Geschichte und Kultur

Am Beispiel Angela Davis

Angela Davis war eine der herausragenden Figuren der Schwarzen Befreiungsbewegung, Kommunistin und ist bis heute eine der prominentesten Figuren der US-Linken. Heute wird sie 73 Jahre alt.

Am Beispiel Angela Davis

Nie wieder solle Angela Davis, diese Kom­mu­nistin, diese Unruh­es­tifterin, an ein­er Uni­ver­sität in Kali­fornien lehren. Dessen war sich 1970 der dama­lige Gou­verneur Ronald Rea­gan sich­er, als sie als radikale Dozentin an der Uni­ver­sität von Kali­fornien in Los Ange­les (UCLA) zum ersten Mal über­re­gionale Aufmerk­samkeit erregte. Doch ihre poli­tis­che Biogra­phie begin­nt schon vorher.

Geboren wurde Angela Yvonne Davis 1944 als eines von vier Kindern ein­er Fam­i­lie des afroamerikanis­chen Klein­bürg­er­tums in Birm­ing­ham, Alaba­ma. Trotz des ver­hält­nis­mäßi­gen Wohl­standes ihrer Eltern war sie schon in früh­ester Kind­heit mit dem bru­tal­en Ras­sis­mus des US-amerikanis­chen Südens kon­fron­tiert. Das Haus ihrer Fam­i­lie befand sich in ein­er Wohn­sied­lung, die wegen zahlre­ich­er ras­sis­tisch motiviert­er Bombe­nan­schläge „Dyna­mite Hill“ genan­nt wurde. Schon in ihrer früheren Kind­heit zählten Mit­glieder der US-amerikanis­chen KP zu den Gästen ihrer Eltern. Poli­tisch kam sie aber zum ersten Mal während ihrer Zeit an ein­er pri­vat­en High-School – ein Stipendi­um ermöglichte ihr den Besuch – in New York mit dem Kom­mu­nis­mus in der stramm stal­in­is­tis­chen Aus­prä­gung der CPUSA in Kon­takt. Dort wurde sie in der CPUSA-nahen Jugend­gruppe „Advance“ aktiv. Wie so vie­len jun­gen Kommunist*innen öffnete auch ihr die Lek­türe des Kom­mu­nis­tis­chen Man­i­fests die Augen. Später suchte sie als Stu­dentin an der Bran­deis-Uni­ver­sität den Kon­takt zu Her­bert Mar­cuse, der dort Philoso­phie lehrte. Auf sein Anrat­en ver­brachte Davis zwei Jahre in Frank­furt am Main und studierte von 1966 bis 1967 Lit­er­atur, Philoso­phie und Sozi­olo­gie, unter anderem bei Adorno, Haber­mas und Negt. Sie wurde beim Sozial­is­tis­chen Deutschen Stu­den­ten­bund (SDS) aktiv, fühlte sich aber vom auf­flam­menden Schwarzen Befreiungskampf in den USA isoliert.

1968 machte sich Davis – inzwis­chen Stu­dentin an der Uni­ver­sität von Kali­fornien, San Diego (UCSD) – nach Tätigkeit in diversen loseren Kollek­tiv­en auf die Suche nach ein­er fes­ten Organ­isierung. Als Marx­istin seien für sie nur zwei Grup­pen übrig geblieben: Die CPUSA und die Black Pan­ther Polit­i­cal Par­ty (welche nicht iden­tisch mit Huey New­tons und Bob­by Seales Black Pan­ther Par­ty for Self-Defense war und nach Namensstre­it­igkeit­en als Sek­tion des lan­desweit­en Stu­dent Non­vi­o­lent Coor­di­nat­ing Com­mit­tee (SNCC) auf­trat). Das L.A. SNCC zer­fiel trotz beacht­enswert­er Erfolge der Organ­isierung bere­its nach weni­gen Monat­en, weil die lan­desweite Führung nicht mehr mit Kommunist*innen in Verbindung gebracht wer­den wollte. Davis entsch­ied sich nach ein­er erneuten Lek­türe von Lenins „Was tun?“ zum Ein­tritt in die CPUSA und deren Schwarz­er Zelle in Los Ange­les, den Ché-Lumum­ba-Club. Kurz war sie par­al­lel in der Black Pan­ther Par­ty (BPP) aktiv, ver­ließ diese Organ­i­sa­tion aber, nach­dem in ein­er Säu­berung von Polizeispitzeln auch ein Mit­glied der CPUSA unter Druck ger­at­en war.

