Frauen und LGBTI*

„Beförderung gibt’s nur gegen sexuelle Gefälligkeiten“ – die unerträgliche Alltäglichkeit sexualisierter Gewalt am Arbeitsplatz

Die Wochenzeitung ZEIT hat Aussagen von Frauen gesammelt, die die tiefe Verwurzelung von Sexismus in der Arbeitswelt aufzeigen – eine der notorischsten Ausprägungen patriarchaler Gewalt im Kapitalismus. Ein Kommentar von Lilly Schön.

„Beförderung gibt’s nur gegen sexuelle Gefälligkeiten“ – die unerträgliche Alltäglichkeit sexualisierter Gewalt am Arbeitsplatz

Die Befra­gung der ZEIT über Sex­is­mus am Arbeit­splatz, die ver­gan­gene Woche erschien, ist empörend, doch zugle­ich keineswegs über­raschend. Im Gegen­teil: Das Schock­ierend­ste an den ein­gere­icht­en Zitat­en ist ger­ade ihre unerträgliche Alltäglichkeit – sex­u­al­isierte Beläs­ti­gung, Über­griffe, Diskri­m­inierung und Mob­bing beson­ders von Müt­tern und Schwan­geren, Lohndiskri­m­inierung und fehlende Auf­stiegschan­cen.

Die Schilderun­gen zeigen auf, dass die Struk­turen des Arbeits­mark­ts sex­is­tis­che Ver­hält­nisse fes­ti­gen und legit­imieren. Denn trotz aller Beteuerun­gen der Unternehmen, die von Geschlechter- und Chan­cen­gerechtigkeit reden und sich als fortschrit­tlich und offen darstellen, speist sich der immer prekär­er wer­dende Arbeits­markt des 21. Jahrhun­derts weit­er­hin aus patri­ar­chalen Ver­hält­nis­sen (und umgekehrt). Da sind die befris­teten Verträge, die es erlauben, all jene loszuw­er­den, die sich auflehnen oder die auf­grund von Sorgev­erpflich­tun­gen nun nicht mehr max­i­mal ver­füg­bar zu sein scheinen. Da sind die wenig trans­par­enten Lohn­struk­turen, die erzwun­gene Teilzeitar­beit, die als legit­imiertes Abstell­gleis benutzt wird, die Ange­bote eines „ver­gle­ich­baren“ Jobs am anderen Ende des Lan­des. Da ist auch die (ver­meintliche) All­macht der Bosse, gestützt durch eben jene Struk­turen, die sich in sex­u­al­isierten Kom­mentaren bis sex­ueller Erpres­sung aus­drückt. Da ist die Abw­er­tung und Unmöglich­machung all jen­er Auf­gaben, die außer­halb der Betriebe in den Mil­lio­nen Pri­vathaushal­ten von Frauen erledigt wer­den. Doch ger­ade sie bilden die Grund­lage dafür, dass die Chefs weit­er­hin Gewinne machen und fest in ihren Ses­seln sitzen, aus denen her­aus sie ihre weib­lichen Mitar­bei­t­erin­nen ter­ror­isieren.

Einige der Aus­sagen, die bei der ZEIT-Redak­tion einge­gan­gen sind

Die über 1300 ein­gere­icht­en Zitate zeigen einen tiefen Wider­spruch auf: Ein­er­seits wur­den in den ver­gan­genen Jahrzehn­ten immer mehr Frauen in die Erwerb­sar­beit inte­gri­ert. Das war dur­chaus auch im Sinne eines Fem­i­nis­mus, der sich gegen ihre Isolierung und Abhängigkeit in der Posi­tion der Haus­frau auflehnte, aber auch im Sinne der Unternehmen, die nun mehr Arbeiter*innen zu Ver­fü­gung hat­ten und ger­ade den Frauen nur niedrigere Löhne dafür zahlen müssen. Doch zugle­ich gibt es in der kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaft keine Lösung dafür, wie die Auf­gaben, die früher von Haus­frauen in Pri­vathaushal­ten ver­richtet wur­den, heute anders organ­isiert wer­den kön­nen. Das Ergeb­nis: erzwun­gene Teilzeit, Stress, Erschöp­fung und krasse Diskri­m­inierung von Schwan­geren und Müt­tern, auf deren Rück­en dieser Wider­spruch aus­ge­tra­gen wird.

