Geschichte und Kultur

Leo Trotzki: Bolschewismus und Stalinismus

Im Jahr 1937 erklärte der russische Revolutionär Leo Trotzki, wie sich der Stalinismus als "thermidorianische Verneinung" des Bolschewismus entwickelte.

Leo Trotzki: Bolschewismus und Stalinismus

Reak­tionäre Epochen wie die unsere zer­set­zen und schwächen nicht nur die Arbeit­erk­lasse und isolieren ihre Avant­garde, son­dern drück­en auch das all­ge­meine ide­ol­o­gis­che Niveau der Bewe­gung herab und wer­fen das poli­tis­che Denken auf bere­its längst durch­laufene Etap­pen zurück.

Die Auf­gabe der Avant­garde beste­ht unter diesen Umstän­den vor allem darin, sich nicht von dem all­ge­meinen, rück­wärts flu­ten­den Strom davon­tra­gen zu lassen – es heißt gegen den Strom schwim­men. Wenn ein ungün­stiges Kräftev­er­hält­nis es nicht erlaubt, die früher eroberten poli­tis­chen Posi­tio­nen zu wahren, gilt es, sich wenig­stens auf den ide­ol­o­gis­chen Posi­tio­nen zu hal­ten, denn sie sind der Aus­druck ein­er teuer bezahlten ver­gan­genen Erfahrung. Dummköpfen erscheint eine solche Poli­tik als „Sek­tier­ertum“. In Wirk­lichkeit bere­it­et sie nur einen gigan­tis­chen neuen Sprung vor­wärts vor, zusam­men mit der Welle des kom­menden his­torischen Auf­schwungs.

Die Reaktion gegen den Marxismus und gegen den Bolschewismus

Große his­torische Nieder­la­gen rufen unver­mei­dlich eine Umw­er­tung her­vor, die sich im all­ge­meinen in zwei Rich­tun­gen vol­lzieht. Auf der einen Seite tra­chtet das Denken der wahren Avant­garde, bere­ichert um die Erfahrung der Nieder­la­gen und mit Zäh­nen und Klauen das Erbe des rev­o­lu­tionären Gedankens vertei­di­gend, auf sein­er Grund­lage neue Kad­er für die kün­fti­gen Massenkämpfe her­anzuziehen.

Auf der anderen tra­chtet das über die Nieder­lage erschrock­ene Denken der Rou­tiniers, Zen­tris­ten und Dilet­tan­ten, die Autorität der rev­o­lu­tionären Tra­di­tion zu zer­stören, und kehrt unter dem Schein der Suche nach „Neuem“ weit zurück.

Man kön­nte eine Fülle von Beispie­len ide­ol­o­gis­ch­er Reak­tion anführen, die übri­gens zumeist die Form der Pros­tra­tion (Selb­stern­iedri­gung) annimmt. Die gesamte Lit­er­atur der II. und III. Inter­na­tionale wie ihrer zen­tris­tis­chen Satel­liten vom Lon­don­er Büro beste­ht im Grunde aus der­ar­ti­gen Beispie­len. Nicht die Spur ein­er marx­is­tis­chen Analyse. Nicht ein ern­ster Ver­such, die Ursache ein­er Nieder­lage zu erhellen.

Nicht ein neues, eigenes Wort über die Zukun­ft. Nichts als Sch­ablone, Rou­tine, Trug und vor allem Sorge um die eigene bürokratis­che Selb­ster­hal­tung. Ein Dutzend Zeilen eines beliebi­gen Hil­fer­d­ing oder Otto Bauer genü­gen einem, um Ver­we­sungs­geruch zu spüren.

Von den The­o­retik­ern der Kom­intern ganz zu schweigen. Der ver­her­rlichte Dim­itrow ist unwis­send und banal wie ein Krämer in der Kneipe. Das Denken dieser Leute ist zu faul, um dem Marx­is­mus zu entsagen: sie pros­ti­tu­ieren ihn. Nicht sie inter­essieren uns jet­zt. Kehren wir zu den „Neuer­ern“ zurück.

Der ehe­ma­lige öster­re­ichis­che Kom­mu­nist Willy Schlamm wid­mete den Moskauer Prozessen eine Broschüre mit dem sprechen­den Titel „Dik­tatur der Lüge“. Schlamm ist ein begabter Jour­nal­ist, dessen Inter­essen haupt­säch­lich auf Tages­fra­gen gerichtet sind. Die Kri­tik der Moskauer Schwindel­prozesse sowie die Aufdeck­ung der psy­chol­o­gis­chen Mechanik der „frei­willi­gen Geständ­nisse“ gelin­gen Schlamm vortr­e­f­flich. Doch nicht zufrieden damit, will er eine neue The­o­rie des Sozial­is­mus auf­stellen, die uns in Zukun­ft vor Nieder­la­gen und Schwindel behüten soll.

Da aber Schlamm dur­chaus kein The­o­retik­er und sog­ar sichtlich mit der Entwick­lungs­geschichte des Sozial­is­mus wenig bekan­nt ist, so kehrt er unter dem Anschein ein­er neuen Offen­barung ganz zum vor­marx­is­tis­chen Sozial­is­mus zurück, dazu in dessen deutsch­er, d.h. rück­ständig­ster, süßlich­ster und wider­lich­ster Art

Schlamm verzichtet auf die Dialek­tik, auf den Klassenkampf, von der Dik­tatur des Pro­le­tari­ats gar nicht zu reden. Die Auf­gabe der Umgestal­tung der Gesellschaft läuft für ihn auf die Ver­wirk­lichung einiger „weniger“ Moral­weisheit­en hin­aus, mit denen er die Men­schen bere­its unter der kap­i­tal­is­tis­chen Ord­nung zu füt­tern sich anschickt.

In Keren­skis Zeitung Neues Ruß­land (ein altes Prov­inzblatt, her­aus­gegeben in Paris) wird Willy Schlamms Ver­such, den Sozial­is­mus mit ein­er Spritze sit­tlich­er Lym­phe zu fet­ten, nicht nur mit Freude, son­dern auch mit Stolz aufgenom­men: Dem ganz richti­gen Kom­men­tar der Redak­tion zufolge kommt Schlamm zu den Prinzip­i­en des echt-rus­sis­chen Sozial­is­mus, der schon längst dem trock­e­nen und engherzi­gen Klassenkampf die heili­gen Grund­sätze des Glaubens, der Hoff­nung und der Liebe ent­ge­gen­stellte.

Zwar stellte die Orig­i­nal­dok­trin der rus­sis­chen „Sozial­rev­o­lu­tionäre“ in ihren Prämis­sen nur eine Rück­kehr zum Sozial­is­mus des vor­mär­zlichen Deutsch­lands dar. Es wäre jedoch allzu ungerecht, von Keren­s­ki eine nähere Bekan­ntschaft mit der Ideengeschichte zu fordern als von Schlamm. Viel wichtiger ist der Umstand, daß der mit Schlamm sich sol­i­darisierende Keren­s­ki als Regierung­sober­haupt der Urhe­ber der Ver­fol­gun­gen gegen die Bolschewi­ki als Agen­ten des deutschen Gen­er­al­stabs war, d.h. den gle­ichen Schwindel organ­isierte, gegen den Schlamm heute mot­ten­z­er­fressene meta­ph­ysis­che Absolute mobil­isiert.

Der psy­chol­o­gis­che Mech­a­nis­mus der gedanklichen Reak­tion Schlamms und seines­gle­ichen ist sehr ein­fach. Eine gewisse Zeit­lang nah­men diese Leute an ein­er poli­tis­chen Bewe­gung teil, die auf den Klassenkampf schwor und in Worten an die mate­ri­al­is­tis­che Dialek­tik appel­lierte. In Öster­re­ich wie in Deutsch­land endete die Sache mit ein­er Katas­tro­phe.

