Geschichte und Kultur

Trotzki, der Name der Revolution

Trotzki, der Name der Revolution

„Das let­zte The­ma der Unter­hal­tung war der Tod. ‚Es gibt etwas, was der Kom­mu­nis­mus niemals besiegen wird: den Tod‘, sagte Mal­raux. Trotz­ki antwortete ihm: ‚Wenn ein Men­sch die Auf­gaben, die sich ihm stell­ten, erfüllt hat, wenn er getan hat, was er tun wollte, ist der Tod ein­fach.‘“ *

In diesen Tagen jährt sich zum 75. Mal die Ermor­dung von Leo Trotz­ki, dem Anführer der Rus­sis­chen Rev­o­lu­tion, dem Grün­der der Roten Armee und dem uner­müdlichen Kämpfer für die sozial­is­tis­che Wel­trev­o­lu­tion und den Kom­mu­nis­mus. Selb­st in den schw­er­sten Stun­den, als er den harten Bedin­gun­gen des Exils aus­ge­set­zt war, die ihm die regierende Kaste der UdSSR aufzwang, hat­te er diesen Kampf nicht aufgegeben.

Das let­zte Jahrzehnt in Trotzkis Leben war von den Anstren­gun­gen geprägt, der rev­o­lu­tionären Tra­di­tion Kon­ti­nu­ität zu geben. Trotzkis Auf­gabe war es, zum Auf­bau von Organ­i­sa­tio­nen beizu­tra­gen, die eine aktive Rolle in neuen Masse­nauf­schwün­gen spie­len kön­nen. 1938 drück­te sich das in der Grün­dung der IV. Inter­na­tionale aus. Die Schwierigkeit­en am Ende der 1930er Jahre, die Iso­la­tion der Trotzk­istIn­nen von bre­it­en Schicht­en des Pro­le­tari­ats, die vor allem von SozialdemokratIn­nen und den offiziellen „Kom­mu­nis­tis­chen Parteien“ (KP) ange­führt wur­den, sowie der Abschwung der Massen­be­we­gung nach der Nieder­lage der Spanis­chen Rev­o­lu­tion riefen Zweifel über die Notwendigkeit der Vierten Inter­na­tionalen her­vor.1

Isaac Deutsch­er, wahrschein­lich der beste Bio­graph des rus­sis­chen Rev­o­lu­tionärs, war Anhänger dieser Posi­tion und sprach sich in sein­er Trilo­gie über Trotz­ki deut­lich gegen die Grün­dung der Vierten aus2. Er schreibt: „Trotz­ki entschloß sich, die neue Inter­na­tionale in ein­er Zeit zu grün­den‚ in der dieser Akt, wie die Polen ihn warn­ten, keine Stoßkraft haben kon­nte.“3

Doch wenn diese Aktion wirk­lich „keinen Ein­fluss“ gehabt hätte, wie es der His­torik­er, der auch das Doku­ment der pol­nis­chen Delegierten ver­fasste, zu ver­ste­hen gab – wie erk­lären sich dann die Ermor­dun­gen einiger der wichtig­sten Mit­glieder der Inter­na­tionalen Linken Oppo­si­tion (ILO) wie Rudolf Kle­ment, Erwin Wolf oder dem Sohn von Trotz­ki, Leo Sedow? Sog­ar an der Grün­dungskon­ferenz nahm ein eingeschleuster GPU-Agent teil. Diese Ver­fol­gun­gen und Angriffe eskalierten bis zur Ermor­dung von Trotz­ki selb­st.

Von sein­er Ver­ban­nung aus der UdSSR 1929 bis zu sein­er Ermor­dung war der Grün­der der Roten Armee ein­er riesi­gen und inter­na­tionalen Ver­leum­dungskam­pagne aus­ge­set­zt. Die Vor­bere­itung und Durch­führung der Ermor­dung ver­brauchte enorme Ressourcen des Sow­jet­staats, der Kom­mu­nis­tis­chen Inter­na­tionale und der nationalen Kom­mu­nis­tis­chen Parteien. Die Frage erscheint offen­sichtlich: Angenom­men, Trotz­ki war eine pas­sive und vere­inzelte Fig­ur und die Ten­denz des Klassenkampfes ver­hin­derte, dass die frisch gegrün­dete IV. Inter­na­tionale irgen­deinen realen Ein­fluss gewin­nen kön­nte. Wie erk­lärt man dann die Aufwen­dung solch­er Ressourcen für die Ver­leum­dung und Ver­fol­gung ein­er Per­son und seines begren­zten Anhän­gerIn­nenkreis­es? Warum sollte man jeman­den umbrin­gen, der unfähig scheint, in die poli­tis­che Dynamik einzu­greifen?

