Geschichte und Kultur

9. November: Aus der Novemberrevolution lernen, um den Rechtsruck zu bekämpfen!

Vor genau 100 Jahren stürzte die Novemberrevolution die Monarchie, wurde dann aber von SPD und Freikorps im Blut ertränkt. Über nützliche Lehren für den Kampf gegen den Rechtsruck heute.

9. November: Aus der Novemberrevolution lernen, um den Rechtsruck zu bekämpfen!

100 Jahre Novem­ber­rev­o­lu­tion, 80 Jahre Reich­s­pogrom­nacht: Der 9. Novem­ber ist dieses Jahr ein beson­der­er Jahrestag. 100 Jahre sind seit dem Sturz des Kaisers Wil­helm II. ver­gan­gen, der das Ende des 1. Weltkriegs besiegelte und auf dessen Trüm­mern sich der Traum ein­er sozial­is­tis­chen Gesellschaft errichtete. 80 Jahre her ist der Höhep­unkt der Novem­ber­pogrome, bei denen jüdis­che Ein­rich­tun­gen, Syn­a­gogen, Geschäfte und Men­schen Zielscheibe anti­semi­tis­ch­er Mobs wur­den, die die let­zten Reste jüdis­chen öffentlichen Lebens in Deutsch­land gewalt­sam beseit­i­gen woll­ten.

Heute nutzen recht­spop­ulis­tis­che und recht­sradikale Grup­pen den 9. Novem­ber zudem in Anspielung auf den Mauer­fall, der 1989 am sel­ben Tag geschah, um die Notwendigkeit ein­er neuen “nationalen Rev­o­lu­tion” zu propagieren. Warum das eigentlich eine kaum ver­hüllte Hom­mage an die anti­semi­tis­chen Het­z­jag­den von 1938 ist und die wirk­lichen sozialen und demokratis­chen Fra­gen der soge­nan­nten “Wende” 1989 damit in den Dreck gezo­gen wer­den, dazu an ander­er Stelle mehr. Uns inter­essiert hier eine andere Par­al­lele zu 1938: Um heute, 80 Jahre nach den Novem­ber­pogromen den erneuten Auf­stieg recht­sex­tremer, ras­sis­tis­ch­er, anti­semi­tis­ch­er, frauen­feindlich­er Kräfte zu stop­pen, müssen wir Lehren aus jen­em anderen 9. Novem­ber ziehen, der vor 100 Jahren die Welt erschüt­terte: die (let­ztlich gescheit­erte) Novem­ber­rev­o­lu­tion.

1938 ist nicht ohne 1918 zu erklären

Der Erste Weltkrieg hat­te eine bis dahin nie gese­hene Zer­störung angerichtet und Mil­lio­nen von Men­schen für die Inter­essen ihrer jew­eili­gen nationalen Bour­geoisien geopfert. Ende Okto­ber und Anfang Novem­ber 1918 weigerten sich Matrosen in Wil­helmshaven, Kiel und anderen Hafen­städten, weit­er­hin Befehle auszuführen und forderten unter anderem das sofor­tige Ende des Krieges. Der Matrose­nauf­s­tand weit­ete sich schnell auf das ganze Land aus und über­all wur­den “Arbeit­er- und Sol­daten­räte” ins Leben gerufen. Am 9. Novem­ber 1918 erre­ichte der Auf­s­tand Berlin. Der Kaiser musste abdanken, die Monar­chie war gestürzt, der Krieg been­det.

Schon ein Jahr zuvor hat­ten die Arbeiter*innen und Sol­dat­en in Rus­s­land erst den Abso­lutismus beseit­igt und im Okto­ber 1917 auch die Bour­geoisie enteignet und so die erste sozial­is­tis­che Rev­o­lu­tion der Geschichte ein­geläutet. Diesem Vor­bild fol­gend, sollte auch in Deutsch­land eine Rätere­pub­lik entste­hen. Karl Liebknecht rief unter dem Jubel der Massen die “freie sozial­is­tis­che Repub­lik Deutsch­land” aus, doch die SPD – die im August 1914 den Kriegskred­iten zuges­timmt und so den Ersten Weltkrieg unter­stützt hat­te – proklamierte eine bürg­er­lich-demokratis­che Repub­lik und forderte “Ruhe, Ord­nung und Sicher­heit”. Sie pak­tierte mit den Kräften der alten Ord­nung, um die Rev­o­lu­tion im Keim zu erstick­en. Schaf­fen kon­nte sie es aus drei Grün­den: nack­te Repres­sion, poli­tis­che Manöver und Uner­fahren­heit der rev­o­lu­tionären Kräfte.