Die Gewinne der Unternehmen basieren darauf, dass jeden Tag Mil­lio­nen von Men­schen wieder ihrer Arbeit nachge­hen kön­nen und immer neue, junge Gen­er­a­tio­nen als Nach­schub zur Ver­fü­gung ste­hen. Ermöglicht wird das durch Mil­lio­nen von Stun­den Arbeit des Kochens und Putzens in Pri­vathaushal­ten – doch diejeni­gen, die genau diese Arbeit ver­richt­en, wer­den dafür von eben jenen Nutznießern bestraft.

Ins­ge­samt zeigen diese Zeug­nisse einen Kon­text von vergeschlechtlichter, patri­achaler Gewalt auf, der tief im Kap­i­tal­is­mus ver­ankert ist. Einige der Gewalt­for­men sind ver­steckt und struk­turell, wie die Gewalt der Lohndiskri­m­inierung, legit­imiert durch die Gewalt ein­er geschlechtlicht­en Arbeit­steilung. Um nur ein paar Beispiele zu nen­nen: Schon die jüng­ste der Frauen, die ihre Schilderun­gen bei der ZEIT ein­gere­icht haben, muss putzen, während ihr Kol­lege Büroar­beit­en erledigt. Ins Uner­messliche steigert sich die struk­turelle Gewalt, sobald eine Schwanger­schaft bekan­nt wird und das erste Kind geboren wird. Und dies unab­hängig von der tat­säch­lichen Auf­gaben­teilung unter Eltern, allein auf­grund der gesellschaftlich ver­ankerten Zuord­nung von Frauen zur repro­duk­tiv­en Sphäre. Denn diese Zuord­nung ist, wie eben geschildert, von fun­da­men­taler Bedeu­tung für die Funk­tion­sweise des gesamten Sys­tems und muss deshalb um jeden Preis aufrechter­hal­ten wer­den.

Andere For­men der Gewalt sind weniger ver­steckt: Die sex­u­al­isierten Kom­mentare und „Witze“, die sich – ein­mal nor­mal­isiert – in Über­griffe steigern. Aber auch die Arbeits­be­din­gun­gen selb­st gehören dazu – denn es sei daran erin­nert, wie viele der „typ­is­chen Frauen­jobs“ mit einem krassen Ver­schleiß des Kör­pers selb­st ein­herge­hen. So berichteten zulet­zt die Reinigerin­nen Dora und Galy­na an der Alice Salomon Hochschule von ihren Arbeits­be­din­gun­gen und beschrieben, wie ihre gesamte Gesund­heit durch den Stress und die harte Arbeit ruiniert wird.

Doch die geschilderten Erleb­nisse weisen noch auf etwas anderes hin: So wie die Diskri­m­inierung und Gewalt all­ge­gen­wär­tig sind, so wenig kön­nen wir darauf hof­fen, dass „etwas net­tere Chefs“ oder „tol­er­an­tere Unternehmen“ uns von ihnen befreien. Das müssen wir schon selb­st tun – indem wir uns gegen diese Ver­hält­nisse organ­isieren: unter den Betrof­fe­nen am Arbeit­splatz, in unseren Gew­erkschaften, auf der Straße wie die Frauen im Spanis­chen Staat, die am 8. März dieses Jahres zu Hun­dert­tausenden gegen machis­tis­che Gewalt gestreikt haben. Wir müssen unseren Bossen zeigen, dass wir – alle gemein­sam, auch mit sol­i­darischen männlichen Kol­le­gen – diese Ver­hält­nisse nicht länger hin­nehmen. Denn in der Alltäglichkeit der Gewalt liegt auch der Keim der Alltäglichkeit des Wider­stands.

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