Frauen und LGBTI*

Feminismen im Pulverfass

Die Feminismen, die für Regierungen, politische Organisationen und andere soziale Bewegungen eine Herausforderung darstellten, werden heute durch verschiedene politische Prozesse aktiviert und auf den Prüfstand gestellt. Der Putsch in Bolivien war der schärfste Ausdruck dieser Prüfung. Wo stehen die Feminismen in diesem neuen Szenario des Klassenkampfes?

Feminismen im Pulverfass

Die Kette der Ereignisse in Lateinameri­ka been­det das, was eine Aus­nahme in ein­er polar­isierten und brodel­nden Welt zu sein schien. Die Rück­kehr des Klassenkampfes in Ecuador, Chile, Bolivien und Kolumbi­en verneint oder stellt zumin­d­est die Fest­set­zung der neolib­eralen Recht­en auf dem Kon­ti­nent in Frage. Die poli­tis­chen Verän­derun­gen in Argen­tinien, Brasilien und Uruguay (insti­tu­tionell kanal­isiert, wenn auch mit starken Polar­isierun­gen) kom­men hinzu. Puer­to Rico, Haiti und Hon­duras haben etwas vom regionalen Kli­ma vor­angekündigt. Die Aus­brüche im Irak, im Libanon, im Iran, die Wieder­bele­bung des Kon­flik­ts in Kat­alonien, die anhal­tenden Mobil­isierun­gen in Hongkong ver­voll­ständi­gen ein Panora­ma, das von poli­tis­chen Krisen in mehreren europäis­chen Län­dern und in den Vere­inigten Staat­en geprägt ist.

Teil des Szenar­ios nach der Wirtschaft­skrise von 2008 war das Wieder­au­fleben der Mobil­isierung von Frauen und damit des Fem­i­nis­mus. Diese Bewe­gung wurde wieder zu einem Sprachrohr des Über­druss­es, der mit den sich ver­schlechtern­den Lebens­be­din­gun­gen der Mehrheit zunehmend unhalt­bar wurde. Die Erfahrun­gen der Unter­drück­ung in kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaften ste­hen im Gegen­satz zu den Diskursen über Tol­er­anz und Vielfalt und die Ausweitung von Recht­en.

Die Fem­i­nis­men, die für Regierun­gen, poli­tis­che Organ­i­sa­tio­nen und andere soziale Bewe­gun­gen eine Her­aus­forderung darstell­ten, wer­den heute durch ver­schiedene poli­tis­che Prozesse aktiviert und auf den Prüf­s­tand gestellt.

Putsche und Putsche

Was die Sit­u­a­tion in Lateinameri­ka bet­rifft, so fand eine der schärf­sten Diskus­sio­nen um den Staatsstre­ich statt, der der Regierung von Evo Morales ein Ende set­zte. Im Wider­stand gegen den Putsch, ange­führt von Mobil­isierun­gen in El Alto und Cochabam­ba, kehrten die mujeres de pollera1 in die erste Rei­he zurück, erin­nerten an die Gas- und Wasserkriege und wur­den zu einem Sym­bol gegen den zivilen und mil­itärischen Putsch. Vom ersten Tag an fand eine Debat­te über den lateinamerikanis­chen Fem­i­nis­mus im All­ge­meinen und den boli­vian­is­chen Fem­i­nis­mus im Beson­deren statt.

Einige Fem­i­nistin­nen haben den Putsch und die Morales-Regierung gle­ichge­set­zt, wie María Galin­do, Sprecherin von Mujeres Cre­an­do, die das Szenario als eine Kon­fronta­tion von „zwei Faschis­men“ beze­ich­net:

Als Teil ein­er unendlichen Rei­he von Maß­nah­men, die Mujeres Cre­an­do in diesen Tagen ergrif­f­en hat, haben wir beschlossen, einen Beratungsraum für Frauen zu eröff­nen, den wir das Frauen­par­la­ment nen­nen, in dem wir unseren Hoff­nun­gen Aus­druck ver­lei­hen kön­nen, in dem ein Kli­ma des Dialogs und der Argu­men­ta­tion herrscht, das uns diese Faschisierung nimmt. Dies inmit­ten eines Kli­mas zu tun, das zum Kampf­feld zwis­chen zwei Staatsstre­ichen, zwis­chen zwei Faschis­men gewor­den ist… („La noche de los cristales rotos“).

