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Griechenland: Streik bei Eleftherotypia

Inter­view mit Kon­stan­ti­na Daskalopoulou, Jour­nal­istin bei der griechis­chen Zeitung Eleft­herotyp­ia, deren Beschäftigte sich seit Mitte Dezem­ber 2011 im Streik befind­en.

Griechenland: Streik bei Eleftherotypia

// Inter­view mit Kon­stan­ti­na Daskalopoulou, Jour­nal­istin bei der griechis­chen Zeitung Eleft­herotyp­ia, deren Beschäftigte sich seit Mitte Dezem­ber 2011 im Streik befind­en. //

RIO: Dina, Du arbeitest für eine der größten griechis­chen Zeitun­gen, Eleft­herotyp­ia, die stark von der gegen­wär­ti­gen Krise getrof­fen wurde. Wie schlug sich die Krise auf eure Arbeits­be­din­gun­gen nieder?

Dina: Wir haben unsere Löhne seit August nicht mehr bekom­men. Den­noch haben wir, um die Zeitung zu unter­stützen, mehrere Monate unbezahlt weit­ergear­beit­et. Aber irgend­wann ging das ein­fach nicht mehr. Wir merk­ten: Unsere Bosse woll­ten uns klein kriegen, immense Lohnkürzun­gen hinzunehmen. Deshalb trat­en wir am 22. Dezem­ber den unbe­fris­teten Streik an. Um zu über­leben, unter­stützt uns ein Sol­i­dar­itäts-Net­zw­erk, welch­es uns Essen und Geld­spenden bere­it­stellt. Doch der Streik hat­te keinen Effekt auf die Entschei­dung unser­er Bosse, weshalb wir entsch­ieden, eine Streikzeitung unter unser­er eige­nen Kon­trolle herzustellen (“Die Arbei­t­erIn­nen (von Eleft­herotyp­ia)”), um den Streik weit­er­fi­nanzieren zu kön­nen. Wir tat­en das aber auch, um nicht den Kon­takt zu unseren Lesern und Leserin­nen zu ver­lieren und von den Kämpfen aller Arbei­t­en­den in Griechen­land zu bericht­en. Griechen­land ist momen­tan ein Exper­i­men­tier­feld für neolib­erale Poli­tik­erIn­nen – und dabei ein Schlacht­feld für uns alle.

Wie funk­tion­iert die Pro­duk­tion der Streikzeitung?

Zu allererst haben wir eine regelmäßige Hauptver­samm­lung, die alle Entschei­dun­gen bezüglich des Streiks trifft. Alle 870 Angestellte der Zeitung – Putzkräfte, Jour­nal­istIn­nen und Druck­erIn­nen – haben je eine Stimme, was auch eine Art neue Sol­i­dar­ität unter den Arbei­t­en­den erzeugt, die davor noch nicht existierte. Um die Entschei­dun­gen der Hauptver­samm­lung umzuset­zen, wählten wir einen 15-köp­fi­gen Arbei­t­erIn­nen-Rat (in dem lei­der nur 3 Frauen sind). Dabei gilt das direk­te Man­dat, welch­es jed­erzeit durch die Hauptver­samm­lung wider­ruf­bar ist. Dieses Kom­mit­tee hat die Auf­gabe, mit den AnwältIn­nen und dem Sol­i­dar­ität­snet­zw­erk in Kon­takt zu bleiben, öffentliche Ver­anstal­tun­gen zu organ­isieren usw.

Als wir uns dazu entsch­ieden haben, unsere Streikzeitung zu veröf­fentlichen, grün­de­ten wir auch einen Zeitungs-Rat, der die Auf­gabe hat, die Aus­gaben zu edi­tieren, die wir schreiben. Bish­er haben wir zwei Auf­gaben unser­er Zeitung “Die Arbei­t­erIn­nen” pro­duzieren kön­nen. Die erste Aus­gabe wurde mit Hil­fe von Jour­nal­istIn­nen, FotografInnen und Druck­erIn­nen hergestellt, die unbezahlt arbeit­eten, um die Her­stel­lung möglich zu machen. Allein durch unser Sol­i­dar­ität­snet­zw­erk und durch Ein­satz von sozialen Net­zw­erken im Inter­net haben wir von dieser Aus­gabe mehr Stück verkauft als jede andere Zeitung in Griechen­land. Durch die Ein­nah­men kon­nten wir die zweite Aus­gabe fer­tig stellen und dabei helfen, den Streik am Leben zu hal­ten. Wir haben kein­er­lei Werbe­möglichkeit­en und kön­nen die Infra­struk­tur des Unternehmens nicht nutzen. Denn als die Bosse davon Wind beka­men, dass wir eine Streikzeitung machen, haben sie zuerst die Heizung aus­ge­dreht, und uns dann den Zugang zum Veröf­fentlichungssys­tem und den Büroräu­men versper­rt. Mit Hil­fe unser­er Sol­i­dar­ität­snet­zw­erkes haben wir aber beweisen kön­nen, dass wir auch ohne unsere Bosse eine Zeitung machen kön­nen.