Seit 1969 arbeit­ete Davis begleit­et von ein­er antikom­mu­nis­tis­chen Schmutzkam­pagne als Dozentin für Philoso­phie an der Uni­ver­sität von Kali­fornien in Los Ange­les. Ihr Ver­trag wurde nicht ver­längert – trotz der vollen Sem­i­nar­räume und des großen Zus­pruchs ihrer Student*innen und Kolleg*innen. Davis beschrieb den Angriff auf ihre akademis­che Anstel­lung als einen „kleinen Teil eines sys­tem­a­tis­chen Plans, die Schwarze Befreiungs­be­we­gung und die gesamte radikale Bewe­gung zu ent­waffnen und zu zer­stören.“ Der weitaus härtere Angriff stand damals allerd­ings noch kurz bevor. Während sie sich zuvor noch für die Frei­heit poli­tis­ch­er Gefan­gener einge­set­zt hat­te, wurde sie schla­gar­tig selb­st Zen­trum ein­er solchen Kam­pagne.

Mordanklage und Freispruch

Im Gerichtssaal von Marin Coun­ty nahm am 7. August 1970 der siebzehn­jährige Jonathan Jack­son zusam­men mit den anwe­senden Häftlin­gen James McClain, Ruchell Magee und William Christ­mas den Richter, den Staat­san­walt und drei weib­liche Geschworene als Geiseln. Die Polizei been­dete die Sit­u­a­tion blutig. Der Richter starb, von den Geisel­nehmern über­lebte nur Magee. Jonathan Jack­sons Motiv war unklar. Weil er aber der jün­gere Brud­er eines der Soledad-Brüder, George Jack­son, war, wurde bald spekuliert, er habe die berühmten Häftlinge frei­pressen wollen. Die unter diesem Namen bekan­nt gewor­de­nen Insassen des berüchtigten Soledad-Gefäng­niss­es waren des Mordes an einem Wärter beschuldigt wor­den. Weil die Waf­fen, die Jonathan Jack­son für die Geisel­nahme benutzte, auf Davis reg­istri­ert waren und behauptet wurde, die Aktion habe die Befreiung der Soledad-Brüder zum Ziel gehabt, wurde sie zur Fah­n­dung aus­geschrieben und wenige Tage später auf die FBI-Liste der zehn meist gesucht­en Ver­brech­er des Lan­des geset­zt. Als Mitwisserin der Aktion dro­hte ihr die Todesstrafe. Davis tauchte ab.

Bis zu diesem Zeit­punkt hat­te sie im Sol­i­dar­ität­skomi­tee für die Soledad-Brüder, die mit ihrer rev­o­lu­tionären Gesin­nung den Autoritäten ein Dorn im Auge waren, eine lei­t­ende Stel­lung ein­genom­men. Das stellte für sie zwar nicht den ersten Kon­takt mit dem Jus­tizsys­tem dar. So hat­te sie bere­its zuvor einem Schwarzen Häftling rechtliche Unter­stützung geleis­tet und auch schon die Notwendigkeit des Auf­baus ein­er Unter­stützungs­be­we­gung für poli­tis­che Gefan­gene aufge­wor­fen. Doch erst während der Arbeit für das Komi­tee erkan­nte sie, dass die Vertei­di­gung einzel­ner Gefan­gener nur ein Teil des Kampfes für die Abschaf­fung des gesamten Gefäng­nis­sys­tems sein kon­nte.