Andere, wie Sil­via Rivera Cusi­can­qui, hiel­ten es für „gefährlich“, den laufend­en Putsch als Putsch zu beze­ich­nen,

Ich glaube wed­er an die eine noch die andere Hypothese, die disku­tiert wurde. Das Tri­umphgeschrei, dass wir mit dem Sturz von Evo die Demokratie zurücker­obert hät­ten, scheint mir über­trieben, eine Analyse, die über das Ziel hin­auss­chießt […] Die zweite falsche Hypothese, die mir sehr gefährlich erscheint, ist die des Staatsstre­ichs, der die gesamte Regierung Evo Morales, hüb­sch eingepackt, in ihren Momenten größter Erniedri­gung legit­imieren will („Bolivia: El MAS y las causas del golpe. Un debate nece­sario“).

Es gab auch Grup­pierun­gen, die angesichts des Putsches eine geschlossene Vertei­di­gung von Evo Morales artikulierten. So argu­men­tierten sie gegen Rita Sega­to, die gegen den Staatsstre­ich war und gle­ichzeit­ig die Regierung der MAS kri­tisierte:

Wenn gesagt wird: „Wir soll­ten begin­nen, eine Rhetorik des Wertes für eine andere Form des Wertes zu entwick­eln, die sich sehr von der Ver­wal­tung der Kaziken2 unter­schei­det“, klingt das sehr schön. Wir fra­gen: Ist die Führung der Kaziken ihrem Kör­p­er wieder­fahren? Wir haben sie gese­hen, wir haben den bit­teren Geschmack dieser fortschre­i­t­en­den Eroberung gespürt. Unsere Män­ner haben das Schlimm­ste vom kolo­nialen Machis­mus genom­men [.…] Evo als Sym­bol des Patri­achats zu platzieren, ist viel zu schäbig. Wir applaudieren nicht den Sprüchen über Evos quinceañera3, weil wir in unseren eige­nen Kör­pern gespürt haben, was die Objek­ti­fizierung unser­er Kör­p­er bedeutet [.…] Den­noch bekräfti­gen wir, dass das, was in Bolivien geschehen ist, ein Putsch war („Mujeres indí­ge­nas le respon­den a Sega­to“).

Diese Posi­tion wurde von kirch­ner­is­tis­chen Grup­pen4 in Argen­tinien bestätigt, die sich eines „Lynchen“ Segatos in sozialen Net­zw­erken anschlossen. Die Kri­tik an der Anthro­polo­gin war weniger auf diskutable Aus­sagen über die Entwick­lung der Sit­u­a­tion in Bolivien zurück­zuführen, son­dern richteten sich fast auss­chließlich darauf, dass sie nicht an der geschlosse­nen Vertei­di­gung der Regierung von Evo Morales teil­nahm. Es muss klargestellt wer­den, dass diese „Vertei­di­gung“ keine Verpflich­tung ist, um den mil­itärisch-zivilen Staatsstre­ich der Recht­en, der Geschäft­sleute und der Armee abzulehnen. Dieser Putsch genießt heute die Legit­i­ma­tion der MAS5 selb­st, die den Wahlka­len­der mit den Putschis­ten aus­ge­han­delt hat, während Tausende von Men­schen sich mobil­isieren und sich gegen Repres­sion und Ver­fol­gung wehren.