Ein Planet ohne Visum

Trotz­ki schrieb auf den let­zten Seit­en von „Mein Leben“, dass der gesamte Plan­et für ihn unzugänglich war. Der Rev­o­lu­tionär stellte iro­nisch fest, dass diejeni­gen, die die „Vorteile“ der bürg­er­lichen Demokratie gegenüber dem Regime des Sow­jet­staats predigten, sich weigerten, ihm durch Gewährung poli­tis­chen Asyls eine „prak­tis­che Lehre“ dieser Über­legen­heit zu geben.

Diese Welt ohne Visum war eine bürg­er­liche Welt, die die Gedanken Trotzkis und seine Fähigkeit, in die Real­ität einzu­greifen, fürchtete. In jedem Land, das ihn zeitweise empf­ing, wurde er isoliert, seine Ein­griff­s­möglichkeit­en in das lokale poli­tis­che Leben wur­den beschränkt. Hin­ter diesen Aufla­gen stand auch der enorme diplo­ma­tis­che Druck der führen­den Schicht der UdSSR, die Trotz­ki ins Exil zwang.

Deren Druck wurde öffentlich aus­geübt. Der Sow­jet­staat forderte ständig die Ver­ban­nung aus jedem Land, in dem sich Trotz­ki aufhielt. Dies wurde von Ver­leum­dungskam­pag­nen gegen seine Per­son begleit­et. Selb­st kleine Organ­i­sa­tio­nen der Linken Oppo­si­tion wur­den von GPU-AgentIn­nen infil­tri­ert, um sie zu zer­stören. Das Aus­maß der Ver­fol­gung machte eine strate­gis­che Sorge der stal­in­is­tis­chen Bürokratie deut­lich.

Die Ursachen der Ver­fol­gung haben wenig zu tun mit ein­er indi­vidu­ellen Kon­fronta­tion der Per­sön­lichkeit­en Stal­in und Trotz­ki, wie es die lib­erale Geschichtss­chrei­bung vorgibt. Die Grund­lage find­et sich stattdessen in den tiefen Klassen­wider­sprüchen des ersten Arbei­t­erIn­nen­staates der Geschichte und beson­ders in den Span­nun­gen, denen die bürokratis­che Kaste aus­ge­set­zt war. Die Aktu­al­ität der rev­o­lu­tionären Tra­di­tion, die die Fig­ur Trotz­ki aus­drück­te, bedro­hte ihre Macht im Rah­men ein­er frag­ilen poli­tis­chen Sta­bil­ität.

Die Span­nun­gen inner­halb der Bürokratie drück­ten sich im gesamten Land, aber auch in der inter­na­tionalen Poli­tik der UdSSR und der III. Inter­na­tionale aus, die durch die KPdSU auf bürokratis­che Weise ange­führt wurde. Auf diesem Gebi­et unter­schieden sich die strate­gis­chen und poli­tis­chen Per­spek­tiv­en des Trotzk­ismus radikal von denen des Stal­in­is­mus.

Trotzkismus und Stalinismus auf der internationalen Ebene

Die stal­in­is­tis­che Poli­tik der III. Inter­na­tionale ab 1924 bestand aus dem offe­nen Boykott der Ausweitung der inter­na­tionalen Rev­o­lu­tion. Ein Ver­rat nach dem anderen ging mit der The­o­rie des „Sozial­is­mus in einem Land“ ein­her, was die Entwick­lung hin zum Zweit­en Weltkrieg ermöglichte.

Auf die Nieder­lage der Chi­ne­sis­chen Rev­o­lu­tion 1925–27 fol­gte die kampflose Nieder­lage des deutschen Pro­le­tari­ats 1933. Darauf fol­gte die katas­trophale Volks­front-Poli­tik in Frankre­ich und Spanien, die im offe­nen Ver­rat der Spanis­chen Rev­o­lu­tion ab 1936 mün­dete. Jed­er Schritt des Stal­in­is­mus auf der inter­na­tionalen Ebene bedeutete eine neue Nieder­lage für das Pro­le­tari­at.

