Am Beispiel Angela Davis

26.01.2017, Lesezeit 10 Min.
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Angela Davis war eine der herausragenden Figuren der Schwarzen Befreiungsbewegung, Kommunistin und ist bis heute eine der prominentesten Figuren der US-Linken. Heute wird sie 73 Jahre alt.

Nie wieder solle Angela Davis, diese Kommunistin, diese Unruhestifterin, an einer Universität in Kalifornien lehren. Dessen war sich 1970 der damalige Gouverneur Ronald Reagan sicher, als sie als radikale Dozentin an der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA) zum ersten Mal überregionale Aufmerksamkeit erregte. Doch ihre politische Biographie beginnt schon vorher.

Geboren wurde Angela Yvonne Davis 1944 als eines von vier Kindern einer Familie des afroamerikanischen Kleinbürgertums in Birmingham, Alabama. Trotz des verhältnismäßigen Wohlstandes ihrer Eltern war sie schon in frühester Kindheit mit dem brutalen Rassismus des US-amerikanischen Südens konfrontiert. Das Haus ihrer Familie befand sich in einer Wohnsiedlung, die wegen zahlreicher rassistisch motivierter Bombenanschläge „Dynamite Hill“ genannt wurde. Schon in ihrer früheren Kindheit zählten Mitglieder der US-amerikanischen KP zu den Gästen ihrer Eltern. Politisch kam sie aber zum ersten Mal während ihrer Zeit an einer privaten High-School – ein Stipendium ermöglichte ihr den Besuch – in New York mit dem Kommunismus in der stramm stalinistischen Ausprägung der CPUSA in Kontakt. Dort wurde sie in der CPUSA-nahen Jugendgruppe „Advance“ aktiv. Wie so vielen jungen Kommunist*innen öffnete auch ihr die Lektüre des Kommunistischen Manifests die Augen. Später suchte sie als Studentin an der Brandeis-Universität den Kontakt zu Herbert Marcuse, der dort Philosophie lehrte. Auf sein Anraten verbrachte Davis zwei Jahre in Frankfurt am Main und studierte von 1966 bis 1967 Literatur, Philosophie und Soziologie, unter anderem bei Adorno, Habermas und Negt. Sie wurde beim Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) aktiv, fühlte sich aber vom aufflammenden Schwarzen Befreiungskampf in den USA isoliert.

1968 machte sich Davis – inzwischen Studentin an der Universität von Kalifornien, San Diego (UCSD) – nach Tätigkeit in diversen loseren Kollektiven auf die Suche nach einer festen Organisierung. Als Marxistin seien für sie nur zwei Gruppen übrig geblieben: Die CPUSA und die Black Panther Political Party (welche nicht identisch mit Huey Newtons und Bobby Seales Black Panther Party for Self-Defense war und nach Namensstreitigkeiten als Sektion des landesweiten Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) auftrat). Das L.A. SNCC zerfiel trotz beachtenswerter Erfolge der Organisierung bereits nach wenigen Monaten, weil die landesweite Führung nicht mehr mit Kommunist*innen in Verbindung gebracht werden wollte. Davis entschied sich nach einer erneuten Lektüre von Lenins „Was tun?“ zum Eintritt in die CPUSA und deren Schwarzer Zelle in Los Angeles, den Ché-Lumumba-Club. Kurz war sie parallel in der Black Panther Party (BPP) aktiv, verließ diese Organisation aber, nachdem in einer Säuberung von Polizeispitzeln auch ein Mitglied der CPUSA unter Druck geraten war.

Seit 1969 arbeitete Davis begleitet von einer antikommunistischen Schmutzkampagne als Dozentin für Philosophie an der Universität von Kalifornien in Los Angeles. Ihr Vertrag wurde nicht verlängert – trotz der vollen Seminarräume und des großen Zuspruchs ihrer Student*innen und Kolleg*innen. Davis beschrieb den Angriff auf ihre akademische Anstellung als einen „kleinen Teil eines systematischen Plans, die Schwarze Befreiungsbewegung und die gesamte radikale Bewegung zu entwaffnen und zu zerstören.“ Der weitaus härtere Angriff stand damals allerdings noch kurz bevor. Während sie sich zuvor noch für die Freiheit politischer Gefangener eingesetzt hatte, wurde sie schlagartig selbst Zentrum einer solchen Kampagne.

