Geschichte und Kultur

Was ist der Wert des Menschen?

Stéphane Brizé zeigt in seinem neuen Film “Der Wert des Menschen” nüchtern und zugleich eindrucksvoll die Realität eines französischen Arbeiters, der seinen Job verliert und einen Prozess der Demütigung durchläuft.

Was ist der Wert des Menschen?

In sein­er berühmten Erzäh­lung “Wie viel Erde braucht der Men­sch?” antwortete der rus­sis­che Lit­er­at Leo Tol­stoi am Ende trock­en, dass der Men­sch ger­ade so viel Land braucht, um noch begraben zu wer­den: in der Geschichte sind es sechs Ellen. Stéphane Brizé geht in seinem neuen Film zwar nicht auf die Land­frage ein, jedoch ste­ht das gle­iche Prob­lem im Vorder­grund: Was braucht es zu einem guten Leben?

In ein­er hochen­twick­el­ten kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaft wie in Frankre­ich braucht es dafür vor allem eins: einen Arbeit­splatz. Diese Arbeit hat der Pro­tag­o­nist des Films, der gel­ernte Mas­chin­ist Thi­erry Tau­go­ur­deau, ger­ade ver­loren. Der Film lässt nur erah­nen, dass dies nach einem harten Arbeit­skampf geschah. Thier­ry betont im Gespräch mit seinen ehe­ma­li­gen Kolleg*innen die Erschöp­fung, die er nach der Nieder­lage empfind­et. “War ich bei der Block­ade nicht in der ersten Rei­he?” fragt er, um jedoch resig­nierend festzustellen: “Für meine eigene seel­is­che Ver­fas­sung ist es bess­er, hier einen Schlussstrich zu ziehen.” Das bedeutet für ihn die Auf­gabe des Kampfes und die Annahme eines prekären, schlechter bezahlten Jobs als Wach­mann in einem Einkauf­s­cen­ter.

Lohnsklave – weiter nichts

Nach ein­er demüti­gen­den Umschu­lung, die ihm durch das Arbeit­samt aufer­legt wird, beste­ht seine Auf­gabe zunächst darin, etwaige Ladendieb­stäh­le zu erfassen. Brizé zeigt anhand von eini­gen aus­gewählten Beispie­len, welche Kon­flik­te das mit sich brin­gen kann: Was, wenn jeman­dem der Dieb­stahl unter Gewal­tan­dro­hung aufgezwun­gen wurde? Was, wenn am Ende des Monats das Geld nicht aus­re­icht für das Essen?

Doch diese moralis­chen Kon­flik­te sind für Thier­ry nicht genug. Sein Sohn ist schw­erkrank und ste­ht in der Schule unter enormem Leis­tungs­druck. Seine hart ver­di­en­ten Erspar­nisse sind infolge der Arbeit­slosigkeit aufge­braucht, sodass er sein Wohn­mo­bil verkaufen muss, obwohl er und seine Frau viele per­sön­liche Erin­nerun­gen damit verbinden. Finanzielle Prob­leme mit der Kred­it­bank kom­men hinzu.

Thier­ry muss kommt umso mehr in Bedräng­nis, als ihm aufer­legt wird, seine eige­nen Kolleg*innen an der Kasse zu überwachen. Denn im Frankre­ich des Jahres 2016 wer­den auch Men­schen mit ein­er Arbeit gezwun­gen, zu “stehlen”: Thier­ry und seine Wach­leute deck­en auf, dass zwei Kassierer*innen Pfandgutscheine und Treuepunk­te für sich nutzten. Ähn­lich wie hierzu­lande führen solche Fälle – egal, wie klein der wirtschaftliche Schaden ist – zu einem “Ver­trauensver­lust” seit­ens des Arbeit­ge­bers und damit zur Kündi­gung. Die Szene erin­nert stark an den Fall Emmel­ly.

Die Ent­las­sung der Arbeiter*innen führt dabei zu einem tragis­chen Unglück, der Thier­ry über seine eigene Rolle reflek­tieren lässt. Warum lässt er sich gegen seine eige­nen Kolleg*innen ausspie­len? Warum nimmt er es hin, dass seine Kolleg*innen ent­lassen wer­den, weil der Per­son­alleit­er des Unternehmens den Umsatz steigern will?

Ist so das Leben?

Brizé hat­te es sich zur Auf­gabe geset­zt, diesen Film so real­ität­snah wie möglich zu gestal­ten. Fast schon doku­men­tarisch schildert er den All­t­ag des Arbeit­ers und sein­er Fam­i­lie. Die Szenen wer­den länger und länger, es bedarf einiger Konzen­tra­tion, um aus den Details die Großar­tigkeit des Films zu antizip­ieren. Am Ende wird der*die Kinobesucher*in nicht begeis­tert sein, aber jede*r Lohnarbeiter*in wird sich zumin­d­est teil­weise in Thier­ry wieder­erken­nen. Nach „Zwei Tage, eine Nacht“ aus dem Jahr 2014 haben wir wieder einen berühren­den Film über die kleinen Kämpfe von heuti­gen Proletarier*innen für ihre Würde.

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