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Interview: Selbstverwaltete Schule A‑90 in Santiago

Interview: Selbstverwaltete Schule A-90 in Santiago

Schü­lerIn­nen, LehrerIn­nen und Eltern ver­wal­teten die Schule A‑90 in San­ti­a­go de Chile monate­lang selb­st. Ein Gespräch mit Juan Fran­cis­co Gam­boa, Lehrer dieser ehe­mals selb­stver­wal­teten Schule, die in der let­zten Dezem­ber­woche polizeilich geräumt wurde.

Mehr als sieben Monate lang wur­den über 500 Schulen in Chile beset­zt gehal­ten. Wie hat sich diese Bewe­gung entwick­elt?

Die Bewe­gung für eine zu 100 Prozent kosten­lose Bil­dung begann im Mai 2011. Einen Monat später began­nen die Schulbe­set­zun­gen. In Chile muss man monatlich zwis­chen 400 und 1200 US-Dol­lar für ein Studi­um zahlen, der Min­dest­lohn beträgt lediglich 380 US-Dol­lar im Monat. Die Studieren­den und ihre Fam­i­lien sind gezwun­gen, sich bei Banken und beim Staat zu ver­schulden. Öffentliche Schulen sind unter­fi­nanziert. Diese Sit­u­a­tion hat tausende Stu­dentIn­nen und Schü­lerIn­nen ver­an­lasst, zu kämpfen.

Das wichtig­ste ist jedoch, dass sich ein Sek­tor der Avant­garde entwick­elte, welch­er die AnführerIn­nen der Bewe­gung, die im Sep­tem­ber den „Dialogtisch“ mit der Regierung akzep­tierten und am Ende dafür garantierten, die Bewe­gung auf eine par­la­men­tarische Diskus­sion über den Bil­dung­shaushalt abzuwen­den, scharf kri­tisierte. Ein Sek­tor, der sich durch die Auseinan­der­set­zung mit den reformistis­chen AnführerIn­nen aus­drückt, und der am 24. und 25. August der Polizei in den Straßen gegenüber stand, welch­er die dem Trotzk­ismus nahe ste­hende Liste D der „Uni­ver­sität de San­ti­a­go“ unter­stützte, die von 2.000 Stu­den­ten gewählt wurde, im zweit­en Wahl­gang jedoch gegen die rechte Liste ver­lor, welche von allen Ver­lier­ern des ersten Wahl­ganges, ein­schließlich der Kom­mu­nis­tis­chen Partei (PC), gewählt wurde.

An dein­er Schule hat­ten sich die Beteiligten für eine Beset­zung mit selb­stver­wal­tetem Unter­richt entsch­ieden. Wie kam es dazu?

Der Aus­lös­er war ein­er Peti­tion von Schü­lerIn­nen, die zu diesem Zeit­punkt die Beset­zung seit drei Monat­en aufrecht erhiel­ten. Die Auf­nahme des Unter­richts half dabei, Schü­lerIn­nen einzubeziehen, die die Ziele der Bewe­gung unter­stützen, aber keinen Grund sahen, in die Schule zu gehen, wenn kein Unter­richt stat­tfind­et. Da die Schulleitung – welche in Chile vom lokalen Bürg­er­meis­ter ernan­nt wird – das Schul­ge­bäude nicht betreten durfte, ergab sich die Notwendigkeit, Entschei­dun­gen zu tre­f­fen, die vorher auss­chließlich von der Schulleitung getrof­fen wor­den waren: In welchem Zeitraum arbeit­en die LehrerIn­nen? Hal­ten wir uns an die tra­di­tionellen Lehrpläne, oder sollen wir die Schü­lerIn­nen auch in gesellschaftliche Diskus­sio­nen ein­führen? All das haben wir gemein­sam mit ihnen und den Eltern entsch­ieden. So fiel die Ver­wal­tung der Schule an uns. In der Prax­is war das, was wir macht­en, eine Infragestel­lung der Macht­struk­turen im Bil­dungssys­tem, die wir von der Pinochet-Dik­tatur geerbt haben.

Wie funk­tion­iert eine Schule unter Selb­stver­wal­tung?

Wir ver­sam­melten LehrerIn­nen, Schü­lerIn­nen und Eltern, um über die Fra­gen der Bil­dung­sproteste, genau­so wie über die tägliche Funk­tion­sweise der Schule zu disku­tieren. Im All­ge­meinen ist das Bil­dungssys­tem in Chile sehr repres­siv: Zum Beispiel dür­fen Schü­lerIn­nen das LehrerIn­nen­z­im­mer nicht frei betreten und müssen eine Uni­form tra­gen. Wir brachen mit diesen Tra­di­tio­nen, die nur dazu dienen, die Jugend zu diszi­plin­ieren: Sie betrat­en das LehrerIn­nen­z­im­mer, wann sie woll­ten, und sie kamen in Straßen­klei­dung und mit Ohrrin­gen zur Schule. Wir schufen den bish­er fehlen­den Respekt der LehrerIn­nen gegenüber den Schü­lerIn­nen. Es entwick­el­ten sich fre­und­schaftliche Ver­hält­nisse, wie das in ein­er nor­malen Schule unmöglich ist. Wir luden Intellek­tuelle wie David Har­vey und Kün­st­lerIn­nen ein, die HipHop‑, The­ater- und Videokurse anboten.

Welche Verbindun­gen gibt es zwis­chen den aktuellen Protesten und der „Pin­guin­re­volte“ der schwarz-weiß-uni­formierten Schü­lerIn­nen im Jahr 2006?

Die Gen­er­a­tion, die die Bil­dung­sproteste im Jahr 2006 ange­führt hat, studiert oder arbeit­et heute. Dies­mal wussten alle Studieren­den an der Basis, dass die Bewe­gung nicht „verkauft“ wer­den darf, wie es vor fünf Jahren geschah, als die Führung der Schü­lerIn­nen­be­we­gung, die dem regieren­den Mitte-Links-Bünd­nis „Con­certación“ nahe stand, sich an einem „run­den Tisch“ zum The­ma Bil­dung beteiligte, der die Diskus­sion ins Par­la­ment ver­schob und die Bewe­gung ohne Ergeb­nisse aus­laufen ließ.

Welche Per­spek­tiv­en hat die aktuelle Bewe­gung?

Die Regierung Piñera hat den Schü­lerIn­nen und Studieren­den nichts gegeben. Aber­tausende wur­den von ihren Schulen gewor­fen. LehrerIn­nen wie wir, die die Bewe­gung unter­stützten, wur­den ent­lassen. Doch das Prob­lem bleibt beste­hen. Darüber hin­aus wird die Wirtschaft­skrise in Chile Wirkung zeigen: Es ist sehr wahrschein­lich, dass die Proteste in einem mehr oder weniger kurzen Zeitraum wieder anfan­gen. Außer­dem muss berück­sichtigt wer­den, dass bish­er die Arbei­t­erIn­nen nicht kämpften, weil ihre Ver­bände sie mehr oder weniger ruhig hiel­ten. Das Chile, das ein Beispiel für Sta­bil­ität und einen erfol­gre­ichen Neolib­er­al­is­mus war, ist vor­bei, und wird nicht mehr wiederkom­men. Wir mit unser­er Beset­zung haben gezeigt, dass ein Bil­dungssys­tem unter Kon­trolle der Ler­nen­den und Lehren­den möglich ist. Das ist hof­fentlich ein Beispiel für weit­ere Proteste in Chile und für Kämpfe in anderen Län­dern.

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