Unsere Klasse

Großangriff der Post AG

PREKARISIERUNG: Der ehe­ma­lige Staatskonz­ern nähert sich dem „Mod­ell Ama­zon“. Wenn es zum Wider­stand kommt, ist eine Zusam­men­führung der Kämpfe zen­tral.

Großangriff der Post AG

// PREKARISIERUNG: Der ehe­ma­lige Staatskonz­ern nähert sich dem „Mod­ell Ama­zon“. Wenn es zum Wider­stand kommt, ist eine Zusam­men­führung der Kämpfe zen­tral. //

Die Deutsche Post AG plant eine mas­sive Ver­schlechterung der Arbeits­be­din­gun­gen ihrer Belegschaft. „Wir müssen das Delta zwis­chen den Lohnkosten der Post und denen der Konkur­renz schließen“, äußerte sich Vor­stand­schef Frank Appel, „wir zahlen heute unseren Mitar­beit­ern teil­weise dop­pelt so viel wie unsere Wet­tbe­wer­ber“. Diese Aus­sagen muss man vor dem Hin­ter­grund der hohen Gewinne sehen, die die Deutsche Post ein­fährt. Ihre Aktien sind auf Reko­rd­kurs, seit 2008 stieg der Gewinn pro Mitar­bei­t­erIn um 56 Prozent. Passend dazu wur­den auch die Preise für KundIn­nen kon­tinuier­lich erhöht.

Trend zur Prekarisierung

In den let­zten Jahren stellte die Post immer mehr Beschäftigte befris­tet ein. Heute haben ein Drit­tel der Paket­zustel­lerIn­nen nur befris­tete Verträge. Der aktuell gel­tende Haus­tarif und der rel­a­tiv hohe Organ­i­sa­tion­s­grad der Arbei­t­erIn­nen ver­hin­derten bish­er weit­ere Ver­schlechterun­gen der Arbeits­be­din­gun­gen. Das möchte die Post nun umge­hen.

Deshalb grün­dete sie im Jan­u­ar Regional­gesellschaften unter dem Namen „DHL Deliv­ery GmbH“, deren im Han­del­sreg­is­ter einge­tra­gen­er Unternehmen­szweck „die Erbringung logis­tis­ch­er Dien­stleis­tun­gen, ins­beson­dere Beförderung und Zustel­lung von Paket­sendun­gen“ ist. Der gel­tende Haus­tarif soll also durch den Tarif der Spedi­tions- und Logis­tik­branche erset­zt wer­den. Das bedeutet nicht nur bis zu 35 Prozent weniger Lohn, son­dern auch flex­i­ble Arbeit­szeit­en von bis zu 10:45 Stun­den pro Tag und die Pflicht zu Mehrar­beit an freien Tagen. Eine plan­bare Freizeit ist damit nicht möglich. Es gibt keinen Schutz vor Ver­set­zun­gen und keinen tar­ifver­traglichen Kündi­gungss­chutz. Das Ziel ist die mas­sive Erhöhung des Drucks und der Flex­i­bil­isierung der gesamten Belegschaft.

Begonnen hat es bere­its: Aktuell befris­tet angestellte Paketliefer­an­tInnen wer­den gezwun­gen, in die Tochter­firmen zu wech­seln. Entwed­er akzep­tieren sie die schlechteren Löhne und Arbeits­be­din­gun­gen der Deliv­ery GmbH oder ihre Verträge wer­den nicht ver­längert. Die Agen­tur für Arbeit teilte eini­gen befris­tet Beschäftigten bere­its mit, dass sie bei ein­er Ablehnung des Ange­bots mit ein­er Stre­ichung von Leis­tun­gen rech­nen müssten. Unter diesen Bedin­gun­gen, vor allem angesichts des fehlen­den Kündi­gungss­chutzes, wirkt die ange­botene Ent­fris­tung beim Wech­sel wie Pud­erzuck­er auf einem Haufen Scheiße.

Vorbild Amazon

Es ist wenig über­raschend, dass das Pro­duk­tion­s­mod­ell des Online-Mark­t­führers Ama­zon auch auf andere Unternehmen ausstrahlt. Die Post als ehe­ma­liges Staat­sun­ternehmen befind­et sich dabei zwar in ein­er völ­lig anderen Aus­gangslage, kann sich dem Druck der Konkur­renz aber den­noch nicht entziehen. Bish­er unter­schied sie sich unter anderem durch die starke Ver­ankerung der Gew­erkschaft im Unternehmen und durch die lange beste­hende Sozial­part­ner­schaft, die nun jedoch vor der endgülti­gen Aufkündi­gung ste­ht.

Der mas­sive Anstieg von Befris­tun­gen in den ver­gan­genen Jahren auf zehn Prozent der Gesamt­belegschaft – also fast 15.000 Beschäftigte – zeigte bere­its die neue Marschrich­tung auf. Die jet­zt ange­bote­nen Langzeitverträge dienen dabei nur dem schnellen Auf­bau der neuen Tochterge­sellschaften. Für die Zukun­ft ist auch dort mit ein­er großen Zahl befris­teter Stellen zu rech­nen.

Weit­ere Ele­mente des „Mod­ell Ama­zon“ kön­nten fol­gen: Ins­beson­dere der mas­sive Druck zur Selb­stop­ti­mierung der Mitar­bei­t­erIn­nen und die immer stärkere Erfas­sung und präzise Tak­tung jedes einzel­nen Pro­duk­tion­ss­chritts sowie die damit ein­herge­hende Ten­denz zur Über­aus­beu­tung.

Gemeinsamer Kampf

Ver.di hat bere­its Wider­stand angekündigt, der Vor­sitzende Frank Bsirske betonte sog­ar, es dro­he „ein richtiger Großkon­flikt in einem Bere­ich, der gew­erkschaftlich sehr, sehr gut organ­isiert ist“. Den­noch soll­ten die tausenden betrof­fe­nen Kol­legIn­nen nicht darauf ver­trauen, dass auf den harten Angriff automa­tisch eine ener­gis­che Antwort fol­gt. Sie müssen selb­st dafür sor­gen, dass ihre Gew­erkschaft es nicht bei sym­bol­is­chem Protest belässt, son­dern schlagkräftige Streiks organ­isiert und dabei alle Post-Beschäftigten mitein­bezieht, inklu­sive der neuen Tochterge­sellschaften. Darüber hin­aus darf es eigentlich keinen Weg vor­bei an der nahe­liegen­den Allianz mit den Streik­enden bei Ama­zon geben.

DHL ist in Deutsch­land immer noch mit Abstand Ama­zons größter Logis­tik­part­ner. Ein gemein­samer Kampf würde also beson­ders gute Möglichkeit­en eröff­nen. Wenn die gut organ­isierten Kol­legIn­nen der Paketliefer­di­en­ste gle­ichzeit­ig mit Ama­zon-Beschäftigten streiken, dann kön­nte der US-Konz­ern auch mit noch so vie­len Streik­brecherIn­nen mas­sive Auswirkun­gen auf sein Kerngeschäft nicht mehr ver­hin­dern. Gemein­sam kön­nten die ver­schiede­nen Belegschaften nicht nur aktuelle Angriffe zurückschla­gen, son­dern hät­ten auch die Kraft, die poli­tis­chen Weg­bere­it­er dieser Angriffe, wie die Agen­da 2010, zu bekämpfen. Diese Chance darf nicht ver­tan wer­den.

One thought on “Großangriff der Post AG

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.