Hintergründe

Schrumpfen ohne Plan

Die „Degrowth“-Bewegung tritt gegen die ökologische Krise des Planeten und gegen das grenzenlose Wirtschaftswachstum an – und scheitert an den Grenzen der bürgerlichen Ökonomie.

Schrumpfen ohne Plan

Vom 2. bis 6. Sep­tem­ber 2014 fand in Leipzig die IV. inter­na­tionale Degrowth-Kon­ferenz mit über 3.000 Teinehmer*innen statt – mehr als je zuvor. Nao­mi Klein, kap­i­tal­is­muskri­tis­che Autorin und Jour­nal­istin, und Alber­to Acos­ta, ehe­ma­liger Energiem­i­nis­ter Ecuadors, sorgten für die Promi­nenz. Nichts weniger als ein radikaler Wan­del all unser­er Wirtschafts- und Lebensver­hält­nisse für kon­sum­be­fre­ites Glück, aber vor allem für die Abwen­dung des glob­alen ökol­o­gis­chen Kol­laps­es müsse her. Aber wie?

Neben ein­er neu ent­stande­nen sozialen Bewe­gung, die in Frankre­ich unter dem Namen “décrois­sance” ihren bish­er sicht­barsten Aus­druck find­et, ist “degrowth” (Schrump­fung, Wach­s­tum­srück­nahme) vor allem eine junge Strö­mung der bürg­er­lichen Wirtschaftswis­senschaften. Sie fordert die Hege­monie des „Wach­s­tum­swahns“ in ihrer Diszi­plin her­aus. Obwohl sie, wie der Rest der bürg­er­lichen Ökonomie, den Ursprung dieses unbe­gren­zten Wach­s­tums­drangs nicht plau­si­bel erk­lären kann, wirft sie damit wichtige Wider­sprüche in ihr auf. Diese sind für die marx­is­tis­che Kri­tik der poli­tis­chen Ökonomie aber längst nichts Neues. Immer­währen­der Akku­mu­la­tion­szwang ist in der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­sweise selb­st begrün­det. Was steckt also hin­ter „degrowth“?

Kulturwandel gegen den Überfluss

Einem bre­it­en Pub­likum wur­den „die Gren­zen des Wach­s­tums“ zum ersten Mal durch den gle­ich­nami­gen Bericht des Club of Rome aus dem Jahre 1972 erschreck­end deut­lich. Ein Jahr zuvor veröf­fentlichte ein­er der wichtig­sten Vor­denker dieser Strö­mung, der ungarische Math­e­matik­er und Ökonom Nico­las Georges­cu-Roe­gen, sein bekan­ntestes Werk „Das Gesetz der Entropie und der wirtschaftliche Prozess”. Sein Ver­di­enst stellt die Ein­führung der Ther­mo­dy­namik und damit auch der Entropie in die Ökonomie dar. Nutzbare Energie wird endgültig in nicht mehr nutzbare Energie umge­wan­delt – logis­cher­weise auch in der Wirtschaft, die damit hochgr­a­dig an die Ver­füg­barkeit von Energie gekop­pelt ist.

Der Kern der “Post­wach­s­tum­sökonomie”, wie sich der deutsche Degrowth-Ableger nen­nt, beste­ht in der Kri­tik des Par­a­dig­mas des unbe­gren­zten Wirtschaftswach­s­tums. Angesichts der stof­flichen Begren­ztheit des Plan­eten seien auch „grünes“ Wach­s­tum oder die „Entkop­pelung“ von Wach­s­tum und Ressourcenver­brauch nicht möglich. Stattdessen wer­den alter­na­tive Wohl­standsmod­elle propagiert, deren Leit­bild die Nach­haltigkeit sein soll und die zum Beispiel mit ein­er Strate­gie der Suf­fizienz erre­icht wer­den sollen.