Am 13. Okto­ber 1970 wurde Davis in New York festgenom­men. Die fol­gende, achtzehn Monate andauernde Unter­suchung­shaft ver­brachte sie in drei ver­schiede­nen Anstal­ten. Während Davis’ Haf­taufen­thalt wurde George Jack­son von einem Wärter des Gefäng­niss­es in San Quentin ermordet, dem unter anderen der ursprüngliche Befreiungsver­such seines jün­geren Brud­ers gegolten hat­te. Davis und Jack­son hat­ten einen regen, sowohl poli­tis­chen wie auch pri­vat­en Briefwech­sel unter­hal­ten. Aus den Briefen spricht große Zärtlichkeit. Der Tod Jack­sons traf Davis hart, spornte sie aber vor allen Din­gen an und ver­stärk­te ihren Hass auf die bürg­er­liche Jus­tiz und ihre Büt­tel. Erst am 23. Feb­ru­ar 1972 gab Richter Richard Arna­son der Forderung der Vertei­di­gung, Davis gegen Kau­tion auf freien Fuß zu set­zen, statt. Eine große Sol­i­dar­ität­skam­pagne begleit­ete ihren Prozess. Beson­ders aus der DDR erre­ichen Davis zahlre­iche Unter­stützungs­briefe, der Großteil von Kindern und Jugendlichen der Jung­pi­oniere und der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Für das bürokratis­che Regime der DDR war der Prozess nicht nur deshalb rel­e­vant, weil Davis eine der weni­gen ikonis­chen Fig­uren aus dem West­en war, mit dem es sich schmück­en kon­nte. Es durfte zur Prozess­berichter­stat­tung auch erst­mals ein Jour­nal­ist für das „Neue Deutsch­land“ in die Vere­inigten Staat­en ein­reisen. In Frank­furt am Main fand 1972 ein Kongress mit dem Titel „Am Beispiel Angela Davis“ statt, auf dem die bun­des­deutsche Linke die zuge­spitzte poli­tis­che Lage der Vere­inigten Staat­en disku­tierte. Davis und ihr Umfeld waren überzeugt, dass es diese lan­desweite wie inter­na­tionale Sol­i­dar­ität war, die am 4. Juni 1972 zum Freis­pruch führte. Davis’ Per­spek­tive für die Sol­i­dar­ität­skam­pagne war die Loslö­sung von ihrer eige­nen Per­son hin zur Forderung nach der Frei­heit für alle poli­tis­chen Gefan­genen.

Gefängnis, Lumpenproletariat und revolutionäres Subjekt

Im Gefäng­nis entwick­elte Davis ihre Analyse dessen, was einen Häftling zu einer*m poli­tis­chen Gefan­genen macht. Sie ver­stand for­t­an nicht mehr nur Insass*innen als poli­tis­che Gefan­gene, die wegen ihres Aktivis­mus inhaftiert wur­den, egal, ob sie eine Straftat began­gen hat­ten oder nicht. Auch solche Häftlinge, deren Poli­tisierung erst in Gefan­gen­schaft stat­tfand und die so die Repres­sion der Aufseher*innen auf sich zogen, fie­len für sie in diese Kat­e­gorie. Die Zen­tral­ität des Kampfes um die Gefäng­nisse ging für Davis allerd­ings nicht allein aus der Tat­sache her­vor, dass inhaftierte Gefan­gene der Bewe­gung ent­zo­gen sind. Vielmehr betra­chtete sie das Jus­tizsys­tem als zen­tralen Mech­a­nis­mus, um die Klas­sen­ge­sellschaft und damit Ras­sis­mus Armut und Krieg aufrechtzuer­hal­ten. Davis iden­ti­fizierte die Gefan­genen mit der für gewöhn­lich neg­a­tiv kon­notierten marx­is­tis­chen Kat­e­gorie des Lumpen­pro­le­tari­ats. Sie stand mit dieser Ansicht allerd­ings alles andere als alleine da. Ähn­lich wie die Black Pan­thers sah sie diese deklassierte Schicht in einem weitaus pos­i­tiv­eren Licht als Marx. Anders als für die dama­lige BPP wiederum war aber für Davis die Arbeiter*innenklasse weit­er­hin das rev­o­lu­tionäre Sub­jekt.