Weit ent­fer­nt davon, ein­fach „poli­tis­che Fehler“ zu sein – die immer den nationalen Parteien und nie der Inter­na­tionale zugeschrieben wur­den – lag hin­ter dieser poli­tis­chen Prax­is eine tief­greifende Logik. Der trotzk­istis­che Anführer Ernest Man­del schrieb, dass

„man die von Stal­in in der Führung der Kom­mu­nis­tis­chen Inter­na­tionale began­genen ‚Fehler‘ nicht als zufäl­lige Resul­tate seines ‚falschen Ver­ständ­niss­es’ erk­lären kann […] Nie stimmten seine tak­tis­chen ‚Fehler‘ mit den Inter­essen des sow­jetis­chen oder inter­na­tionalen Pro­le­tari­ats übere­in […] Eine so sys­tem­a­tis­che Poli­tik kann sich nur als Aus­druck beson­der­er Inter­essen ein­er bes­timmten sozialen Gruppe in der sow­jetis­chen Gesellschaft erk­lären: der Bürokratie“.4

Über die ganzen 30er Jahre hin­weg konzen­tri­erte sich Trotzkis Poli­tik in Wes­teu­ropa darauf, zur Entwick­lung des rev­o­lu­tionären Kampfes beizu­tra­gen, aus­ge­hend von der Vertei­di­gung der Posi­tio­nen des Pro­le­tari­ats gegen den Faschis­mus und die Reak­tion.

So machte Trotz­ki nach­drück­liche Aufrufe zur Formierung ein­er Ein­heits­front zwis­chen der SPD und der KPD gegen den Faschis­mus. Er kri­tisierte die Volks­front-Poli­tik der KP in Frankre­ich hart, die den Auf­stieg der bona­partis­tis­chen Recht­en ermöglichte, während sie das Pro­le­tari­at im Kampf um die Macht ent­waffnete. In der Spanis­chen Rev­o­lu­tion ver­trat er eine Per­spek­tive der poli­tis­chen Unab­hängigkeit der Arbei­t­erIn­nen­klasse, um das „blinde, taube und stumme“ Sta­di­um der ersten Phase der Rev­o­lu­tion zu über­winden, die enorme Kraft der kämpferischen Arbei­t­erIn­nen­klasse zu ent­fes­seln und die Gren­zen ihrer Führung zu über­schre­it­en.

In dieser Peri­ode erwiesen sich die The­o­rie und das Pro­gramm der Per­ma­nen­ten Rev­o­lu­tion als einzige strate­gis­che Alter­na­tive zur stal­in­is­tis­chen Poli­tik. Davon aus­ge­hend ver­suchte Trotz­ki mit jed­er Tak­tik oder Poli­tik eines: die Massen­be­we­gung auf den rev­o­lu­tionären Weg zu leit­en. Vor allem die Führungsrolle der Kom­mu­nis­tis­chen Parteien und der III. Inter­na­tionale ver­hin­derte die Entwick­lung ein­er solchen von der Bour­geoisie unab­hängi­gen Poli­tik, mit der das Pro­le­tari­at während dieser Phase des Klassenkampfs hätte siegen kön­nen.

Ver­bun­den mit dieser glob­alen poli­tis­chen Per­spek­tive trat Trotz­ki in jedem einzel­nen Kampf für den Auf­bau rev­o­lu­tionär­er Organ­i­sa­tio­nen ein. Sie soll­ten einen realen Ein­fluss auf den Klassenkampf entwick­eln oder, in weniger aus­sicht­sre­ichen Sit­u­a­tio­nen, als Strö­mungen auftreten, die sich mit den strate­gis­chen Lehren aus diesen Kämpfen bewaffneten. Die „Furcht“ der stal­in­is­tis­chen Bürokratie vor Trotz­ki bestand zu großem Teil in diesem Poten­tial: dem Zusam­men­fluss der Linken Oppo­si­tion mit Teilen der Massen, die sich angesichts des Kampfes gegen den Faschis­mus und die Reak­tion radikalisierten.

In ein­er Zeit der Kriege, Wirtschaft­skrisen, des Kampfes gegen den Faschis­mus und der rev­o­lu­tionären Ten­den­zen bot der Trotzk­ismus ein Pro­gramm, eine Poli­tik und Tak­tiken an, die im Rah­men ein­er Strate­gie den Sieg ermöglichen kön­nten. Diese Möglichkeit brachte den inter­na­tionalen sta­tus quo in Gefahr, in dem sich die UdSSR zu einem kon­ser­v­a­tiv­en Fak­tor entwick­elte.