Schlamm zieht eine sum­marische Schluß­fol­gerung: Dahin haben uns Klassenkampf und Dialek­tik gebracht! Und da die Auswahl der Offen­barun­gen durch die geschichtlichen Erfahrun­gen und … die per­sön­lichen Ken­nt­nisse beschränkt ist, stößt unser Refor­ma­tor auf der Suche nach Neuem auf bere­its längst bei­seit­ege­wor­fe­nen Trödelkram, den er tapfer nicht nur dem Bolschewis­mus, son­dern auch dem Marx­is­mus ent­ge­gen­stellt.

Auf den ersten Blick erscheint die von Schlamm vertretene Abart der ide­ol­o­gis­chen Reak­tion allzu prim­i­tiv (von Marx … zu Keren­s­ki), als daß es sich lohnte, dabei zu ver­weilen. Allein, tat­säch­lich ist sie unge­mein lehrre­ich: Ger­ade dank ihrer Prim­i­tiv­ität bildet sie ein all­ge­meines Kennze­ichen aller anderen Reak­tions­for­men, vor allem der­jeni­gen, die sich in dem sum­marischen Verzicht auf den Bolschewis­mus äußert.

Zurück zum Marxismus?

Im Bolschewis­mus fand der Marx­is­mus seinen grandios­es­ten geschichtlichen Aus­druck. Unter dem Ban­ner des Bolschewis­mus wurde der erste Sieg des Pro­le­tari­ats errun­gen und der erste Arbeit­er­staat errichtet. Diese Tat­sachen wird keine Kraft der Welt mehr aus der Geschichte stre­ichen. Aber da die Okto­ber­rev­o­lu­tion im gegen­wär­ti­gen Sta­di­um zum Tri­umph der Bürokratie geführt hat, mit ihrem Sys­tem der Unter­drück­ung, Raub­herrschaft und Fälschung – zur „Dik­tatur der Lüge“, wie Schlamm tre­f­fend sagte – so sind viele for­male und ober­fläch­liche Geis­ter zu der sum­marischen Schluß­fol­gerung geneigt: Man kann nicht den Stal­in­is­mus bekämpfen, ohne auf den Bolschewis­mus zu verzicht­en.

Schlamm geht, wie wir bere­its sagten, noch weit­er: Der zum Stal­in­is­mus entartete Bolschewis­mus ist selb­st aus dem Marx­is­mus ent­standen – man kann fol­glich nicht den Stal­in­is­mus bekämpfen und dabei auf den Grund­la­gen des Marx­is­mus bleiben. Die weniger Kon­se­quenten, aber Zahlre­icheren sagen hinge­gen: „Man muß vom Bolschewis­mus zum Marx­is­mus zurück­kehren.“ Auf welchem Wege? Zu welchem Marx­is­mus?

Bevor der Marx­is­mus in der Form des Bolschewis­mus „bankrott“ gemacht hat, erlitt er in der Form der Sozialdemokratie Schiff­bruch. Die Losung „Zurück zum Marx­is­mus“ bedeutet somit einen Sprung über die Epoche der II. und III. Inter­na­tionale … zur I. Inter­na­tionale? Aber auch diese erlitt sein­erzeit Schiff­bruch. Es heißt also let­zten Endes zurück­kehren … zu den gesam­melten Schriften Marx’ und Engels’ … Diesen hero­is­chen Sprung kann man machen, ohne sein Arbeit­sz­im­mer zu ver­lassen oder auch nur die Pantof­feln auszuziehen.

Wie aber dann von unseren Klas­sik­ern (Marx starb 1883, Engels 1895) zu den Auf­gaben der neuen Epoche gelan­gen und dabei einige Jahrzehnte the­o­retis­chen und poli­tis­chen Kampfes umge­hen, darunter den Bolschewis­mus und die Okto­ber­rev­o­lu­tion? Nie­mand von denen, die Verzicht auf den Bolschewis­mus als eine his­torisch „bankrotte“ Strö­mung vorschla­gen, hat neue Wege gewiesen.

Die Sache läuft somit auf einen ein­fachen Ratschlag hin­aus, das Kap­i­tal zu studieren. Dage­gen ist nichts einzuwen­den. Aber das Kap­i­tal haben auch die Bolschewi­ki studiert und dabei gar nicht schlecht. Das hat jedoch die Entar­tung des Sow­jet­staates und die Insze­nierung der Moskauer Prozesse nicht ver­hin­dert.

Ist der Bolschewismus für den Stalinismus verantwortlich?

Ist es jedoch wahr, daß der Stal­in­is­mus ein geset­zmäßiges Pro­dukt des Bolschewis­mus ist, wie es die gesamte Reak­tion annimmt, wie es Stal­in selb­st behauptet und wie es die Men­schewi­ki, Anar­chis­ten und gewisse linke Dok­trinäre, die sich für Marx­is­ten hal­ten, meinen?

„Wir haben ja immer gesagt“, sprechen sie, „seit dem Ver­bot der anderen sozial­is­tis­chen Parteien, der Unter­drück­ung der Anar­chis­ten, seit der Aufrich­tung der Bolschewikidik­tatur in den Sow­jets kon­nte die Okto­ber­rev­o­lu­tion zu nichts anderem als zur Dik­tatur der Bürokratie führen. Der Stal­in­is­mus ist die Fort­set­zung und zugle­ich der Bankrott des Lenin­is­mus.“

Der Fehler dieser Argu­men­ta­tion begin­nt bei der stillschweigen­den Gle­ich­set­zung von Bolschewis­mus, Okto­ber­rev­o­lu­tion und Sow­je­tu­nion. Der his­torische Prozeß, der im Kampf feindlich­er Kräfte beste­ht, wird hier durch eine Entwick­lung des Bolschewis­mus im luftleeren Raum erset­zt.

Indes ist der Bolschewis­mus nur eine poli­tis­che Strö­mung, die zwar eng mit der Arbeit­erk­lasse verknüpft, aber nicht mit ihr iden­tisch ist. Aber außer der Arbeit­erk­lasse existieren in der UdSSR über hun­dert Mil­lio­nen Bauern, ver­schiedenar­tig­ste Völk­er­schaften, ein Erbe von Unter­drück­ung, Armut und Unbil­dung.

Der von den Bolschewi­ki errichtete Staat spiegelt nicht nur das Denken und Wollen der Bolschewi­ki wider, son­dern auch das Kul­tur­niveau des Lan­des, die soziale Zusam­menset­zung der Bevölkerung, den Druck der bar­barischen Ver­gan­gen­heit und des nicht weniger bar­barischen Weltim­pe­ri­al­is­mus.

Den Entar­tung­sprozeß des Sow­jet­staats als eine Evo­lu­tion des reinen Bolschewis­mus darstellen, heißt, die soziale Wirk­lichkeit ignori­eren namens eines einzi­gen durch die reine Logik von ihr abgeson­derten Ele­mentes.

Es genügt eigentlich, diesen ele­mentaren Fehler beim Namen zu nen­nen, damit von ihm keine Spur mehr übrig­bleibt. Der Bolschewis­mus selb­st jeden­falls iden­ti­fizierte sich nie mit der Okto­ber­rev­o­lu­tion noch mit dem aus ihr her­vorge­gan­genen Sow­jet­staat

Der Bolschewis­mus betra­chtet sich als einen Fak­tor der Geschichte, ihren „bewußten“ Fak­tor – einen sehr bedeu­ten­den, aber nicht entschei­den­den – „his­torischen Sub­jek­tivis­mus“ haben wir uns nie schuldig gemacht. Den entschei­den­den Fak­tor auf dem gegebe­nen Fun­da­ment der Pro­duk­tivkräfte sahen wir im Klassenkampf, dabei nicht bloß im nationalen, son­dern im inter­na­tionalen Maßstab.

