Unsere Klasse

“Viele sagen, das sei ihr letzter Streik gewesen”

Der über­raschende Abbruch des Arbeit­skampfes bei der Post AG hat bei vie­len Beschäfti­gen Frust hin­ter­lassen. Ein Gespräch mit Sven Paschmann, Briefzusteller bei der Deutschen Post AG und Ver­trauensmann der Gew­erkschaft ver.di.

// Der über­raschende Abbruch des Arbeit­skampfes bei der Post AG hat bei vie­len Beschäfti­gen Frust hin­ter­lassen. Ein Gespräch mit Sven Paschmann, Briefzusteller bei der Deutschen Post AG und Ver­trauensmann der Gew­erkschaft ver.di. //

Sven Paschmann (Name geän­dert) ist Briefzusteller bei der Deutschen Post AG und Ver­trauensmann der Gew­erkschaft ver.di.

Vier Wochen lang wurde bei der Deutschen Post AG gestreikt. Doch ver­gan­genen Son­ntag kam die über­raschende Nachricht, dass es ein Ergeb­nis gebe. Wie waren die Reak­tio­nen bei Ihren Kol­legeIn­nen?
Es gab Ent­täuschung, Entset­zen und Wut, nie­mand hat ver­standen, wie inner­halb von einem Woch­enende diese 180-Grad-Wende von den ursprünglichen Forderun­gen hin zu diesem Abschluss gemacht wer­den kon­nte. Viele Kol­legIn­nen sagten, das sei ihr let­zter Streik gewe­sen. Selb­st den Betrieb­sräten, die uns das Resul­tat als Erfolg präsen­tieren soll­ten, war die Ent­täuschung anzuse­hen. In mehreren Orten wur­den spon­tane “Urab­stim­mungen” durchge­führt, und 90 Prozent stimmten dage­gen.

Auch in sozialen Medi­en laufen seit ein­er Woche hitzige Debat­ten unter Post­lerIn­nen. Wie reagieren die Gew­erkschafts­funk­tionärIn­nen?
Zuerst ver­sucht­en sie, sich an der Debat­te zu beteili­gen. Später ging es eher darum, die Diskus­sion abzuwür­gen und die Vere­in­barung als Erfolg hinzustellen. Zulet­zt wur­den offen­bar nicht wenige Men­schen von den ver­schiede­nen ver.di-Facebook-Seiten geblockt – das heißt, sie hat­ten keinen Zugriff mehr auf die Kom­men­tar­funk­tion. Auf der anderen Seite haben sich im Streik mehrere offene und von ver.di unab­hängige Face­book-Grup­pen gegrün­det. Dadurch gibt es erst­mals über­re­gion­al einen inten­siv­en Aus­tausch unter den Beschäftigten.

Eine Online-Peti­tion fordert eine Urab­stim­mung über das Ergeb­nis. Wird es eins geben?
Das Grund­prob­lem beste­ht darin, dass ver.di mit sein­er hier­ar­chis­chen und bürokratis­chen Struk­tur keinen Arbeit­skampf von der Basis aus organ­isiert. Nach einem Abschluss ist Kri­tik uner­wün­scht. Die Führungsebene glaubt anscheinend, dass nie­mand außer ihr selb­st die Sit­u­a­tion real­is­tisch ein­schätzen kann.

Am Höhep­unkt des Streiks waren 32.000 Post­lerIn­nen im Aus­stand – eine Min­der­heit der 140.000 Beschäftigten. Hätte ver.di mehr mobil­isieren kön­nen?
Es hät­ten sicher­lich mehr Men­schen mobil­isiert wer­den kön­nen. Bei uns hier im Nor­den, also in Ham­burg und Schleswig-Hol­stein, haben wir recht viel Aktive an der Basis – auch schon vor dem Streik. Das ist ein Grund dafür, dass wir hier die höch­ste Streik­beteili­gung im ganzen Land hat­ten. Glaub­würdi­ge und aktive Betrieb­s­grup­pen fördern die Aktiv­ität an der Basis. Ich sehe auch eine Auf­gabe darin, die Struk­tur der Gew­erkschaft dahinge­hend zu verän­dern, dass AktivistIn­nen aus den streik­starken Gebi­eten mehr Ein­fluss bekom­men.

