Hintergründe

Von der Belästigung zum Frauenmord: Die Kette der Gewalt

#MeToo machte erneut das ganze Ausmaß der Gewalt an Frauen sichtbar. Diese Gewalt hat System: Es handelt sich um eine ganze Kette der Gewalt, die mit "harmlosen", herabsetzenden Sprüchen anfängt und mit Morden endet. Das dient der Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems.

Von der Belästigung zum Frauenmord: Die Kette der Gewalt

Alle 26 Stun­den wird in Deutsch­land eine Frau von ihrem Part­ner oder Ex-Part­ner getötet. Alle drei Minuten wird eine Frau verge­waltigt. Dies sind erschreck­ende Zahlen, die ein­mal mehr die Gewalt­tätigkeit dieser Gesellschaft aufzeigen. Wie kann irgend­je­mand angesichts dieser Sta­tis­tiken behaupten, wir lebten in ein­er Welt ohne Fraue­nun­ter­drück­ung?

Die Gewalt, die tagtäglich an Frauen verübt wird, ist eine Kraft, die aus der Funk­tion­sweise dieser Gesellschaft resul­tiert – und gle­ichzeit­ig die Weit­erex­is­tenz dieser Gesellschaft garantieren soll. Der Fem­izid – d.h. der Mord an Frauen, weil sie Frauen sind – ist dabei die äußer­ste Aus­drucks­form eines Sex­is­mus, der tief in den gesellschaftlichen Ver­hält­nis­sen ver­wurzelt ist.

Warum sagen wir, dass Frauen ermordet wer­den, weil sie Frauen sind? Allein die Zahlen sprechen eine deut­liche Sprache: Laut der Sta­tis­tik des Bun­deskrim­i­nalamts aus dem Jahr 2016 wur­den 158 Frauen von ihren Part­nern ermordet – und 15 Män­ner von ihren Part­ner­in­nen. Auch wenn die Gewalt, die Män­ner erleben, verurteilenswert und furcht­bar ist, nimmt sie nie ver­gle­ich­bare Aus­maße an. Denn ihr liegen nicht die sel­ben struk­turellen Bedin­gun­gen zugrunde, die Frauen ökonomisch abhängig machen und ihnen bes­timmte ver­let­zliche Posi­tio­nen in der Fam­i­lie zuord­nen. Gewalt in der Fam­i­lie ist also klar geschlechts­be­d­ingt.

Über­schriften von “Fam­i­lien­dra­ma” und “Mord aus Lei­den­schaft”, oder der harm­los klin­gende Begriff “häus­liche Gewalt”, wollen uns weis­machen, dass es sich um tragis­che Einzelfälle han­delt, ja dass vielle­icht das Opfer sog­ar eine Mitschuld trug. Klingt Häus­lichkeit nicht immer auch nach Gemütlichkeit und Rück­zug? Dabei han­delt es sich um ein zutief­st poli­tis­ches, struk­turelles Phänomen.

Denn diese Gewalt an Frauen hat ein Ziel: Sie soll den Sta­tus quo erhal­ten. Sie ist struk­turell, weil sie aus den etablierten sozio-kul­turellen Nor­men entspringt, die bes­tim­men, wie Frauen sich ver­hal­ten soll­ten. Sie wird als “legit­ime Bestra­fung” für diejeni­gen insti­tu­tion­al­isiert, die sich diesen patri­ar­chalen Vor­gaben nicht unter­w­er­fen. Denn auch wenn die Gewalt, wenn sie eine bes­timmte Gren­ze über­schre­it­et, juris­tisch ver­fol­gt wird, bleibt doch beispiel­sweise das Ver­ständ­nis für den “Frust” des Mannes, der “seine” Frau ver­liert oder ein­fach die Kon­trolle über sich selb­st. Die Män­ner, die das patri­ar­chale Man­dat ausüben, haben, wenn sie nicht über die Stränge schla­gen, Ver­ständ­nis zu erwarten.

Sexismus und Rassismus

Dabei wird in Deutsch­land nur weißen, deutschen Män­nern die Ausübung dieses Man­dats zuge­s­tanden – alle anderen wer­den dafür hart bestraft und als “Gruppe der Täter” typ­i­fiziert. Dies hat den Zweck, ger­ade die Gewalt einiger weißer Män­ner möglich zu machen, indem sie ver­steckt wird. Der Mythos der mod­er­nen, gewalt­freien Gesellschaft wird so aufrecht erhal­ten.