Als die Bolschewi­ki an die Besitzer­tenden­zen der Bauern Zugeständ­nisse macht­en, strenge Regeln für die Auf­nahme in die Partei auf­stell­ten, diese Partei von frem­den Ele­menten säu­berten, andere Parteien ver­boten, die NEP (Neue Ökonomis­che Poli­tik) ein­führten, zu Über­gabe von Betrieben in Konzes­sio­nen Zuflucht nah­men oder diplo­ma­tis­che Abkom­men mit impe­ri­al­is­tis­chen Regierun­gen trafen, zogen sie – die Bolschewi­ki – Teilschlüsse aus der Grund­tat­sache, die ihnen von Anfang an klar war, näm­lich daß die Machter­oberung, so wichtig sie an sich auch ist, die Partei dur­chaus nicht zum allmächti­gen Her­rn des his­torischen Prozess­es machte.

Mit der Herrschaft über den Staat besitzt die Partei allerd­ings die Möglichkeit, mit ein­er ihr bis dahin nicht zugänglichen Kraft auf die Entwick­lung der Gesellschaft einzuwirken, dafür aber unter­liegt sie auch selb­st ein­er verzehn­facht­en Ein­wirkung von Seit­en aller übri­gen Ele­mente dieser Gesellschaft.

Durch die direk­ten Schläge der feindlichen Kräfte kann sie von der Macht hin­wegge­fegt wer­den. Bei lang­wieri­gen Entwick­lung­stem­pi kann sie, sich an der Macht hal­tend, inner­lich entarten. Ger­ade diese Dialek­tik des his­torischen Prozess­es ver­ste­hen die sek­tiererischen Räson­neure nicht, die in der Fäul­nis der Stal­in­bürokratie ein ver­nich­t­en­des Argu­ment gegen den Bolschewis­mus find­en wollen.

Im Grunde sagen diese Her­ren: Schlecht ist die rev­o­lu­tionäre Partei, die nicht in sich die Garantie gegen ihre eigene Entar­tung enthält. Angesichts eines der­ar­ti­gen Kri­teri­ums ist der Bolschewis­mus natür­lich gerichtet: Einen Tal­is­man hat er nicht. Doch dieses Kri­teri­um ist eben falsch.

Das wis­senschaftliche Denken ver­langt eine konkrete Analyse: Wie und warum zer­set­zte sich die Partei? Nie­mand außer den Bolschewi­ki selb­st hat bish­er eine solche Analyse gegeben. Diese aber braucht­en deswe­gen nicht mit dem Bolschewis­mus zu brechen.

Im Gegen­teil, in ihrem Arse­nal fan­den sie alles Notwendi­ge, um sein Schick­sal zu erk­lären. Die Schluß­fol­gerung, zu der sie gelangten, lautete: Natür­lich ist der Stal­in­is­mus aus dem Bolschewis­mus „erwach­sen“, aber nicht logisch erwach­sen, son­dern dialek­tisch: nicht als rev­o­lu­tionäre Bejahung, son­dern als ther­mi­do­ri­an­is­che Vernei­n­ung. Das ist dur­chaus nicht ein und das­selbe.

Die Grundprognose des Bolschewismus

Allein, die Bolschewi­ki mußten nicht erst die Moskauer Prozesse abwarten, um nachträglich die Ursachen für die Zer­set­zung der herrschen­den Partei der UdSSR zu erk­lären. Sie sahen lange vorher die the­o­retis­che Möglichkeit ein­er solchen Entwick­lungsvari­ante und sprachen beizeit­en davon.

Erin­nern wir uns an die Prog­nose, die die Bolschewi­ki nicht nur am Vor­abend der Okto­ber­rev­o­lu­tion, son­dern schon einige Jahre vorher auf­stell­ten. Die beson­dere Kräfte­grup­pierung im nationalen und inter­na­tionalen Maßstab führt dazu, daß das Pro­le­tari­at in einem so rück­ständi­gen Land wie Ruß­land zuerst an die Macht gelan­gen kann.

Doch eben diese Kräfte­grup­pierung läßt auch im voraus erken­nen, daß ohne einen mehr oder weniger baldigen Sieg des Pro­le­tari­ats in den fort­geschrit­te­nen Län­dern ein Arbeit­er­staat in Ruß­land nicht stand­hal­ten wird. Das auf sich angewiesene Sow­je­tregime wird zer­fall­en oder entarten, genauer: zuerst entarten, und dann zer­fall­en.

Ich per­sön­lich habe mehr als ein­mal darüber geschrieben, bere­its seit 1905. In mein­er Geschichte der rus­sis­chen Rev­o­lu­tion (siehe den Anhang zum zweit­en Band: „Sozial­is­mus in einem Lande?“) sind dies­bezügliche Aus­sagen der Führer des Bolschewis­mus von 1917 bis 1923 gesam­melt.

Alle laufen auf eines hin­aus: Ohne Rev­o­lu­tion im West­en wird der Bolschewis­mus liq­ui­diert wer­den, entwed­er von der inneren Kon­ter­rev­o­lu­tion oder durch Inter­ven­tion von außen, oder durch bei­des zusam­men.

Lenin ins­beson­dere hat oft darauf hingewiesen, daß die Bürokratisierung des Sow­je­tregimes keine tech­nis­che oder organ­isatorische Frage ist, son­dern der mögliche Beginn ein­er sozialen Entar­tung des Arbeit­er­staates.

Auf dem XI. Parteikon­greß vom März 1922 sprach Lenin über die „Unter­stützung“, welche gewisse bürg­er­liche Poli­tik­er im beson­deren der lib­erale Pro­fes­sor Ustral­jew, seit der Zeit der NEP Sow­jetruß­land angedei­hen zu lassen beschlossen. „Ich bin für die Unter­stützung der Sow­jet­macht in Ruß­land“, sagt Ustral­jew, „weil sie den Weg betreten hat, der sie zu ein­er gewöhn­lichen bürg­er­lichen Macht hin­führen wird.“

Die zynis­che Stimme des Fein­des zieht Lenin dem „süßlichen kom­mu­nis­tis­chen Geschwätz“ vor. Mit strenger Nüchtern­heit warnt er die Partei vor der Gefahr: Alle Dinge, von denen Ustral­jew spricht, sind möglich. Das muß man klar sagen. Die Geschichte ken­nt Wen­dun­gen aller Arten: Sich auf Überzeu­gung, Ergeben­heit und andere vorzügliche See­leneigen­schaften zu ver­lassen, ist in der Poli­tik dur­chaus keine ern­ste Sache.

Die vorzüglichen Eigen­schaften haben eine kleine Anzahl von Leuten, aber das his­torische Endergeb­nis bes­tim­men die gigan­tis­chen Massen, die, wenn die geringe Anzahl Leute ihnen nicht ent­ge­genkommt, zuweilen mit dieser gerin­gen Anzahl Leute nicht allzu höflich ver­fahren. Mit einem Wort: Die Partei ist nicht der einzige Entwick­lungs­fak­tor und, in großen geschichtlichen Maßstäben, nicht der entschei­dende.