Die Aus­gliederung von Briefzustel­lerIn­nen in die DHL Deliv­ery GmbHs ist ein schw­er­er Schlag gegen die tra­di­tionell starke gew­erkschaftliche Organ­isierung bei der Post – Struk­turen müssen neu aufge­baut wer­den. Warum hat die ver.di-Führung dem zuges­timmt?
Weil sie keine Chance mehr gese­hen hat, diese Aus­gliederung zu ver­hin­dern. Dieses The­ma war das wichtig­ste im gesamten Streik. Ver.di war sich bewusst, dass es hier um die Zer­schla­gung der Organ­i­sa­tion­s­macht der Gew­erkschaft ging.

Die Ein­schätzung bei uns an der Basis ist deshalb auch nicht, dass wir von ver.di-FunktionärInnen ver­rat­en wur­den, son­dern dass der Streik so plöt­zlich und schnell aufgegeben wurde, weil man ein noch schlim­meres Desaster befürchtet hat. Näm­lich, dass mit der anrück­enden Ferien­zeit und der ersten Lohnauszahlung am 15. Juli die Streik­front zusam­menge­brochen wäre.

Ob das so gekom­men wäre, kann nie­mand sagen. In jedem Fall kam der Abbruch viel zu früh, er war völ­lig unver­mit­telt. Da hätte unbe­d­ingt eine Urab­stim­mung durchge­führt wer­den müssen. Dadurch hat nicht nur der Abschluss selb­st die Gew­erkschaft nach­haltig geschädigt, son­dern noch viel mehr die Art, wie er zus­tande kam.

Gibt es Ideen von kri­tis­chen Kol­legIn­nen, wie es jet­zt weit­erge­ht?
Es gibt diverse Über­legun­gen von lokalen, regionalen und bun­desweit­en Tre­f­fen zur Auswer­tung des Streiks. Jet­zt ist es wichtig, uns bess­er zu organ­isieren und zu ver­net­zen. Wir müssen uns ver­stärkt sol­i­darisch auf andere Arbeit­skämpfe beziehen, denn der ver­lorene Kampf hat uns auch gezeigt, dass die Kap­i­tal­istIn­nen­klasse in Zusam­me­nar­beit mit dem Staat eine große Macht besitzt, Arbeit­skämpfe zu zer­schla­gen, solange sie isoliert voneinan­der geführt wer­den.

Wir brauchen mehr poli­tis­ches Bewusst­sein. Bis zu 70 Prozent der Bevölkerung hat den Arbeit­skampf der Post­lerIn­nen unter­stützt. Doch auf der anderen Seite gibt es diesen bre­it­en nation­al­is­tis­chen Kon­sens im Krieg Deutsch­lands und der EU gegen die griechis­che Bevölkerung. Aber der Kampf der Griechen gegen die Zer­schla­gung jeglich­er sozialer Min­dest­stan­dards ist der gle­iche, wie unser Kampf gegen die Post AG.

Warum muss dieses Inter­view anonymisiert stat­tfind­en?
In den Tagen nach dem Streik ist es zu zahlre­ichen Schika­nen gegen Streik­ende gekom­men. Viele Kol­legIn­nen wur­den auf Arbeit­splätze mit anstren­gen­deren Bedin­gun­gen ver­set­zt. Gle­ichzeit­ig ist zu befürcht­en, dass Men­schen, die sich kri­tisch über die ver.di-Linie äußern, im Fall von Maßregelung durch die Geschäft­sleitung noch weniger mit gew­erkschaftlichem Schutz rech­nen kön­nen.

Dieses Inter­view erschien auch in der jun­gen Welt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.