Jugend

Den Schulstreik in die Uni tragen

Wer heute studiert, kennt die Uni kaum als einen Ort politischer Auseinandersetzung – das muss aber nicht so bleiben. Die von Schüler*innen getragene Fridays-for-Future-Bewegung zieht immer größere Sektoren in den Kampf gegen den Klimawandel und könnte bald auch auf die Universitäten überschwappen. Aus der ersten Ausgabe der neuen Druckzeitung KlasseGegenKlasse.

Den Schulstreik in die Uni tragen

Foto: Sym­bol­is­che Umbe­nen­nung der Goethe-Uni­ver­sität. Frank­furt 1968.

Seit fast einem Jahr streiken wöchentlich tausende Schüler*innen im ganzen Land, um sich für eine klim­agerechte Poli­tik einzuset­zen. Und wir Stud­is? Zwar beteili­gen sich auch viele Studierende an den Demon­stra­tio­nen von Fri­days for Future, doch die Uni­ver­sitäten hat die Bewe­gung noch nicht erobert.

Zwar hat es schon im ver­gan­genen Semes­ter an ver­schiede­nen Uni­ver­sitäten Vol­lver­samm­lun­gen gegeben, in denen konkrete Maß­nah­men von den Hochschulen gefordert wur­den. Doch hat­ten diese keine weit­eren Aktio­nen zur Folge. Auch in Teilen der Klimabe­we­gung wie bei Ende Gelände und Extinc­tion Rebel­lion sind Studierende maßge­blich beteiligt. Jedoch begrif­f­en diese bish­er ihren Aktion­ss­chw­er­punkt nicht an den Hochschulen und kon­nten deshalb auch nur einen kleinen Teil der Studieren­den­schaft mobil­isieren.

Nach den riesi­gen Protesten vom 20. Sep­tem­ber, bei denen in ganz Deutsch­land 1,4 Mil­lio­nen Men­schen auf die Straße gin­gen, trat vom 22. bis 23. Sep­tem­ber der Kli­maratschlag zur Ver­net­zung und Koor­di­na­tion der Studieren­den­schaft in Jena zusam­men. Dort beschlossen 120 Stu­dents for Future aus über 30 Hochschulen, vom 25. bis 29. Novem­ber zu ein­er Kli­mas­treik­woche an den Uni­ver­sitäten aufzu­rufen.

Dieser Aufruf kommt genau im richti­gen Moment, in dem tausende ehe­ma­lige Schüler*innen, die von der Bewe­gung mit­bekom­men haben oder selb­st aktiv waren und sind, als Erstis an die Hochschulen kom­men. His­torisch gese­hen spiel­ten Studierende immer eine vorantreibende Rolle bei sozialen Bewe­gun­gen – die 68er-Bewe­gung ist ein gutes Beispiel hier­für. Doch in den let­zten Jahren war es sehr ruhig an den deutschen Hochschulen. Die Proteste gegen die Bologna-Reform und die Stu­di­enge­bühren am Ende der 00er-Jahre ende­ten in Nieder­la­gen, von denen sich die Studieren­den seit­dem nicht erholt haben.

Denn auch wenn sich viele Studierende weit­er­hin an gesellschaftlichen Mobil­isierun­gen wie bei Unteil­bar, NoPag oder der Mieten­be­we­gung beteili­gen, tun sie dies in der Regel vere­inzelt, sodass sie keine eige­nen Forderun­gen for­mulieren oder sich an der Uni­ver­sität organ­isieren. Dazu hat auch die kon­ser­v­a­tive Poli­tik der Studieren­den­vertre­tun­gen beige­tra­gen, die sich auf Tätigkeit­en in Hochschul­gremien und Ver­wal­tung beschränkt haben, statt die Selb­stor­gan­isierung der Studieren­den voranzutreiben.

Die neolib­erale Struk­tur der Hochschulen mit ihrem Druck zum Indi­vid­u­al­is­mus lastet also schw­er auf den Studieren­den und ein erster Streikaufruf ist noch keine Bewe­gung. Wie kön­nen wir es also schaf­fen, die von den Schüler*innen erzeugte Dynamik auf die Uni­ver­sität zu über­tra­gen und eine kämpferische Studieren­den­be­we­gung auf die Beine zu stellen?

