren zog er nach Antofagasta, das seitdem seine Heimat ist, seine „geliebte Wüste“. Er wuchs im nördlichen Teil der Stadt auf. Als Kind schloss er sich der Punkszene an und zwischen Partys und Konzerten begann er, an Demonstrationen teilzunehmen und sich den verschiedenen sozialen Bewegungen anzuschließen, die in der Stadt entstanden sind.

Lester besuchte die B-13-Oberschule, die für den Aktivismus der Lehrer:innengewerkschaft bekannt ist und aus der wichtige Führungspersönlichkeiten der Stadt hervorgegangen sind, wie Patricia Romo, die ehemalige Präsidentin des Lehrerkollegiums und ein weiteres Mitglied der PTR.

Lester erzählt uns, dass er schon in jungen Jahren begann, sich sozial zu engagieren, als er „die eklatanten Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten einer Stadt sah, die sehr reich an natürlichen Ressourcen ist, deren Reichtum aber nur einer kleinen Minderheit von Großunternehmer:innen zugute kommt, während die große Mehrheit von uns kaum über die Runden kommt und mit Schulden und schlechter Gesundheit lebt“. Er studierte Philosophie an der Universität von Antofagasta und war 2006 und 2011 aktives Mitglied der Studierendenbewegung, die versucht hat, Student:innen und Arbeiter:innen in einer Bewegung für kostenlose Bildung zu vereinen.

An der Universität wurde er Mitglied der heutigen PTR, einer Organisation, die sich in der Bergbauregion einen wichtigen Platz erobert hat, indem sie an verschiedenen Kämpfen und Bewegungen beteiligt war und während des Aufstands 2019 eine wichtige Rolle spielte. Als er Vater wurde, war er gezwungen, sein Studium abzubrechen und begann in der Industrie zu arbeiten. Dort begann er, seine Kolleg:innen zu organisieren, und es gelang ihm, die Gewerkschaft zurückzuerobern, die sich in den Händen der Bürokratie befunden hatte. In der Orica-Fabrik führte er mehrere Kämpfe mit seinen Kolleg:innen. Im Jahr 2016 organisierte die Gewerkschaft beispielsweise Sicherheitsmaßnahmen, nachdem eine Explosion in der Fabrik aufgrund der Verantwortungslosigkeit des Unternehmens zwei Arbeiter:innen getötet hatte. In der Fabrik stärkten sie die Organisation von der Basis aus, sodass sie in den folgenden Monaten gegen Entlassungen kämpfen und bessere Löhne und Arbeitsbedingungen erreichen konnten. Calderon wurde rasch zu einem Beispiel für verschiedene Sektoren von Arbeiter:innen, die sich organisierten und für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen kämpften.

Lester gehört zu einer neuen Generation von Arbeiter:innen, Frauen und jungen Menschen, die sich an ihren Arbeitsplätzen, in Schulen, Krankenhäusern, Städten und auf der Straße zusammenschließen, die sich aber auch „politisch engagieren, nicht wie die Politiker:innen des Systems, die wie Millionär:innen leben, weit weg von der Bevölkerung, sondern als Arbeiter:innen, aus unseren verschiedenen Kämpfen, um sich für unsere Forderungen zu organisieren und ein lebenswertes Leben zu erreichen, um für die Veränderung dieser Gesellschaft zu kämpfen, in der die Profite einer Handvoll Banken, Bergbauunternehmen und Konzerne mehr wert sind als unsere Gesundheit und unser Leben. Und um eine Gesellschaft aufzubauen, in der die Arbeiter:innen die Produktion und das soziale Leben zum Nutzen der großen Mehrheit organisieren, um die Forderungen zu erfüllen, für die wir seit Jahren kämpfen: ein kostenloses und hochwertiges öffentliches Gesundheits- und Bildungswesen, Löhne und Renten, die uns ein Leben in Würde ermöglichen, Wohnraum für alle usw.“

An der Basis und in den Kämpfen

Lester erhielt als Gouverneurskandidat in der Region breite Unterstützung. Er sagt, die Unterstützung, die er von den Bergarbeiter:innen und den Beschäftigten in der Industrie, im Dienstleistungssektor, im Einzelhandel, im Gesundheitswesen, in den Schulen und in den Kommunen erhielt, sei nicht vom Himmel gefallen:

„Sie war das Ergebnis vieler vorangegangener Erfahrungen von Arbeiter:innen und Unterdrückten, die seit Jahren in der Region kämpfen, mit Streiks und Arbeitsniederlegungen, Studierendenprotesten, Kämpfen gegen das Rentensystem und Umweltbewegungen gegen die Umweltausbeutung, für die die großen Bergbauunternehmen und der Luksic-Konzern [einer der größten Konzerne des Landes, A.d.Ü.] verantwortlich sind.