Andere boli­vian­is­che Fem­i­nistin­nen wie Adri­ana Guzmán – mit einiger Kri­tik an der MAS — lehn­ten den Putsch als Machtüber­nahme unter der Führung der Recht­en und der Geschäft­sleute ab. Guzmán warnt auch vor einem Prob­lem, das die Lesart von Ereignis­sen als „Machtkon­flikt zwis­chen Machos“ betra­chtet,

…und das ist es defin­i­tiv nicht für uns. Obwohl es sich um Män­ner han­delt und ihr Machis­mus vorherrscht, gibt es hin­ter ihnen einen Kampf für ein poli­tis­ches Pro­jekt des Lan­des, das wir, die sozialen Organ­i­sa­tio­nen, aufge­baut haben, nicht nur die Regierung. Diese Idee, dass bei­de Seit­en gle­ich schlimm seien, lässt uns Fem­i­nistin­nen als jen­seits von Gut und Böse daste­hen. Wir kön­nen uns wed­er auf die Seite dieses Prozess­es noch auf irgen­dein­er Seite posi­tion­ieren. Wir glauben, dass dies auch ein Ver­mächt­nis eines kolo­nialen Fem­i­nis­mus ist.… („Un golpe cívi­co-reli­gioso des gru­pos fascis­tas y racis­tas“).

María Galin­do wählt eine beson­dere Analo­gie (auch wenn diese nicht auss­chließlich von ihr genutzt wird), um die Sit­u­a­tion zu ver­an­schaulichen, in der sich Bolivien befind­et: „…so unglaublich es auch erscheinen mag, wir Frauen sind diejeni­gen, die den Schlüs­sel dazu haben, wie wir uns von einem Macho befreien, ohne auf den Näch­sten reinz­u­fall­en.“ Und sie bleibt bei diesem Aspekt nicht ste­hen. Inmit­ten der Ver­hand­lun­gen zwis­chen der MAS und der Putschregierung hebt Galin­do die Fig­ur von Eva Copa, der neuen Sen­at­spräsi­dentin und Lei­t­erin der Pluri­na­tionalen Leg­isla­tiv­en Ver­samm­lung, her­vor und zeich­net sie aus, indem sie sie mit den Frauen verbindet, die sich in El Alto wehren:

All dies tat Eva, indem sie akzep­tierte, die Last der Umstände auf ihrem Rück­en zu tra­gen, und auf zer­störten Grund trat, der sie bei jedem Schritt ver­schlin­gen kon­nte. Die Stadt El Alto ist eine Stadt, in der Frauen jeden Tag große Men­gen in Tragetüch­ern auf dem Rück­en tra­gen, ihre Waren oder ihre wawas6, ihre Qualen oder ihre Hoff­nun­gen. Eva trägt auch eine Last: die Last der Hoff­nun­gen, einen Bürg­erkrieg zu brem­sen, die Last der Sal­ben, mit denen die Gewalt der Atten­täter beschworen wer­den soll, die Last der Träume der Ermorde­ten, die Last der Trä­nen der Trauern­den, die nicht aufhören zu weinen; und macht damit ein­mal mehr deut­lich, dass wir Frauen unsere Zer­brech­lichkeit und unseren Schmerz nicht ver­ber­gen wollen. Eva ist das Gegen­teil von Jea­nine Áñez, aber auch von Evo („Eva, por María Galin­do“).