Die Systemfrage stellen

Dafür ist es nötig, dass die Studieren­den an die radikalsten Ele­mente der glob­alen Klimabe­we­gung anknüpfen, in der die Parole „Sys­tem change, not cli­mate change“ auf vie­len Schildern zu lesen ist. Es sind die multi­na­tionalen Großkonz­erne, darunter auch viele aus Deutsch­land wie Bay­er-Mon­san­to, BASF oder BMW, die für die Zer­störung der Umwelt ver­ant­wortlich sind. Ein Wirtschaftssys­tem, das auf der Prof­it­max­imierung für einige Kapitalist*innen basiert, kann nicht plöt­zlich seinen zer­störerischen Charak­ter ändern und wird nicht die ökol­o­gisch-soziale Umwand­lung durch­führen kön­nen, die zur Bewäl­ti­gung der Kli­makatas­tro­phe nötig ist. Das Klima­paket der Bun­desregierung ist das beste Beispiel dafür, dass nur unzure­ichende Notlö­sun­gen her­auskom­men wer­den, solange die Prof­ite der Banken und Konz­erne nicht ange­tastet wer­den.

Viele Studierende forderten im ver­gan­genen Semes­ter ihre Hochschulleitun­gen in Vol­lver­samm­lun­gen dazu auf, die Uni­ver­sitäten kli­ma­neu­tral umzugestal­ten. Dabei han­delt es sich um eine berechtigte Forderung, die jedoch auf die gesamte Gesellschaft, und damit beson­ders die Wirtschaft, aus­geweit­et wer­den muss.

Nur wenn die Studieren­den­be­we­gung – gemein­sam mit der Arbeiter*innenbewegung – die grundle­gende Funk­tion­sweise der Gesellschaft angreift, kön­nen wir tat­säch­lich die Her­aus­forderun­gen der Kli­makrise meis­tern. Diese Frage stellt sich auch ganz konkret an jed­er Hochschule: Aktuell ist der Großteil der Lehre und Forschung von Staats- oder Konz­ern­geldern abhängig und betreibt Wis­senschaft in deren Inter­esse. So wird in München an ein­er grü­nen Bombe geforscht, die zwar effizient töten kann, jedoch die Umwelt nicht zer­stört. Und auch in den Gesellschaftswis­senschaften wird Lehre und Forschung im Sinne des Kap­i­tals betrieben, während The­o­rien zur Kri­tik und Verän­derung der Gesellschaft immer weit­er an den Rand gedrängt wer­den. Deshalb set­zen wir uns auch dafür ein – wie wir es mit den Artikeln in dieser Zeitung zu tun ver­suchen, aber auch mit Sem­i­naren, Lesekreisen und Teach-Ins –, dass die Uni­ver­sität wieder zu einem Ort der the­o­retis­chen Auseinan­der­set­zung wird, die uns dabei hil­ft, die kap­tal­is­tis­che Gesellschaft zu analysieren – und sie umzuwälzen.

Solange die Inter­essen der Bun­desregierung, der Banken und Konz­erne in den Uni­ver­sitäten das Sagen haben, wird es keine Forschung im Dien­ste der Massen geben. Deshalb set­zen wir uns für die voll­ständi­ge Demokratisierung der Uni­ver­sität ein, damit sie von Studieren­den und Beschäftigten selb­st ver­wal­tet wird und eine von den Kapitalist*innen unab­hängige Forschung betreibt. Diese muss notwendi­ger­weise anti­im­pe­ri­al­is­tisch und anti­ras­sis­tisch sein und sich gegen die Poli­tik der Bndesregierung und den Mil­i­taris­mus stellen. Die tausenden Sci­en­tists for Future kön­nten wichtige Ver­bün­dete in diesem Kampf sein, wenn sie sich kon­se­quent auf die Seite der Studieren­den und Arbeiter*innen stellen.