Im Jahr 2019 gründeten wir das Notfall- und Schutzkomitee, in dem sich Hunderte von uns in Selbstverteidigung gegen die Repression und die Verletzung der Menschenrechte organisierten und für den Rücktritt von [dem damaligen Präsidenten] Sebastián Piñera und für eine freie und souveräne verfassungsgebende Versammlung kämpften. Im Wahlkampf sind wir durch die ganze Region gereist und haben Zweigstellen in den Minen, Fabriken, Schulen, Krankenhäusern und Städten gegründet. Dort haben wir eine breite Unterstützung gefunden und konnten die Organisation von unten stärken, gegen die Politiker:innen des Systems oder diejenigen, die Absprachen mit den Mächtigen treffen. Heute wollen wir einen Sitz im Kongress für die Arbeiter:innen der gesamten Region gewinnen.”

Dies kam nicht von irgendwo. Es ist das Ergebnis von jahrelangem Kampf und Solidarität.

Er unterstützte die starke Lehrer:innenbewegung während des Volksaufstandes, aus dem das Phänomen der “profesores indignados”, der empörten Lehrer:innen, hervorging. Er unterstützte auch den Kampf gegen die Entlassungen bei der Eisenbahngesellschaft Ferrocarril Antofagasta Bolivia (FCAB), die sich im Besitz von Luksic befindet. Diese Prozesse legten den Grundstein für das Entstehen der PTR in der Region.

Während dieser Kämpfe hat er sich für „Koordination und Einheit“ stark gemacht:

„In all diesen Jahren haben wir gelernt, dass es viel schwieriger ist, ihren Angriffen zu widerstehen und den Kampf zu gewinnen, wenn wir uns nicht unabhängig von den Konzernen und den Politiker:innen des Systems koordinieren, organisieren und gegenseitige Solidarität aufbauen.

Deshalb haben wir versucht, die verschiedenen Kämpfe zu vereinen, z.B. durch den Koordinierungsausschuss gegen Entlassungen und zwischen Arbeiter:innen- und Umweltbewegungen, wie in unserem Kampf gegen den Luksic-Konzern, als wir an der Seite von Bahnarbeiter:innen und Umweltschützer:innen gekämpft haben, sowie durch die Koordinierung von Aktionen zwischen antibürokratischen Organisationen und dem Notfall- und Schutzkomitee während des Aufstands. Wir nehmen nicht nur an den Kämpfen teil. Wir haben auch Aktionen in Städten wie Miramar koordiniert, um Schutzausrüstung und Vorräte zur Bekämpfung der Pandemie bereitzustellen, und Suppenküchen als Reaktion auf die zunehmende Armut organisiert.“

„Erst vor wenigen Wochen haben wir einen Streik im Regionalkrankenhaus von Antofagasta beendet“, sagt er. „Daran beteiligt waren mehr als 200 Beschäftigte aus dem Wäscherei- und Reinigungssektor, aus den prekärsten Sektoren der Stadt, Einwanderer:innen, Hausbesetzer:innen und Menschen, die in Lagern leben und jeden Tag mit unsicherer Arbeit konfrontiert sind. Sie sind unverzichtbare Arbeitskräfte im Gesundheitswesen – wie sie sagten, ohne Reinigungskräfte gibt es keine Gesundheit – und sie haben einen Kampf geführt, der zu einem Beispiel für andere Arbeiter:innen in der Stadt wurde. Nicht nur, weil sie eine deutliche Lohnerhöhung von einem unnachgiebigen multinationalen Unternehmen errungen haben, sondern auch, weil sie die Unterstützung der Bevölkerung gewonnen haben und das System in Frage gestellt haben, mit dem sich die Geschäftsfreunde der politischen Elite bereichern.“

All das ist Teil eines Phänomens des gewerkschaftlichen und politischen Aktivismus, das sich in der Region abzuzeichnen beginnt. „Jetzt wollen wir diese Organisation und Unterstützung in eine breite Kampagne umwandeln, damit wir einen Vertreter der Arbeiter:innen, Frauen und jungen Leute im Kongress haben.“

Der Kampf um das Leben, um der Ausbeutung und Ausplünderung ein Ende zu setzen

„Wir sind keine Politiker des Systems, die Millionen verdienen und unsere Bedürfnisse nicht verstehen.“ Deshalb, so Lester, „werden wir, wenn wir gewählt werden, weiterhin den gleichen Lohn erhalten wie in der Fabrik und wir werden dafür kämpfen, dass alle Privilegien, die dieses System den Vertreter:innen des Großkapitals einräumt, abgeschafft werden.“

