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Interview: Fabrik unter ArbeiterInnenkontrolle in Griechenland

Interview: Fabrik unter ArbeiterInnenkontrolle in Griechenland

Griechis­che Arbei­t­erIn­nen brin­gen ihre still­gelegte Fab­rik wieder in Gang. Ein Gespräch mit Theodor­os Kary­otis, Sprach­lehrer und Aktivist der Sol­i­dar­itätsini­tia­tive für den Kampf der Vio.Me-ArbeiterInnen in der griechis­chen Hafen­stadt Thes­sa­loni­ki

Vor anderthalb Wochen haben die 40 Arbei­t­erIn­nen der still­gelegten Baustoff­fir­ma Vio.Me in Thes­sa­loni­ki die Pro­duk­tion wieder aufgenom­men – in eigen­er Regie. Wie ist es dazu gekom­men?

Vio.Me wurde im Mai 2011 von den BesitzerIn­nen aufgegeben, obwohl es ein prof­ita­bles Unternehmen war. Daraufhin hat die unab­hängige Gew­erkschaft der Arbei­t­erIn­nen, die alle Entschei­dun­gen demokratisch trifft, die Fab­rik beset­zt, um den Abtrans­port der Maschi­nen und des Roh­ma­te­ri­als zu ver­hin­dern.

Danach ver­langten die Arbei­t­erIn­nen die Zahlung der ausste­hen­den Löhne – wie in vie­len anderen Fällen in diesem Land ein hoff­nungslos­er Ver­such. Nach mehreren ergeb­nis­losen Gesprächen mit Behör­den beschlossen sie, grund­sät­zlich anders vorzuge­hen: Sie woll­ten die Fab­rik in ihre eige­nen Hände nehmen. Die Vor­bere­itun­gen dazu dauerten etwa ein Jahr.

Welche waren das?

Es wurde schnell klar, dass der Staat eher block­ieren würde als zu helfen. Die Kol­legIn­nen woll­ten nicht weit­er auf Genehmi­gun­gen oder selb­st auf die ihnen zuste­hen­den Sub­ven­tio­nen warten, son­dern grif­f­en zur Selb­sthil­fe: Sie beschlossen, die Pro­duk­tion wieder aufzunehmen und dafür Spenden aus der großen Sol­i­dar­itäts­be­we­gung einzuwer­ben.

Am 10. Feb­ru­ar gab es eine große Ver­samm­lung der Arbei­t­erIn­nen mit den Unter­stützerIn­nen; am Tag darauf eine Demon­stra­tion durch die Stadt und anschließend ein Konz­ert mit 5.000 BesucherIn­nen. Am 12. zog dann eine Demon­stra­tion vor das Fab­rikge­bäude, wo die Arbei­t­erIn­nen vor den Augen von 400 Sym­pa­thisan­tInnen und vie­len Jour­nal­istIn­nen die Arbeit wieder auf­nah­men.

Wie ver­wal­ten sie die Fab­rik?

Die Belegschaft hat einen gewählten Sprech­er, aber alle wichti­gen Entschei­dun­gen trifft die Vol­lver­samm­lung der Gew­erkschaft. Es gibt auch offene Tre­f­fen der Arbei­t­erIn­nen mit der Sol­i­dar­itätsini­tia­tive, um die Kam­pag­nen der Unter­stützerIn­nen zu koor­dinieren.

Woher stammt das Betrieb­skap­i­tal?

Natür­lich bekom­men wir keine Bankkred­ite. Es hat aber einige Ein­nah­men durch das Sol­i­dar­ität­skonz­ert und durch Spenden gegeben, so dass die Fab­rik einige Monate über die Run­den kom­men kann. Wir unter­suchen ger­ade, ob es länger­fristige Finanzierungsmöglichkeit­en gibt.

Es ist eine enorme Her­aus­forderung, aus­gerech­net während ein­er Rezes­sion wieder auf den Markt kom­men zu wollen. Wir sind aber opti­mistisch: Die Pro­duk­te kön­nen mit Hil­fe sozialer Bewe­gun­gen über die Struk­turen der sol­i­darischen Ökonomie im ganzen Land verkauft wer­den, eventuell gibt es auch Bedarf in anderen Balkan­län­dern. Die Fab­rik stellt Bau­ma­te­ri­alien wie Mör­tel, Putz, Kleb­stoff für Fliesen usw. her. Es gibt auch Diskus­sio­nen über die Pro­duk­tion von umweltverträglichen Putzmit­teln für den Haushalt.

Die Arbei­t­erIn­nen wis­sen am besten, wie sie die Qual­ität erhöhen kön­nen – und da der Prof­it für die Bosse wegfällt, wer­den die Pro­duk­tion­skosten sinken.

Welche Unter­stützung gibt es aus der Bevölkerung? Und von den großen Gew­erkschaften?

Ein großer Teil der Bevölkerung ste­ht hin­ter uns, es gibt eine enorme Sol­i­dar­itätswelle für den Kampf der Arbei­t­erIn­nen, um eine Zukun­ft für ihre Fam­i­lien zu garantieren. Die großen Gew­erkschafts­dachver­bände, die von poli­tis­chen Parteien kon­trol­liert wer­den, haben bis­lang kein Inter­esse gezeigt oder sich gar feind­selig ver­hal­ten. Von unab­hängi­gen und Betrieb­s­gew­erkschaften gibt es jedoch viel Unter­stützung.

Welche Bedeu­tung hat dieses “Exper­i­ment” vor dem Hin­ter­grund der sozialen Katas­tro­phe in Griechen­land?

Die EU hat eine bru­tale Umstruk­turierung im neolib­eralen Sinne ver­fügt. Für die GriechIn­nen aber heißt das: galop­pierende Arbeit­slosigkeit, Gehalts- und Pen­sion­skürzun­gen, Ein­schränkun­gen der sozialen und Arbeit­srechte, Abbau der Gesund­heits- und Bil­dungssys­teme sowie Umweltzer­störung.

Wir haben gel­ernt, dass sich Arbei­t­erIn­nen nur dann wehren kön­nen, wenn sie sich organ­isieren. Die Mächti­gen bekom­men Angst, wenn sie wis­sen, dass wir nicht bet­teln, son­dern uns nehmen, was wir brauchen.

Vio.Me ist nicht der einzige Betrieb, den Arbei­t­erIn­nen in Eigen­regie betreiben. Gibt es so etwas wie einen Erfahrungsaus­tausch?

Die Vio.Me-ArbeiterInnen hat­ten von Anfang an Kon­takt zu ähn­lichen Erfahrun­gen in Griechen­land und im Aus­land, zum Beispiel mit der Zeitung “Eleft­herotyp­ia”, die eine Zeit­lang unter Arbei­t­erIn­nenkon­trolle funk­tion­ierte. Vor allem mit der Zanon-Fab­rik in Argen­tinien, in der schon seit zwölf Jahren die Arbei­t­erIn­nen das Kom­man­do haben, sind wir seit dem Som­mer in Kon­takt. Wir arbeit­en daran, beim Auf­bau eines inter­na­tionalen Net­zw­erkes zu helfen – Organ­i­sa­tio­nen oder inter­essierte Einzelper­so­n­en kön­nen uns über unsere mehrsprachige Web­site erre­ichen.

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