Obwohl die SPD alles daran set­zte, eine sozial­is­tis­che Rev­o­lu­tion zu ver­hin­dern, ver­traut­en ihr noch viele Arbeiter*innen. Die Rev­o­lu­tionären Obleute, der Spar­takus­bund und danach die neuge­grün­dete KPD kon­nten die Mehrheit der Massen nicht auf ihre Seite ziehen. Die SPD erre­ichte durch ver­schiedene Manöver, dass der Reich­srätekongress im Dezem­ber 1918 nicht das Rätesys­tem zur Grund­lage ein­er kün­fti­gen Repub­lik machte, son­dern Wahlen zur Nation­alver­samm­lung aus­rief und die Selb­stau­flö­sung der Räte beschloss.

Anfang Jan­u­ar 1919 erschüt­terten ein Gen­er­al­streik und ein bewaffneter Auf­s­tand Berlin. Die SPD pak­tierte mit dem alten Mil­itärap­pa­rat und den Freiko­rps – reak­tionäre, proto­faschis­tis­che Sol­daten­ver­bände, die nach dem Kriegsende von der Front zurück­kehrten und die sozial­is­tis­che Repub­lik gewalt­sam ver­hin­dern woll­ten. Sie schlu­gen den Auf­s­tand blutig nieder. Wichtige Anführer*innen der Arbeiter*innenbewegung, von denen Rosa Lux­em­burg und Karl Liebknecht die bekan­ntesten sind, wur­den erschossen. Die rev­o­lu­tionäre Peri­ode endete zwar erst 1923 voll­ständig, doch mit der Ertränkung der Novem­ber­rev­o­lu­tion im Blut und mit der Abstim­mung der Weimar­er Ver­fas­sung zähmte die SPD den rev­o­lu­tionären Geist der Arbeiter*innenklasse in Deutsch­land.

Und noch eins mehr erre­ichte die SPD: Mit ihrer Förderung der Freiko­rps ebnete sie den Weg für die proto­faschis­tis­chen Ban­den, die nach der Nieder­schla­gung des Auf­s­tands in Berlin durch das ganze Land zogen und über­all die Aus­brüche der Rev­o­lu­tion im Blut ertränk­ten. Wenige Jahre später wur­den die Freiko­rps die erste Stütze für den Auf­stieg der NSDAP.

Die SPD pak­tierte, um die Rev­o­lu­tion zu ver­hin­dern, mit den reak­tionärsten Kräften, die sich später gegen sie selb­st wen­den soll­ten. Ohne die Erstick­ung der Novem­ber­rev­o­lu­tion im Keim und ohne die Förderung der Freiko­rps wäre der Auf­stieg des Faschis­mus unmöglich gewe­sen. Durch die harte Nieder­lage, die die Arbeiter*innenklasse hin­nehmen musste, und durch die ein Jahrzehnt später fol­gende katas­trophale Wirtschaft­skrise, kon­nte der Faschis­mus an die Macht gelan­gen.

Rosas Erbe verteidigen

Eine der zen­tralen Fig­uren der Novem­ber­rev­o­lu­tion, deren Erbe wir vertei­di­gen, ist Rosa Lux­em­burg. Als pol­nisch-jüdis­che Emi­gran­tin war die rev­o­lu­tionäre Sozial­istin unter den Freiko­rps, aber auch unter den Reformist*innen der SPD, ver­achtet. Sie stand stets auf der Seite der Rev­o­lu­tion: 1899 gegen den “Revi­sion­is­ten” Bern­stein, der den Marx­is­mus über Bord wer­fen wollte; 1905 auf Seit­en der neu entste­hen­den Sow­jets in der Rus­sis­chen Rev­o­lu­tion; 1910 auf Seit­en der Massen in der Gen­er­al­streikde­bat­te gegen die Parteiführung der SPD; 1914 auf Seit­en des Inter­na­tion­al­is­mus gegen den chau­vin­is­tis­chen Ver­rat zu Beginn des Ersten Weltkriegs; und 1918 für eine sozial­is­tis­che Rätere­pub­lik gegen Eberts SPD und seinen “Bluthund” Noske, die für ihren Tod ver­ant­wortlich sind.

Heutzu­tage wird Rosa Lux­em­burg häu­fig von Reformist*innen, im Schu­lun­ter­richt und son­st wo als Feindin der Rev­o­lu­tion behan­delt – dabei war ihre Hal­tung genau das Gegen­teil: “Die Bolschewi­ki haben gezeigt, daß sie alles kön­nen, was eine echte rev­o­lu­tionäre Partei in den Gren­zen der his­torischen Möglichkeit­en zu leis­ten imstande ist. […] Worauf es ankommt, ist, in der Poli­tik der Bolschewi­ki das Wesentliche vom Unwesentlichen, den Kern von dem Zufäl­li­gen zu unter­schei­den. […] [N]icht diese oder jene Detail­frage der Tak­tik, son­dern: die Aktions­fähigkeit des Pro­le­tari­ats, die Tatkraft der Massen, der Wille zur Macht des Sozial­is­mus über­haupt. In dieser Beziehung waren Lenin und Trotz­ki mit ihren Fre­un­den die ersten, die dem Welt­pro­le­tari­at mit dem Beispiel vor­ange­gan­gen sind, sie sind bis jet­zt immer noch die einzi­gen, die mit Hut­ten aus­rufen kön­nen: Ich hab’s gewagt!”