Einheit von Arbeiter*innen und Studierenden

Das ist beson­ders wichtig, da es zur Zeit in der Klimabe­we­gung Forderun­gen gibt, die dazu führen wür­den, dass die Arbeiter*innen für die Kli­makrise bezahlen müssten und sich ihre Lebens­be­din­gun­gen weit­er ver­schlechterten. Ein Beispiel dafür ist die CO2-Steuer, die in abgeschwächter Form von der Bun­desregierung einge­führt wer­den soll und mit noch höheren Sätzen von den Grü­nen gefordert wird. Eine solche Steuer richtet sich gegen die Massen und führt dazu, dass die Arbeiter*innen sich von der Klimabe­we­gung abwen­den und somit der wichtig­ste Ver­bün­dete im Kampf gegen die mächti­gen Konz­erne ver­loren geht. (Warum wir gegen eine CO2-Steuer sind, kannst du auf Seite 10 tiefer nach­le­sen.) Dabei liegt ger­ade in der Arbeiter*innenklasse eine riesige Macht, die in Verbindung mit ein­er kämpferischen Studieren­den­be­we­gung radikale Forderun­gen nach ein­er grundle­gen­den Umwand­lung der Wirtschaft auf­stellen kön­nte. Dazu kön­nte die Enteig­nung der Energie- und Auto­mo­bilin­dus­trie unter Arbeiter*innenkontrolle sowie der Aus­bau eines kosten­losen Nahverkehrs gehören. In let­zter Kon­se­quenz müsste eine demokratisch und wis­senschaftlich organ­isierte Plan­wirtschaft ste­hen, in der die Uni­ver­sitäten im Dien­ste der Arbeiter*innen und Massen eine zen­trale Rolle spie­len würde.

All diese gesellschaftlichen Prob­leme find­en sich auch an der Uni­ver­sität wieder: Denn während wir unter der Neolib­er­al­isierung durch über­füllte Hörsäle, gestiege­nen Leis­tungs­druck und gestrich­ene Stu­di­engänge lei­den, hat sie auch die Hochschulbeschäftigten hart getrof­fen. Die Belegschaften an den Uni­ver­sitäten sind durch Aus­lagerung und unter­schiedliche Tochter­fir­men ges­pal­ten, wie die Men­sa-Beschäftigten oder die Reini­gung. An der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin, die den Ruf ein­er gesellschaft­skri­tis­chen Hochschule genießt, sind die Reini­gungskräfte nicht direkt an der Uni­ver­sität beschäftigt, son­dern in ein­er exter­nen Fir­ma angestellt. Als sich zwei Reini­gungskräfte gegen ihre schlecht­en Arbeits­be­din­gun­gen wehrten, wur­den sie daraufhin mit Stun­denkürzun­gen und Ent­las­sun­gen schikaniert. Als antikap­i­tal­is­tis­che Hochschul­gruppe organize:strike und als sozial­is­tisch-fem­i­nis­tis­che Gruppe Brot und Rosen haben wir daraufhin ein Sol­i­dar­ität­skomi­tee ins Leben gerufen. 70 Studierende und Beschäftigte der ASH haben zu Semes­ter­be­ginn die Hochschulleitung kon­fron­tiert und gefordert, dass die Reini­gung in die Hochschule zurück­ge­führt wird. In den kom­menden Wochen und Monat­en wollen wir den Druck weit­er erhöhen.

Diese prekären Arbeits­be­din­gun­gen tre­f­fen beson­ders häu­fig Migrant*innen und Frauen, was sex­is­tis­che und ras­sis­tis­che Struk­turen repro­duziert. Daher müssen wir nicht nur die Forschung und Lehre im Inter­esse der Massen umgestal­ten, son­dern auch und beson­ders die Arbeits­be­din­gun­gen. Der Kampf gegen Out­sourc­ing an den Hochschulen ist dabei ein wichtiger erster Schritt, um gegen Prekarisierung, Sex­is­mus und Ras­sis­mus einzutreten und die Verbindung zwis­chen Studieren­den und Beschäftigten herzustellen. Daraus kann die gemein­same Organ­isierung mit den Beschäftigten entste­hen, damit sie durch Streiks und Beset­zun­gen die gesamte Uni­ver­sität lahm­le­gen kön­nen. Mit dieser Per­spek­tive wollen wir uns organ­isieren.

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