Lester betont auch, dass „Antofagasta eine sehr reiche Region ist, die über enorme natürliche und strategische Ressourcen verfügt, die in den Händen der arbeitenden Menschen sein könnten, die sie nutzen könnten, um die Bedürfnisse der Menschen in Bezug auf Wohnraum, Löhne, Bildung, Gesundheit oder Renten zu erfüllen. Doch heute wird dieser enorme Reichtum von einer Handvoll nationaler und multinationaler Konzerne gehortet, die das Geld ins Ausland bringen, während Armut und prekäre Arbeitsbedingungen in der Region und im ganzen Land zunehmen.“

Deshalb sagt er: „Eine unserer zentralen Forderungen ist die Verstaatlichung des Kupfers und der strategischen und natürlichen Ressourcen ohne Entschädigungszahlungen an diejenigen, die unsere Ressourcen gestohlen haben, unter der Kontrolle der Arbeiter:innen und Gemeinden, um der Plünderung ein Ende zu setzen und diesen enormen Reichtum zum Nutzen der arbeitenden Menschen zu verwenden, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen und nicht um die Profite einer Handvoll reicher Leute zu steigern. Wir brauchen einen Notfallplan für die gesamte Arbeiter:innenklasse und die Unterdrückten.” Er fährt fort: „Weitere Forderungen, für die wir kämpfen, sind ein Mindestlohn und eine Rente entsprechend einem Familienbudget von 600.000 Pesos, die Beendigung aller Formen von prekärer Arbeit, ein Wohnungsbauplan zur Beendigung der Spekulation der Banken und der hohen Mieten, das Recht auf eine hochwertige, kostenlose Bildung und ein öffentliches Gesundheitswesen, das Recht auf eine kostenlose, sichere und legale Abtreibung und die Rückgabe von gestohlenem Land an das Volk der Mapuche, für ihr Recht auf nationale Selbstbestimmung.“

Ein Aufruf zum Handeln für die Arbeiter:innenklasse und die Jugend, um einen Sitz im Kongress für die Arbeiter:innen zu gewinnen

Lester erklärt uns, dass es ihr Ziel ist, „einen Sitz für die Arbeiter:innen zu gewinnen. Heute haben wir eine Chance, für die wir kämpfen werden, gegen die Kandidat:innen der Rechten und der alten Concertación [Koalition der traditionellen Mitte- und Mitte-Links-Parteien], die jetzt vorgeben, auf der Seite des Volkes zu stehen, obwohl sie selbst das Erbe der Diktatur fortzuführen und die Situation geschaffen haben, in der wir uns jetzt befinden. Ein Kandidat der Arbeiter:innen oder ein Politiker des Systems? Das ist die Frage.“

Lester betont weiter: „Ich werde mich auch nicht verkaufen und keine Kompromisse mit diesem System eingehen, und ich werde auch nicht bereit sein, Vereinbarungen hinter dem Rücken des Volkes zu treffen, wie es die Vertreter:innen des Großkapitals und ihre Parteien immer tun. Wir wollen einen Wahlkampf führen, in dem wir konsequent gegen dieses System kämpfen. Wir haben bereits gesehen, dass die Frente Amplio [ein reformistisches Parteienbündnis], die behauptet, eine Art Erneuerung zu repräsentieren, weiterhin Absprachen mit den alten Parteien trifft, wie im Verfassungskonvent, in dem sie eine Zweidrittelmehrheit mit den Pinochet-Anhänger:innen und der Concertación gebildet hat.“

Lester sieht diese Kandidatur und die Wahlkampagne der PTR als Teil des Kampfes für „eine Arbeiter:innen-Alternative, die wirklich unabhängig von allen Parteien ist, die das Großkapital vertreten, eine Alternative, die aus den Kämpfen und der Selbstorganisation des Volkes hervorgeht, die dafür kämpfen kann, das gesamte Erbe der Diktatur zu beseitigen, und dafür, dass die Arbeiter:innen regieren und alle unsere Ressourcen nutzen, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen, und nicht, um die Profite einer Minderheit von Millionären zu steigern.“

„Unsere Kampagne hat ganz an der Basis angefangen, ohne die Mittel, die die anderen Kandidat:innen hatten“, erklärt er. „Sie wurde von Hunderten von Arbeiter:innen und Student:innen unterstützt und gefördert, die ihren Familien Essen auf den Tisch bringen wollen. Sie ist völlig unabhängig von den Konzernen.“

Ursprünglich veröffentlicht auf Englisch am 9. Oktober bei Left Voice.

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