Geschichte und Kultur

War Rudi Dutschke Trotzkist?

Heute Vor 50 Jahren schoß ein rechtsradikaler Attentäter auf Rudi Dutschke. Die Galionsfigur der Westberliner Studentenbewegung starb elf Jahre später an den Folgen des Attentats. Heute gedenkt das deutsche Establishment dem Revolutionär Dutschke als grüner Reformer. Für welches Programm stand Dutschke? War er ein heimlicher Trotzkist?

War Rudi Dutschke Trotzkist?

War Rudi Dutschke Trotzk­ist? Die ein­fache Antwort: Nein, natür­lich nicht.

Die Galions­fig­ur der West­ber­lin­er Stu­den­ten­be­we­gung ver­trat ein eklek­tis­ches Pro­gramm. Dutschke war gläu­biger Christ, während sich Trotzkist*innen auf den his­torischen Mate­ri­al­is­mus stützen. Dutschke rief zu einem “Marsch durch die Insti­tu­tio­nen auf”, während Trotzkist*innen für den Auf­bau ein­er rev­o­lu­tionäre Welt­partei ein­treten, um die Insti­tu­tio­nen des bürg­er­lichen Staates zu stürzen.

Doch die lange Antwort ist: Dutschkes Lauf­bahn war stärk­er von der trotzk­istis­chen Bewe­gung bee­in­flusst, als all­ge­mein bekan­nt ist.

Die Westberliner Linke

Drei Tage vor dem Bau der Berlin­er Mauer flüchtete Dutschke aus der DDR, und nahm anschließend ein Studi­um an der Freien Uni­ver­sität Berlin auf. Er bewegte sich in der West­ber­lin­er Linken, die in der Zeit vor 1968 nur in Form von kleinen Zirkeln funk­tion­ierte. Wie kon­nten diese ver­sprengten Linken noch irgend­wie Ein­fluss bei den Massen gewin­nen?

Dutschke grün­dete 1962 die Gruppe “Sub­ver­sive Aktion”, die mit einem “sit­u­a­tion­is­tis­chen” Pro­gramm und spek­takulären Aktio­nen die Massen aufrüt­teln wollte. Ihre Zeitung hieß passend “Anschlag”. Doch Dutschke entwick­elte zunehmend kom­mu­nis­tis­che Posi­tio­nen, und einige sein­er Mitstreiter*innen war­fen ihm “Klassenkampfro­man­tik” vor. Nach der Spal­tung der “Sub­ver­siv­en Aktion” trat Dutschke 1965 in den Sozial­is­tis­chen Deutschen Stu­den­ten­bund (SDS) ein.

Ende 1964 hat­te Dutschke bere­its Gespräche mit der trotzk­istis­chen Gruppe in West­ber­lin geführt. Diese kon­spir­a­tive Gruppe nan­nte sich selb­st nur “die Sek­tion” – eine Kurz­form für die “deutsche Sek­tion der Vierten Inter­na­tionale”. Ihre Mit­glieder arbeit­eten in der SPD und den Falken. Nach außen trat­en sie nur mit der Zeitung “Sozial­is­tis­che Poli­tik”, die ein linkssozialdemokratis­ches Pro­fil hat­te.

Dutschke fand vieles am Trotzk­ismus anziehend: Die kon­se­quente Kri­tik am Stal­in­is­mus; die The­o­rie der per­ma­nen­ten Rev­o­lu­tion, die eine gemein­same Strate­gie für Arbeiter*innen in den impe­ri­al­is­tis­chen und in den kolonisierten Län­dern for­mulierte; und auch die franzö­sis­che Jugend­gruppe Jeuness­es Com­mu­nistes Révo­lu­tion­naires haben die West­ber­lin­er Linken sehr beein­druckt.

Aber Dutschke war über­haupt nicht überzeugt von der langfristi­gen Arbeit in der SPD – die deutschen Trotzkist*innen hat­ten zu dem Zeit­punkt bere­its 15 Jahre in der Sozialdemokratie aus­ge­har­rt.

Als der SDS aus der SPD aus­geschlossen wurde, hat die trotzk­istis­che Gruppe sich nicht mal sol­i­darisiert – aus Angst, eben­falls ihre reformistis­che Heimat zu ver­lieren. Die deutschen Trotzkist*innen hat­ten in der Nachkriegszeit entsch­ieden, aus der kurzfristi­gen Tak­tik des Entris­mus eine jahrezehn­te­lange Strate­gie zu machen. So woll­ten sie an den Massen dran bleiben – aber dadurch haben sie den Bezug zur Jugen­dradikalisierung ver­loren, die kom­plett außer­halb der SPD stat­tfand.

Trotzkismus ist mehr als Antistalinismus

Als Dutschke 1965 mit ein­er SDS-Del­e­ga­tion Moskau besucht, wurde er von einem sow­jetis­chen Pro­fes­sor als “Trotzk­ist” beze­ich­net – weil er kri­tisierte, dass auch nach der soge­nan­nten “Ent-Stal­in­isierung” beim 20. Parteitag der KPdSU die bürokratis­chen For­men in der UdSSR noch vorherrschen. Es war typ­isch in der Sow­je­tu­nion, jede Kri­tik an Bürokratie als “Trotzk­ismus” abzuweisen, obwohl Lenin genau­so lei­den­schaftlich für Rät­edemokratie einge­treten war.

Dutschke war kein Trotzk­ist. Der Dauer-Entris­mus der Trotzkist*innen hat­te ihn abgestossen. Diese per­ma­nente Anpas­sung an reformistis­che Parteien führte dazu, dass diese Strö­mung des Trotzk­ismus viele ihrer Grund­sätze über Bord wer­fen wurde.

Erst nach den Osterun­ruhen im April 1968 began­nen die deutschen Trotzkist*innen, aus der SPD auszutreten und offen aufzutreten. Im Mai grün­de­ten sie die Zeitschrift “was tun”, und zur offiziellen Redak­tion gehörte auch Dutschke. Eine reale Mitar­beit sein­er­seits ist schon durch seine Ver­let­zun­gen aus­geschlossen.

Doch beim Viet­nam-Kongress im Feb­ru­ar 1968 saßen neben Rudi Dutschke auch inter­na­tionale Trotzkist*innen wie Ernest Man­del, Tariq Ali und Robin Black­burn auf dem Podi­um. Dadurch hat­te der Trotzk­ismus einen stärk­eren Ein­fluss auf die Jugen­dre­volte in West­deutsch­land, als all­ge­mein anerkan­nt ist.

Lei­der hat­ten die Trotzkist*innen damals eine falsche Konzep­tion, die die eige­nen Überzeu­gun­gen zugun­sten der langfristi­gen organ­isatorischen Ein­heit mit Reformist*innen ver­steck­te. Damit die näch­sten Dutschkes, die Köpfe der kom­menden Revolte, ihren Weg zum rev­o­lu­tionären Marx­is­mus find­en, ver­suchen wir, die ganze Tra­di­tion der Vierten Inter­na­tionale nicht in der SPD (oder der Linkspartei) einzu­graben, son­dern das eigene Ban­ner möglichst sicht­bar aufzustellen.

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Eine viel län­gere Ver­sion dieser Geschichte: Hin­ter der Bühne der Revolte

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