Welche Debat­ten führen die Arbei­t­erIn­nen miteinan­der?

Bei der Hauptver­samm­lung, an der für gewöhn­lich 150 bis 550 Leute teil­nehmen, wird nicht nur über den Streik gere­det, son­dern auch über Poli­tik im All­ge­meinen. Die Sitzun­gen dauern meis­tens ziem­lich lang, was uns aber die nötige Zeit gibt, unsere Mei­n­un­gen wirk­lich auszu­drück­en und über unsere Sit­u­a­tion und unsere Möglichkeit­en, Aktio­nen durchzuführen, nachzu­denken. Nicht nur über unsere eigene beru­fliche Zukun­ft, son­dern auch darüber wie wir uns all­ge­mein Zeitun­gen und unsere Leben vorstellen und wün­schen wür­den.

Diese Debat­ten sind sehr offen. Es gibt auch noch Arbei­t­erIn­nen, die unseren Boss unter­stützen oder meinen, wir soll­ten eine Auszahlung arrang­ieren und ein­fach aufgeben, oder welche, die sich neue Bosse suchen wollen. Und dann gibt es auch so Ver­rück­te wie mich, die sagen, dass wir die Zeitung unter die volle Kon­trolle der Arbei­t­en­den stellen soll­ten. Die meis­ten sind im Moment für den Vorschlag, den legalen Weg zu gehen und unsere Bosse so sehr unter Druck zu set­zen, dass sie uns die Zeitung über­schreiben. Andere, wie ich, gehen jedoch noch weit­er: wir sagen, dass wir die Her­stel­lungsräume beset­zen soll­ten und die Pro­duk­tion unter eigen­er Kon­trolle wieder aufnehmen sollen – ganz egal, was die Bosse sagen.

Am Anfang waren diejeni­gen, die sich für Pro­duk­tion unter Kon­trolle der Arbei­t­en­den ein­set­zten, noch eine kleine Min­der­heit – aber jet­zt ist das anders. Nicht, weil wir alle auf ein­mal rev­o­lu­tionär gewor­den wären, son­dern weil die Arbei­t­erIn­nen-Kon­trolle für uns zu ein­er Notwendigkeit gewor­den ist und sich als einziger Weg offen­bart, zu über­leben. Die meis­ten von uns sind nicht rev­o­lu­tionär. Bis vor ein paar Monat­en lebten wir nor­male Leben als Teil des Mit­tel­standes, bis dann alles regel­recht “explodierte”. Wir leben eben unter extremen Bedin­gun­gen, die auch unsere Lösungsan­sätze extrem wer­den lassen.

Was bedeutet dir die Erfahrung, die du bei Eleft­herotyp­ia machst?

Wir sind fähig, alle Entschei­dun­gen selb­st zu tre­f­fen. Wir haben bewiesen, dass wir die Zeitung­sh­er­stel­lung ohne unsere Bosse – auf demokratis­che Art und Weise – leit­en kön­nen. Diese ganze Erfahrung ist in Griechen­land etwas Neues. Zuvor hat­ten wir alle zwei Jahre eine Gew­erkschafts­führung gewählt und alle Entschei­dun­gen ihr über­lassen. Aber nun wis­sen wir, dass wir unsere Leben in die eige­nen Hände nehmen kön­nen.

Diese Aus­rich­tung ist in der Griechis­chen Linken noch nicht ver­all­ge­mein­ert. Die größte Partei, die links der Sozialdemokratis­chen Partei (PASOK) ste­ht, ist die Kom­mu­nis­tis­che Partei Griechen­lands (KKE), die sich einen Dreck um uns schert. Sie unter­stützen zwar andere Streiks, wie z.B. den bei Hel­lenic Steel, der jet­zt seit 5 Monat­en anhält, aber sie fan­gen nicht damit an, weit­er­führende Gespräche anzus­toßen und über Arbei­t­erIn­nen-Kon­trolle zu reden. Sie befürcht­en eben, ihnen würde die Kon­trolle ent­gleit­en. Doch es gibt in der radikalen Linken ein paar Parteien, die uns unter­stützen. SYRIZA ist eine davon, aber auch sie sind in ihrer Per­spek­tive uneinig.

Mein­er Mei­n­ung nach kann Griechen­land die Krise nicht auf ein­er rein nationalen Ebene über­ste­hen. Wir brauchen eine inter­na­tionale Per­spek­tive, um die soge­nan­nten “Lösun­gen” zu bekämpfen, die die Kap­i­tal­istIn­nen aus ganz Europa vorschla­gen. Wir brauchen inter­na­tionale Sol­i­dar­ität und einen gemein­samen Kampf, der bei­des kann: uns Lösun­gen für unsere täglichen Kämpfe aufzeigen, der aber auch die Per­spek­tive mit ein­schließt, wie die Kap­i­tal­istIn­nen für ihre Krise selb­st bezahlen. So wie es für das Kap­i­tal kein Vater­land gibt, so gibt es auch für uns (als Arbei­t­ende) keines.

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