Deutschland

Schulöffnung: Pünktlich zum Beginn der dritten Welle?

In zehn Bundesländern sind die Schulen wieder offen. Doch die Infektionszahlen sinken nicht weiter, die Inzidenz steigt und Wissenschaftler:innen warnen vor einer dritten Welle.

Schulöffnung: Pünktlich zum Beginn der dritten Welle?
Foto: LStockStudio / Shutterstock

Die Zahlen des RKI deuten auf eine Trendwende im Infektionsgeschehen hin. Nicht nur die 7-Tage Inzidenz steigt im Bundesdurchschnitt wieder auf über 60 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern, sondern auch der R-Wert kletterte gestern auf 1,25: zuletzt steckte Anfang Januar jede:r Erkrankte mehr als eine weitere Person an. Das RKI geht davon aus, dass durch die Verbreitung der ansteckenderen britischen Covid-19 Variante die Fallzahlen in den nächsten Tagen wieder deutlich zunehmen werden. Möglicherweise stehen wir am Anfang einer dritten Welle. Trotzdem öffneten in den meisten Bundesländern gestern wieder die Schulen. Einige Länder führen auch wieder die Präsenzpflicht ein.

Viele Kinder schienen sichtlich erleichtert zu sein, in der Grundschule wieder ihre Freunde treffen zu können, anstatt in der häuslichen Isolation alleine lernen zu müssen. Soziale Kompetenzen lassen sich auch nur schwer am Bildschirm vermitteln. Für viele berufstätige Eltern ist es wohl auch eine Erleichterung, keine Betreuung mehr organisieren zu müssen, um arbeiten gehen zu können und nicht mehr zusammen mit ihren tobenden Kindern im Homeoffice zu arbeiten. Das „Homeschooling“ hat die soziale Schere im Bildungssystem noch weiter offenbart. Es ist ein Unterschied, ob du neben deinen Eltern im Arbeitszimmer deine Schulaufgaben lösen musst, oder zusammen mit drei Geschwistern am kleinen Küchentisch, an dem nebenbei auch noch das Mittagessen gekocht wird. Viele Schulen betonen zwar den großen Sprung in der Digitalisierung der Schule durch den Lockdown, doch fehlt es vielen Schüler:innen immer noch am Zugang zu Endgeräten und stabilen Internetzugang. In Niedersachsen nutzten einige Schulen den Lockdown, um sogenannte „iPad Klassen“ einzuführen, für die zwingend ein Apple Endgerät notwendig ist. Die Kosten von knapp 500€ werden jedoch nicht übernommen. Ist die Rückkehr zum Präsenzunterricht also eine Maßnahme, um mehr soziale Gerechtigkeit zu schaffen?

In der letzten Woche wurde in der Politik zwar ausführlich über Schutzvorkehrungen diskutiert, dennoch startet der Schulbetrieb unvorbereitet. Seit dem Sommer wurde in etlichen wissenschaftlichen Studien nachgewiesen, dass Raumfilteranlagen die Viruslast in Klassenzimmern deutlich reduzieren können. Eine Milliarde Euro hätte es laut Monitor-Recherchen gekostet, alle Klassenzimmer in Deutschland mit dieser Technologie auszurüsten: zu viel. Es wurden jedoch Hunderte von Milliarden gebraucht, um die Profite der großen Konzerne zu sichern. In Berlin wurden vom Senat zwar Drei Millionen Schnelltests für die Schulen beschaffen, doch beginnt erst diese Woche – im laufenden Betrieb – die notwendige Ausbildung der Kolleg:innen, um die Tests durchzuführen. Über die Zuverlässigkeit der Ergebnisse liegen immer noch keine Studien vor.

Erst gestern, am ersten Schultag, entschied die Ministerpräsidentenkonferenz, dass Lehrkräfte und Erzieher:innen von der Impfgruppe 3 in Gruppe 2 hochgestuft werden. So könnten sie schon ab März geimpft werden. Die Rot-Rot-Grüne Regierung in Berlin hebelt den Impfplan indessen schon aus: Gestern stellte der Senat 12.000 Impfdosen für die Polizei bereit.

Diese Politik der Wiedereröffnung stößt auf breite Kritik in Politik und Gesellschaft. Die Initiative #ZeroCovid kritisiert beispielsweise in einem Instagram-Post die Logik, dass Schulen offen bleiben müssen, “damit Eltern ohne kurzfristige Einschränkungen arbeiten können”. Auch wenn dieser Gedanke hinter den Schulöffnungen selten laut angesprochen wird, ist er wohl doch ein wichtiger Punkt für die politischen Entscheidungsträger:innen. Die für viele Eltern unerträgliche Doppelbelastung zwischen Lohn- und Erziehungsarbeit wird in den Vordergrund geschoben. Aber ob es im Moment wirklich unerlässlich ist neue Autos zu bauen, diese Frage scheint immer noch ein Tabu in der bürgerlichen Politik zu sein. #ZeroCovid hingegen fordert: „Die Betriebe müssen kurzfristig schließen, damit die Infektionen sinken und die Schulen sicher öffnen können“. Warum sollen Gewinne für die Reichen wichtiger sein als die Gesundheit und Bildung der Massen? Und wer entscheidet das?