Von der Neu­tral­ität gegenüber dem Putsch, die sich in der Hal­tung aus­drückt, „ das Sub­ver­sivste ist, keine Stel­lung zu beziehen“, wie Gali­in­do in „La noche de los cristales rotos“ (oben zitiert) schrieb, geht sie so zur Recht­fer­ti­gung der Ver­hand­lungspoli­tik und Legit­i­ma­tion­spoli­tik der Putschregierung durch die MAS über. Die Aktion von Eva Copa als „Trägerin der Last der Hoff­nun­gen, einen Bürg­erkrieg zu brem­sen“ darzustellen, ist keine unbe­deu­tende Entschei­dung, wenn es zeit­gle­ich einen Wider­stand auf den Straßen gibt, welch­er aus mujeres de pollera, Arbei­t­erin­nen, Arbeit­ern, Bäuerin­nen, Bauern und Jugendlichen beste­ht, die „Wir ver­han­deln nicht mit unseren Toten“ rufen. Genau­so wie es in den ersten Tagen keine fem­i­nis­tis­chen oder antifem­i­nis­tis­chen Posi­tio­nen gab, so wird in den Inter­pre­ta­tio­nen der Ver­hand­lun­gen mit dem Putschregime von Jea­nine Áñez die fem­i­nis­tis­che „Rute“ ver­wen­det, um ein defin­i­tives Urteil über die poli­tis­che Dynamik des Putsches in Bolivien zu fällen.

Ver­weise auf „weib­liche“ Poli­tik­for­men, die an Essen­tial­is­mus gren­zen, hat­ten ihren Nieder­schlag in der Vorstel­lung, dass mehr Frauen an der Macht Verbesserun­gen für die Mehrheit der Frauen bedeuten wür­den. Dieser im lib­eralen Fem­i­nis­mus vorhan­de­nen Idee wurde durch die Erfahrun­gen von Frauen an der Spitze kap­i­tal­is­tis­ch­er, impe­ri­al­is­tis­ch­er oder hal­bkolo­nialer Staat­en wider­sprochen. Aber sie wurde und wird weit­er­hin von Fem­i­nistin­nen disku­tiert, denn die bloße Präsenz von Frauen garantiert nicht nur keine Verbesserun­gen für die Mehrheit, son­dern im Gegen­teil sind diese Frauen Teil des poli­tis­chen Per­son­als, das Anpas­sungs- und Sparpläne anwen­det, von denen beson­ders Mil­lio­nen von Frauen betrof­fen sind. Zu den Schlussfol­gerun­gen gehört auch die Anerken­nung der funk­tionalen Rolle des lib­eralen Fem­i­nis­mus im Hin­blick auf den Neolib­er­al­is­mus, bei dem die Kri­tik an der kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaft aufgegeben und die „ein­fache“ Geschlechter­gle­ich­stel­lung im Rah­men der beste­hen­den Regime angestrebt wird.

Das Gefährlich­ste an der Analo­gie ist, dass sie nicht dazu dient, die Gesten der kap­i­tal­is­tis­chen Demokra­tien zu beschreiben, die, obwohl sie – wenn auch nur wider­willig — Rechte anerken­nen, nie aufhören, den Mech­a­nis­mus der Recht­fer­ti­gung und Repro­duk­tion wirtschaftlich­er, sozialer und poli­tis­ch­er Gewalt zu nähren, der zur Legit­i­ma­tion der physis­chen Gewalt führt, die von Indi­viduen aus­geübt wird. Sie tun es nicht, weil kein Klassen­staat in der Lage war, sich der Werkzeuge der Unter­drück­ung über Geschlecht, Eth­niz­ität und anderen zu entledi­gen, um seine eigene Exis­tenz weit­er zu repro­duzieren. Hier liegt die Essenz des Bünd­niss­es zwis­chen Patri­ar­chat und Kap­i­tal­is­mus, das trotz Zugeständ­nis­sen weit­er­hin rei­bungs­los funk­tion­iert. Jede Störung in dieser Allianz kann ein Wanken verur­sachen, aber es war noch nicht aus­re­ichend, um sie zu brechen.

