Geschichte und Kultur

Der Oktoberaufstand

In seiner "Geschichte der Russischen Revolution" beschreibt Leo Trotzki den Oktoberaufstand. Wir veröffentlichen Auszüge.

Der Oktoberaufstand

Naturgeschichtliche Analogien in bezug auf die Revolution drängen sich derart von selbst auf, daß einige von ihnen zu abgenutzten Metaphern geworden sind: „vulkanische Ausbrüche“, „Geburt einer neuen Gesellschaft“, „Siedepunkt“ … Unter dem einfachen literarischen Bild verbergen sich da intuitiv erfaßte Gesetze der Dialektik, das heißt der Logik der Entwicklung.

Was die Revolution als ganzes – im Verhältnis zur Evolution –, ist der bewaffnete Aufstand – im Verhältnis zur Revolution selbst: der kritische Punkt, wo die angehäufte Quantität explodierend in Qualität übergeht. Aber auch der Aufstand selbst ist kein einheitlicher, ungeteilter Akt: er hat seine eigenen kritischen Punkte, eigenen inneren Krisen und Steigerungen. […]

Lenin hatte mehr als einmal wiederholt, die Massen seien unvergleichlich linker als die Partei, wie die Partei linker als das eigene Zentralkomitee. In bezug auf die Revolution als ganzes war das absolut richtig. Aber auch diese Wechselbeziehungen haben ihre eigenen tiefen inneren Schwankungen. Im April, Juni und besonders Anfang Juli stießen die Arbeiter und Soldaten die Partei ungeduldig auf den Weg entschiedener Taten. Nach der Juliniederschlagung wurden die Massen vorsichtiger. Sie wollten zwar in alter Weise und sogar stärker die Umwälzung. Doch nachdem sie sich die Finger tüchtig verbrannt, befürchteten sie einen neuen Mißerfolg. Juli, August und September hielt die Partei tagaus tagein die Arbeiter und Soldaten zurück, während die Kornilowianer dagegen sie mit allen Mitteln auf die Straße zu locken suchten. Die politische Erfahrung der letzten Monate hatte stark die Bremszentren nicht nur bei den Führern, sondern auch bei den Geführten entwickelt. Die dauernden Erfolge der Agitation nährten ihrerseits wiederum das Beharrungsvermögen der abwartenden Stimmungen. Den Massen genügte die neue politische Orientierung nicht: sie mußten sich psychologisch umstellen. Der Aufstand umfaßt um so breitere Massen, je mehr das Kommando der revolutionären Partei eins ist mit dem Kommando der Verhältnisse. […]

Am Vorabend des Sturzes der Provisorischen Regierung stand die überwiegende Mehrheit der Garnison offen auf seiten der Arbeiter. Nirgendwo im ganzen Lande war die Regierung derart isoliert wie in ihrer Residenz: nicht umsonst drängte sie so, ihr zu entfliehen. Vergeblich: die feindliche Hauptstadt ließ sie nicht weg. Durch den erfolglosen Versuch, die revolutionären Regimenter hinauszudrängen, hatte sich die Regierung endgültig ihr Verderben bereitet. […]

Die Verbrüderung der Arbeiter mit den Soldaten im Oktober erwuchs nicht, wie im Februar, aus einem offenen Straßenzusammenstoß, sondern ging dem Aufstande voraus. Wenn die Bolschewiki diesmal zum Generalstreik nicht aufriefen, so nicht deshalb, weil ihnen die Möglichkeit dazu fehlte, sondern weil sie keine Notwendigkeit dafür sahen. Das Militärische Revolutionskomitee fühlte sich bereits vor der Umwälzung als Herr der Lage: es kannte jeden Truppenteil in der Garnison, dessen Stimmung, innere Gruppierung; es erhielt täglich Informationen, keine aufgemachten, sondern solche, die aussprachen, was ist; es konnte zu jeder Zeit in jedes Regiment einen bevollmächtigten Kommissar, einen Radler mit einem Befehl schicken, konnte sich telephonisch mit dem Komitee eines Truppenteils verbinden oder der wachhabenden Kompanie eine Order erteilen. Das Militärische Revolutionskomitee nahm den Truppen gegenüber die Stellung eines Regierungsstabes, nicht aber eines Verschwörerstabes ein.