Nicht umson­st stellte sich Rosa Lux­em­burg im Novem­ber 1918 an die Spitze der rev­o­lu­tionären Bewe­gung und trieb die Grün­dung der KPD voran. Sie hat­te ver­standen, dass der einzige Garant für den Fortschritt der rus­sis­chen Rev­o­lu­tion die Rev­o­lu­tion im impe­ri­al­is­tis­chen Deutsch­land war. Für diese Überzeu­gung musste sie ihr Leben geben – diejeni­gen, die heute süff­isant ihren Ausspruch über die “Frei­heit der Ander­s­denk­enden” zitieren, um die Rev­o­lu­tion zu diskred­i­tieren, sind diejeni­gen, an deren Hän­den Rosas Blut klebt. Und noch ein­mal: Ohne die Schlächter von Lux­em­burg, Liebknecht und so vie­len anderen hätte der Faschis­mus nicht siegen kön­nen.

2018: Um ein zweites 1938 zu verhindern, brauchen wir ein neues 1918!

Heute ste­hen wir wed­er vor einem neuen 1938 noch einem neuen 1918. Doch um das eine zu ver­hin­dern, müssen wir das andere vor­bere­it­en. Denn auch wenn die Wirtschaft­skrise 2008 von Deutsch­land in die Periph­erie aus­ge­lagert wer­den kon­nte, und auch wenn aktuell noch keine Partei existiert, die mit der NSDAP ver­gle­ich­bar wäre, zeigen der Auf­stieg der AfD und ihr immer stärk­er wer­den­der faschis­tis­ch­er Flügel, dass Geschichte sich unter neuen Vorze­ichen wieder­holen kann, wenn wir nicht die richti­gen Lehren ziehen. Als Beweis genügt, dass Het­z­jag­den auf “nicht deutsch” Ausse­hende in den ver­gan­genen Jahren längst wieder zum All­t­ag gewor­den sind.

Der aktuelle Recht­sruck ist Resul­tat der inter­na­tionalen Krise, die als Begrün­dung für Kürzun­gen, Prekarisierung, ras­sis­tis­che Geset­ze und innere Mil­i­tarisierung her­hal­ten musste, die den Nährbo­den für neue rechte Phänomene wie die AfD darstellen.

Vor 100 Jahren haben sich viele auf die SPD und den entste­hen­den bürg­er­lichen Staat ver­lassen, doch ihre Hoff­nun­gen wur­den in Blut ertränkt. Blut, das die faschis­tis­chen Umtriebe nährte, die die Macht über­nah­men, als eine neue Wirtschaft­skrise bru­tale Kon­se­quen­zen forderte. Bis heute ist die SPD, selb­st in ihrem langsamen Nieder­gang, ein zen­traler Stützpfeil­er dieses Staates.

Um heute den Recht­sruck zu bekämpfen, brauchen wir eine starke Bewe­gung, die sich in Betrieben, Schulen, Uni­ver­sitäten und Nach­barschaften organ­isiert. Wie #unteil­bar gezeigt hat, ist es nötig, eine unteil­bare Ein­heit der Aus­ge­beuteten und Unter­drück­ten zu schaf­fen – unab­hängig vom Staat, bürg­er­lichen Parteien und dem Kap­i­tal. Denn sie haben kein Inter­esse daran, die tiefen Ursachen des Recht­srucks – Prekarisierung und Mil­i­tarisierung – zu bekämpfen. Im Gegen­teil schüren sie sie aktiv selb­st.

Lasst uns deshalb darüber disku­tieren, wie wir diese Ein­heit auf­bauen kön­nen, ohne dass sie von der Regierung und ihren Parteien koop­tiert und macht­los gemacht wird. Lasst uns gemein­sam gegen Prekarisierung und Recht­sruck kämpfen – in Abwand­lung an Rosas großen Ausspruch haben wir die Wahl: Auf­bau ein­er inter­na­tionalen Bewe­gung für den Sozial­is­mus, oder ster­bende Sozial­part­ner­schaft, impe­ri­al­is­tis­che Mis­ere und schließlich wieder Bar­barei.

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