Frauen sind an sich kein poli­tis­ch­er Block. Unser Geschlecht hat keine Essenz, die uns ausze­ich­net oder uns pos­i­tive oder unver­wech­sel­bare Eigen­schaften ver­lei­ht, die sich in ein­er weib­lichen Art und Weise der Poli­tik wider­spiegeln. Wie in jed­er sozialen Bewe­gung gibt es ver­schiedene Strate­gien, Klassen­per­spek­tiv­en, Pro­gramme und poli­tis­che Überzeu­gun­gen. Das tragis­chste Zeichen dieser Unmöglichkeit ist die Fig­ur von Áñez selb­st, die an der Spitze eines ras­sis­tis­chen und unternehmerischen Staatsstre­ich­es mit der Bibel in der Hand in das boli­vian­is­che Regierungs­ge­bäude ein­drang, Wipha­la-Fah­nen7 ver­bran­nte und Rache schwor.

Die wichtig­ste Schlussfol­gerung dieser Unter­schiede ist die Het­ero­gen­ität ein­er Bewe­gung, die sich zwar um einige konkrete Forderun­gen (gegen patri­ar­chale Gewalt, für das Recht auf legale Abtrei­bung oder gegen Ungle­ich­heit) vere­inen kann, was aber nicht nicht die Tat­sache aufhebt, dass mehrere Grup­pierun­gen darin nebeneinan­der existieren, die für ver­schiedene Strate­gien und poli­tis­che Pro­gramme kämpfen. Das zeigt, dass „Soror­ität“8 nicht funk­tion­iert, wenn angesichts so wichtiger The­men wie eines Staatsstre­ichs Frauen (sog­ar Fem­i­nistin­nen) auf gegenüber­liegen­den Seit­en ste­hen. Gle­ichzeit­ig bestätigt das das Fehlen ein­er weib­lichen Poli­tik oder ein­er Möglichkeit, eine weib­liche Art der Poli­tik zu betreiben.

Feminismus und Politik

Die Motoren der Mobil­isierung gegen patri­ar­chale Gewalt und Ungle­ich­heit entzün­den sich weit­er und treiben die Beteili­gung viel­er Frauen an den aktuellen Protesten an. Diese Vital­ität wurde am 25. Novem­ber, dem Inter­na­tionalen Tag zur Bekämp­fung von Gewalt gegen Frauen, bestätigt.

In Chile wur­den neben der Forderung nach legaler Abtrei­bung und der Iden­ti­fizierung der Ver­ant­wor­tung des Staates bei der Revik­timisierung der­jeni­gen, die unter männlich­er Gewalt lei­den, auch Ankla­gen gegen staatliche Gewalt, die ins­beson­dere Frauen bet­rifft (Folter, simulierte Verge­wal­ti­gun­gen und sex­ueller Miss­brauch durch Repres­sion­skräfte), erhoben. Die 25N-Mobil­isierun­gen9 ver­wiesen auch auf Debat­ten über eine neue Ver­fas­sung. Mit dem Aufruf zu einem Ref­er­en­dum im Jahr 2020 will die Regierung von Piñera die Proteste entschär­fen, aber die ver­fas­sungs­gebende Ver­samm­lung ist ein Ausweg für weite Sek­toren, die das von der Pinochet-Dik­tatur über­nommene Regime been­den wollen. Das nährt das Mis­strauen gegen die Poli­tik von Piñera10 und die Sym­pa­thie für den Vorschlag von Teilen der Linken, wie der Par­tido de Tra­ba­jadores Rev­olu­cionar­ios (Partei Rev­o­lu­tionär­er Arbeiter*innen)11, die vorschlägt, für eine wirk­lich freie und sou­veräne kon­sti­tu­ierende Ver­samm­lung zu kämpfen. In Kolumbi­en machte der Marsch gegen männliche Gewalt Forderun­gen für einen Nation­al­streik laut und gle­ichzeit­ig zählten die Proteste gegen die Regierung von Iván Duque, die Arbei­t­erin­nen und Stu­dentin­nen in ihren Rei­hen. Die Entschei­dung, am 25. Novem­ber zu demon­stri­eren, vere­inte ein­mal mehr die Forderun­gen auf den Straßen.

