Geschichte und Kultur

Der (kapitalistische) Zwang zum Glücklichsein

Tag für Tag haben wir Schwierigkeiten durch lange Arbeitszeiten, durch Arbeitslosigkeit, Inflation und Haus- und Pflegearbeit. Hinzu kommen die sehr hohen Kosten für Lebensmittel und Mieten oder schlechte Verkehrsverbindungen. In der Pandemie kommt noch der erhöhte Stress hinzu. Wenn wir zu all dem noch den Zwang zum Glücklichsein hinzufügen, schaffen wir es nur, die Situation zu verschlimmern.

Der (kapitalistische) Zwang zum Glücklichsein
Bild: La Izquierda Diario

Ein altes Sprichwort besagt, dass Geld nicht glücklich macht. Der Volksmund hat dem hinzugefügt: „..aber wie es hilft!“ Eigentum zu besitzen, sich in Luxushotels auf paradiesischen Inseln auszuruhen und Zugang zu unbegrenztem Konsum zu haben – das ist das Bild vom Glück, das der Kapitalismus verspricht und für die große Mehrheit absolut unerreichbar ist. Heutzutage wird Glücklichsein aber auch mit dem freiwilligen Erreichen eines psychologischen Zustands assoziiert, der mit Produktivität, mit Funktionieren und Proaktivität, mit Resilienz identifiziert wird. Als ob es an uns selbst läge, so einfach zwischen Leiden oder Wohlsein zu wählen.

Eine optimistische Sicht auf die Welt und das Leben ist die Voraussetzung, um Normalität zu erreichen, sich den Umständen anzupassen und ein gesundes Äußeres zu haben. Dankbar zu sein, den täglichen Stress und negative Emotionen zu vermeiden, sich optimistisch auszudrücken, sich von toxischen Bindungen zu befreien und die Fähigkeit zu haben, in der Gegenwart zu leben und die „kleinen Freuden des Lebens“ zu genießen, sind einige der Tipps, die es auf dem zeitgenössischen Glücksmarkt gibt.

Diese Idee des Glücks hat eine riesige neoliberale Industrie hervorgebracht, in der ‚Self Care‘ als Lebensstil oder positiver Persönlichkeitstyp gehandelt wird.

Im Gegensatz zu Yachten, Rolexes und Cocktails mit Diamanten scheint dieses Glück für jeden erreichbar zu sein und wird in Kursen, Apps, Coachings, Therapien, Workshops und vielfältigen Abwandlungen in Richtung Freizeit-, Unterhaltungs-, Gesundheits- und Kosmetikindustrie verkauft. Versprechen, die uns jenem Glück näher bringen sollen, das sich am Ende als ebenso schwer erreichbar erweisen wird, während wir Geld, Zeit und Erwartungen auf dem Weg zurücklassen.

​Das misslungene Lächeln

Und doch, auch wenn es paradox erscheinen mag, erzeugt das permanente Bombardement von Positivität eine Angst, die eher das Gegenteil von Glück erzeugt. Denn wenn das Erreichen von Glück vollständig unsere eigene Verantwortung ist, sind wir selbst schuld, wenn wir Leiden und Schwierigkeiten nicht überwinden können.

Das Ergebnis sind Gesellschaften mit alarmierenden Raten des Konsums von angstlösenden Medikamenten, von Depressionen und Isolation: die „dunkle Seite“ des strahlenden Anderen, wo Selfie-Lächeln und positive Botschaften durch die narzisstischen Algorithmen der sozialen Netzwerke verbreitet werden. Wie sonst ist es zu erklären, dass sich einerseits in den letzten Jahrzehnten die positive Psychologie immer weiter ausgedehnt hat, während andererseits in den USA zwei Drittel der weltweit produzierten Antidepressiva konsumiert werden? Oder dass in einigen Ländern wie in Japan „Ministerien der Einsamkeit“ eingerichtet wurden?

Fakt ist, dass die Verdrängung von als „negativ“ empfundenen Emotionen nur in der Privatisierung des Schmerzes und der Trivialisierung des Leidens endet. Wie kann es sein, dass wir nicht in der Lage sind, mit den uns bedrückenden Umständen umzugehen, wenn alle gesellschaftlichen Botschaften darauf hinweisen, dass das Glücklichsein nur von uns selbst abhängt? Warum habe „nur ich“ nicht die nötige Willenskraft, es zu überwinden?

​Glücklichsein als Ideologie

Aber darüber hinaus drängt uns der Zwang zum Glücklichsein dazu, unsere Gefühle, unsere persönliche Entwicklung, unsere emotionalen Bedürfnisse mit einer exorbitanten und exklusiven Präsenz in den Mittelpunkt zu stellen. Während wir das Ziel des individuellen Wohlbefindens über alles andere stellen, werden Misserfolge, Frustration und negative Emotionen nicht toleriert. Was sich entwickelt, ist vielmehr die Assoziation von Wohlbefinden mit egoistischem Hedonismus und eine ausgeprägte Intoleranz gegenüber Frustration, die doch in bestimmten Dosen eine unvermeidliche Emotion in der menschlichen Lebenserfahrung ist.

