Brot und Rosen

Sexualaufklärung im Kapitalismus

Aufklärung im Kapitalismus dient nicht der freien Entfaltung, sondern der Aufrechterhaltung kapitalistischer Normen.

Sexualaufklärung im Kapitalismus

Erst letztens ging eine Abbildung viral, das den Querschnitt einer Schwarzen schwangeren Frau und eines schwarzen Fötus zeigt. Die Reaktionen waren begeistert und empört zugleich, weil es das erste Mal überhaupt war, dass viele eine medizinische Zeichnung von einer Schwarzen Person gesehen hatten.

Neben Büchern, Filmen und Serien ist die Repräsentation von Schwarzen Menschen gerade in der Wissenschaft und Pädagogik entscheidend, um den Data Gap – fehlende Datenerhebungen – zu schließen, das reelle Folgen für die Gesundheit von BIPOCs (Black, Indigenous and People of Color) hat.

 

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Die Schule als Ort der Aufklärung und für die meisten Schüler:innen auch des ersten Berührungspunktes zu Wissenschaft sollte ein vollständiges und unverzerrtes Bild der Realität vermitteln. Nur so kann wirkliche Aufklärung gelingen.

Schulen suggerieren sonst ein einheitliches Bild von Geschlecht, Sexualität und sogar Körpern, das nichts mit der eigentlichen Realität zu tun hat.

Unterricht beschränkt sich auf Fortpflanzung

Neben einem einheitlichen Bild von Körpern in Schulbüchern ist der Unterricht größtenteils auf Fortpflanzung ausgerichtet. Der Berliner Lehrplan in Biologie greift das Thema wie folgt auf:

Sich fortzupflanzen und die eigenen Gene an die nächste Generation weiterzugeben, ist, evolutionsbiologisch betrachtet, das Ziel aller Lebewesen. Beim Menschen ist die Sexualität im Gegensatz zu fast allen anderen Tieren kein reines Instinktverhalten.

Das Zitat zeigt den Rahmen, in dem Sexualaufklärung für Schüler:innen stattfindet – nicht nur in Berlin, sondern bundesweit.

Die Schülerinnen und Schüler beschreiben die Entwicklung des Kindes im Mutterleib bis zur Geburt und verstehen die besondere Bedeutung der Fürsorge für das ungeborene Leben.

Sogar Sätze wie dieser finden sich im Lehrplan in Baden-Württemberg. Hier wird das Framing von Abtreibungsgegner:innen übernommen. In Bayern gibt es sogar einen Anti-Abtreibungstag in Schulen. Wirkliche Aufklärung und das Bestärken junger Menschen frei über den eigenen Körper entscheiden zu können? Fehlanzeige.

Schule im Kapitalismus

Wir alle kennen die Macken der Sexualaufklärung noch aus unserer Schulzeit, wenn wir überhaupt welche hatten. Die Lehrbücher beschränken Sexualität auf rein biologischen Aspekte, also größtenteils auf Fortpflanzung. Eine facettenreiche Darstellung von Sexualität, die zum Beispiel Homo-, Bi- oder Asexualität, inkludiert, findet nur selten ihren Weg in den Unterricht. Auch über Themen wie Verantwortung, Gefühle oder Spaß wird eigentlich nicht geredet. Doch warum eigentlich nicht?

Die klare Rollenverteilung in der Gesellschaft wird auch in der Sexualaufklärung von Lehrplänen und Lehrpersonal aufgegriffen, reproduziert und verfestigt. So bleibt die Verantwortung der Reproduktion vor allem bei der Frau. Das ist der Status quo, der sich trotz emanzipatorischer Fortschritte bis heute im Kern nicht geändert hat. Männer sollen Spaß haben und Frauen Kinder kriegen.

Die Rolle der geschlechterspezifischen Reproduktion wird in den Schulen gar nicht kritisch betrachtet, ganz im Gegenteil. Schließlich baut die jetzige Gesellschaft und ihre Institutionen, also auch die Schulen, auf genau jene unbezahlte Arbeit. Reproduktionsarbeit findet nicht nur in Form von Care-Arbeit statt, sondern eben auch bei der Fortpflanzung, die neue Arbeitskräfte schafft.

Also kurz gesagt: Die Schule dient nicht der Charakterbildung der Schüler:innen, sondern der Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Verhältnisse, die auf die geschlechtliche Rollenverteilung sowie anderen Diskriminierungsformen angewiesen sind. Reproduktionsarbeit wird ins Private, also in die Familie, verschoben. Diese wird durch heterosexuelle und monogame Normen aufrechterhalten. Daher wundert es nicht, dass im Unterricht queerer Sex und queere Beziehungen selten bis gar nicht Thema sind.

