Geschichte und Kultur

Fünf Lesetipps zur deutschen Revolution

Heute beginnt das Jubiläumsjahr der Novemberrevolution von 1918. Auch wenn diese Revolution niedergeschlagen wurde, können wir eine Menge daraus lernen. Wladek Flakin empfiehlt fünf Bücher zum Thema.

Fünf Lesetipps zur deutschen Revolution

Vor­weg: Die Lit­er­atur zur deutschen Novem­ber­rev­o­lu­tion ist lange nicht so umfan­gre­ich oder so gut wie die Lit­er­atur zur Okto­ber­rev­o­lu­tion in Rus­s­land. Kein Wun­der: In der Okto­ber­rev­o­lu­tion haben die Arbeiter*innen, Soldat*innen und Massen erfol­gre­ich den Him­mel gestürmt. Die Novem­ber­rev­o­lu­tion dage­gen wurde blutig niedergeschla­gen. Aber ger­ade deswe­gen soll­ten wir diese “vergessene Rev­o­lu­tion” studieren.

Richard Müller:
Geschichte der deutschen Rev­o­lu­tion (drei Bände)

Der Ver­gle­ich zu Leo Trotzkis Geschichte der rus­sis­chen Rev­o­lu­tion drängt sich auf: Eine führende Fig­ur der Rev­o­lu­tion schreibt ihre Geschichte in drei Bän­dern nieder. Müller war Chef der “Rev­o­lu­tionären Obleute” und hat den Auf­s­tand vom 9. Novem­ber 1918 maßge­blich organ­isiert. Er war allerd­ings kein lit­er­arisches Genie, son­dern ein in der SPD geschul­ter Met­al­lar­beit­er – entsprechend fokussiert sein Bericht auf Organ­isatorisches. Trotz­dem die beste Darstel­lung der Rev­o­lu­tion, die es bish­er gibt.

Edi­tion: Müller hat die Büch­er 1923, 1924 und 1925 im Selb­stver­lag veröf­fentlicht | 1973, 1976 und 1979 erschien ein erster Nach­druck in West­ber­lin | Nun ist auch ein neuer Nach­druck in einem Band erschienen.

Sebas­t­ian Haffn­er:
Der Ver­rat

Die einzige lit­er­arisch wertvolle Abhand­lung der deutschen Rev­o­lu­tion stammt vom bürg­er­lich-lib­eralen Essay­is­ten Sebas­t­ian Haffn­er. Als nicht-marx­is­tis­ch­er His­torik­er fokussiert er in erster Lin­ie auf die Führungsper­sön­lichkeit­en und nicht auf die Aktio­nen der Massen. Mit scharf­sin­ni­gen, fast poet­is­chen For­mulierun­gen zeigt Haffn­er auf, wie die SPD-Führung ein Bünd­nis mit dem kaiser­lichen Mil­itär schmiedete, gegen ihre eigene Basis, und so auch den Nation­al­sozial­is­mus vor­bere­it­etet.

Edi­tion: Ursprünglich 1968 zum 50. Jahrestag der Rev­o­lu­tion als Serie in der Zeitschrift “Stern” erscheinen | Inzwis­chen zahlre­iche Aufla­gen mit ver­schiede­nen Titeln

Eber­hard Kolb:
Die Arbeit­er­räte in der deutschen Innen­poli­tik. 1918–1919.

UND

Peter von Oertzen:
Betrieb­sräte in der Novem­ber­rev­o­lu­tion. Eine poli­tik­wis­senschaftliche Unter­suchung über Ideenge­halt und Struk­tur der betrieblichen und wirtschaftlichen Arbeit­er­räte in der deutschen Rev­o­lu­tion 1918/19.

Diese zwei Bän­der gren­zen auf­grund ihres akademis­chen Duk­tus’ an Unles­barkeit. Vor fast 60 Jahren haben die bei­den His­torik­er Kolb und Oertzen die Arbeiter*innenräte in der deutschen Geschichtss­chrei­bung reha­bil­i­tiert – sie argu­men­tieren jew­eils, die SPD-Führung hätte sich nicht mit dem Mil­itär ver­bün­den müssen, vielmehr hät­ten die Räte in eine bürg­er­liche Repub­lik einge­bun­den wer­den müssen. Die Idee, die Macht der Bour­geoisie (Par­la­ment) und die Macht des Pro­le­tari­ats (Räte), ließen sich über län­gere Zeit ver­söh­nen, ist eine gefährliche zen­tris­tis­che These, die die Arbeiter*innenbewegung nur in eine Sack­gasse führen kann. Und den­noch liefern diese Bände viele empirische Dat­en über die Räte­be­we­gung in Deutsch­land.

Edi­tion Kolb: 1962 als Dis­ser­ta­tion erschienen.

Edi­tion Oertzen: 1963 als Habil­i­ta­tion erschienen.

KPD:
Illus­tri­erte Geschichte der Novem­ber­rev­o­lu­tion

Ende der 1920er Jahre wurde Ernst Mey­er, einst enger Mitar­beit­er von Rosa Lux­em­burg und später Vor­sitzen­der der KPD, durch die Stal­in­isierung nach und nach aus der Partei gedrängt. Auch sein Gesund­heit­szu­s­tand ver­schlechtere sich. Vor diesem Kon­text wid­mete er sich der his­torischen Arbeit. Zum 10. Jahrestag der Novem­ber­rev­o­lu­tion erschien dieses liebevoll gestal­tete Band mit zahlre­ichen Abbil­dun­gen. Auf über 500 Seit­en wird die Rev­o­lu­tion fak­ten­re­ich und tiefge­hend analysiert.

Edi­tion: Ursprünglich 1929 erschienen | 1968 als Nach­druck in West­ber­lin.

Pierre Broué:
The Ger­man Rev­o­lu­tion

Was sagt es über den Zus­tand der deutschen Arbeiter*innenbewegung aus, dass das einzige wirk­liche Meis­ter­w­erk zur Novem­ber­rev­o­lu­tion bish­er nicht auf deutsch­er Sprache erschienen ist? Der trotzk­istis­che His­torik­er Pierre Broué aus Frankre­ich bietet auf fast 1.000 Seit­en eine lebendi­ge Beschrei­bung und auch beein­druck­ende Analyse der Ereignisse. 1971 erschienen, set­zte sich Broué kurz nach den Mai-Ereignis­sen in Frankre­ich mit “Spar­tak­ismus, Bolschewis­mus und Linksradikalis­mus” (so der ursprüngliche Titel) auseinan­der. Wenn man nur ein Buch dazu lesen kann, dann dieses.

Edi­tion: 1971 auf Franzö­sisch erschienen. | 2005 erschien eine englis­che Über­set­zung | ACHTUNG: Eine “deutsche Aus­gabe”, die 1973 in Berlin erschien, und vor zehn Jahren bei “Der Funke” nachge­druckt wurde, ist lei­der um gut 80 Prozent gekürzt und schlecht über­set­zt. 

In einem zweit­en Teil wer­den wir Biografien und Auto­bi­ografien empfehlen, die sich mit der deutschen Rev­o­lu­tion auseinan­der­set­zen. Fehlt noch ein Lesetipp? Bitte schick uns deine Lieblings­büch­er in den Kom­mentaren.

One thought on “Fünf Lesetipps zur deutschen Revolution

  1. Veritas sagt:

    Außer­dem zu empfehlen ist die vierteilige Skizzierung “Rev­o­lu­tion und Bürg­erkrieg in Deutsch­land” von Fabi­an Lehr, nachzule­sen auf blog-proleter.myblog.de

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