„Es kommt vor, daß ein Volk ein anderes Volk besiegt“, fuhr Lenin auf dem­sel­ben Kon­greß fort – dem let­zten, der mit sein­er Teil­nahme stat­tfand –, „…das ist sehr ein­fach und allen ver­ständlich. Aber was geschieht mit der Kul­tur der Völk­er? Das ist nicht so ein­fach. Ist das Siegervolk dem besiegten Volk kul­turell über­legen, so zwingt es ihm seine Kul­tur auf, ist es aber umgekehrt, so pflegt der Besiegte dem Sieger seine Kul­tur aufzuzwin­gen.

Ist nicht etwas ähn­lich­es in der Haupt­stadt der RSFSR geschehen! Und ergab es sich nicht dort, daß 4.700 Kom­mu­nis­ten (fast eine ganze Divi­sion, und die allerbesten von allen) der frem­den Kul­tur unter­la­gen?“

Das wurde Anfang 1922 gesagt, und zwar nicht zum ersten Mal. Die Geschichte wird nicht von weni­gen, wenn auch „allerbesten“ Men­schen gemacht; noch weniger: diese „besten“ kön­nen im Geiste der „frem­den“, d.h. der bürg­er­lichen Kul­tur entarten. Nicht nur kann der Sow­jet­staat vom sozial­is­tis­chen Wege abge­hen, son­dern auch die bolschewis­tis­che Partei unter ungün­sti­gen his­torischen Bedin­gun­gen ihren Bolschewis­mus ein­büßen.

Aus dem deut­lichen Ver­ständ­nis dieser Gefahr ent­stand die Linke Oppo­si­tion, die sich endgültig im Jahre 1923 bildete. Tagaus, tagein die Entar­tungssymp­tome reg­istri­erend, tra­chtete sie, dem her­an­rück­enden Ther­mi­dor den bewußten Willen der pro­le­tarischen Avant­garde gegenüberzustellen. Allein, dieser sub­jek­tive Fak­tor erwies sich als unzure­ichend.

Die „gigan­tis­chen Massen“, die nach Lenin den Aus­gang des Kampfes entschei­den, wur­den der inneren Ent­behrun­gen und des zu lan­gen Wartens auf die Wel­trev­o­lu­tion müde. Die Massen ver­loren den Mut. Die Bürokratie bekam die Ober­hand. Sie schüchterte die pro­le­tarische Avant­garde ein, trat den Marx­is­mus mit Füßen, pros­ti­tu­ierte die bolschewis­tis­che Partei. Der Stal­in­is­mus siegte. In Gestalt der Linken Oppo­si­tion brach der Bolschewis­mus mit der Sow­jet­bürokratie und ihrer Kom­intern. Das ist der wirk­liche Gang der Entwick­lung.

Freilich, im formellen Sinne ist der Stal­in­is­mus aus dem Bolschewis­mus her­vorge­gan­gen. Die Moskauer Bürokratie fährt auch heute noch fort, sich Bolschewis­tis­che Partei zu nen­nen. Sie benutzt ein­fach die alte Ban­de­role, um bess­er die Massen zu betrü­gen. Um so kläglich­er sind die The­o­retik­er, die die Schale für den Kern und den Schein für das Wesen nehmen. Indem sie Stal­in­is­mus und Bolschewis­mus gle­ich­set­zen, leis­ten sie den Ther­mi­do­ri­an­ern den besten Dienst und spie­len somit eine klare reak­tionäre Rolle.

Bei der Ent­fer­nung aller anderen Parteien vom poli­tis­chen Schau­platz müssen die ent­ge­genge­set­zten Inter­essen und Ten­den­zen der ver­schiede­nen Bevölkerungss­chicht­en in dem einen oder anderen Grade in der herrschen­den Partei zum Aus­druck kom­men. In dem Maße, wie der poli­tis­che Schw­er­punkt sich von der pro­le­tarischen Avant­garde zur Bürokratie ver­schob, wan­delte sich die Partei sowohl der sozialen Zusam­menset­zung wie auch der Ide­olo­gie nach.

Infolge des ungestü­men Ver­laufs der Entwick­lung erlitt sie in den let­zten fün­fzehn Jahren eine sehr viel radikalere Entar­tung, als die Sozialdemokratie während eines hal­ben Jahrhun­derts. Die heutige „Säu­berung“ zieht zwis­chen Bolschewis­mus und Stal­in­is­mus nicht nur einen bluti­gen Strich, son­dern einen ganzen Strom von Blut.

Die Aus­rot­tung der gesamten alten Gen­er­a­tion der Bolschewi­ki, eines erhe­blichen Teils der mit­tleren Gen­er­a­tion, die am Bürg­erkrieg teilgenom­men hat­te, und jenes Teils der Jugend, der die bolschewis­tis­chen Tra­di­tio­nen am ern­stesten auf­nahm, beweist nicht nur die poli­tis­che, son­dern durch und durch physis­che Unvere­in­barkeit des Stal­in­is­mus und des Bolschewis­mus. Wie kann man das nicht sehen?

Stalinismus oder „Staatssozialismus“?

Die Anar­chis­ten ihrer­seits wollen im Stal­in­is­mus ein organ­is­ches Pro­dukt nicht nur des Bolschewis­mus und des Marx­is­mus, son­dern des „Staatssozial­is­mus“ über­haupt sehen. Sie sind ein­ver­standen, die patri­ar­chalis­che, bakunin­sche „Föder­a­tion der freien Gemein­den“ durch eine zeit­gemäßere „Föder­a­tion der freien Räte“ zu erset­zen. Aber sie sind nach wie vor gegen den zen­tral­isierten Staat.

In der Tat: der eine Zweig des „staatlichen“ Marx­is­mus, die Sozialdemokratie, wurde, als sie an die Macht kam, eine offene Agen­tur des Kap­i­tals. Der andere erzeugte eine neue priv­i­legierte Kaste. Es ist klar: Die Quelle des Übels liegt im Staate.

Unter einem bre­it­en his­torischen Gesichtswinkel kann man in dieser Über­legung ein Korn Wahrheit find­en. Der Staat als Zwangsap­pa­rat ist zweifel­los eine Quelle poli­tis­ch­er und moralis­ch­er Verseuchung. Das gilt, wie die Erfahrung zeigt, auch für den Arbeit­er­staat.

Man kann fol­glich sagen, der Stal­in­is­mus ist das Pro­dukt eines Zus­tandes der Gesellschaft, wo diese es noch nicht ver­mochte, die Zwangs­jacke des Staates abzus­treifen. Doch diese These, die zur Beurteilung des Bolschewis­mus oder des Marx­is­mus nichts liefert, kennze­ich­net nur den all­ge­meinen Kul­tur­stand der Men­schheit und vor allem das Kräftev­er­hält­nis zwis­chen Pro­le­tari­at und Bour­geoisie.

Nach­dem wir uns mit den Anar­chis­ten darüber geeinigt haben, daß der Staat, sog­ar der Arbeit­er­staat, ein Erzeug­nis der Klassen­bar­barei ist, und daß die wahre men­schliche Geschichte mit der Abschaf­fung des Staates begin­nen wird, erhebt sich vor uns in all ihrer Macht die Frage: Welche Wege und Meth­o­d­en sind imstande, let­zten Endes zur Abschaf­fung .des Staates zu führen? Die jüng­ste Erfahrung bezeugt, daß es jeden­falls nicht die Meth­o­d­en des Anar­chis­mus sind.

Die Führer des spanis­chen Arbeit­er­bun­des (CNT), der einzi­gen bedeu­ten­den anar­chis­tis­chen Organ­i­sa­tion auf der Erde, wur­den in der kri­tis­chen Stunde bürg­er­liche Min­is­ter. Ihren offe­nen Ver­rat an der The­o­rie des Anar­chis­mus erk­lärten sie mit dem Druck „außeror­dentlich­er Umstände“.

