Geschichte und Kultur

Rosa Luxemburgs Berlin

"Berlin macht auf mich allgemein den widrigsten Eindruck." Wir schreiben das Jahr 1898, und Rosa Luxemburg ist gerade in der Hauptstadt des Deutschen Reiches angekommen. Sie beschreibt die Stadt in einem Brief als: "kalt, geschmacklos, massiv - die richtige Kaserne." Sie wird bis zu ihrer Ermordung, die vor 101 Jahren stattfand, in Berlin bleiben. An diesen Orten verbrachte sie ihre Zeit in Berlin.

Rosa Luxemburgs Berlin

Bild: Exberliner

„Berlin macht auf mich allgemein den widrigsten Eindruck.“ Wir schreiben das Jahr 1898, und Rosa Luxemburg ist gerade in der Hauptstadt des Deutschen Reiches angekommen. Sie beschreibt die Stadt in einem Brief als: „kalt, geschmacklos, massiv – die richtige Kaserne; und die lieben Preußen mit ihrer Arroganz, als hätte jeder von ihnen den Stock verschluckt, mitdem man ihn einst geprügelt…“ Man kann sagen, dass es keine Liebe auf den ersten Blick ist, aber Luxemburg bleibt hier bis zum bitteren Ende.

1. Cuxhavener Straße

Cuxhavener Straße 2, 10555 Berlin
Als sie ihr erstes Berliner Haus im Hansaviertel bezieht, ist Luxemburg 27 Jahre alt. Sie hat gerade die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten, dank der Heirat mit einem deutschen Bekannten und dem Doktorat in Wirtschaftswissenschaften der Universität Zürich (der einzigen Universität, die Frauen im deutschsprachigen Raum offen stand). Sie hat eine recht aktivistische Vergangenheit hinter sich: Seit ihrem 15. Lebensjahr ist sie aktives Mitglied einer marxistischen Organisation in Warschau und war eine Wahlhelferin unter den polnischsprachigen Arbeiter*innen im preußisch kontrollierten Schlesien. Sie tritt sofort der SPD bei, der (damals radikalen) Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.

2. S-Bhf Friedenau

S-Bhf Friedenau, 12159 Berlin
1899 zieht Luxemburg nach Friedenau, zunächst in die Wielandstraße 23 und drei Jahre später, einige Blocks weiter östlich, in die Cranachstraße 58, um ihren lieben Freund*innen Karl und Luise Kautsky, die in der Saarstraße 14 wohnen, näher zu sein. Friedenau ist eine sozialistische Brutstätte, in der sich die Stars der sozialistischen Bewegung sonntags bei den Kautskys zum Kaffee trinken und streiten treffen. Karl Kautsky, der führende Theoretiker der SPD, ist in der ganzen Welt als „Papst des Marxismus“ bekannt. Luxemburg ist seit Jahren seine scharfzüngige Verbündete im Kampf gegen die „revisionistische“ Rechte der Partei. Die beiden zerstreiten sich um 1910 jedoch: Luxemburg war der Meinung, die Partei solle Massenstreiks organisieren, um das Wahlrecht für alle in Preußen zu gewinnen; Kautsky hielt dies für zu riskant. Sie sprachen nie wieder miteinander – aber Luxemburg stand Luise Kautsky weiterhin nahe. In den 1980er Jahren eröffnete in der Cranachstraße 58 ein Bordell mit dem Namen „Rosa L“. Jemand warf einen Ziegelstein durch das Fenster und der Besitzer änderte den Namen.

3. Biberacher Weg 2 (damals Lindener Straße)

Biberacher Weg 2, 12247 Berlin
1911 zieht Luxemburg in die Ruhe von „Südende“ in Steglitz und wohnt in der Lindener Straße 2, wo sie ihr Hauptwerk schreibt: Die Akkumulation des Kapitals: Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus.

4. Lindenstraße

Lindenstr. 2-4, 10969 Berlin
1907 beginnt Luxemburg als Wirtschaftslehrerin an der Parteischule der SPD zu arbeiten. Der Unterricht findet im Hauptquartier der SPD-Zeitung Vorwärts statt, einem riesigen Komplex westlich des Belle-Alliance-Platzes (heute: Mehringplatz). Zu ihren Schüler*innen gehören Friedrich Ebert, der spätere erste Präsident der Weimarer Republik, und Wilhelm Pieck, der erste Präsident der Deutschen Demokratischen Republik.