Anstelle des quan­ti­ta­tiv­en Wach­s­tums trete ein qual­i­ta­tives und lediglich selek­tives Wach­s­tum, das heißt eine Umstel­lung auf umwelt­fre­undliche Pro­duk­tion lan­glebiger Güter bei der Schrump­fung des Gesamtvol­u­mens der Pro­duk­tion, während nach­haltiges Wirtschaftswach­s­tum in ärmeren Län­dern dur­chaus legit­im sei. Gle­ichzeit­ig umfasst es eine Ide­olo­giekri­tik des „Tur­bokap­i­tal­is­mus“ und antwortet mit der Beto­nung alter­na­tiv­er Lebensstile. So wird beispiel­sweise unter Beru­fung auf die Glücks­forschung auf bewusste Entschle­u­ni­gung unseres Lebens geset­zt.

In Deutsch­land wird die Degrowth-Bewe­gung am promi­nen­testen vom Volk­swirtschaftler Niko Paech vertreten. Er fordert die Stärkung lokaler Selb­stver­sorgungsmuster – Lebensstil-Avantgardist*innen, die beschei­dene Lebens­for­men prak­tizieren und Gemein­schaften, die dem Rest als „viele kleine Ret­tungs­boote“ dienen, wenn uns der ökol­o­gis­che und wirtschaftliche Kol­laps ein­holt.

Demge­genüber müsse das umweltschädi­gende „Fremd­ver­sorgungssys­tem“ drastisch eingeschränkt wer­den. Jedoch wird die Arbeit­steilung nicht als his­torisch-materieller Prozess begrif­f­en, der die heuti­gen Wider­sprüche des Kap­i­tal­is­mus her­vorge­bracht hat und somit auch die Grund­la­gen sein­er Über­win­dung. Wir dage­gen sagen: Erst im Sozial­is­mus ist eine umfassende und grundle­gende Neuor­gan­isierung der Arbeit­steilung und somit auch der Pro­duk­tion möglich.

Eine der konkretesten Forderun­gen ist die der drastis­chen Arbeit­szeitverkürzung. Sie leit­et sich als Kon­se­quenz aus der angestrebten Schrump­fung der Wirtschaft­sleis­tung ab und macht somit die Umverteilung der Arbeit zur wirtschaftlichen Notwendigkeit. Doch auch dieses bleibt wie die meis­ten Ziele abstrakt im Raum ste­hen. Welch­es poli­tis­che Sub­jekt genau dieses Ziel erkämpfen soll, bleibt völ­lig unklar. Für die Arbeiter*innenbewegung ist die Arbeit­szeitverkürzung eine Forderung der ersten Stunde – die Befreiung von der Arbeit ist für uns Kommunist*innen auch heute noch zen­trale Moti­va­tion. Diese völ­lig richtige Forderung ist für uns daher lediglich ein Aus­gangspunkt, um über den Rand des Sys­tems hin­aus zu gelan­gen.

Durch die gesamte Degrowth-Lit­er­atur zieht sich ein hochgr­a­dig ide­al­is­tis­ches Denken. Die „neuen sozialen Mod­elle“ streben in der Mehrheit indi­vidu­elle Lösun­gen oder Insel­lö­sun­gen an. Wür­den alle bloß enthalt­samer leben, dann kön­nten wir den Plan­eten ret­ten – der Wun­sch ist also Vater des Gedanken. Diese Art der „Prob­lem­lö­sung“ ist die Ide­olo­gie des Kap­i­tal­is­mus: Gesellschaftliche Prob­leme seien von allen auf indi­vidu­eller Ebene zu lösen. Der kul­turelle Wan­del hin zu nach­halti­gen Lebensstilen ist tat­säch­lich uner­lässlich – jedoch müssen wir uns dafür kollek­tiv organ­isieren und all das zählt nichts ohne einen Weg zur Über­win­dung des Kap­i­tal­is­mus.

Denn das Schick­sal der Erde wird im Klassenkampf entsch­ieden. Wenn die Arbeiter*innenklasse nicht selb­st die Kon­trolle über die Pro­duk­tion­s­mit­tel übern­immt, bleibt es wie bish­er: Wir haben keine Macht anders zu entschei­den, als es das anar­chis­che Gesetz des Mark­tes will. Im Kap­i­tal­is­mus kön­nen wir, so sehr wir es uns auch wün­schen, nicht darüber entschei­den, alle AKWs und Kohlekraftwerke stil­lzule­gen, die PKW-Pro­duk­tion immens zu drosseln und den Verkehr kollek­tiv zu organ­isieren, alle Patente und Tech­nolo­gien frei auszu­tauschen, usw.