Eine Sexualaufklärung zur freien Entfaltung

Lerninhalte, nicht nur bei der Sexualaufklärung, sollten sich auch an den Interessen und Bedürfnissen der Schüler:innen ausrichten. Lehrinhalte sollten nicht vorrangig dem Zweck dienen, uns zu gehorsamen Arbeitskräften auszubilden. Um eine zielgerichtete Bildung zu schaffen, braucht es die Kontrolle der Lernenden und Lehrenden und keine Lehrpläne von oben. Die Lehrinhalte sollten von uns mitbestimmt und nicht ausschließlich von bürgerlichen Bildungsministerien vorgegeben werden.

Wirkliche Aufklärung muss ein Verständnis über geschlechtliche Identität, den Geschlechtsausdruck und Sexualität vermitteln, um eine Einordnung über gesellschaftliche Normen hinweg zu ermöglichen. Schließlich gilt auch für unsere Sexualität: Das Persönliche ist politisch. Aus feministischer Perspektive muss über gesellschaftliche Strukturen und Denkmuster kontextuell aufgeklärt werden. Im Vordergrund sollte die freie Entscheidung über den eigenen Körper stehen.

Um das zu gewährleisten, braucht es eine anständige Wissensvermittlung, zu der natürlich die Abbildung aller möglichen Körper gehört und die Lebensrealität aller Schüler:innen, egal ob intersexuell oder von Rassismus betroffen. Dafür braucht es offensichtlich auch wissenschaftlich korrekte anatomische Darstellung von Körperteilen, wie zum Beispiel der Klitoris, was bis heute nicht Alltag an deutschen Schulen ist.

Zur Ausleben freier Sexualität gehört vor allem Wissen über Konsens. Das bedeutet, die eigenen Bedürfnisse zu kennen und kommunizieren zu können, sowie die der anderen zu berücksichtigen und deren Grenzen zu respektieren. Eine konsequente Sexualerziehung befasst sich nicht nur mit sexualisierter Gewalt, sondern vermittelt auch, wie sexuelles Vergnügen gestaltet werden kann. Damit kann dem vorherrschenden Bild von Sex zur reinen Fortpflanzung, wie im Unterricht, oder als Ware, wie in der Sexindustrie, entgegengewirkt werden.

Für die Entfaltung einer freien Sexualität muss die Entscheidung über den Körper an erster Stelle stehen. Häufig genug denken gebärfähige Menschen, dass Verhütung allein ihre Aufgabe sei und praktisch ist dies auch meistens so. Die Kosten für Verhütung sind gerade für Schüler:innen, Azubis oder Studierende im Vergleich zu ihrem Einkommen sehr hoch. Damit junge Menschen und vor allem junge Frauen sicheren Sex haben können, ist es notwendig, dass Verhütung kostenlos und niedrigschwellig zur Verfügung gestellt wird.

Darüber hinaus ist die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen längst überfällig. Die kürzlich beschlossenen strengeren Gesetze in den USA und Polen zeigen, dass erkämpfte Rechte immer wieder angegriffen werden. Das bedeutet eine enorme Belastung der psychischen und physischen Gesundheit von allen, die unter den Abtreibungsverboten leiden. Zugängliche und kostenlose Verhütung, sowie Möglichkeiten zum Schwangerschaftsabbruch sind überhaupt erst die Grundlage für eine freie Entscheidung über den eigenen Körper und damit für eine freie Sexualität.

Kinder werden schon sehr früh mit herkömmlichen Normen konfrontiert, die dem klassischen Familienmodell entsprechen. Schule soll auch alle anderem Lebensrealitäten normalisieren, schon allein, weil viele Kinder auch nicht in diesem klassischen Familienmodell aufwachsen. Kinder und Jugendliche setzen sich gerade in der Schulzeit mit der eigenen Sexualität und Identität auseinander. Umso wichtiger ist eine verständnisvolle, vorurteilsfreie Sexualaufklärung von gut ausgebildetem Personal. Das lässt sich nur mit einem voll ausfinanzierten Bildungssystem stemmen, in einer Gesellschaft, die nicht auf Profiten und Diskriminierung aufbaut. Denn wir wünschen uns, dass sich Kinder und Jugendliche frei von Schubladendenken, Diskriminierung und Gewalt entfalten und ausleben können.

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