Aber hat­ten nicht sein­erzeit die Führer der deutschen Sozialdemokratie das­selbe Argu­ment ange­führt? Natür­lich, der Bürg­erkrieg ist kein friedlich­er, kein gewöhn­lich­er, son­dern ein „außeror­dentlich­er Umstand“. Doch ger­ade auf diese „außeror­dentlichen Umstände“ bere­it­et sich jede ern­sthafte rev­o­lu­tionäre Organ­i­sa­tion vor.

Die Erfahrung Spaniens bewies nochmals, daß man in unter „nor­malen Umstän­den“ her­aus­gegebe­nen Büch­ern den Staat „verneinen“ kann, daß aber die Bedin­gun­gen der Rev­o­lu­tion keinen Raum für die „Vernei­n­ung“ des Staates lassen, son­dern im Gegen­teil die Eroberung des Staates ver­lan­gen.

Wir gedenken den spanis­chen Anar­chis­ten dur­chaus nicht vorzuw­er­fen, nicht mit einem Fed­er­strich den Staat liq­ui­diert zu haben. Die rev­o­lu­tionäre Partei ist, selb­st wenn sie die Macht erobert hat (wozu die spanis­chen Anar­chis­ten­führer trotz des Helden­tums der anar­chis­tis­chen Arbeit­er nicht imstande waren) dur­chaus noch nicht der allmächtige Herr der Gesellschaft.

Doch um so uner­bit­tlich­er kla­gen wir die anar­chis­tis­che The­o­rie an, die für friedliche Zeit­en ganz tauglich schien, aber auf die man verzicht­en muß, sobald die „außeror­dentlichen Umstände“ … der Rev­o­lu­tion ein­treten. In der alten Zeit begeg­nete man Gen­erälen – wahrschein­lich begeg­net man ihnen heute auch noch – die mein­ten, am schädlich­sten für die Armee sei der Krieg. Kaum bess­er sind die „Rev­o­lu­tionäre“, die da kla­gen, die Rev­o­lu­tion zer­störe ihre Dok­trin.

Die Marx­is­ten sind sich mit den Anar­chis­ten bezüglich des Endzieles, der Liq­ui­dierung des Staates, vol­lkom­men einig. Der Marx­is­mus bleibt „staatlich“ nur, soweit die Liq­ui­dierung des Staates nicht ver­mit­tels der ein­fachen Ignorierung des Staates erre­icht wer­den kann.

Die Erfahrung des Stal­in­is­mus wider­legt nicht die Lehre des Marx­is­mus, son­dern bestätigt sie auf umgekehrte Weise. Die rev­o­lu­tionäre Dok­trin, die das Pro­le­tari­at lehrt, sich in ein­er Lage richtig zu ori­en­tieren und sie aktiv auszunutzen, enthält selb­stver­ständlich keine automa­tis­che Sieges­garantie. Doch dafür ist der Sieg nur mit Hil­fe dieser Dok­trin möglich. Diesen Sieg darf man sich außer­dem nicht als ein­ma­li­gen Akt vorstellen.

Es gilt, die Frage in der Per­spek­tive ein­er großen Epoche zu fassen. Der erste Arbeit­er­staat auf niedriger wirtschaftlich­er Grund­lage und vom Impe­ri­al­is­mus umzin­gelt – ver­wan­delt sich in die Gen­darmerie des Stal­in­is­mus. Doch der wirk­liche Bolschewis­mus erk­lärte dieser Gen­darmerie den Kampf auf Leben und Tod.

Um sich zu hal­ten, ist der Stal­in­is­mus gezwun­gen, heute ger­adezu einen Bürg­erkrieg gegen den Bolschewis­mus unter dem Namen des „Trotzk­ismus“ zu führen, nicht nur in der UdSSR, son­dern auch in Spanien. Die alte Bolschewis­tis­che Partei ist tot, aber der Bolschewis­mus erhebt über­all seinen Kopf.

Den Stal­in­is­mus aus dem Bolschewis­mus oder aus dem Marx­is­mus abzuleit­en, ist ganz das­selbe, wie, im bre­it­eren Sinne, die Kon­ter­rev­o­lu­tion aus der Rev­o­lu­tion abzuleit­en. Nach dieser Sch­ablone bewegte sich stets das lib­er­alkon­ser­v­a­tive und später das reformistis­che Denken. Die Rev­o­lu­tion hat, kraft der Klassen­struk­tur der Gesellschaft, stets die Kon­ter­rev­o­lu­tion erzeugt.

Beweist das nicht, fragt der Phar­isäer, daß die rev­o­lu­tionäre Meth­ode irgend einen inneren Fehler hat? Wed­er die lib­eralen noch die Reformis­ten haben jedoch bish­er „ökonomis­chere“ Meth­o­d­en zu ent­deck­en ver­standen.

Aber wenn es auch nicht leicht ist, Die Wirk­lichkeit des lebendi­gen his­torischen Prozess­es zu ver­ste­hen, so ist es dage­gen nicht schw­er, den Wech­sel sein­er Wellen ratio­nal­is­tisch zu deuten, logisch den Stal­in­is­mus aus dem „Staatssozial­is­mus“, den Faschis­mus aus dem Marx­is­mus, die Reak­tion aus der Rev­o­lu­tion, mit einem Wort, die Antithese aus der These herzuleit­en. Auf diesem Gebi­et, wie auf vie­len anderen, ist das anar­chis­tis­che Denken der Gefan­gene des lib­eralen Ratio­nal­is­mus. Das echte rev­o­lu­tionäre Denken ist unmöglich ohne Dialek­tik.

Die politischen „Sünden“ des Bolschewismus als Quelle des Stalinismus

Die Argu­men­ta­tion der Ratio­nal­is­ten nimmt zuweilen, wenig­stens äußer­lich, konkreteren Charak­ter an. Den Stal­in­is­mus leit­en sie nicht aus dem Bolschewis­mus in sein­er Gesamtheit, son­dern aus seinen poli­tis­chen Sün­den ab. (Ein­er der deut­lich­sten Vertreter dieses Typus des Denkens ist der franzö­sis­che Autor eines Buch­es über Stal­in, B. Sou­varine.) Von den Tat­sachen und Doku­menten her stellen Sou­varines Arbeit­en eine lange, gewis­senhafte Forschung dar.

Jedoch die Geschicht­sphiloso­phie des Ver­fassers über­rascht durch ihre Vul­gar­ität. Zwecks Erläuterung allen fol­gen­den his­torischen Unheils sucht er nach dem Bolschewis­mus innewohnen­den Fehlern. Der Ein­fluß der realen Bedin­gun­gen des geschichtlichen Prozess­es auf den Bolschewis­mus existiert für ihn nicht. (Selb­st H. Taine mit sein­er The­o­rie des „Milieu“ stand Marx näher als Sou­varine.) Die Bolschewi­ki – sagen uns Gorter, Pan­nekoek, einige deutsche „Spar­tak­isten“ usw. – ver­tauschen die Dik­tatur des Pro­le­tari­ats gegen die Dik­tatur der Partei, Stal­in ver­tauschte die Dik­tatur der Partei gegen die Dik­tatur der Bürokratie. Die Bolschewi­ki ver­nichteten alle Parteien außer ihrer eige­nen, Stal­in erstick­te die bolschewis­tis­che Partei im Inter­esse der bona­partis­tis­chen Clique.

Die Bolschewi­ki anerkan­nten die Notwendigkeit, an den alten Gew­erkschaften und am bürg­er­lichen Par­la­ment teilzunehmen. Stal­in befre­un­dete sich mit der Gew­erkschafts­bürokratie und mit der bürg­er­lichen Demokratie. Der­lei Gegenüber­stel­lun­gen kann man nun anführen, so viel man will. Trotz ihrer äußer­lichen Schlagkraft sind sie vol­lkom­men leer.

