Frauen und LGBTI*

Bundesweites Vernetzungstreffen in Göttingen: Ein wichtiger Schritt zum Frauen*streik

Am Wochenende trafen sich dreihundert Frauen* in Göttingen zu einem bundesweiten Vernetzungstreffen. Ziel war es die Planungen zu einem Frauen*streik in Deutschland voranzutreiben. Lilly Freytag und Narges Nassimi von Brot und Rosen sprachen mit Klasse Gegen Klasse über das Treffen.

Bundesweites Vernetzungstreffen in Göttingen: Ein wichtiger Schritt zum Frauen*streik

Erzählt uns über das bundesweite Vernetzungstreffen für den Frauen*streik. Wie viele waren da, was wurde diskutiert, woher kamen sie, aus welchen Städten, waren Jugendliche, Studentinnen, Arbeiterinnen, Geflüchtete usw. da?

Wir waren an diesem Wochenende in Göttingen 300 Frauen, aus Berlin, München, Frankfurt, Köln, NRW, Augsburg und vielen anderen Städten. Einige hatten auch ihre Kinder mitgebracht. Viele von uns waren Studentinnen, von denen viele in prekären Jobs arbeiten, wie in der Gastronomie oder im Einzelhandel. Ein paar der Anwesenden aus Berlin hatten auch schon Streikerfahrung, aus dem Kampf der Studentischen Beschäftigten für einen neuen Tarifvertrag. Die Pflegerinnen aus Bayern haben über die Bereitschaft für den Streik in diesem Bereich berichtet. Einige geflüchtete Frauen waren anwesend, die über die miserable Situation in den Lagern und ihre konkreten Forderungen berichtet haben. Und aktive Gewerkschafterinnen waren dabei, sowie Aktivist*innen aus der LGBTI*-Bewegung. Einige der älteren Frauen, die da waren, hatten schon vor über zwanzig Jahren, im Jahr 1994, in Deutschland einen Frauenstreik organisiert und konnten von diesen Erfahrungen berichten. Außerdem waren auch internationale Gäste dabei, wie zum Beispiel die bekannte Feministin Selma James aus England, eine Aktivistin aus dem Spanischen Staat und eine Sprecherin aus der kurdischen Frauenbewegung in Deutschland. Darüber hinaus erzählte eine Aktivistin aus Thailand über die Kämpfe von Sexarbeiterinnen dort, die gemeinsam mit Arbeiterinnen anderer Sektoren, Indigenen, behinderten Frauen und Bäuerinnen unter der Militärdiktatur geführt werden. Und eine Aktivistin aus Chile berichtete über die Kämpfe der Frauen gegen sexuelle Gewalt an Unis und Schulen und die Erschießung dreier Aktivistinnen durch Rechtsextremisten.

Ist es das erste Mal, dass es in Deutschland so ein Treffen gab?

Ja, so ein bundesweites Treffen findet zum ersten Mal statt. Das ist ein wichtiger Schritt, denn mit dieser Initiative wird der Streik, der bereits seit einigen Monaten in einer handvoll Städte vorbereitet und diskutiert wird, ins ganze Land getragen.

Woher kam die Idee, einen „Frauen*streik“ am 8. März zu machen? Ist es von Argentinien oder dem Spanischen Staat inspiriert?

Viele Frauen in Deutschland waren sehr beeindruckt von den Bildern vom Frauenstreik im Spanischen Staat in diesem Jahr. Auch die Bewegung in Argentinien, vor allem der Kampf für die Legalisierung der Abtreibung, hat viele inspiriert. Denn auch hier steht gerade die Frage der Abtreibung auf der Agenda – Abtreibung ist nicht legal, sondern nur straffrei möglich. Der Rechtsruck der letzten Jahre hat dazu geführt, dass immer mehr Ärzt*innen, die Abtreibungen anbieten, kriminalisiert werden. Damit wird es immer schwerer für uns, tatsächlich abzutreiben. Das hat viele Frauen in Deutschland wütend gemacht.

Kanalisiert die Frauenbewegung die Wut anderer sozialer Sektoren gegen die Krise und den Aufstieg der Rechten?

Ja, das kann sein, auch dass die Bewegung sich durch die inspirierenden Beispiele aus dem Spanischen Staat oder Argentinien verstärkt. Wir merken in Deutschland immer mehr, dass die Krise auch hier ankommt: Das zeigt sich am Aufstieg der rechten Bewegungen, die nicht nur Migrant*innen, sondern alle Frauen angreifen. Wir sehen es an der verschärften Repression von Linken, insbesondere von kurdischen und geflüchteten Aktvist*innen durch die Polizei und den Staat. Und wir erfahren es durch den massiven Anstieg der Prekarisierung, die vor allem uns Frauen betrifft.