Doch die Gewalt find­en wir nicht nur im Frauen­mord. Er ist nur das let­zte Glied in ein­er Kette der Gewalt, die aus dem Lächer­lich­machen, dem Ver­dacht und der Kon­trolle, der Ein­schüchterung, der Verurteilung der Sex­u­al­ität und der Ver­hal­tensweisen, die sich nicht der het­ero­sex­uellen Norm anpassen, beste­ht. Eine Kette der Gewalt, die sich in der Abw­er­tung der Kör­p­er, die nicht den klas­sis­chen Schön­heitsmod­ellen entsprechen, zeigt, eben­so wie im Abtrei­bungsver­bot durch den Staat, der Verge­wal­ti­gung, dem sex­u­al­isierten Miss­brauch und den Schlä­gen. Sie beste­ht aber auch aus der Gewalt durch die Kapitalist*innen: durch die Prekarisierung, durch das Out­sourc­ing, durch die dop­pelte Bürde in Lohnar­beit und Haushalt und durch die Arbeit­skrankheit­en. Die Gewalt wird aus­geübt von den Kapitalist*innen und ihrem Staat, aber auch von Män­nern, die sich in diesem Moment zu Agen­ten des Kap­i­tals in unseren Rei­hen machen.

Wir reden von ein­er Kette der Gewalt, weil diese Arten der Gewalt miteinan­der ver­bun­den sind, sich gegen­seit­ig ermöglichen und stützen und in der Sub­jek­tiv­ität der Frauen miteinan­der in Verbindung ste­hen und einen Zusam­men­hang der Unter­drück­ung bilden.

Sie sind teils direk­tes Resul­tat der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­sweise und sein­er Arbeit­sor­gan­i­sa­tion, teils Resul­tat ein­er sex­is­tis­chen Ide­olo­gie, die sich auf der materiellen Basis des Kap­i­tal­is­mus und sein­er Aufteilung der Men­schen in Män­ner und Frauen als Aus­druck von Träger*innen ver­schieden­er Arbeits­funk­tio­nen und For­men der Aus­beu­tung entwick­elt.

Gewalt an Frauen ist also kein bloßes Überbleib­sel ein­er fer­nen feu­dalen Ver­gan­gen­heit, son­dern ein Mech­a­nis­mus, der im kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tem ein konkrete Form annimmt und in der Aufrechter­hal­tung des Sta­tus quo einen konkreten Zweck erfüllt.

Kapitalismus und Sexismus

Marx und Engels haben aufgezeigt, wie das kap­i­tal­is­tis­che Fab­riksys­tem Frauen ein­er in dieser Form neuen bru­tal­en Form der Aus­beu­tung unter­wor­fen hat. Noch viel mehr gilt das für das Sys­tem der Sklaverei, eben­so Teil des kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tems. Fem­i­nistin­nen haben immer wieder auch auf andere For­men der Gewalt in der Entste­hung des Kap­i­tal­is­mus hingewiesen: neben dem Kolo­nial­sys­tem auch der Auss­chluss der Frauen aus der den Leben­sun­ter­halt deck­enden Lohnar­beit. Auch die Hex­en­ver­fol­gung gehörte zu den Grund­steinen des kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tems.

Das alles hat die Tren­nung ein­er pro­duk­tiv­en von ein­er repro­duk­tiv­en Sphäre zum Ziel. Der let­zteren wur­den Frauen zuge­ord­net – was nicht heißt, dass sie nicht auch noch für einen Lohn arbeit­eten, son­dern dass der Haushalt nun ide­ol­o­gisch der ihnen zugeschriebene Platz wurde. Dort soll­ten sie unbezahlt die kom­mende Gen­er­a­tion von Arbeiter*innen „pro­duzieren“ und die jet­zige wieder­her­stellen – etwas, was sie nur durch mas­siv­en Zwang tat­en. Ein weit­ere Effekt – eben­so wie eine Bedin­gung – dieser Aufteilung war die Möglichkeit, den Frauen für ihre Lohnar­beit nur geringe Löhne zu zahlen – denn dies war ja nicht ihre „wahre“ Bes­tim­mung.

Diese his­torisch gewach­sene Form der Aus­beu­tung weib­lich­er Arbeit gilt bis heute und wird wie beschrieben aufrecht erhal­ten, not­falls eben mit Gewalt. Denn auch heute noch hat das Kap­i­tal ein Inter­esse daran, Frauen als die schlecht oder unbezahlten Pro­duzentin­nen von Arbeit­skraft zu erhal­ten, und gewalt­för­mig diese Rollen in ihre Kör­p­er einzuschreiben.