5. Barnimstraße

Barnimstraße 10, 10249 Berlin
Erschrocken darüber, dass die SPD den Krieg unterstützt, beginnt sie mit der Organisation der Anti-Kriegs-Linken – doch am 18. Februar 1915 kommt sie wegen einer pazifistischen Rede, die sie vor Kriegsausbruch in Frankfurt gehalten hatte, ins Berliner Frauengefängnis in Friedrichshain. Im Jahr 1913 hatte sie erklärt: „Wenn uns zugemutet wird, die Mordwaffen gegen unsere französischen oder anderen ausländischen Brüder zu erheben, so erklären wir: ‚Nein, das tun wir nicht!'“ Nach Ablauf ihrer 14 Monate wird sie in „Schutzhaft“ (d.h. ohne Prozess) in Gefängnissen in Posen und Breslau untergebracht. Obwohl sie bis zum Kriegsende in einer Zelle eingesperrt ist, kann sie die revolutionären „Spartakus-Briefe“ schreiben. Illegal in Umlauf gebracht, erreichen sie Millionen von Arbeiter*innen.

6. Rudi-Dutschke-Straße

Rudi-Dutschke-Straße / Axel-Springer-Straße, 10969 Berlin
Am 9. November 1918 stürzen Berliner Arbeiter*innen den Kaiser. Luxemburg wird aus der Haft entlassen, erreicht aber erst am folgenden Tag Berlin. Am Abend des Aufstandes begibt sich eine Gruppe von Angehörigen des Spartakusbundes in den Scherl-Verlag in der Zimmerstraße, dem Hauptquartier des Berliner Lokal-Anzeigers – einer auflagenstarken nationalistischen Zeitung, die mit der heutigen BILD vergleichbar ist (ironischerweise ist der Block, in dem Scherl früher untergebracht war, heute die Heimat des Verlagskonzerns Springer). Zwei Tage lang übernehmen die sie die Presse, um ihre eigene Zeitung Die Rote Fahne herauszugeben – bevor sie von bewaffneten Konterrevolutionär*innen rausgeworfen werden und in eine Druckerei in der Königgrätzer Straße an der Ecke Möckernstraße ziehen, wo Luxemburg für die Dauer der Revolution an ihrem Schreibtisch arbeitet, isst und schläft.

7. Niederkirchnerstraße 5

Niederkirchnerstraße 5, 10117 Berlin
Am 31. Dezember 1918 treffen sich Luxemburg und ihre Freund*innen im Ballsaal über dem Eingang zum preußischen Landtag (heute Berliner Stadtparlament oder Abgeordnetenhaus). Hier gründen 87 Abgeordnete die Kommunistische Partei Deutschlands oder KPD. Ihre Mission: die Revolution voranzutreiben.

8. Blücherstraße 13

Blücherstraße 13, 10961 Berlin
Nur wenige Tage nach der Gründung der KPD gehen bis zu eine Million Berliner Arbeiter*innen auf die Straße, um die provisorische Regierung loszuwerden. Doch der neu gewählte und erste Präsident der Weimarer Republik, SPD-Chef Friedrich Ebert (ehemaliger Student Luxemburgs) verrät die Revolution und seine ehemaligen Verbündeten und nutzt die Paramilitärs der Freikorps, um den Aufstand zu zerschlagen: Das Vorwärts-Gebäude der SPD wird mit Artillerie und Maschinengewehren angegriffen, viele der Besetzer*innen werden hingerichtet. Am 11. Januar tauchen Luxemburg und ihr engster Mitarbeiter Karl Liebknecht im Haus von Dr. Alfred Bernstein, Blücherstraße 13, unter – nur wenige Blocks von den Straßenschlachten entfernt. (Bernstein, ein sozialdemokratischer Arzt, ist am besten für seine Idee in Erinnerung, dass arbeitende Frauen in einen „Geburtsstreik“ treten sollten, um den Kapitalismus zu bekämpfen. Luxemburg dachte, es sei eine dumme Idee).