In anderen Län­dern mit gerin­ger­er Mobil­isierung bleiben die Forderun­gen der Frauen auf der poli­tis­chen Agen­da, wie in Mexiko, wo die Autonome Uni­ver­sität Mexiko erneut Maß­nah­men zur Bekämp­fung von machis­tis­ch­er Gewalt und Fem­iziden forderte. In Argen­tinien ist die Forderung nach legaler Abtrei­bung nach wie vor gültig, obwohl die Unzufrieden­heit mit der Regierung von Mauri­cio Macri in die Wahlen gelenkt wurde (in Zusam­me­nar­beit mit der Gew­erkschafts­bürokratie und dem auf diese Lösung set­zen­den Per­o­nis­mus12) und es ist nicht auszuschließen, dass dieses The­ma die Agen­da der näch­sten Regierung von Alber­to Fer­nán­dez und sein Bünd­nis mit kon­ser­v­a­tiv­en Grup­pierun­gen und der katholis­chen Kirche erschw­ert.

Das Wieder­au­fleben der Mobil­isierung gegen die Unter­drück­ung von Frauen führte zu ein­er Krise des lib­eralen hege­mo­ni­alen Diskurs­es. Die Fol­gen der Krise von 2008 verdeut­licht­en den Kon­trast zwis­chen begren­zter for­maler Gle­ich­stel­lung und tat­säch­lich­er Ungle­ich­heit der Mehrheit der Frauen, welche die Rei­hen der Armut und Prekar­ität füllen. In den heuti­gen kap­i­tal­is­tis­chen Demokra­tien, die von Ungle­ich­heit geprägt sind, wer­den Geschlecht, Eth­niz­ität oder Herkun­ft zu Mul­ti­p­lika­toren sozialen Elends. Das erk­lärt die Ausweitung der Sek­toren, die gegen das patri­ar­chal-kap­i­tal­is­tis­che Bünd­nis ange­hen und nicht nur die Stim­men, die von Seit­en des Marx­is­mus immer schon diese unlautere Verbindung zwis­chen Klasse­naus­beu­tung und Geschlechterun­ter­drück­ung kri­tisiert haben.

Gle­ichzeit­ig führte die funk­tionale Rolle des lib­eralen Diskurs­es zur Gle­ich­set­zung von Fem­i­nis­mus und Neolib­er­al­is­mus: Die Ablö­sung des Kampfes gegen Unter­drück­ung durch den Kampf für Chan­cen­gle­ich­heit in einem per Def­i­n­i­tion ungle­ichen Sys­tem, der Verzicht auf Kri­tik an sozialen Hier­ar­chien oder die Über­nahme von Begrif­f­en wie Mer­i­tokratie haben diese Iden­ti­fika­tion begün­stigt. Die Argu­men­ta­tion der amerikanis­chen Fem­i­nistin Nan­cy Fras­er, die sich in der Idee des „pro­gres­siv­en Neolib­er­al­is­mus“ aus­drückt, erk­lärt ein Stück weit die Instru­men­tal­isierung des Kampfes gegen die soge­nan­nte „Geschlechter-Ide­olo­gie“ (die die Rechte von Frauen und LGBT-Per­so­n­en sowie ele­mentare indi­vidu­elle Frei­heit­en wie Iden­tität umfasst) von Seit­en der Neuen Recht­en.