Angesichts der aktuellen und sich kün­ftig immer weit­er zus­pitzen­den ökol­o­gis­chen Krise ist die bürg­er­liche Ökonomie gezwun­gen, Antworten zu liefern. Als Spielart eben dieser betreibt die Post­wach­s­tum­sökonomie wenig mehr als Symp­tombeschrei­bung und Augen­wis­cherei. Statt die wahren Ursachen des unge­brem­sten Wach­s­tums darzule­gen, ist sie eine Lebenser­hal­tungs­maß­name für den todgewei­ht­en Kap­i­tal­is­mus.

Triebfedern des Wachstums

“Akku­muliert, Akku­muliert! Das ist Moses und die Propheten!”. Fortwährende Akku­mu­la­tion ist das Wesen des Kap­i­tal­is­mus. Der Ursprung des Wertes ist die von allen Lohn­ab­hängi­gen geleis­tete Arbeit, aus der der Mehrw­ert abge­presst wird. Mit dem Verkauf ein­er Ware wird beim Durch­laufen der Waren­zirku­la­tion aus dem Mehrw­ert das Kap­i­tal.

Es ist ein sich selb­st ver­w­er­tender Wert, dient also dem Zweck sein­er immer weit­eren Ver­mehrung, eben der Akku­mu­la­tion. Und diesem Prozess kann sich auch kein Einzelka­p­i­tal entziehen, ohne den Preis des Unter­gangs zu zahlen. Bei der Betra­ch­tung der Ware, Ele­men­tar­form der Mark­twirtschaft, offen­bart sich die imma­nente Logik, durch die kap­i­tal­is­tis­che Ökonomien Naturz­er­störung bedin­gen. Verkürzt aus­ge­drückt ist die naturge­bun­dene Stof­flichkeit der Ware über den Wert an die unendliche Akku­mu­la­tion gebun­den.

Dem Marx­is­mus wird den­noch häu­fig, meist auf­grund des „Beweis­es“ der ver­fehlten Plan­wirtschaft im „real existieren­den Sozial­is­mus“, große Gle­ichgültigkeit gegenüber Umwelt­prob­le­men attestiert. Wurde in den krisen­geschüt­tel­ten 1920er Jahren die anar­chis­che Mark­twirtschaft noch von allen Seit­en in Grund und Boden kri­tisiert, gilt sie heute vie­len trotz ihrer offenkundi­gen Wider­sprüche als unange­focht­ene und alter­na­tivlose Wirtschafts­form. Marx und Engels haben dem Prob­lem der Ökolo­gie jedoch mehr Aufmerk­samkeit und Besorg­nis gewid­met als vielfach bekan­nt, zunehmend auch in ihren späten Schriften.

Sie ver­wandten beispiel­sweise bere­its die heute für die Men­sch-Umwelt-Wis­senschaften zen­trale Kat­e­gorie des Stof­fwech­sels oder auch Metab­o­lis­mus. Der US-amerikanis­che Umwelt­sozi­ologe John Bel­lamy Fos­ter zeigt die tiefe Ein­sicht des marx­is­tis­chen Denkens in die gesellschaftlichen Naturver­hält­nisse und führt drei notwendi­ge Aspek­te jed­er mod­er­nen The­o­rie der Nach­haltigkeit an: a) Eine The­o­rie der ökol­o­gis­chen Krise; b) ein Konzept der Nach­haltigkeit als naturbe­d­ingte Notwendigkeit für jede men­schliche Pro­duk­tion­sweise; und c) die Vision der Über­win­dung der ökol­o­gis­chen Krise hin zu ein­er Gesellschaft, in der Nach­haltigkeit ein fun­da­men­tales Prinzip darstellt. [5] Laut Fos­ter haben Marx und Engels dies als eine der ersten geleis­tet und zwar anhand der­jeni­gen The­o­rie, die bis heute am tre­f­fend­sten die ökol­o­gis­chen Prob­leme des Kap­i­tal­is­mus analysiere.