Das Pro­le­tari­at kann nicht anders an die Macht gelan­gen, als in der Per­son sein­er Avant­garde. Schon die Notwendigkeit ein­er Staats­macht entspringt dem ungenü­gen­den Kul­tur­niveau der Massen und ihrer Ver­schiedenar­tigkeit. In der zur Partei organ­isierten rev­o­lu­tionären Avant­garde kristallisiert sich das Frei­heitsstreben der Massen. Ohne Ver­trauen der Klasse zur Avant­garde, ohne Unter­stützung der Avant­garde durch die Klasse kann von Machter­oberung keine Rede sein. In diesem Sinne sind die pro­le­tarische Rev­o­lu­tion und die Dik­tatur Sache der gesamten Klasse, aber nicht anders als unter der Führung der Avant­garde. Die Sow­jets sind nur die organ­isierte Form der Verbindung zwis­chen Avant­garde und Klasse. Dieser Form einen rev­o­lu­tionären Inhalt geben kann nur die Partei. Das ist durch die pos­i­tive Erfahrung der Okto­ber­rev­o­lu­tion und durch die neg­a­tive Erfahrung ander­er Län­der (Deutsch­land, Öster­re­ich, schließlich Spanien) bewiesen.

Nie­mand hat prak­tisch gezeigt oder auch nur ver­sucht, auf dem Papi­er zu erk­lären, wie das Pro­le­tari­at ohne poli­tis­che Führung durch die Partei, die weiß, was sie will, die Macht erobern könne. Wenn diese Partei die Sow­jets poli­tisch ihrer Führung unter­wirft, so ändert diese Tat­sache an sich eben­sowenig am Sow­jet­sys­tem wie die Herrschaft der kon­ser­v­a­tiv­en Mehrheit am Sys­tem des britis­chen Par­la­men­taris­mus.

Was das Ver­bot der anderen Sow­jet­parteien bet­rifft, so entsprang es jeden­falls nicht der The­o­rie des Bolschewis­mus, son­dern war eine Maß­nahme zum Schutz der Dik­tatur in einem rück­ständi­gen und erschöpften, von allen Seit­en von Fein­den umgebe­nen Land. Den Bolschewi­ki war von Anfang an klar, daß diese Maß­nahme, die später durch das Ver­bot von Frak­tio­nen inner­halb der herrschen­den Partei selb­st ergänzt wurde, eine gewaltige Gefahr ankündigte. Jedoch die Quelle der Gefahr lag nicht in der Dok­trin oder Tak­tik, son­dern in der materiellen Schwäche der Dik­tatur, in der Schwierigkeit der inneren und der Welt­lage. Hätte die Rev­o­lu­tion auch nur in Deutsch­land gesiegt, das Erforder­nis, die anderen Sow­jet­parteien zu ver­bi­eten, wäre sofort hin­fäl­lig gewor­den. Daß die Herrschaft ein­er einzi­gen Partei juris­tisch zum Aus­gangspunkt für das stal­in­is­tis­che total­itäre Sys­tem diente, ist ganz unbe­stre­it­bar. Aber die Ursache dieser Entwick­lung liegt nicht im Ver­bot der anderen Parteien als ein­er zeitweili­gen Kriegs­maß­nahme, son­dern in der Nieder­la­gen­rei­he des Pro­le­tari­ats in Europa und Asien.

Das­selbe gilt für den Kampf gegen den Anar­chis­mus. In der hero­is­chen Epoche der Rev­o­lu­tion marschierten die Bolschewi­ki mit den wirk­lich rev­o­lu­tionären Anar­chis­ten Arm in Arm. Der Ver­fass­er dieser Zeilen erörterte häu­fig mit Lenin die Frage, ob es nicht möglich sei, den Anar­chis­ten gewisse Gebi­et­steile zu über­lassen, damit sie im Ein­ver­ständ­nis mit der betr­e­f­fend­en Bevölkerung mit ihrer Staat­slosigkeit die Probe aufs Exem­pel machen. Doch die Bedin­gun­gen des Bürg­erkriegs, der Block­ade und des Hungers ließen keinen Raum für der­ar­tige Pläne.

Der Kro­n­städter Auf­s­tand? Aber die rev­o­lu­tionäre Regierung kon­nte selb­stver­ständlich nicht den auf­ständis­chen Matrosen eine die Haupt­stadt beschir­mende Fes­tung „schenken“, nur weil der reak­tionären Bauern- und Sol­daten­meuterei sich einige frag­würdi­ge Anar­chis­ten angeschlossen hat­ten. Die konkrete his­torische Analyse der Ereignisse läßt keinen heilen Fleck an den Leg­en­den, die Unwis­senheit und Sen­ti­men­tal­ität um Kro­n­stadt, Mach­no und andere Episo­den der Rev­o­lu­tion geflocht­en haben.

Es bleibt nur die Tat­sache, daß die Bolschewi­ki von Anfang an nicht nur Überzeu­gung, son­dern auch Zwang anwandten, häu­fig von der schärf­sten Art. Unbe­stre­it­bar ist auch, daß die aus der Rev­o­lu­tion erwach­sene Bürokratie darin ein Zwangssys­tem in ihren Hän­den monop­o­lisierte. Jede Entwick­lungse­tappe, selb­st wenn es sich um so katas­tro­phenar­tige Etap­pen han­delte wie Rev­o­lu­tion und Kon­ter­rev­o­lu­tion, ergibt sich aus der vorherge­hen­den Etappe. wurzelt in ihr und trägt davon gewisse Züge.

Die Lib­eralen, ein­schließlich des Paares Webb, behaupten stets, die bolschewis­tis­che Dik­tatur steIle nur eine Neuaus­gabe des Zaris­mus dar. Sie ver­schlossen dabei die Augen vor solchen Kleinigkeit­en wie der Abschaf­fung der Monar­chie und der Stände, der Über­gabe des Bodens an die Bauern, der Enteig­nung des Kap­i­tals, der Ein­führung der Plan­wirtschaft, der athe­is­tis­chen Erziehung usw.

Ganz eben­so ver­schließt das lib­er­al-anar­chis­tis­che Denken die Augen davor, daß die bolschewis­tis­che Rev­o­lu­tion mit all ihren Unter­drück­ungs­maß­na­men eine Umwälzung der sozialen Ver­hält­nisse im Inter­esse der Massen bedeutete, während Stal­ins ther­mi­do­ri­an­is­che Umwälzung der Sow­jet­ge­sellschaft im Inter­esse ein­er priv­i­legierten Min­der­heit geschieht. Es ist klar, daß in den Gle­ich­set­zun­gen des Stal­in­is­mus mit dem Bolschewis­mus nicht die Spur eines sozial­is­tis­chen Kri­teri­ums enthal­ten ist.

Fragen der Theorie

Ein­er der wichtig­sten Züge des Bolschewis­mus ist sein strenges und anspruchsvolles, ja kämpferisches Ver­hal­ten zu Fra­gen der Dok­trin. Lenins 26 Bände wer­den auf immer­dar ein Muster höch­ster the­o­retis­ch­er Gewis­senhaftigkeit bleiben. Ohne diese seine Grun­deigen­schaft würde der Bolschewis­mus nie seine his­torische Rolle erfüllt haben.

