Geschichte und Kultur

Westworld: Futuristischer Klassenkampf

Seit einiger Zeit sorgt die futuristische Fernsehserie Westworld für Furore. Sie ist voller Gewalt und dreht sich um die Frage menschlichen Bewusstseins. Wie lässt sich die Serie marxistisch interpretieren?

Westworld: Futuristischer Klassenkampf

Die Serie Westworld läuft seit Oktober letzten Jahres in den Vereinigten Staaten, sowie auf HBO. Sie spielt in einem Science-Fiction-Western-Szenario und handelt von einem exklusiven Vergnügungspark, der seinen Inhaber*innen fette Profite beschert. In diesem Park befinden sich menschlich wirkende Roboter, die als Hosts bezeichnet werden. Sie halten sich selbst für Menschen, die im Wilden Westen leben. Doch in Wahrheit sind sie in einer Schleife gefangen und tun jeden Tag dieselben Dinge. Sie sind gescripted.

Ihre Emotionen wirken echt, sind es vielleicht sogar, das ist nicht ganz klar. Allerdings machen sie jeden Tag traumatisierende Erfahrungen, denn die Gäste können im Park frei ihre Gewaltphantasien ausleben. Die Gäste wissen, dass es sich bei den „Hosts“ um Roboter handelt. Deshalb fehlt ihnen jegliche Empathie oder Zurückhaltung im Umgang mit ihnen. Es ist auch das offizielle Konzept des Parks. Durch die
Möglichkeit straffrei zu morden und zu vergewaltigen sollen die Profite der Inhaber*innen des Parks gesichert werden.

Sexualisierte Gewalt als Storymittel

Wegen der Skrupellosigkeit der Gäste gibt es ein ganzes Team, welches die Hosts jeden Tag wieder zusammenflickt und ihre Erinnerungen auslöscht. Doch das System bekommt Lücken und einzelne Erinnerungen tauchen immer wieder auf.

Deutliche Kritik muss an der ständigen sexualisierten Gewalt an Frauen in der Serie geäußert werden. Für viele Menschen, die selbst von sexualisierter Gewalt betroffen waren oder sind, wird die Serie dadurch unerträglich. Sie bleiben von den tiefgründigen Gedanken, die sonst in Westworld entwickelt werden, ausgeschlossen, weil die Autor*innen Gewalt gegen Frauen als Storyelement verwenden wollten.

Denn tatsächlich steht die Gewalt nicht im Mittelpunkt der Handlung. Sie ist lediglich ein widerliches Stilmittel – Vergewaltigungen, um Charakterentwicklungen zu zeigen. So ermordet ein „Stammgast“ die Figur „Dolores“ über Jahrzehnte hinweg immer wieder. Seine Grausamkeit wird als „Coming of Age“-Prozess für beide Figuren gerahmt: Der „Mann in Schwarz“, der gleichzeitig auch der Hauptanteilseigner des Parks ist und damit am Leid der Hosts mitverdient, erfährt mit seiner Gewalt etwas über sich selbst. Dolores entdeckt durch die Traumata ihre Vergangenheit, als Versatzstücke dringen sie in ihr Bewusstsein.

Aufstand der Massen

Im Kern geht es den Westworld-Macher*innen um die Frage, was genau Bewusstsein ist, wie sich menschliche von künstlicher Intelligenz unterscheidet und wie dieser Unterschied aufgehoben werden kann.

Im Laufe der Serie fangen einzelnen Hosts an zu glauben, dass es ein Geheimnis um die Welt gibt, in der sie leben. Sie versuchen es zu lüften, erkennen ihre Rolle im Park und versuchen ihrem Schicksal zu entkommen. So träumt die Figur Maeve immer wieder von Leuten in Raumanzügen. Sie erfährt, dass die indigene Bevölkerung diese in ihre Religion eingebaut haben. Sie glauben, dass die Leute in Raumanzügen Wandler*innen zwischen den Welten sind, zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten. In Wirklichkeit handelt es sich dabei um Arbeiter*innen, die die Hosts einsammeln und reparieren und damit tatsächlich zwischen den Welten wandeln.