Was sich die Bundesregierung nicht vorwerfen lässt, ist, dass sie alle Entscheidungen im Alleingang treffen. Im Gegenteil versinkt Deutschland auch in der Schulfrage im föderalen Dickicht. Sicherlich ist es schwer und gefährlich in dieser Krise pauschale Antworten zu fordern, dafür ist die Gesellschaft einfach zu komplex. Aber wer entscheidet, dass im thüringischen Gotha die Schulen bei einer Inzidenz von 172 öffnen, oder im bayerischen Tirschenreuth  trotz einer Inzidenz von 354 weiterhin Walzen für den Straßenbau hergestellt werden? Es sind nicht die Menschen, die in Fabriken und öffentlichen Einrichtungen ihre Gesundheit und Zukunft riskieren, sondern im ersten Fall die Linkspartei zusammen mit der SPD und im zweiten Fall die CSU. Politiker:innen von ihren gut gepolsterten Sesseln im Homeoffice. Ja, wir brauchen individuelle Lösungen, weil jede Stadt, jeder Betrieb und jede Schule einer anderen Situation gegenübersteht. Weil wir in unserer sozialen Situation nicht gleich sind. Aber soll diese Entscheidung von Politiker:innen getroffen werden, die sich mehr Sorgen um die Spenden für ihren nächsten Wahlkampf machen, als um die sozialen Probleme und persönlichen Bedürfnisse der Menschen, die sie regieren?

In einer kritischen Unterstützung des Aufrufes von #ZeroCovid sind wir auf die Frage eingegangen, wie über die Schließung und Öffnung entschieden werden sollte:

“In den Betrieben und in den Gewerkschaften muss daher darüber diskutiert werden, wie jetzt unmittelbar und auch in den kommenden Monaten ein Kampfplan organisiert werden kann, der mit der Durchsetzung des Gesundheitsschutzes durch die Schließung der nicht-essentiellen Produktion unter Kontrolle der Arbeiter:innen beginnt und die Verteidigung gegen Schließungen und Massenentlassungen vorbereitet, die schon jetzt stattfinden und sich nach der Pandemie weiter ausbreiten werden.”

Das Gleiche gilt für Schulen und Kitas: Es braucht Komitees aus Lehrer:innen, Betreuer:innen, Schüler:innen und Eltern, die gemeinsam die Hygienemaßnahmen kontrollieren und entscheiden, ob, wann und unter welchen Umständen die Schulen und Kitas öffnen oder schließen, wie groß die Gruppen sein sollen, und insgesamt, wie der Schul- und Kitabetrieb gestaltet werden kann – in der Pandemie, aber perspektivisch auch darüber hinaus. Selbstverwalteter Unterricht ist auch keine Utopie von einem anderen Planeten. Beispiele wie in Chile zeigen, dass Bildung, die zusammen von Lehrenden und Schüler:innen gestaltet wird, die Lernerfolge sogar erheblich steigert.

Es gibt aber auch ganz konkreten Widerstand gegen die Öffnungspolitik der Schulen. Auch wenn die GEW-Bürokratie ihre harte Kritik gegen Schulöffnungen ohne funktionierende Sicherheitskonzepte ein gutes Stück weit aufgegeben hat, kritisiert sie immer noch die fehlenden Perspektiven. „Was passiert, wenn wir Ende der Woche wieder bei 100 sind?”, fragt beispielsweise der Berliner GEW-Vorsitzende Tom Erdmann. Ein Blick ins Linksparteiland Thüringen lässt eine Antwort erahnen.

Schon im Januar hatte SPD-Bildungssenatorin Scheeres in Berlin die Schulen ohne Planung öffnen wollen, wobei sie auf große Kritik von Lehrenden gestoßen war, die sogar mit Streiks gedroht hatten. Nach diesem Protest wurden die Pläne verschoben.

Auch in der Schülerschaft regt sich Widerstand gegen die Öffnungs- und Sozialpolitik an den Schulen. Das Bündnis „Für gerechte Bildung” ruft zum Freitag zum Schulstreik in 13 Städten auf. „An Schnelltests, Luftfilteranlagen, digitalen Endgeräten fehlt es immer noch“, kritisiert die 16-jährige Freiburger Schülerin und Pressesprecherin des Bündnisses Maria Rombach.

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