Mordanklage und Freispruch

Im Gerichtssaal von Marin County nahm am 7. August 1970 der siebzehnjährige Jonathan Jackson zusammen mit den anwesenden Häftlingen James McClain, Ruchell Magee und William Christmas den Richter, den Staatsanwalt und drei weibliche Geschworene als Geiseln. Die Polizei beendete die Situation blutig. Der Richter starb, von den Geiselnehmern überlebte nur Magee. Jonathan Jacksons Motiv war unklar. Weil er aber der jüngere Bruder eines der Soledad-Brüder, George Jackson, war, wurde bald spekuliert, er habe die berühmten Häftlinge freipressen wollen. Die unter diesem Namen bekannt gewordenen Insassen des berüchtigten Soledad-Gefängnisses waren des Mordes an einem Wärter beschuldigt worden. Weil die Waffen, die Jonathan Jackson für die Geiselnahme benutzte, auf Davis registriert waren und behauptet wurde, die Aktion habe die Befreiung der Soledad-Brüder zum Ziel gehabt, wurde sie zur Fahndung ausgeschrieben und wenige Tage später auf die FBI-Liste der zehn meist gesuchten Verbrecher des Landes gesetzt. Als Mitwisserin der Aktion drohte ihr die Todesstrafe. Davis tauchte ab.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie im Solidaritätskomitee für die Soledad-Brüder, die mit ihrer revolutionären Gesinnung den Autoritäten ein Dorn im Auge waren, eine leitende Stellung eingenommen. Das stellte für sie zwar nicht den ersten Kontakt mit dem Justizsystem dar. So hatte sie bereits zuvor einem Schwarzen Häftling rechtliche Unterstützung geleistet und auch schon die Notwendigkeit des Aufbaus einer Unterstützungsbewegung für politische Gefangene aufgeworfen. Doch erst während der Arbeit für das Komitee erkannte sie, dass die Verteidigung einzelner Gefangener nur ein Teil des Kampfes für die Abschaffung des gesamten Gefängnissystems sein konnte.

Am 13. Oktober 1970 wurde Davis in New York festgenommen. Die folgende, achtzehn Monate andauernde Untersuchungshaft verbrachte sie in drei verschiedenen Anstalten. Während Davis‘ Haftaufenthalt wurde George Jackson von einem Wärter des Gefängnisses in San Quentin ermordet, dem unter anderen der ursprüngliche Befreiungsversuch seines jüngeren Bruders gegolten hatte. Davis und Jackson hatten einen regen, sowohl politischen wie auch privaten Briefwechsel unterhalten. Aus den Briefen spricht große Zärtlichkeit. Der Tod Jacksons traf Davis hart, spornte sie aber vor allen Dingen an und verstärkte ihren Hass auf die bürgerliche Justiz und ihre Büttel. Erst am 23. Februar 1972 gab Richter Richard Arnason der Forderung der Verteidigung, Davis gegen Kaution auf freien Fuß zu setzen, statt. Eine große Solidaritätskampagne begleitete ihren Prozess. Besonders aus der DDR erreichen Davis zahlreiche Unterstützungsbriefe, der Großteil von Kindern und Jugendlichen der Jungpioniere und der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Für das bürokratische Regime der DDR war der Prozess nicht nur deshalb relevant, weil Davis eine der wenigen ikonischen Figuren aus dem Westen war, mit dem es sich schmücken konnte. Es durfte zur Prozessberichterstattung auch erstmals ein Journalist für das „Neue Deutschland“ in die Vereinigten Staaten einreisen. In Frankfurt am Main fand 1972 ein Kongress mit dem Titel „Am Beispiel Angela Davis“ statt, auf dem die bundesdeutsche Linke die zugespitzte politische Lage der Vereinigten Staaten diskutierte. Davis und ihr Umfeld waren überzeugt, dass es diese landesweite wie internationale Solidarität war, die am 4. Juni 1972 zum Freispruch führte. Davis‘ Perspektive für die Solidaritätskampagne war die Loslösung von ihrer eigenen Person hin zur Forderung nach der Freiheit für alle politischen Gefangenen.