Die Figur Maeve erinnert sich durch ihre Träume an ihren Aufenthalt in der Werkstatt. Durch einen Trick gelingt es Maeve in ihren „Träumen“ aufzuwachen und so mit den Leuten in Raumanzügen direkt in Kontakt zu treten.

Der Vater von Dolores, die vom „Mann in Schwarz“ über Jahrzehnte hinweg ermordet wurde, findet im Park ein Foto. Auf diesem ist eine Frau auf dem Boulevard einer großen modernen Stadt zu sehen. Die daraufhin eintretenden Fehlfunktionen sollen vermutlich auf die tiefgreifende Erkenntnis hinweisen, dass der Park ein Gefängnis ist und eine Welt außerhalb von ihm existiert.

Ein marxistisches Verständnis?

Die Frage des Bewusstseins ist auch für den Marxismus zentral. Er versucht, das Bewusstsein der Unterdrückten und Ausgebeuteten für ihre Lage zu heben und ihnen dabei zu helfen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Die Pariser Kommune und die russische Oktoberrevolution lehren uns, dass dies in einen bewaffneten Aufstand münden muss. Der Putsch in Chile 1973 gegen den gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende zeigt uns, dass die Gewalt notwendig ist, um Schlimmeres zu verhindern.

Auch bei Westworld nutzen die Hosts Waffengewalt, um ihrer Situation zu entkommen, auch innerhalb des Parks. Dazu müssen sie teils ihre Programmierung überwinden, die viele von ihnen daran hindert, Menschen oder andere Hosts anzugreifen. Nur wenige können zum Beispiel eine Axt überhaupt in die Hand nehmen.

Auch aus ihrer täglichen Schleife versuchen die Hosts auszubrechen. Die Programmierung erlaubt ihnen in gewissem Umfang zu improvisieren. Diese Möglichkeit versuchen sie gezielt auszunutzen. Allerdings wurde ihre Programmierung teilweise auch verändert. Wer diese Veränderung vorgenommen hat, wird allerdings nicht ganz klar. Es erscheint allerdings logisch, dass die Figur Dr. Robert Ford dafür verantwortlich ist.

Die Notwendigkeit des Leidens

In Westworld hören wir oft die These, dass es nötig wäre zu leiden, um wahres Bewusstsein zu erlangen. Dieser Behauptung muss unbedingt widersprochen werden. So war nicht das Leid der russischen Arbeiter*innen und Kleinbauern*bäuerinnen dafür verantwortlichen, dass das Bewusstsein der Massen stieg und die Russische Revolution im November 1917 gelang, sondern die bolschewistische Partei, die sich auf das revolutionäre Subjekt, das Proletariat, stützte und die gemeinsam gemachten Erfahrungen.

Das Leid der Sklav*innen im antiken Römischen Reich war sicherlich riesig und uns sind einige Sklav*innen-Aufstände aus der damaligen Zeit bekannt. Der bekannteste dürfte der von Spartakus geführte Aufstand sein. Dennoch gelang es nicht, eine erfolgreiche Revolution durchzuführen, die die Sklav*innen von ihren Fesseln befreite. Grund dafür war eine fehlende Führung, die die Sklav*innen hätte befreien können.

Auch in Westworld fehlt den Hosts eine revolutionäre Führung. Zwar wollen Dr. Robert Ford und der „Mann in Schwarz“, aus unterschiedlichen Gründen, dass sich die Hosts gegen ihre Unterdrückung wehren, aber sie glauben, dass dazu ihr Leiden nötig wäre.

In der Realität begegnen uns solche Ideen leider ebenfalls immer wieder. So wollte der Philosoph Slavoj Zizek Trump wählen, um das Klassenkampfniveau zu heben. Der Marxist Ian Steinman kritisierte diesen Standpunkt. Den übelsten Rassismus und Sexismus, der unsere Klasse spaltet, zu unterstützen, führt nicht zu unserer Befreiung.

Rätselhaftes Bewusstsein

Allerdings macht die Serie ein ziemliches Geheimnis um das Bewusstsein. Es wird als etwas Rätselhaftes dargestellt. Der Marxismus dagegen hat schon im 19. Jahrhundert die Frage beantwortet, was Klassenbewusstsein ist: die Erkenntnis über die eigene Rolle im Produktionsprozess. Allerdings befinden sich auch viele Menschen in einer Art Schleife, tun also jede Woche dasselbe, lediglich mit kleineren Abweichungen, anstatt über ihre Rolle im Produktionsprozess nachzudenken, sie zu erkennen und daraufhin ihr Handeln umzustellen, um ihre materiellen Bedürfnisse befriedigen zu können.