Auch die „Errun­gen­schaften“ während des neolib­eralen Hochs wer­den in Frage gestellt: Ist der Fem­i­nis­mus zu weit gegan­gen und ist die Reak­tion ein Pro­dukt dieses Fortschritts außer­halb der „Kräftev­er­hält­nisse“? Oder ist er in Wirk­lichkeit nicht aus­re­ichend in sein­er Kri­tik an der Gesellschaft vor­angekom­men, in der Unter­drück­ung repro­duziert wird? Aus den möglichen Antworten leit­en sich poli­tis­che Per­spek­tiv­en und Pro­gramme ab, die heute in der Bewe­gung vorhan­den sind: Entwed­er die Kri­tik am Kap­i­tal­is­mus zu ver­tiefen und strate­gis­che Allianzen in diesem Sinne zu schaf­fen, oder Vari­anten des „kleineren Übels“ gegen die Recht­en zu unter­stützen. Die erste Option find­et Sym­pa­thie in der Mobil­isierung von Frauen, die zweite hinge­gen hat die fem­i­nis­tis­chen Grup­pierun­gen beein­druckt – inklu­sive der­er, die sich als antikap­i­tal­is­tisch iden­ti­fizieren, wie bspw. Fras­er durch den Vorschlag, reak­tionären Pop­ulis­men mit „pro­gres­siv­en Pop­ulis­men“ ent­ge­gen­zuwirken. Konkret drückt sich diese Idee in der Unter­stützung von Kan­di­dat­en wie Bernie Sanders in der Demokratis­chen Partei13 aus, die sich bish­er inner­halb des amerikanis­chen Estab­lish­ments14 als keine Alter­na­tive erwiesen hat oder von Grup­pen wie Podemos im Spanis­chen Staat, welche sich auf die Teil­nahme an ein­er Koali­tion­sregierung mit der PSOE15 vor­bere­it­et. In Argen­tinien wurde die Logik der Unter­stützung eines „kleineren Übels“ gegen rechte Vari­anten in der Unter­stützung des Per­o­nis­mus gegen Macri16 sicht­bar. Mit spez­i­fis­chen Merk­malen der poli­tis­chen Prozesse jedes Lan­des drück­en diese Optio­nen die Gren­zen dessen aus, was im Rah­men degradiert­er Regimme möglich ist.

Das erneute Auftreten des Klassenkampfes wirft für diese Fem­i­nis­men neue Fra­gen auf, eröffnet aber vor allem neue Möglichkeit­en, die intu­itiv erprobten strate­gis­chen Allianzen auf der Straße zusam­men zu brin­gen. Die Dynamik der Klassenkampf­prozesse in Lateinameri­ka, wie die in Chile, wirft eine Frage auf, die für die fem­i­nis­tis­che Mobil­isierung, welche die Unter­drück­ung been­den will, nicht neu ist: Ist es möglich, vom Wider­stand zur tief­greifend­en sozialen Trans­for­ma­tion überzuge­hen, wie von der Revolte zur Rev­o­lu­tion?

Fem­i­nis­men, die eine antikap­i­tal­is­tis­che Per­spek­tive annehmen, haben nicht mehr nur die Kri­tik am Diskurs und den Wider­stand gegen neolib­erale Poli­tiken vor sich, son­dern auch die Auf­gabe, an der Bil­dung strate­gis­ch­er Allianzen mit der Arbeiter*innenklasse (wo zum ersten Mal fast die Hälfte aller Lohn­ab­hängi­gen Frauen sind) und anderen unter­drück­ten Sek­toren zu arbeit­en. Um diese wertvollen, aber „ele­mentaren“ Phasen zu über­winden, ist es uner­lässlich, den poli­tis­chen und ide­ol­o­gis­chen Kampf zu ver­tiefen, den dieser neue Moment eröffnet. Ein Teil dieses Kampfes ist es, rev­o­lu­tionäre Organ­i­sa­tio­nen aufzubauen, die ihre Pro­gramme reflek­tieren, testen und inner­halb der fem­i­nis­tis­chen Bewe­gung die Schlussfol­gerun­gen jed­er Erfahrung disku­tieren. Kurz gesagt, die notwendi­ge Vor­bere­itung, um vom Wider­stand zum Kampf um die Macht überzuge­hen, ist die einzige real­is­tis­che Möglichkeit, diese degradierten Gesellschaften an ihren Wurzeln zu verän­dern, um eine Zukun­ft ohne Unter­drück­ung und Aus­beu­tung für alle Men­schen zu denken.