Gewiß, die Kommandohöhen des Staates blieben noch in Händen der Regierung. Doch die materielle Basis war ihnen entrissen. Ministerien und Stäbe thronten über einer Leere. Telephon und Telegraph waren, wie die Staatsbank, noch im Dienste der Regierung. Doch die militärische Macht, um diese Institutionen in der Hand zu behalten, besaß die Regierung bereits nicht mehr. Winterpalais und Smolny hatten gleichsam die Plätze gewechselt. Das Militärische Revolutionskomitee brachte die gespenstische Regierung in eine Lage, in der sie, ohne die Garnison niedergerungen zu haben, nichts unternehmen konnte. Und jeder Versuch Kerenskis, einen Schlag zu führen gegen die Garnison, beschleunigte nur die Lösung.

Doch die Aufgabe der Umwälzung war noch immer ungelöst. Feder und Gesamtmechanismus der Uhr lagen in der Hand des Militärischen Revolutionskomitees. Diesem aber fehlten Zifferblatt und Zeiger. Und ohne diese Details kann eine Uhr ihre Bestimmung nicht erfüllen. Ohne Telegraph, Telephon, Bank und ohne Stab konnte das Militärische Revolutionskomitee nicht regieren. Es verfügte fast über sämtliche realen Voraussetzungen und Elemente der Macht, aber nicht über die Macht selbst.

Im Februar dachten die Arbeiter nicht an die Besetzung der Bank und des Winterpalais, sondern daran, wie der Widerstand der Armee zu brechen wäre. Sie kämpften nicht um einzelne Kommandohöhen, sondern um die Seele des Soldaten. Als auf diesem Felde der Sieg errungen war, lösten sich alle übrigen Aufgaben von selbst: nachdem sie ihre Gardebataillone abgegeben hatte, versuchte die Monarchie nicht weiter, ihre Schlösser und ihre Stäbe zu verteidigen.

Im Oktober klammerte sich Kerenskis Regierung, als sie die Seele des Soldaten unwiderruflich verloren hatte, noch an die Kommandohöhen. In ihren Händen bildeten Stäbe, Banken, Telephone nur die Fassade der Macht. In die Hände der Sowjets gelegt, mußten sie den Besitz der vollen Macht garantieren. Das war die Lage am Vorabend des Aufstandes: sie bestimmte auch das Handeln in den letzten vierundzwanzig Stunden.

Demonstrationen, Straßenkämpfe, Barrikaden, alles, was in den gewohnten Begriff des Aufstandes fällt, gab es fast nicht: die Revolution hatte nicht nötig, die bereits gelöste Aufgabe zu lösen. Die Eroberung des Regierungsapparates ließ sich planmäßig durchführen, mit Hilfe verhältnismäßig weniger, von einem Zentrum aus geleiteter bewaffneter Abteilungen. Kasernen, Festung, Lager, alle jene Einrichtungen, in denen Arbeiter und Soldaten ihre Tätigkeit ausübten, konnte man mit deren eigenen inneren Kräften erobern. Aber weder Winterpalais, noch Vorparlament, Kreisstab, Ministerien, Junkerschulen waren von innen her zu nehmen. Das galt auch für Telephon, Telegraph, Post, Staatsbank die Angestellten dieser Anstalten, von kleinem Gewicht in der Gesamtkombination der Kräfte, herrschten noch in ihren vier Wänden, die überdies unter verstärktem Wachschutz standen. In die bürokratischen Höhen mußte man von außen eindringen. Die politische Eroberung mußte hier durch gewaltsame Eroberung ersetzt werden. Da jedoch die vorausgegangene Verdrängung der Regierung aus ihren militärischen Basen ihr den Widerstand fast unmöglich machte, verlief die gewaltsame Einnahme der letzten Kommandohöhen in der Regel ohne Zusammenstöße.

Allerdings ging es nicht völlig ohne Kämpfe ab: das Winterpalais mußte im Sturm genommen werden. Aber gerade die Tatsache, daß der Widerstand der Regierung auf das Verteidigen des Palais hinauslief, bestimmt klar den Platz des 25. Oktober (7. November) im Gange des Kampfes. Das Winterpalais war die letzte Schanze des politisch während der acht Monate seines Bestehens geschlagenen und in den letzten zwei Wochen vollends entwaffneten Regimes. […]

