Was ist der Wert des Menschen?

29.03.2016, Lesezeit 4 Min.
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Stéphane Brizé zeigt in seinem neuen Film “Der Wert des Menschen” nüchtern und zugleich eindrucksvoll die Realität eines französischen Arbeiters, der seinen Job verliert und einen Prozess der Demütigung durchläuft.

In seiner berühmten Erzählung “Wie viel Erde braucht der Mensch?” antwortete der russische Literat Leo Tolstoi am Ende trocken, dass der Mensch gerade so viel Land braucht, um noch begraben zu werden: in der Geschichte sind es sechs Ellen. Stéphane Brizé geht in seinem neuen Film zwar nicht auf die Landfrage ein, jedoch steht das gleiche Problem im Vordergrund: Was braucht es zu einem guten Leben?

In einer hochentwickelten kapitalistischen Gesellschaft wie in Frankreich braucht es dafür vor allem eins: einen Arbeitsplatz. Diese Arbeit hat der Protagonist des Films, der gelernte Maschinist Thi­erry Tau­go­ur­deau, gerade verloren. Der Film lässt nur erahnen, dass dies nach einem harten Arbeitskampf geschah. Thierry betont im Gespräch mit seinen ehemaligen Kolleg*innen die Erschöpfung, die er nach der Niederlage empfindet. “War ich bei der Blockade nicht in der ersten Reihe?” fragt er, um jedoch resignierend festzustellen: “Für meine eigene seelische Verfassung ist es besser, hier einen Schlussstrich zu ziehen.” Das bedeutet für ihn die Aufgabe des Kampfes und die Annahme eines prekären, schlechter bezahlten Jobs als Wachmann in einem Einkaufscenter.

Lohnsklave – weiter nichts

Nach einer demütigenden Umschulung, die ihm durch das Arbeitsamt auferlegt wird, besteht seine Aufgabe zunächst darin, etwaige Ladendiebstähle zu erfassen. Brizé zeigt anhand von einigen ausgewählten Beispielen, welche Konflikte das mit sich bringen kann: Was, wenn jemandem der Diebstahl unter Gewaltandrohung aufgezwungen wurde? Was, wenn am Ende des Monats das Geld nicht ausreicht für das Essen?

Doch diese moralischen Konflikte sind für Thierry nicht genug. Sein Sohn ist schwerkrank und steht in der Schule unter enormem Leistungsdruck. Seine hart verdienten Ersparnisse sind infolge der Arbeitslosigkeit aufgebraucht, sodass er sein Wohnmobil verkaufen muss, obwohl er und seine Frau viele persönliche Erinnerungen damit verbinden. Finanzielle Probleme mit der Kreditbank kommen hinzu.

Thierry muss kommt umso mehr in Bedrängnis, als ihm auferlegt wird, seine eigenen Kolleg*innen an der Kasse zu überwachen. Denn im Frankreich des Jahres 2016 werden auch Menschen mit einer Arbeit gezwungen, zu “stehlen”: Thierry und seine Wachleute decken auf, dass zwei Kassierer*innen Pfandgutscheine und Treuepunkte für sich nutzten. Ähnlich wie hierzulande führen solche Fälle – egal, wie klein der wirtschaftliche Schaden ist – zu einem “Vertrauensverlust” seitens des Arbeitgebers und damit zur Kündigung. Die Szene erinnert stark an den Fall Emmelly.

Die Entlassung der Arbeiter*innen führt dabei zu einem tragischen Unglück, der Thierry über seine eigene Rolle reflektieren lässt. Warum lässt er sich gegen seine eigenen Kolleg*innen ausspielen? Warum nimmt er es hin, dass seine Kolleg*innen entlassen werden, weil der Personalleiter des Unternehmens den Umsatz steigern will?

Ist so das Leben?

Brizé hatte es sich zur Aufgabe gesetzt, diesen Film so realitätsnah wie möglich zu gestalten. Fast schon dokumentarisch schildert er den Alltag des Arbeiters und seiner Familie. Die Szenen werden länger und länger, es bedarf einiger Konzentration, um aus den Details die Großartigkeit des Films zu antizipieren. Am Ende wird der*die Kinobesucher*in nicht begeistert sein, aber jede*r Lohnarbeiter*in wird sich zumindest teilweise in Thierry wiedererkennen. Nach „Zwei Tage, eine Nacht“ aus dem Jahr 2014 haben wir wieder einen berührenden Film über die kleinen Kämpfe von heutigen Proletarier*innen für ihre Würde.

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