Dieser Artikel erschien zuerst am 1. Dezem­ber 2019 auf Spanisch bei Ideas de Izquier­da.

Fußnoten

1 In Bolivien gängige Beze­ich­nung für Frauen aus indi­ge­nen Gemein­schaften, deren polleras (Über­röcke) oft Teil ihrer Klei­dung darstellt. Der Begriff wird als Selb­st­beze­ich­nung von primär armen Frauen aus indi­ge­nen Gemein­schaften (auf dem Land und in der Stadt) benutzt (Anmerkung der Über­set­zung).

2 Beze­ich­nung für indi­gene Anführer*innen in Mit­tel- und Südameri­ka; ursprünglich aus der karibis­chen Taíno-Sprache (Anmerkung der Über­set­zung).

3 Beschreibt die in ganz Lateinameri­ka übliche Feier des 15. Geburt­stages von Mäd­chen, welch­er den Über­gang vom Mäd­chen-Sein zum Frau-Sein markieren soll (Anmerkung der Über­set­zung).

4 Der Kirch­ner­is­mus beze­ich­net die poli­tis­che Strö­mung des ehe­ma­li­gen argen­tinis­chen Präsi­den­ten Nés­tor Kirch­n­er, sowie sein­er Ehe­frau, der eben­falls ehe­ma­li­gen argen­tinis­chen Präsi­dentin, Cristi­na Fer­nán­dez de Kirch­n­er – eine pop­ulis­tis­che Sozialdemokratie südamerikanis­chen Typs (Anmerkung der Über­set­zung).

5 Movimien­to al Social­is­mo, Bewe­gung zum Sozial­is­mus – die Partei von Evo Morales (Anmerkung der Über­set­zung).

6 Quechua für Baby (Anmerkung der Über­set­zung).

7 Die Wipha­la ist das Sym­bol des Inka-Teil­re­ich­es Qul­la­suyu, mit dem sich die Aymara iden­ti­fizieren. Die Fahne hat sich im Laufe der Zeit als Sym­bol der gesamten indi­ge­nen Bevölkerung des Lan­des durchge­set­zt und ist offiziell der boli­vian­is­chen Staats­fahne gle­ichgestellt (Anmerkung der Über­set­zung).

8 Von soror­i­dad auf Spanisch – Schwest­er­lichkeit, weit ver­bre­it­etes Konzept unter Feminist*innen in Lateinameri­ka (Anmerkung der Über­set­zung).

9 25N ste­ht für den 25. Novem­ber (Anmerkung der Über­set­zung).

10 Sebastián Piñera ist der aktuelle Präsi­dent Chiles (Anmerkung der Über­set­zung).

11 Die PTR ist die Schwes­t­eror­gan­i­sa­tion von RIO in Chile (Anmerkung der Über­set­zung).

12 Der Per­o­nis­mus, benan­nt nach dem ehe­ma­li­gen argen­tinis­chen Präsi­den­ten Juan Domin­go Perón Sosa, ist eine pop­ulis­tis­che poli­tis­che Strö­mung in Argen­tinien, die mit link­er Rhetorik max­i­mal sozialdemokratis­che Forderun­gen stellt, gle­ichzeit­ig aber mit dem Impe­ri­al­is­mus und gegen die Selb­str­gan­isierung der Massen arbeit­et. Der Kirch­ner­is­mus ist eine aktuelle Vari­ante des Per­o­nis­mus (Anmerkung der Über­set­zung).

13 In den USA (Anmerkung der Über­set­zung).

14 Gemeint ist hier die USA und nicht der gesamte Kon­ti­nent (Anmerkung der Über­set­zung).

15 Par­tido Social­ista Obrero Español (Spanis­che Sozial­is­tis­che Arbeit­er­partei) (Anmerkung der Über­set­zung).

16 Mauri­cio Macri, amtieren­der argen­tinis­ch­er Präsi­dent (Anmerkung der Über­set­zung).

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