Richtig die Oktoberumwälzung verstehen kann man nur dann, wenn man das Blickfeld nicht auf ihr abschließendes Glied beschränkt. Ende Februar wurde die Schachpartie des Auftandes vom ersten bis zum letzten Zug gespielt, das heißt bis zur Waffenstreckung des Gegners; Ende Oktober lag die Grundpartie bereits zurück, und am Tage des Aufstandes war nur die ziemlich enge Aufgabe zu lösen: Matt in zwei Zügen. Die Umwälzungsperiode muß man deshalb vom 9. (22.) Oktober rechnen, wo der Konflikt wegen der Garnison begann, oder vom 12. (25.), wo die Gründung des Militärischen Revolutionskomitees beschlossen wurde. Das Vernebelungsmanöver zog sich über zwei Wochen hin. Sein entscheidendster Teil dauerte fünf bis sechs Tage vom Moment der Entstehung des Militärischen Revolutionskomitees ab. Während dieser ganzen Periode wirkten unmittelbar Hunderttausende Arbeiter und Soldaten, defensiv der Form, offensiv dem Wesen nach. Die Schlußetappe, als die Aufständischen die Konventionen der Doppelherrschaft mit deren zweifelhafter Legalität und Defensiv-Phraseologie endgültig fallen ließen, nahm genau vierundzwanzig Stunden in Anspruch: von 2 Uhr nachts zum 25.10. (7.11.) bis 2 Uhr nachts auf den 26.10. (8.11.). Innerhalb dieser Frist wandte das Militärische Revolutionskomitee offen Waffen an zur Eroberung der Stadt und Gefangennahme der Regierung: an den Operationen nahmen im allgemeinen so viel Kräfte teil, wie zur Lösung der begrenzten Aufgabe notwendig waren, jedenfalls kaum mehr als fünfundzwanzig bis dreißig Tausend. […]

Der Kampf um das Winterpalais begann mit der Umfassung des Bezirks in weiter Peripherie. Bei Unerfahrenheit der Kommandeure, lückenhafter Verbindung, Ungewandtheit der rotgardistischen Abteilungen, Schwerfälligkeit der regulären Truppenteile entwickelte sich die komplizierte Operation äußerst langsam. In den gleichen Stunden, während die roten Abteilungen den Ring allmählich abdichteten und Reserven hinter sich sammelten, drangen Junkerkompanien, Kosakenhundertschaften, Georgskavaliere und ein Frauenbataillon zum Winterpalais durch. Die Faust des Widerstandes formierte sich gleichzeitig mit dem Angriffsring. Man darf behaupten, daß die Aufgabe selbst aus jenem allzu großen Umweg erwachsen war, der zu ihrer Lösung angewandt wurde. Indes würde ein vermessener Überfall in der Nacht oder ein kühner Angriff bei Tage nicht mehr Opfer gekostet haben als die schleichende Operation. Den moralischen Effekt der Aurora-Artillerie hätte man jedenfalls um zwölf und sogar um vierundzwanzig Stunden früher ausprobieren können: der Kreuzer stand in voller Bereitschaft auf der Newa, und die Matrosen klagten nicht über Mangel an Geschützöl. Doch die Leiter der Operation hofften, die Frage ohne Kampf zu entscheiden, schickten Parlamentäre, stellten Ultimatums und hielten dann die Fristen nicht inne. Rechtzeitig die Artillerie der Peter-Paul-Festung nachzuprüfen, darauf war man gerade deshalb nicht gekommen, weil man damit rechnete, ihre Hilfe entbehren zu können. […]

Die Technik des Aufstandes vollendet, was die Politik nicht getan hat. Das gigantische Anwachsen des Bolschewismus schwächte zweifellos die Aufmerksamkeit ab für die militärische Seite der Sache: Lenins leidenschaftliche Vorwürfe waren berechtigt genug. Die militärische Leitung war unvergleichlich schwächer als die politische. Wie konnte es auch anders sein? Noch während einer Reihe von Monaten wird die neue revolutionäre Macht beträchtliche Ungeschicklichkeit in all den Fällen beweisen, wo es notwendig sein wird, zur Waffe zu greifen.

Und doch stellten die militärischen Autoritäten des Regierungslagers in Petrograd der militärischen Leitung der Umwälzung ein durchwegs glänzendes Zeugnis aus. „Die Aufständischen bewahren Ordnung und Disziplin“, berichtete per Draht das Kriegsministerium ins Hauptquartier gleich nach dem Fall des Winterpalais. „Plünderungen oder Pogrome unterblieben völlig, im Gegenteil, Patrouillen Aufständischer nahmen torkelnde Soldaten fest … Der Aufstandsplan war zweifellos im voraus ausgearbeitet worden und wurde unbeirrt und glatt durchgeführt …“ Nicht ganz „nach Noten“, wie Suchanow und Jaroslawski schrieben, aber auch nicht gar so „verworren“, wie der erste der beiden Autoren später behauptete. Außerdem krönt selbst vor dem Gericht der allerstrengsten Kritik der Erfolg die Sache.

Auszüge aus: Leo Trotzki: Geschichte der Russischen Revolution. Band 2, Kapitel 23. Oktoberaufstand. Abgerufen bei marxists.org.

Timeline der Russischen Revolution

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