Das direk­te Gegen­teil davon ist auch in dieser Beziehung der grobe und unge­bildete, durch und durch empirische Stal­in­is­mus. Bere­its vor mehr als zehn Jahren erk­lärte die Oppo­si­tion in ihrer Plat­tform: „Seit Lenins Tod wurde eine ganze Rei­he neuer The­o­rien geschaf­fen, deren einziger Sinn ist, the­o­retisch das Abgleit­en der Stal­in­gruppe vom Wege der inter­na­tionalen pro­le­tarischen Rev­o­lu­tion zu recht­fer­ti­gen.“

Vor eini­gen Tagen erst schrieb der amerikanis­che Sozial­ist Lis­ton M. Oak, der an der spanis­chen Rev­o­lu­tion teilgenom­men hat: „In Wirk­lichkeit sind die Stal­in­is­ten jet­zt die äußer­sten Revi­sion­is­ten Marx und Lenins – Bern­stein hat auch nicht halb so weit zu gehen gewagt wie Stal­in in der Revi­sion von Marx.“

Das ist ganz richtig. Man muß nur hinzufü­gen, daß Bern­stein wirk­lich the­o­retis­che Bedürfnisse hat­te: Er ver­suchte redlich, die reformistis­che Prax­is der Sozialdemokratie mit ihrem Pro­gramm in Ein­klang zu brin­gen. Die Stal­in­bürokratie aber hat nicht nur nichts mit dem Marx­is­mus gemein, son­dern ihr ist über­haupt jegliche Dok­trin oder jeglich­es Sys­tem fremd.

Ihre „Ide­olo­gie“ ist ganz und gar von einem Polizeisub­jek­tivis­mus durch­drun­gen, ihre Prax­is vom Empiris­mus der nack­ten Gewalt. Dem eigentlichen Wesen ihrer Inter­essen gemäß ist die Usurpa­torenkaste ein Feind der The­o­rie. Sie kann wed­er vor sich noch anderen ihre soziale Rolle ver­ant­worten. Stal­in rev­i­diert Marx und Lenin nicht mit der Fed­er der The­o­retik­er, son­dern mit den Stiefeln der GPU.

Fragen der Moral

Über die „Amoral“ des Bolschewis­mus beschw­eren sich gewöhn­lich beson­ders die hochnäsi­gen Nul­litäten, denen der Bolschewis­mus die bil­li­gen Masken abgeris­sen hat. Klein­bürg­er, Intellek­tuelle, demokratis­che, „sozial­is­tis­che“, lit­er­arische, par­la­men­tarische und andere Kreise haben ihre kon­ven­tionelle Werte oder ihre kon­ven­tionelle Sprache zwecks Ver­ber­gung des Fehlens jeglich­er Werte.

Diese bre­ite und buntscheck­ige Gesellschaft für gegen­seit­iges Inschutznehmen – „leben und leben lassen!“ – verträgt ganz und gar nicht die Berührung der marx­is­tis­chen Lanzette auf ihrer empfind­lichen Haut. Die zwis­chen den ver­schiede­nen Lagern hin- und her­pen­del­nden The­o­retik­er, Schrift­steller und Moral­is­ten waren und sind der Mei­n­ung, daß die Bolschewi­ki absichtlich die Mei­n­ungsver­schieden­heit­en übertreiben, zu loyaler Zusam­me­nar­beit außer­stande sind und durch ihre Intri­gen die Ein­heit der Arbeit­er­be­we­gung stören.

Dem empfind­lichen und übel­nehmenden Zen­tris­ten schien es vor allem immer, daß die Bolschewi­ki ihn „ver­leum­den“ – nur weil sie seine eige­nen hal­ben Gedanken bis zu Ende führten: Er selb­st ist dazu ganz unfähig. Indessen ist nur diese kost­bare Eigen­schaft, näm­lich Unduld­samkeit gegen jede Halb­heit und jedes Auswe­ichen imstande, die rev­o­lu­tionäre Partei zu erziehen, die sich von keinen „außeror­dentlichen“ Umstän­den über­rumpeln läßt.

Die Moral ein­er jeden Partei entspringt let­zten Endes aus den his­torischen Inter­essen, die sie ver­tritt. Die Moral des Bolschewis­mus, die Selb­stver­leug­nung, Uneigen­nutz, Mut, Ver­ach­tung für allen Flit­ter und Trug – die besten Eigen­schaften der men­schlichen Natur! – enthält, entspringt aus der rev­o­lu­tionären Unver­söhn­lichkeit im Dien­ste der Unter­drück­ten. Die Stal­in­bürokratie imi­tiert auch auf diesem Gebi­et die Worte und Gesten des Bolschewis­mus.

Wo aber „Unver­söhn­lichkeit“ und „Unbeugsamkeit“ mit dem Polizeiap­pa­rat ver­wirk­licht wer­den, der im Dien­ste ein­er priv­i­legierten Min­der­heit ste­ht, dort wer­den sie zu ein­er Quelle der Demor­al­isierung und des Gang­ster­is­mus. Nicht anders als mit Ver­ach­tung kann man die Her­ren behan­deln, die den rev­o­lu­tionären Hero­is­mus der Bolschewi­ki mit dem bürokratis­chen Zynis­mus der Ther­mi­do­ri­an­er gle­ich­set­zen.

Und auch heute noch zieht es, trotz der drama­tis­chen Tat­sachen der let­zten Peri­ode, der Durch­schnittsspießer vor zu meinen, im Kampfe zwis­chen dem Bolschewis­mus („Trotzk­ismus“) und dem Stal­in­is­mus han­dle es sich um Zusam­men­stöße per­sön­lich­er Ambi­tio­nen oder besten­falls um den Kampf zweier „Schat­tierun­gen“ des Bolschewis­mus.

Den gröb­sten Aus­druck ver­lieh dieser Ansicht Nor­man Thomas, der Führer der amerikanis­chen sozial­is­tis­chen Partei. „Es gibt wenig Grund, zu glauben“, schreibt er (Social­ist Review, Sept. 1937, S.6), „daß wenn Trotz­ki statt Stal­in gewon­nen (!) hätte, es mit den Intri­gen, Ver­schwörun­gen und dem Schreck­en­sregime in Ruß­land zu Ende wäre.“ Und dieser Men­sch hält sich für einen Marx­is­ten.

Mit dem­sel­ben Recht kön­nte man sagen: „Es gibt wenig Grund, zu glauben, daß, wenn statt Pius, der XI., Nor­man der I., auf den römis­chen Stuhl erhoben wor­den wäre, die katholis­che Kirche sich in ein Boll­w­erk des Sozial­is­mus ver­wan­delt haben würde.“ Thomas begreift nicht, daß es sich nicht um ein Match zwis­chen Stal­in und Trotz­ki, son­dern um den Antag­o­nis­mus zwis­chen Bürokratie und Pro­le­tari­at han­delt.

Allerd­ings ist in der UdSSR die herrschende Schicht auch heute noch gezwun­gen, sich dem nicht vol­lkom­men liq­ui­dierten Erbe der Rev­o­lu­tion anzu­passen, dabei gle­ichzeit­ig durch direk­ten Bürg­erkrieg (blutige Säu­berun­gen, Masse­naus­rot­tun­gen der Unzufriede­nen) einen Wech­sel des sozialen Regimes vor­bere­i­t­end. Aber in Spanien tritt die Stal­in­clique bere­its heute offen als Schutzwehr der bürg­er­lichen Ord­nung gegen den Sozial­is­mus auf. Der Kampf gegen die bona­partis­tis­che Bürokratie ver­wan­delt sich vor unseren Augen in Klassenkampf: zwei Wel­ten, zwei Pro­gramme, zweier­lei Moral.

