Geschichte und Kultur

Kurt Tucholsky an Abtreibungsgegner*innen: „Ist das nicht eine merkwürdige Fürsorge?“

1931 schrieb Kurt Tucholsky ein Gedicht für Abtreibungsgegner*innen. Diese setzen sich für sogenanntes "ungeborenes Leben" ein – aber für lebende Menschen haben sie in der Regel nur Verachtung übrig. Dieses Gedicht wurde heute an Teilnehmer*innen des "Marsches für das Leben" verteilt.

Kurt Tucholsky an Abtreibungsgegner*innen:

Konservativ angezogene junge Frauen stehen am Rand des „Marsches für das Leben“ und verteilen Flyer. Auf den Faltblättern sieht man Babys und Wiesen und schwangere heterosexuelle Paare – ganz die Ästhetik der christlichen Fundamentalist*innen.

Aber aufgepasst! In dem Text geht es darum, dass man sich für ein „lebenswertes Leben“ einsetzen soll, in dem alle Menschen gleiche Rechte haben. Auf der Rückseite des Flyers kommt ein Gedicht von Kurt Tucholsky, das wir für unsere Leser*innen spiegeln:

Die Leibesfrucht spricht

Für mich sorgen sie alle: Kirche, Staat, Ärzte und Richter.

Ich soll wachsen und gedeihen; ich soll neun Monate schlummern; ich soll es mir gut sein lassen – sie wünschen mir alles Gute. Sie behüten mich. Sie wachen über mich. Gnade Gott, wenn meine Eltern mir etwas antun; dann sind sie alle da. Wer mich anrührt, wird bestraft; meine Mutter fliegt ins Gefängnis, mein Vater hintennach; der Arzt, der es getan hat, muß aufhören, Arzt zu sein; die Hebamme, die geholfen hat, wird eingesperrt – ich bin eine kostbare Sache.

Für mich sorgen sie alle: Kirche, Staat, Ärzte und Richter.

Neun Monate lang.

Wenn aber diese neun Monate vorbei sind, dann muß ich sehn, wie ich weiterkomme.

Die Tuberkulose? Kein Arzt hilft mir. Nichts zu essen? keine Milch? – kein Staat hilft mir. Qual und Seelennot? Die Kirche tröstet mich, aber davon werde ich nicht satt. Und ich habe nichts zu brechen und zu beißen, und stehle ich: gleich ist ein Richter da und setzt mich fest.

Fünfzig Lebensjahre wird sich niemand um mich kümmern, niemand. Da muß ich mir selbst helfen.

Neun Monate lang bringen sie sich um, wenn mich einer umbringen will.

Sagt selbst:

Ist das nicht eine merkwürdige Fürsorge –?

One thought on “Kurt Tucholsky an Abtreibungsgegner*innen: „Ist das nicht eine merkwürdige Fürsorge?“

  1. Margrit Siewert sagt:

    Genau! Leider wird es dem Zustand damals immer ähnlicher! Für die, Kinder, diegeboren wurden gibt es zwar in einigen Ländern gute Fürsorge, aber schon in der Schule gibt es wieder Brüche in der Ausbildung und nicht die gleichen Bedingungen für alle! Bis hin zu Hartz IV Beziehern,die zu wenig Geld zum Leben haben und denen die Politik höhnisch erklärt, daß das genug ist!

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