Die Nieder­la­gen auf der inter­na­tionalen Ebene kön­nen nicht von den inter­nen Wider­sprüchen des Sow­jet­staates dieser Jahre getren­nt wer­den. Deshalb wer­den wir einige dieser Wider­sprüche genauer betra­cht­en.

Die Sowjetbürokratie, eine konservative Kaste

1936 veröf­fentlichte Trotz­ki „Ver­ratene Rev­o­lu­tion“, eine umfassende Studie der Sit­u­a­tion des ersten Arbei­t­erIn­nen­staats der Geschichte. Sie zeigt die Prob­leme auf, die durch die Verzögerung der inter­na­tionalen Ausweitung der Rev­o­lu­tion und die Ver­wal­tung des Staates durch eine herrschende bürokratis­che Kaste, die das Pro­le­tari­at poli­tisch enteignete, ent­standen.

In den 30ern war das stal­in­is­tis­che Regime noch weit von Sta­bil­ität ent­fer­nt. Die wirtschaftlichen Wen­dun­gen der Bürokratie, die nur prag­ma­tisch durchge­führt wur­den, führten zwis­chen 1927 und 1934 zu großen sozialen und poli­tis­chen Krisen und stießen das Land in eini­gen Momenten an den Rand des Bürg­erIn­nenkriegs.

Die Gründe des bru­tal­en stal­in­is­tis­chen Zick­za­ck-Kurs­es liegen im sozialen Charak­ter der bürokratis­chen Kaste. Sie war keine „legit­ime“ Klasse, son­dern ernährte sich von der Arbei­t­erIn­nen­klasse, die sie poli­tisch enteignete. Vor den Augen der Massen erschien ihre Exis­tenz nicht „natür­lich“, son­dern aufgezwun­gen. Als priv­i­legierte Kaste war sie gezwun­gen, jedes Anze­ichen von Demokratie in der Gesellschaft und der KP der UdSSR zu unter­drück­en.

Doch für den Auf­bau ein­er sozial­is­tis­chen Gesellschaft ist das Beste­hen der bre­itesten poli­tis­chen Demokratie unter den Massen nötig. Die Bevölkerung muss sich an allen Entschei­dun­gen aus­giebig beteili­gen, die Notwendigkeit­en, Ressourcen und Möglichkeit­en bes­tim­men und die Beschlüsse kollek­tiv fällen. Die Unter­drück­ung der Demokratie ver­hin­derte die Kon­trolle der Massen über die Staatsver­wal­tung. Die Wirtschaft funk­tion­ierte nicht nach einem demokratisch definierten Plan, son­dern nach den Erfordernissen ein­er kleinen und priv­i­legierten Kaste. Die bürokratis­che Pla­nung machte es unmöglich, die Dynamik der gesamten Wirtschaft vorauszuse­hen. Dadurch fes­tigten sich die Ten­den­zen zum Chaos und zur Ver­schwen­dung von Arbeit­skraft – auch wenn immer noch ein deut­lich­er Fortschritt im Ver­gle­ich zur kap­i­tal­is­tis­chen Anar­chie zu verze­ich­nen war. Der Zick­za­ck-Kurs der Bürokratie war die empirische Antwort auf jede einzelne Krise, die aus diesen Prob­le­men ent­stand.

Die sozialen Unter­schiede zwis­chen den priv­i­legierten Schicht­en der Staats­bürokratie und den Massen nah­men zu. Dieser Aspekt spielte eine zen­trale Rolle in den Reflex­io­nen von Trotz­ki, der sagte, dass die „große Mehrheit der Sow­je­tar­beit­er […] heute schon der Bürokratie feindlich gegenüber [ste­ht] […]. [Aber die] Arbeit­er fürcht­en, mit der Nieder­w­er­fung der Bürokratie der kap­i­tal­is­tis­chen Restau­ra­tion einen Weg zu bah­nen.“5 Die Bürokratie erschien als ein „notwendi­ges Übel“ angesichts des impe­ri­al­is­tis­chen Drucks. Im sel­ben Text schreibt Trotz­ki:

„Die immer auf­dringlichere Ver­got­tung Stal­ins bildet […] einen uner­lässlichen Bestandteil des Regimes. Die Bürokratie braucht einen unan­tast­baren ober­sten Schied­srichter, einen Ersten Kon­sul, wenn nicht einen Kaiser, und sie erhebt auf ihren Schul­tern den, der ihren Herrschaft­sansprüchen am meis­ten entspricht. […] Jedes ihrer Mit­glieder auf seinem Posten meint: ‚Der Staat bin ich!‘ In Stal­in find­en sie ohne Mühe sich selb­st. Doch auch Stal­in ent­deckt in jedem von ihnen ein Par­tikel seines Geistes. Stal­in ist die per­son­ifizierte Bürokratie, und das macht seine poli­tis­che Per­sön­lichkeit aus.“6

Die Wahl eines „Schied­srichters“, der über den sozialen Schicht­en stand, set­zte die Aus­löschung der existieren­den wider­spen­sti­gen Ten­den­zen voraus. In diesem Rah­men war die Ver­nich­tung der rev­o­lu­tionären Tra­di­tion von 1917 eine unverzicht­bare Notwendigkeit.

Aus dieser Logik her­aus sind die Moskauer Prozesse zu ver­ste­hen. Dort verurteilte die Bürokratie fast die gesamte bolschewis­tis­che Führung, die gemein­sam mit Lenin und Trotz­ki 1917 die Macht erobert und den Weg hin zu ein­er neuen Gesellschaft beschrit­ten hat­te, zum Tode.

Dass die zen­tralen „Angeklagten“ der Moskauer Prozesse Trotz­ki und sein Sohn Leo Sedow waren, die erfun­den­er Tat­en beschuldigt wur­den, ist eine Verir­rung des stal­in­is­tis­chen Ter­rors, die aber für den Auf­bau des bona­partis­tis­chen Regimes notwendig war. Jean Van Hei­jenoort beschreibt in seinem Buch die großen materiellen Schwierigkeit­en, denen der rus­sis­che Rev­o­lu­tionär während seines Exils aus­ge­set­zt war: die Ent­fer­nung von sein­er Fam­i­lie und seinen Fre­undIn­nen, die dauern­den wirtschaftlichen Prob­leme, die gefäng­nisähn­lichen Aufen­thalte im Exil. All diese Umstände macht­en die Absur­dität der Vor­würfe, er sei der Organ­isator von Sab­o­ta­gen und Atten­tat­en, deut­lich. Doch all das hin­derte die stal­in­is­tis­che Bürokratie nicht, denn das Ziel der „Ankla­gen“ war die Kon­so­li­dierung ihrer Macht.

Doch zusät­zlich fürchtete die von Stal­in ange­führte Kaste die Per­spek­tive ein­er neuen Rev­o­lu­tion im Land, dies­mal gegen sie selb­st gerichtet. Diese Per­spek­tive kon­nte sich sowohl auf­grund ihrer größer wer­den­den sozialen Kluft zu den Massen als auch anhand des sich näh­ern­den Krieges entwick­eln. In diesem Rah­men waren die physis­che Exis­tenz von Trotz­ki und die poli­tis­che Exis­tenz der IV. Inter­na­tionale bedrohlich. Bei der Entwick­lung eines rev­o­lu­tionären Massen­prozess­es inner­halb der UdSSR hätte das Zusam­men­fließen ein­er von der Okto­ber­rev­o­lu­tion geprägten Kampf­tra­di­tion mit dem Pro­gramm und der Poli­tik Trotzkis eine enorme Gefahr bedeutet. Aus diesem Wider­spruch her­aus lässt sich die Ermor­dung Trotzkis erk­lären.

Der Name der Revolution

In den vorheri­gen Absätzen haben wir ver­sucht zu zeigen, dass die ent­fal­tete Wut des Stal­in­is­mus nicht nur psy­chol­o­gisch begrün­det wer­den kann. Deshalb liegt Deutsch­er falsch, wenn er den „Vol­un­taris­mus“ Trotzkis kri­tisiert, als er sich – nach­dem er den Rück­gang des Klassenkampfs auf inter­na­tionaler Ebene beschrieb – fragt: „Warum trieb also Trotz­ki angesichts solch ungün­stiger Aus­sicht­en die Prokla­ma­tion der Vierten Inter­na­tionale voran?“7

Die Hypothese Trotzkis lautete: Der uner­bit­tliche Krieg wird rev­o­lu­tionäre Prozesse anstoßen, die den Auf­stieg der IV. Inter­na­tionale zur Führung ein­er Massen­be­we­gung ermöglichen. Diese Hypothese erfüllte sich nicht, son­dern der Sieg der UdSSR über den Nazis­mus ver­lieh dem Stal­in­is­mus vor den Augen der Massen neues Pres­tige, mit dem er neue rev­o­lu­tionäre Dynamiken ver­hin­dern kon­nte.