Wenn Thomas glaubt, der Sieg des sozial­is­tis­chen Pro­le­tari­ats über die niederträchtige Verge­waltigerkaste werde das Sow­je­tregime nicht poli­tisch und moralisch regener­ieren, so zeigt er damit nur, daß er trotz all seinen Vor­be­hal­ten, Schweifwedeleien und from­men Seufz­ern der Stal­in­bürokratie viel näher ste­ht als den Arbeit­ern. Wie alle anderen, die den Bolschewis­mus der „Amoral“ zei­hen, hat sich Thomas ein­fach nicht bis zur rev­o­lu­tionären Moral erhoben.

Die Tradition des Bolschewismus und die Vierte Internationale

Für die „Linken“, die den Ver­such macht­en, zum Marx­is­mus unter Umge­hung des Bolschewis­mus „zurück­zukehren“, lief die Sache gewöhn­lich auf einzelne All­heilmit­tel hin­aus: Boykott der alten Gew­erkschaften, Boykott des Par­la­ments, Schaf­fung „echter“ Sow­jets. All das kon­nte im Fieber der ersten Tage nach dem Krieg außeror­dentlich tief erscheinen. Aber heute, im Lichte der gemacht­en Erfahrung, haben diese Kinderkrankheit­en sog­ar als Kuriose ihr Inter­esse ver­loren.

Die Hol­län­der Gorter und Pan­nekoek, einige deutsche „Spar­tak­isten“, die ital­ienis­chen Bor­digis­ten erk­lärten sich unab­hängig vorn Bolschewis­mus nur, weil sie einen sein­er Züge kün­stlich über­trieben seinen anderen Zügen gegenüber­stell­ten. Von diesen „linken“ Ten­den­zen blieb nichts übrig, wed­er prak­tisch noch the­o­retisch: ein indi­rek­ter, aber wichtiger Beweis dafür, daß der Bolschewis­mus für unsere Epoche die einzige Form des Marx­is­mus ist.

Die bolschewis­tis­che Partei bewies in der Tat eine Paarung höch­ster rev­o­lu­tionär­er Kühn­heit mit poli­tis­chem Real­is­mus. Sie stellte zum ersten­mal das Ver­hält­nis zwis­chen Avant­garde und Klasse her, das allein den Sieg zu sich­ern ver­mag. Sie zeigte in der Erfahrung, daß das Bünd­nis des Pro­le­tari­ats mit den unter­drück­ten Massen des ländlichen und städtis­chen Klein­bürg­er­tums nur möglich ist durch den poli­tis­chen Sturz der tra­di­tionellen Parteien des Klein­bürg­er­tums. Die bolschewis­tis­che Partei zeigte der gesamten Welt, wie man einen bewaffneten Auf­s­tand durch­führt und die Macht ergreift.

Die da der Partei­dik­tatur eine Abstrak­tion von Sow­jets gegenüber­stellen, soll­ten begreifen, daß die Sow­jets nur dank der Führung der Bolschewi­ki sich aus dem reformistis­chen Sumpf auf das Niveau ein­er Staats­form des Pro­le­tari­ats erhoben. Die bolschewis­tis­che Partei ver­wirk­lichte eine richtige Paarung der Kriegskun­st mit marx­is­tis­ch­er Poli­tik im Bürg­erkrieg.

Selb­st wenn es der Stal­in­bürokratie gelänge, die wirtschaftlichen Grund­la­gen der neuen Gesellschaft zu zer­stören, die unter Führung der bolschewis­tis­chen Partei gemachte Plan­wirtschaft­ser­fahrung wird für immer in die Geschichte einge­hen als eine der größten Schulen für die gesamte Men­schheit. All das kön­nen nur Sek­tier­er nicht sehen, die, gekränkt über die erhal­te­nen blauen Flecke, dem his­torischen Prozeß den Rück­en kehren.

Doch das ist nicht alles. Die bolschewis­tis­che Partei kon­nte ein so grandios­es „prak­tis­ches“ Werk nur deshalb leis­ten, weil sie jeden ihrer Schritte mit der The­o­rie beleuchtete. Der Bolschewis­mus hat diese nicht geschaf­fen. Der Marx­is­mus gab sie. Aber der Marx­is­mus ist eine The­o­rie der Bewe­gung, nicht des Still­stands. Nur Aktio­nen grandiosen geschichtlichen Aus­maßes kon­nten die The­o­rie selb­st bere­ich­ern.

Der Bolschewis­mus lieferte einen wertvollen Beitrag zum Marx­is­mus durch seine Analyse der impe­ri­al­is­tis­chen Epoche als ein­er Epoche von Kriegen und Rev­o­lu­tio­nen; der bürg­er­lichen Demokratie in der Epoche des faulen­den Kap­i­tal­is­mus; des Ver­hält­niss­es zwis­chen Gen­er­al­streik und Auf­s­tand; der Rolle der Partei, der Sow­jets und der Gew­erkschaften in der Epoche der pro­le­tarischen Rev­o­lu­tion; durch seine The­o­rie des Sow­jet­staates, der Über­gangswirtschaft, des Faschis­mus und Bona­partismus in der Epoche des kap­i­tal­is­tis­chen Ver­falls; schließlich durch die Analyse der Bedin­gun­gen für die Entar­tung der bolschewis­tis­chen Partei und des Sow­jet­staates sel­ber.

Möge man eine andere Stimme nen­nen, die den Schluß­fol­gerun­gen und Ver­all­ge­meinerun­gen des Bolschewis­mus etwas Wesentlich­es hinzuzufü­gen hätte. Van­dervelde, de Brouckere, Hil­fer­d­ing, Otto Bauer, Leon Blum, Zyrom­s­ki, von Major Attlee und Nor­man Thomas gar nicht zu reden, leben the­o­retisch von den abge­s­tande­nen Resten der Ver­gan­gen­heit. Die Entar­tung der Kom­intern kommt am deut­lich­sten darin zum Aus­druck, daß sie the­o­retisch auf das Niveau der II. Inter­na­tionale her­abgerutscht ist. Alle Arien von Zwis­chen­grup­pen (die Unab­hängige Arbeit­er­partei Großbri­tan­niens, die POUM und der­gle­ichen) passen jede Woche neue zufäl­lige Auszüge von Marx und Lenin ihren jew­eili­gen Bedürfnis­sen an. Von diesen Leuten Kön­nen die Arbeit­er nichts ler­nen.

Ern­stes Ver­hal­ten zur The­o­rie, zusam­men mit der gesamten Tra­di­tion Marx’ und Lenins, haben sich nur die Erbauer der Vierten Inter­na­tionale zu eigen gemacht. Mögen die Spießer darüber lächeln, daß zwei Jahrzehnte nach dem Okto­ber­sieg die Rev­o­lu­tionäre wieder auf die Posi­tion beschei­den­er pro­pa­gan­dis­tis­ch­er Vor­bere­itung zurück­ge­wor­fen sind.

Das Großkap­i­tal ist in dieser Frage wie in anderen viel scharf­sichtiger als die klein­bürg­er­lichen Spießer, die sich für Sozial­is­ten oder Kom­mu­nis­ten aus­geben: Nicht von unge­fähr ver­schwindet das The­ma der Vierten Inter­na­tionale nicht aus den Spal­ten der Welt­presse. Das bren­nende his­torische Bedürf­nis nach ein­er rev­o­lu­tionären Führung ver­spricht der IV. Inter­na­tionale ein außergewöhn­lich schnelles Wach­s­tum­stem­po. Die wichtig­ste Garantie ihrer kün­fti­gen Erfolge ist der Umstand, daß sie nicht abseits vom großen his­torischen Weg ent­stand, son­dern organ­isch aus dem Bolschewis­mus erwuchs.

Geschrieben 28. August 1937. Quelle: Marx­ists’ Inter­net Archive.

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