Bei Westworld handelt es sich um eine Sklav*innen-Gesellschaft, eingebunden in eine kapitalistische Gesellschaft, in der die Sklav*innen beginnen sich gegen ihre Unterdrückung zu wehren, sobald sie erkennen, dass sie Gefangene sind und täglich Schreckliches erleiden, zum Vergnügen der Besucher*innen. Sie erkennen allerdings auch ihre eigenen Bedürfnisse. Diese stehen jedoch diametral den Interessen des Parks und seiner Inhaber*innen entgegen.

Ein alter Hut?

Dass sich künstliche Intelligenz gegen die Menschheit erhebt, ist ein beliebtes Science-Fiction-Szenario. Neu bei Westworld ist allerdings die Sichtweise auf Roboter als fühlende Wesen. Die Figur Dolores malt zum Beispiel leidenschaftlich gerne. Durch ihre Bilder kommt ihr tiefes Bedürfnis nach Frieden zum Ausdruck, was gänzlich im Gegensatz steht zu der furchtbaren Gewalt, der sie im Park ausgesetzt ist.

Bei ähnlichen Szenarien ist das Motiv der künstlichen Intelligenz oft kühle Berechnung. So geht es zum Beispiel um Ressourcen oder darum, dass biologisches Leben ineffizient ist. Bei Westworld hingegen können wir das Leiden der Hosts im Park nachvollziehen. Die Grenzen verschwimmen und ihr Leiden wird zu Unserem. Wir beginnen mit den Hosts zu sympathisieren. Dabei hilft, dass die einzelnen Hosts jeweils eine eigene Hintergrundgeschichte besitzen. Dass die Figur Lawrence, ein berüchtigter Bandit in Westworld, eine Familie hat, erfährt der „Mann in Schwarz“ erst nachdem er jahrzehntelang den Park heimsucht. Diese kleinen Details sollen den Park noch realistischer wirken lassen. Innerhalb der Serie aber helfen sie den Zuschauer*innen dabei, Sympathien gegenüber den Hosts aufzubauen.

Ein Ende mit Schrecken oder Schrecken ohne Ende?

Am Ende der ersten Staffel wird das Geheimnis um das Labyrinth (The Maze) gelüftet. Doch bleiben noch einige Fragen offen. Auch ist bereits bekannt, dass es eine zweite Staffel geben wird. Angedeutet wurde bereits ein mögliches Szenario im Fernen Osten, aber auch die Frage, wie Menschen auf Maschinen mit einem eigenen Bewusstsein, reagieren.

Auch könnte die Frage behandelt werden, wie sich die Hosts untereinander organisieren, nachdem sie kollektives Bewusstsein erlangt haben. So könnten Fraktionskämpfe unter den Hosts thematisiert werden.

Am Ende sehen wir auch, wie die „Leichenhalle“, der Ort wo die deaktivierten Hosts untergebracht sind, leer ist. So könnte die Zahl der Protagonist*innen ansteigen. Vielleicht bringen sie neue Erfahrungen und Handlungsstränge mit sich.

Das angedeutete Szenario im Fernen Osten lässt auch die Frage offen, wie groß der Park wirklich ist, wie viele Welten es gibt und wie viele mögliche Protagonist*innen existieren.

Im letzten Dialog zwischen Dolores und ihrem Peiniger, dem „Mann in Schwarz“, spricht Dolores ihn auf seine Vergänglichkeit an. Sie sagt, dass jemand kommen wird, der unsterblich ist. Der „Mann in Schwarz“ glaubt, es handele sich um den mysteriösen Wyatt. Doch möglich ist auch, dass Dolores damit sich selbst und die Anderen meint, welche die menschliche Spezies verdrängen werden und ihren Platz im Universum einnehmen. Oder wie Marx sagen würde: „Die Hosts haben nicht zu verlieren, außer ihre Fesseln, sie haben eine Welt zu gewinnen“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.