Die Per­spek­tive ein­er sozialen Rev­o­lu­tion nach dem Krieg war für Trotz­ki genau­so offen­sichtlich wie für die impe­ri­al­is­tis­che Bour­geoisie und für die Bürokratie der UdSSR. Im August 1939 warnte der franzö­sis­che Botschafter Coulon­dre in einem Gespräch mit Hitler, „daß es bei Kriegsende nur einen wahren Sieger geben werde, näm­lich Her­rn Trotz­ki“8. Der rus­sis­che Rev­o­lu­tionär im Exil in Mexiko reflek­tierte daraufhin: „Diese Her­ren geben dem Gespenst der Rev­o­lu­tion gern einen per­sön­lichen Namen.“9.

Es ging also um die Aus­nutzung von Möglichkeit­en, die zu neuen Siegen der Arbei­t­erIn­nen­klasse und zur Wieder­her­stel­lung des rev­o­lu­tionären Charak­ters der UdSSR führen und die bürokratis­che Kaste hin­wegfe­gen kon­nten. 1929 schrieb Leo Trotz­ki im Vor­wort zu „Mein Leben“:

„Die Geset­zmäßigkeit der Ereignisse erken­nen und in dieser Geset­zmäßigkeit seinen Platz find­en, ist die erste Pflicht des Rev­o­lu­tionärs. Das ist auch die höch­ste per­sön­liche Befriedi­gung, die ein Men­sch find­en kann, der seine Auf­gaben nicht an den Tag bindet.“10

Trotz­ki wusste, dass der Platz, den er sich in der Geschichte erobert hat­te, ihn ein weit­eres Mal in die Nähe der Führung rev­o­lu­tionär­er Massen­prozesse brin­gen kon­nte. Die stal­in­is­tis­che Bürokratie wusste dies auch. Daher wurde er ermordet. Trotz sein­er Iso­la­tion in Mexiko und der Schwäche der poli­tis­chen Organ­i­sa­tio­nen der IV. Inter­na­tionale stand der Name Trotz­ki auch 1940 noch für die Rev­o­lu­tion.

aus „Ideas de Izquier­da“ Nr. 22 aus Argen­tinien – Über­set­zung: Peter Robe

Fußnoten

* Jean van Hei­jenoort: Con Trot­sky de Prinkipo a Coyoa­can. Tes­ti­mo­nio de siete años de exilio. Buenos Aires 2014. S. 57. (Eigene Über­set­zung.)

1. Auf der Grün­dungskon­ferenz stimmten zwei Vertreter der pol­nis­chen Gruppe gegen die Aus­ru­fung der neuen Inter­na­tionale. Im Über­gang­spro­gramm und zahlre­ichen Schriften aus der Zeit bestand Trotz­ki auf die Notwendigkeit, sie trotz aller Schwierigkeit­en aufzubauen.

2. Die drei Bände der Biogra­phie heißen „Der bewaffnete Prophet“, „Der unbe­waffnete Prophet“ und „Der ver­stoßene Prophet“. Für eine Debat­te mit den Posi­tio­nen von Deutsch­er und der Entwick­lung der IV. Inter­na­tionale nach der Ermor­dung Trotzkis, siehe: Emilio Alba­monte: „An den Gren­zen der bürg­er­lichen Restau­ra­tion“. In: Klasse Gegen Klasse Nr. 1.

3. Isaac Deutsch­er: Trotz­ki. Band 3. Der ver­stoßene Prophet. 1929–1940. Stuttgart 1963. S. 391.

4. Ernest Man­del: Trotsky’s Marx­ism: An Anti-Cri­tique. New Left Review I/47, Jan­u­ar-Feb­ru­ar 1968. (Eigene Über­set­zung.)

5. Leo Trotz­ki: Ver­ratene Rev­o­lu­tion.

6. Ebd.

7. Deutsch­er: Ebd. S. 393.

8. Leo Trotz­ki: Das Zwill­ings­ge­stirn Hitler-Stal­in.

9. Leo Trotz­ki: Wieder und immer wieder über den Charak­ter der UdSSR.

10. Leo Trotz­ki: Mein Leben.

Workshops und Podiumsdiskussion zum 75. Todestag Leo Trotzkis

Sam­stag, 17. Okto­ber • Mehring­hof, Berlin

volles Pro­gramm auf: klassegegenklasse.org

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