In dem Degrowth-Diskurs wird häu­fig das Bild bemüht, dass sich der Kap­i­tal­is­mus, im 21. Jahrhun­dert angekom­men, aus­gewach­sen habe. Nach marx­is­tis­ch­er Auf­fas­sung sind die Pro­duk­tivkräfte schon längst mehrfach an die Gren­zen gestoßen, die ihnen das Pri­vateigen­tum und die Nation­al­staat­en aufer­legen. Der Kap­i­tal­is­mus kann nur auf­grund ein­er immensen Mate­ri­alschlacht, auf­grund immer­währen­der und sich wieder­holen­der Zer­störung der Natur und der Pro­duk­tivkräfte über­leben.

Das Zeital­ter des Impe­ri­al­is­mus hat die Men­schheit in zwei Weltkriegen und zahlre­ichen weit­eren impe­ri­al­is­tis­chen Kriegen in unsäglich­es Elend gestürzt und sie fast an den Rand der Selb­stzer­störung getrieben. Die näch­ste „Schrump­fungskur“ wird erneut mit Unmen­gen an Blut bezahlt wer­den, wenn sich die Arbeiter*innenklasse nicht dage­gen erheben sollte. Solange der Kap­i­tal­is­mus existiert, wird es niemals ein Ende der Akku­mu­la­tion geben.

Wir als rev­o­lu­tionäre Marxist*innen stellen daher die Frage der Strate­gie zur Über­win­dung des Kap­i­tal­is­mus in den Vorder­grund. Eben hier liegt nun die Her­aus­forderung, die Befreiung der Men­schheit und ihren Kampf gegen die Naturz­er­störung lebendig in einem rev­o­lu­tionären Pro­gramm zu verbinden: Wie schaf­fen wir es, das The­ma der Ökolo­gie schon jet­zt leb­haft in die aktuellen Klassenkämpfe zu inte­gri­eren? Wie kön­nen wir die Ökolo­giebe­we­gung für eine rev­o­lu­tionäre Per­spek­tive gewin­nen?

Im Gewand von “Degrowth“ predigt die bürg­er­liche Ökonomie let­z­tendlich die Erhal­tung des herrschen­den Sys­tems, das mit ein paar Refor­men gebändigt wer­den soll. Als solch­es Pro­jekt müssen wir es auch ganz ein­deutig ent­tar­nen. Die Degrowth-Bewe­gung aber hat sich zu Recht aufgemacht, sich gegen das anar­chis­che Regime des von Wach­s­tum und Krisen getriebe­nen Kap­i­tal­is­mus zu organ­isieren und viele ihrer Impulse kön­nen sich­er hil­fre­ich sein.

Wo Wach­s­tum­skri­tik in Sys­temkri­tik überge­ht, wollen wir uns als Marxist*innen leb­haft in die Debat­te ein­brin­gen und geduldig die Wider­sprüche aufzeigen. Mit all den­jeni­gen, die gegen Aus­beu­tung, Krieg und Naturz­er­störung kämpfen, wollen wir uns ver­bün­den und uns für eine rev­o­lu­tionäre Per­spek­tive ein­set­zen. Denn sie ist die einzig real­is­tis­che Per­spek­tive, um dem Elend des Kap­i­tals und der Zer­störung der Erde ein Ende zu bere­it­en.

Fußnoten

1. MEW, Band 23,„Das Kap­i­tal“, Bd. I, S. 621.
2. Lil­ly Frey­tag: “Piket­ty: Größer als Marx?” Artikel in dieser Zeitung (S.10/11).
3. Athana­sios Karathanas­sis (2003) “Naturz­er­störung und kap­i­tal­is­tis­ches Wach­s­tum”. S. 87.
4. Howard Par­sons (1977): “Marx and Engels on Ecol­o­gy”.
5. John Bel­lamy Fos­ter (1997): “The Cri­sis of the Earth: Marx‘s Therory of Eco­log­i­cal Sus­tain­abil­i­ty as a Nature-Imposed Neces­si­ty for Human Pro­duc­tion”.

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