Wir Frauen in Deutschland haben nichts davon, dass seit 13 Jahren eine Frau das Land regiert. Merkel und ihre Regierung greifen immer wieder unsere Arbeits- und Lebensbedingungen an, und sie zerstören vor allem die Lebensgrundlage von Frauen auf der ganzen Welt mit Sparprogrammen und Rüstungsexporten. Das zeigt uns die Notwendigkeit, gemeinsam mit Jugendlichen, Arbeiter*innen, Migrant*innen, Geflüchteten… und mit Frauen in aller Welt gemeinsam zu kämpfen. Dass der Frauenstreik international koordiniert und durchgeführt wird, ist deshalb eine wichtige Motivation.

Welche Perspektiven gibt es für die Vorbereitung des „Frauenstreiks“ in Deutschland?

Unsere Herausforderung ist, den Frauenstreik an konkreten Orten zu verankern, vor allem in den Betrieben. Dies wäre wichtig, damit mehr Arbeiterinnen mit ihren eigenen Forderungen diesen Kampf aufnehmen. Denn gerade in den Fabriken, Dienstleistungssektoren, an allen Arbeitskräften gestreikt werden, damit der Streik tatsächlich alles lahmlegt und sich gegen die Allianz von Kapital und Patriarchat richtet. Mt dem Frauen*streik gibt es die Möglichkeit, in die Offensive zu kommen und gerade die Themen anzusprechen, die die Mehrheit von uns Frauen, Armen, Jugendlichen, Migrantinnen tatsächlich betreffen.

Wir, die Frauen von Brot und Rosen, schlagen vor, dass wir die Themen in den Vordergrund stellen, die gerade viele von uns bewegen und zu denen bereits Kämpfe stattfinden. Dazu gehört unter anderem die Frage der Abtreibung, wo wir die Streichung aller Paragraphen, die den Zugang einschränken und Ärzt*innen kriminalisieren, verlangen. Dazu gehört auch die Forderung nach mehr Personal im Krankenhaus und besseren Arbeitsbedingungen für die Pflegerinnen, Reinigerinnen und Hebammen, die in den letzten Jahren hier wichtige Kampagnen und Kämpfe geführt haben.

Außerdem gehört dazu die Frage von Sorgearbeit, und wie in diesem Streik diese „unbezahlte Arbeit“ sichtbar gemacht werden kann, die die Mehrheit von uns arbeitenden Frauen und Hausfrauen durchführt. Durch diese „doppelten Bürde“ erhöhen die Kapitalist*innen ihren Profit. Deshalb muss der Frauen*streik auch Forderungen beispielsweise von kostenfreier 24-stündiger Kinderbetreuung für alle an allen Arbeitsplätzen, bezahlt vom Staat oder den Bossen, aufstellen. Das ist auch für geflüchtete Frauen eine große Notwendigkeit, damit sie in der Lage sind, an Deutschkursen teilzunehmen.

Am heutigen Tag, einen Tag nach dem bundesweiten Treffen, wird der 100. Jahrestag des Frauenwahlrecht in Deutschland gefeiert. Allerdings sind in Deutschland 10 Millionen Menschen vom aktiven und passiven Wahlrecht ausgeschlossen. Die Hälfte davon sind Frauen. Daher sind wir der Meinung, dass wir der Forderung nach Wahlrecht wirklich für alle, die hier leben, mehr Frauen der multiethnischen Arbeiter*innenklasse in unseren Kampf einbeziehen können und auch die Solidarität der Männer, die auch nicht wählen dürfen, erreichen.

Wir betonen die Notwendigkeit, in den Betrieben, Schulen, Unis und Geflüchtetenlagern Komitees aufzubauen. In offenen Versammlungen soll gemeinsam der Streik vorbereitet, die konkreten Probleme diskutiert und alle Entscheidungen abgestimmt werden. Denn so können wir auch die Gewerkschaftsführungen, die zur Zeit nur nett daher reden, aber nicht tatsächlich ihre Mitglieder mobilisieren und zum Streik aufrufen wollen, unter Druck setzen.

Eine andere wichtige Debatte dreht sich darum, ob es ein Streik nur von Frauen oder gemeinsam mit Männern sein soll. Wir glauben, dass es wichtig ist, dass wir uns vornehmen, starke Allianzen mit allen Sektoren der Arbeiter*innenklasse zu schmieden, damit wir tatsächlich die Betriebe, den Transportsektor, die Telekommunikation usw. für die Forderungen der Frauen* lahmlegen können. Wenn unsere Kollegen und die Jugend unseren Frauen*streik aktiv unterstützen, und auch den Sexismus in den Betrieben, Schulen und Universitäten in Frage stellen, können wir diesem patriarchalen System, das mit dem Kapitalismus verbunden ist, einen schweren Schlag zufügen. Ein System, dass die Spaltung durch verschiedene Unterdrückungsformen wie Sexismus und Rassismus schürt, um das System der kapitalistischen Ausbeutung aufrechtzuerhalten.

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