Frauen und LGBTI*

Brot und Rosen gegen 1.000 Kreuze

Abtreibung in Deutschland − noch immer nicht legal und nicht kostenfrei. Als Frauen-Organisation sehen wir es als eine unserer wichtigsten Forderungen heute, dieses grundlegende Selbstbestimmungsrecht für Frauen durchzusetzen. Von Brot und Rosen München.

Brot und Rosen gegen 1.000 Kreuze

Illus­tra­tion: Ravi­o­li

Am 27.10.18 find­et in München ein Gebet­szug mit dem Namen „Tausend-Kreuze-Marsch“ statt, organ­isiert von der soge­nan­nten Lebenss­chut­zor­gan­i­sa­tion „Euro Pro Life“. Diese beste­ht aus Fundamentalist*innen unter­schiedlich­er Kon­fes­sio­nen. Beson­ders in München sind diese sehr aktiv und ver­anstal­ten regelmäßig Gebet­szüge, bei denen große weiße Kreuze für die ange­blich 1000 täglich abgetriebe­nen Embry­onen durch die Stadt getra­gen wer­den. Die Teilnehmer*innen beten für die „Wand­lung der Herzen, damit nie wieder eine Frau so schw­er in Bedräng­nis gerät, dass sie keinen anderen Ausweg sieht, als die Tötung ihres eige­nen Kindes“, sowie für das Kranken­haus­per­son­al, das die Ein­griffe durch­führt. Wie ihrer Web­site zu ent­nehmen ist, basiert ihre Philoso­phie, dass Leben ab dem Moment der Befruch­tung entste­he, auf den wis­senschaftlichen Erken­nt­nis­sen von Dr. Erich Blech­schmidt (1904 — 1992). Dr. Blech­schmidt war Arzt und Mit­glied der NSDAP, unter deren Schirmherrschaft er seine Forschungsergeb­nisse aus Embry­onen von Zwangsab­trei­bun­gen während des NS-Regimes gewann. Seine Prä­parate wer­den bis heute am Anatomis­chen Insti­tut der Uni­ver­sität­sklinik Göt­tin­gen aus­gestellt.

Historische und aktuelle Hintergründe zu Abtreibung und Frauenrechten

Es ist davon auszuge­hen, dass das Wis­sen, eine Schwanger­schaft mith­il­fe von Kräutern (z.B. Frauen­man­tel) zu been­den, seit der Steinzeit beste­ht. Die ersten doku­men­tierten Abtrei­bun­gen lassen sich in das Mit­te­lal­ter einord­nen, als Hebam­men, die Frauen mit ihrem Wis­sen über Abtrei­bun­gen geholfen haben. In der frühen Neuzeit lan­de­ten nicht wenige Hebam­men als Hex­en auf dem Scheit­er­haufen, im 1484 veröf­fentlicht­en Hex­en­ham­mer heißt es sog­ar “Kein­er schadet der katholis­chen Kirche mehr als die Hebam­men.” Bei der Hex­en­ver­fol­gung hat die Kirche in vie­len Regio­nen eine tra­gende Rolle gespielt. Frauen, die sich gegen ihre Fähigkeit zu gebären entschei­den – ungeachtet der Tat­sache, wodurch die Schwanger­schaft entste­ht oder in welchen Leben­sum­stän­den sich die Frauen und gebär­fähi­gen Men­schen befind­en – wur­den immer von der Kirche zum Feind­bild erk­lärt. In Deutsch­land wur­den die Forderun­gen von Frauen-Bewe­gun­gen, Schwanger­schaftsab­brüche zu legal­isieren, das erste Mal 1920 von der USPD aufgenom­men. Während die SPD nur für eine Strafaufhe­bung plädierte, set­zte sich die KPD in den fol­gen­den Jahren mehrmals für eine Stre­ichung der §§218 und 219 ein. Erre­icht wur­den leichte Strafmilderun­gen.

Unter dem NS-Regime ver­schärften sich 1933 die Geset­ze, indem nun auch das „Wer­ben“ für Abtrei­bun­gen krim­i­nal­isiert wurde und die Strafen für „Täter*innen“ und Dritte maßge­blich erhöht wur­den. Eben­so wurde die Anzeigepflicht von Abtrei­bun­gen für medi­zinis­ches Per­son­al einge­führt. Seit 1995 ist Schwanger­schaftsab­bruch in Deutsch­land zwar unter bes­timmten Umstän­den straf­frei, aber nie legal. Es gibt strenge Voraus­set­zun­gen für die Straf­frei­heit, wie beispiel­sweise die nicht evi­denzbasierte Fes­tle­gung der 14. Schwanger­schaftswoche (12 Wochen embry­onales Alter) als Gren­ze und eine nicht geringe Kosten­be­las­tung für die Frauen. Ärzt*innen, die Schwanger­schaftsab­brüche durch­führen, dür­fen auf ihrer Web­site nicht über den Ein­griff aufk­lären, was es für Frauen sehr schwierig macht, selb­st­bes­timmt zu entschei­den.

Weltweit ist fast die Hälfte der jährlich 56 Mil­lio­nen durchge­führten Schwanger­schaftsab­brüche ille­gal und dadurch häu­fig unsich­er oder tödlich. Davon sind vor allem Frauen in Afri­ka, Lateinameri­ka und Asien betrof­fen. Allerd­ings ist die Daten­lage prob­lema­tisch und die Dunkelz­if­fer der ille­gal­isierten Abbrüche ver­mut­lich höher.

Frauen kämpfen gegen Unterdrückung!

In Bay­ern beobacht­en wir in der Zusam­menset­zung des neuen Land­tages eine Fort­set­zung rechter Hege­monie, die unsere Frauen­rechte angreifen und unsere Kämpfe zu unter­drück­en ver­suchen wird. Um uns von dieser Unter­drück­ung und Fremdbes­tim­mung zu befreien, müssen wir uns als Frauen organ­isieren, gemein­sam auf die Straße gehen und gegen den Recht­sruck, die Ein­mis­chung der Kirche in unsere Kör­p­er und Leben sowie – in Deutsch­land – für die Abschaf­fung der §§218, 219 kämpfen.

Die Frauenkämpfe weltweit inspiri­eren uns, beson­ders unsere Genoss*innen von Pan y Rosas in Argen­tinien, die gemein­sam als sozial­is­tis­ch­er Teil inner­halb von „Ni una Menos“ Mil­lio­nen Frauen für die Legal­isierung von Abtrei­bung mobil­isieren.

Um als Frauen und gebär­fähige Men­schen selb­st­bes­timmt über unsere Kör­p­er entschei­den zu kön­nen, fordern wir Aufk­lärung, damit wir informiert sind, kosten­lose Ver­hü­tungsmit­tel, damit wir nicht abtreiben müssen, kosten­lose, legale, sichere Abtrei­bung, damit wir nicht ster­ben! Deshalb rufen wir dazu auf, sich unser­er Gegen­demon­stra­tion gegen den „Tausend-Kreuze-Marsch“ in München am 27.10.18 um 14 Uhr auf dem Wit­tels­bach­er Platz anzuschließen.

Dieser Beitrag erscheint am 26. Okto­ber in der zweit­en Aus­gabe der Zeitung marx­is­tis­che jugend, erhältlich in München (maju­muc [at] gmail.com).

Die sozial­is­tis­che Frauen­grup­pierung Brot und Rosen München erre­icht ihr unter www.instagram.com/brotundrosen.muc/ und brotundrosen.muc [at] gmail.com

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