Gefängnis, Lumpenproletariat und revolutionäres Subjekt

Im Gefängnis entwickelte Davis ihre Analyse dessen, was einen Häftling zu einer*m politischen Gefangenen macht. Sie verstand fortan nicht mehr nur Insass*innen als politische Gefangene, die wegen ihres Aktivismus inhaftiert wurden, egal, ob sie eine Straftat begangen hatten oder nicht. Auch solche Häftlinge, deren Politisierung erst in Gefangenschaft stattfand und die so die Repression der Aufseher*innen auf sich zogen, fielen für sie in diese Kategorie. Die Zentralität des Kampfes um die Gefängnisse ging für Davis allerdings nicht allein aus der Tatsache hervor, dass inhaftierte Gefangene der Bewegung entzogen sind. Vielmehr betrachtete sie das Justizsystem als zentralen Mechanismus, um die Klassengesellschaft und damit Rassismus Armut und Krieg aufrechtzuerhalten. Davis identifizierte die Gefangenen mit der für gewöhnlich negativ konnotierten marxistischen Kategorie des Lumpenproletariats. Sie stand mit dieser Ansicht allerdings alles andere als alleine da. Ähnlich wie die Black Panthers sah sie diese deklassierte Schicht in einem weitaus positiveren Licht als Marx. Anders als für die damalige BPP wiederum war aber für Davis die Arbeiter*innenklasse weiterhin das revolutionäre Subjekt.

Diese bedürfe jedoch einer revolutionäre Führung von People of Color, um den Rassismus in den eigenen Reihen zu bekämpfen.
Nach ihrem Freispruch lehrte Davis an verschiedenen Universitäten in Kalifornien verschiedene geisteswissenschaftliche Studienfächer, in der Regel mit Bezug zur Lage der Afroamerikaner*innen und Frauen in den USA sowie zum „gefängnis-industriellen Komplex“ – Ronald Reagans Wunsch ging also nicht in Erfüllung. 1980 und 1984 trat sie neben dem stramm stalinistischen Parteivorsitzenden Gus Hall als Vizekandidatin für die CPUSA im Präsidentschaftswahlkampf an. Sie erhielten 0,05 beziehungsweise 0,04 Prozent. 1991 schloss sich Davis den neugegründeten „Committees of Correspondence for Democracy and Socialism“ an, einer reformistischen Formation, die sich von der nach dem Fall der Sowjetunion noch tiefer in die Krise geratenen CPUSA abspaltete. Mal um Mal unterstützte sie nach ihren eigenen Kandidaturen die Demokratischen Präsidentschaftskandidat*innen, wie es auch die CPUSA tat. Im vergangenen Jahr hatte Davis angekündigt, für Hillary Clinton stimmen zu wollen und es narzisstisch genannt, nicht wählen zu gehen. So blieb sie trotz ihrer offiziellen Abwendung vom Stalinismus doch den liberalen Überbleibseln der Volksfront-Strategie verhaftet.

Zuletzt erregte Davis auf dem „Women’s March on Washington“ mit einer Rede Aufmerksamkeit, die sich positiv von dem auf der Demonstration hegemonialen bürgerlichen Feminismus abhob. Während sie sich von dem Verständnis der Arbeiter*innenklasse als historischem Akteur abgewandt hat, betonte sie doch neben den vielen Kämpfen der Frauen, First Nations und LGBTI auch die Solidarität mit der palästinensischen Befreiungsbewegung und ihre Ablehnung kapitalistischer Ausbeutung.

Angela Davis ist auch heute noch eine bedeutende Inspiration für alle, die gegen Unterdrückung und Ausbeutung kämpfen. Ihre Strategie jedoch hat sich als falsch erwiesen, führte sie doch immer wieder in die Unterstützung der Demokratischen Partei, einer der Hauptverantwortlichen für eben die Zustände in den USA und weltweit, die es zu beseitigen gilt. Ihre Biographie ist also eine des heroischen Kampfes, aber auch eine Warnung, dass alle Entbehrungen und Opfer ohne die richtige Strategie – die sowjetische Strategie der Zentralität der Arbeiter*innenklasse – vergebens sind. Davis steht symbolisch für einen linken Teil des Civil Rights Movements, dessen Lehren heute brennende Aktualität für Black Lives Matter besitzen. Um einer Kooptation und Zerschlagung zu entgehen und die Kämpfe heute zum Sieg zu führen, ist eine Strömung mit einer Strategie der Unabhängigkeit der Arbeiter*innenklasse von den Institutionen der Bourgeoisie nötiger denn je. Donald Trump und alle weiteren Ausdrücke des Rechtsrucks führen uns diese Notwendigkeit drastisch vor Augen. Angela Davis‘ Hingabe ist uns auf diesem Weg eine Inspiration: 


„One of the most important things that has to be done in the process of carrying out a revolutionary struggle is to merge those two different levels, to merge the political with the personal, so that they are no longer separate.”

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