Dazu kommt den Ein­fluss, den Gewalt auf die Sub­jek­tiv­ität von Frauen hat. Die argen­tinis­che Sozial­istin Andrea D’Atri schreibt dazu:

Jedes Mal, wenn eine Frau verge­waltigt, geschla­gen oder ermordet wird, ler­nen Mil­lio­nen Frauen, die über­lebt haben, eine Lek­tion, die – unmerk­lich – ihre Sub­jek­tiv­ität formt. Auch wenn in den Nachricht­en der Frauen­mord die Namen und Gesichter von ein­er einzel­nen Frau und einem einzel­nen Mann trägt, han­delt es sich deshalb auch um ein Zah­n­rad in ein­er riesi­gen Mas­chine der Gewalt gegen Frauen, deren Ziel nicht nur der Tod der Opfer ist, son­dern die Diszi­plin­ierung der Kör­p­er, der Begehren und des Ver­hal­tens der Über­leben­den.

Es geht also darum, die Sub­jek­tiv­ität von Frauen auf eine bes­timmte Art und Weise zu for­men, die nüt­zlich für das Kap­i­tal ist. Es zielt darauf ab, unsere Klasse, die Klasse der Aus­ge­beuteten, zu spal­ten, uns Frauen zu pas­sivieren und die Über­aus­beu­tung weib­lich­er Arbeit, eben­so die unbezahlte wie die bezahlte, weit­er zu ermöglichen.

Kapitalismus und Gewalt

Dabei erleben zwar Frauen aller Klassen Gewalt, sie ist aber in ihrer Ziel­rich­tung let­ztlich auf die Kon­trolle der Frauen der Arbeiter*innenklasse gerichtet, denn ger­ade ihre Kör­p­er sollen der kap­i­tal­is­tis­chen Kon­trolle unter­wor­fen wer­den. Und auch hier beste­hen Unter­schiede: So erleben nicht-weiße Frauen weitaus mehr Gewalt – im All­t­ag, bei der Arbeit, durch Geset­ze, durch impe­ri­al­is­tis­che Inter­ven­tio­nen – während weiße Frauen diese Gewalt teil­weise mit ausüben. Auch Frauen wer­den so weit­er untere­inan­der ges­pal­ten.

Deshalb nimmt der Kampf gegen Gewalt eine beson­dere Rolle ein: Im Kampf gegen Gewalt kön­nen diese Spal­tun­gen über­wun­den wer­den, indem sie poli­tisiert wer­den. Und auch die Pas­sivierung wird über­wun­den, indem Frauen einen neuen Sub­jek­t­sta­tus für sich erobern. Es ist kein Zufall, dass der Kampf gegen Gewalt an Frauen ein­er der zen­tralen Mobil­isierungsmo­mente der zweit­en Welle der Frauen­be­we­gung war (in Deutsch­land unter dem Topos der “geschla­gene Frauen”) und heute wieder ist, angesichts der „Ni Una Menos“-Bewegung in Lateinameri­ka, aber auch in Europa und den Vere­inigten Staat­en.

Wir kön­nen damit auch aufzeigen, dass die Gle­ich­berech­ti­gung, von der viele denken, sie sei in Deutsch­land erre­icht, weit ent­fer­nt ist – und dass der Mythos ein­er gewalt­freien Gesellschaft eben­so ein Mythos ist. Die radikale Fem­i­nistin Maria Mies sagte in den 80er Jahren dazu:

Durch die Konzen­tra­tion auf männliche Gewalt gegen Frauen, die in der Verge­wal­ti­gung an die Ober­fläche kommt, und durch den Ver­such, dies zu einem öffentlichen The­ma zu machen, haben Fem­i­nistin­nen unge­wollt eines der Tabus der zivil­isierten Gesellschaft berührt, näm­lich, dass sie eine “friedliche Gesellschaft” sei. Obwohl die meis­ten Frauen vor allem mit der Hil­fe für die Opfer oder mit der Her­beiführung geset­zlich­er Refor­men beschäftigt waren, hat schon die Tat­sache, dass Verge­wal­ti­gung jet­zt zu einem öffentlichen The­ma wurde, dazu beige­tra­gen, den Schleier von der Fas­sade der soge­nan­nten zivil­isierten Gesellschaft zu reis­sen und ihre ver­steck­ten, bru­tal­en und gewalt­täti­gen Fun­da­mente blosszule­gen.

Wenn wir gegen Gewalt an Frauen kämpfen, dann zeigen wir außer­dem auf, dass fem­i­nis­tis­che Errun­gen­schaften im Kap­i­tal­is­mus immer nur begren­zt sein kön­nen, weil sie die Grund­lage der Gewalt nicht in Frage stellen. Ger­ade in Momenten der Krise zeigt sich, dass Fortschritte in diesem Sys­tem immer in Frage ste­hen. So stieg beispiel­sweise die Zahl der Frauen­morde nach der Wirtschaft­skrise im Spanis­chen Staat und in vie­len anderen Län­dern mas­siv an. Wir kön­nen die Rolle des Kap­i­tals und des Staates, die hin­ter der Gewalt steck­en, aufzeigen.

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