„Die Veranlagung, das glückliche Leben zu verfolgen, ist ein Spiegelbild der neoliberalen Aufforderung, ein Leben zu führen, das von der Befriedigung der eigenen Interessen und vom Wettbewerb bestimmt wird“, schreiben Edgar Cabanas und Eva Illouz in Manufacturing Happy Citizens: How the Science and Industry of Happiness Control our Lives. Glück, so verstanden im heutigen Kapitalismus, verstärkt nur den Individualismus und die Vorstellung, dass das, was anderen passiert, deshalb geschieht, „weil sie es verdienen“.

„Positiv zu sein ist nicht so sehr eine Geisteshaltung oder ein Geisteszustand, sondern ein ideologisches Element“, sagt Barbara Ehrenreich in Smile Or Die: How Positive Thinking Fooled America and the World. Und was sie meint, ist nicht mehr und nicht weniger, als dass die Glücksindustrie uns eintrichtert, dass alle unsere Zustände, das, was uns widerfährt, die Frucht unseres eigenen Handelns ist. Damit wird die Vorstellung legitimiert, dass es in der kapitalistischen Gesellschaft nichts gibt, was mit unserer Armut oder dem Reichtum einiger weniger zu tun hat, mit unseren Schwierigkeiten, mit Krankheit umzugehen, oder mit der Tatsache, dass wir, ohne ein Wort zu sagen, aus unseren Jobs gefeuert oder aus unseren Wohnungen vertrieben werden. Es geht nur um unsere individuellen Unzulänglichkeiten, darum, dem Leben nicht mit einer positiven Einstellung begegnen zu wollen oder nicht jede Krise als Chance zu nutzen.

Die positive Psychologie zeigt sich als Versprechen einer einfachen Lösung für Probleme, von denen wir zumindest vermuten sollten, dass sie etwas komplexer sind. Müssen wir die Gesellschaft verändern? Nein, überhaupt nicht, sagt uns die positive Psychologie.

Wir müssen die Gefühle, die ungünstige Situationen in uns hervorrufen, verändern, Wut und Pessimismus in innere Stärke und Kreativität umwandeln, um die Krise als Chance zu nutzen. Wir sind diejenigen, die sich anpassen müssen, um uns selbst zu überwinden, um zu überleben, um mit einem Lächeln aus Widrigkeiten zu lernen und um weiter nach dem Glück zu suchen, das wir verdienen. Glück wird dann zu einem effektiven ideologischen Werkzeug, um Ungleichheiten zu rechtfertigen.

Die Wissenschaft vom Glück wird von Leuten vorangetrieben, die seit mehr als drei Jahrzehnten versuchen, die Wissenschaftlichkeit ihrer Entdeckungen zu „verkaufen“. Verkaufen auch im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Bereitstellung von Kursen und Schulungen für Unternehmen, Armeen, Bildungssysteme, Politiker:innen und andere Kund:innen im öffentlichen oder privaten Bereich sind ein Multimillionen-Dollar-Geschäft. Um nur eins der Beispiele zu nennen, die Cabanas und Illouz in ihrem Buch untersucht haben, können wir uns das Comprehensive Soldier Fitness (CSF) Programm des Positive Psychology Center von Martin Seligman ansehen. Dieser Kurs wurde vom US-Militär mit 145 Millionen Dollar finanziert. Sein Ziel war es, das Militär in positiven Emotionen, Glück und Spiritualität zu schulen, um „Soldaten zu schaffen, die psychisch genauso belastbar sind wie physisch“, was eine „unbezwingbare Armee“ schaffen würde.

Doch während das Glück ein erfolgreiches Geschäft wurde, brachte sein Rat Millionen von Menschen nicht den Erfolg, den er voraussagte, wie wir mit einem einfachen Blick auf die Welt, die wir bewohnen, sehen können. Vielleicht, weil die Reduzierung der Sehnsucht nach Glück auf diese individualistische Obsession, auf die rigide Kontrolle unserer Gedanken und Gefühle und auf die hedonistische Befriedigung unserer Wünsche, in der kapitalistischen Gesellschaft, in der wir leben, nur Ohnmacht erzeugen kann.

Vielleicht, weil angesichts von so viel Ungerechtigkeit, Willkür, Diskriminierung und Schande, die sich aus der Ausbeutung von Millionen von Menschen ergeben, das Einzige, was dem Glück ähnelt, darin besteht, jeden Tag zu leben und die freiwillige Entscheidung zu genießen, sich gegen diesen trostlosen Zustand zu verschwören. Und diese Verschwörung ist, anders als das obligatorische merkantilistische und individualistische Glück, das uns der Kapitalismus auferlegt, ein kollektives Projekt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Spanisch bei La Izquierda Diario.

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