9. Mannheimer Straße 27 (damals 43)

Mannheimer Straße 27, 10713 Berlin
Nach einer Nacht ziehen Luxemburg und Liebknecht in ein neues Versteck, zunächst in das Arbeiter*innenviertel Neukölln (Adresse unbekannt), dann ins bürgerlichere Wilmersdorf, ins Haus des unabhängigen Sozialisten Siegfried Marcusson. Hier, in der Mannheimer Straße 43, werden Liebknecht und Luxemburg entdeckt und am 15. Januar von der Bürgerwehr abgeführt.

10. Hotel Eden

Budapester Straße / Kurfürstenstraße / Nürnberger Straße / Uhlandstraße 184, 10623 Berlin
Die beiden Gefangenen werden in das elegante Hotel Eden gebracht, wo die Freikorps ihren Sitz haben. Luxemburg wird aus dem Hotel in ein Auto gezerrt und mit Gewehrkolben zu Tode geprügelt. Offiziell wurde sie „von einer Menschenmenge weggeschleppt und nie wieder gesehen“. Als der Freikorps-Kommandeur Waldemar Pabst Unterstützung suchend Kontakt aufnimmt, wuschen sich Präsident Ebert und sein Kriegsminister*innen die Hände in Unschuld: „Sie müssen selber wissen, was zu tun ist.“ Keiner von ihnen wird jemals für den Mord verurteilt.

11. Rosa Luxemburg Gedenkstätte

Lichtensteinbrücke Rosa Luxemburg Gedenkstätte, 10787 Berlin
Die Freikorps werfen die Leiche Luxemburgs in den Kanal, neben dem Tiergarten. Er wird erst sechs Monate später aus dem Wasser gefischt. Heute erhebt sich ein kleines Denkmal mit ihrem Namen an der Stelle unter der Brücke, die die beiden Teile des Tiergartens verbindet. Hoffentlich hätte die tierliebende Luxemburg die Nähe des Denkmals zum Ameisenbärgehege zu schätzen gewusst.

12. Gudrunstraße 20

Gudrunstraße 20, 10365 Berlin
Ein symbolischer Sarg wird für den Leichnam Luxemburgs am 25. Januar zusammen mit anderen revolutionären Märtyrer*innen auf dem Sozialistischen Friedhof in Friedrichsfelde zur letzten Ruhestätte gebracht. Etwa 100.000 Menschen nehmen an der Beerdigung teil (obwohl ihr Leichnam immer noch vermisst wird, wird er dort ein halbes Jahr später beigesetzt). Das ursprüngliche Denkmal von Mies van der Rohe wird acht Jahre später von den Nationalsozialist*innen zerstört, ein neues wird von der DDR errichtet. Jedes Jahr am zweiten Januarsonntag gedenken Zehntausende von Menschen Rosa Luxemburgs an ihrem Grab mit einer roten Nelke. In diesem Jahr geschah dies am 12. Januar 2020.

13. Rosa-Luxemburg-Platz

Rosa-Luxemburg-Platz, 10178 Berlin
Der kleine dreieckige Platz gegenüber der Volksbühne, einst Bülowplatz genannt, im Zentrum des damaligen jüdischen Scheunenviertels, ist seit 1926 Sitz der Kommunistischen Partei. Die revolutionären Parolen und das riesige Lenin-Porträt, die früher das Karl-Liebknecht-Haus bedeckten, sind verschwunden, aber das Gebäude an der Weydingerstraße dient immer noch als Sitz für die Partei Die Linke. Der Platz wurde 1947 vom Sowjetregime nach Luxemburg benannt und ist nicht, wie der Marx-Engels-Platz und die Clara-Zetkin-Straße, nach der Wende umbenannt worden. Vor zwölf Jahren wurde der Platz in eine Rosa-Luxemburg-Gedenkstätte verwandelt. 60 ihrer Zitate wurden in Bronzebänder geritzt und in das Pflaster südöstlich des heutigen U-Bahnhofes eingelassen.

Dieser Artikel erschien auf Englisch am 15. Januar 2020 bei Left Voice und zuvor im Januar 2019 bei Exberliner.

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