Diese bedürfe jedoch ein­er rev­o­lu­tionäre Führung von Peo­ple of Col­or, um den Ras­sis­mus in den eige­nen Rei­hen zu bekämpfen.
Nach ihrem Freis­pruch lehrte Davis an ver­schiede­nen Uni­ver­sitäten in Kali­fornien ver­schiedene geis­teswis­senschaftliche Stu­di­en­fäch­er, in der Regel mit Bezug zur Lage der Afroamerikaner*innen und Frauen in den USA sowie zum „gefäng­nis-indus­triellen Kom­plex“ – Ronald Rea­gans Wun­sch ging also nicht in Erfül­lung. 1980 und 1984 trat sie neben dem stramm stal­in­is­tis­chen Parteivor­sitzen­den Gus Hall als Vizekan­di­datin für die CPUSA im Präsi­dentschaftswahlkampf an. Sie erhiel­ten 0,05 beziehungsweise 0,04 Prozent. 1991 schloss sich Davis den neuge­grün­de­ten „Com­mit­tees of Cor­re­spon­dence for Democ­ra­cy and Social­ism“ an, ein­er reformistis­chen For­ma­tion, die sich von der nach dem Fall der Sow­je­tu­nion noch tiefer in die Krise ger­ate­nen CPUSA abspal­tete. Mal um Mal unter­stützte sie nach ihren eige­nen Kan­di­da­turen die Demokratis­chen Präsidentschaftskandidat*innen, wie es auch die CPUSA tat. Im ver­gan­genen Jahr hat­te Davis angekündigt, für Hillary Clin­ton stim­men zu wollen und es narzis­stisch genan­nt, nicht wählen zu gehen. So blieb sie trotz ihrer offiziellen Abwen­dung vom Stal­in­is­mus doch den lib­eralen Überbleib­seln der Volks­front-Strate­gie ver­haftet.

Zulet­zt erregte Davis auf dem „Women’s March on Wash­ing­ton“ mit ein­er Rede Aufmerk­samkeit, die sich pos­i­tiv von dem auf der Demon­stra­tion hege­mo­ni­alen bürg­er­lichen Fem­i­nis­mus abhob. Während sie sich von dem Ver­ständ­nis der Arbeiter*innenklasse als his­torischem Akteur abge­wandt hat, betonte sie doch neben den vie­len Kämpfen der Frauen, First Nations und LGBTI auch die Sol­i­dar­ität mit der palästi­nen­sis­chen Befreiungs­be­we­gung und ihre Ablehnung kap­i­tal­is­tis­ch­er Aus­beu­tung.

Angela Davis ist auch heute noch eine bedeu­tende Inspi­ra­tion für alle, die gegen Unter­drück­ung und Aus­beu­tung kämpfen. Ihre Strate­gie jedoch hat sich als falsch erwiesen, führte sie doch immer wieder in die Unter­stützung der Demokratis­chen Partei, ein­er der Hauptver­ant­wortlichen für eben die Zustände in den USA und weltweit, die es zu beseit­i­gen gilt. Ihre Biogra­phie ist also eine des hero­is­chen Kampfes, aber auch eine War­nung, dass alle Ent­behrun­gen und Opfer ohne die richtige Strate­gie – die sow­jetis­che Strate­gie der Zen­tral­ität der Arbeiter*innenklasse – vergebens sind. Davis ste­ht sym­bol­isch für einen linken Teil des Civ­il Rights Move­ments, dessen Lehren heute bren­nende Aktu­al­ität für Black Lives Mat­ter besitzen. Um ein­er Koop­ta­tion und Zer­schla­gung zu ent­ge­hen und die Kämpfe heute zum Sieg zu führen, ist eine Strö­mung mit ein­er Strate­gie der Unab­hängigkeit der Arbeiter*innenklasse von den Insti­tu­tio­nen der Bour­geoisie nötiger denn je. Don­ald Trump und alle weit­eren Aus­drücke des Recht­srucks führen uns diese Notwendigkeit drastisch vor Augen. Angela Davis’ Hingabe ist uns auf diesem Weg eine Inspi­ra­tion: 


„One of the most impor­tant things that has to be done in the process of car­ry­ing out a rev­o­lu­tion­ary strug­gle is to merge those two dif­fer­ent lev­els, to merge the polit­i­cal with the per­son­al, so that they are no longer sep­a­rate.”

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