Jugend

Red Brain Nr. 4: Bildungsproteste in Chile

Red Brain Nr. 4: Bildungsproteste in Chile

Red Brain ist eine linke, antikap­i­tal­is­tis­che Schü­lerIn­nen­zeitung, die von ein­er unab­hängi­gen Schü­lerIn­nen­gruppe (in Zusam­me­nar­beit mit RIO) am John-Lennon-Gym­na­si­um in Berlin-Mitte her­aus­gegeben wird. Die Aus­gabe gibt es als PDF, die einzel­nen Artikel gibt es unten:

Streik in der Schule, Streik im Betrieb!

Liebe Genossen, liebe Genossin­nen, liebe Mitschüler und Mitschü­lerin­nen,

am 17. Novem­ber ist es wieder soweit: Bil­dungsstreik! Wir, die Schü­lerIn­nen, Studieren­den, Azu­bis und hof­fentlich auch LehrerIn­nen, wer­den wieder auf die Straße gehen, um für bessere Bil­dung zu kämpfen. Am Woch­enende vom 9.–11. Sep­tem­ber hat eine bun­desweite Bil­dungsstreikkon­ferenz stattge­fun­den, an der sich Jugendliche aus ganz Deutsch­land beteiligten, um über die Prob­leme im Bil­dungssys­tem zu disku­tieren. Dabei kam her­aus, dass unser Kampf nicht nur ein Kampf von Jugendlichen sein sollte, son­dern dass wir uns mit arbei­t­en­den Men­schen verbinden müssen. Denn wie jed­eR weiß, wer­den auch wir uns später dem harten Arbeits­markt aus­set­zen müssen.

Am Kranken­haus „Char­ité“ in Berlin kämpfen zur Zeit Lohn­ab­hängige für bessere Löhne. Denn im Gesund­heitssys­tem wird, wie im Bil­dungssys­tem, per­ma­nent ges­part. Die Beschäftigten lei­den darunter, genau­so wie die Pati­entIn­nen. Beson­ders das nicht-medi­zinis­che Per­son­al bekommt Niedriglöhne und befris­tete Verträge. Die Bil­dungsstreikkon­ferenz hat sich mit den Streik­enden an der Char­ité sol­i­darisiert. Genau­so wie wir uns mit dem Streik der LehrerIn­nen sol­i­darisieren, der am 28. Sep­tem­ber (näch­sten Mittwoch) stat­tfind­en soll.

Denn auch wenn wir am 17. Novem­ber vielle­icht nicht den Gen­er­al­streik aus­rufen kön­nen, niemals vergessen: „Hoch die inter­na­tionale Sol­i­dar­ität!“

Eure Red Brain-Redak­tion

Bildungsproteste in Chile

„Kämpfen, um zu ler­nen! Ler­nen, um zu kämpfen!“

Mit diesem Spruch kämpfen Hun­dert­tausende Schü­lerIn­nen und Studierende in Chile für kosten­lose Bil­dung. Denn im läng­sten Land der Welt ist Bil­dung ein teures gut: ein Studi­um kann lock­er über 400 Euro im Monat kosten (was sog­ar über dem durch­schnit­tlichen Monat­slohn liegt!). So müssen junge Men­schen während ihres Studi­ums Schulden­berge von mehreren Zehn­tausend Euro anhäufen, die sie nicht zurück­zahlen kön­nen wer­den, bis sie 40 oder 50 sind.

Dieses Bil­dungssys­tem hat Dik­ta­tor Augus­to Pinochet etabliert: mar­o­de öffentliche Schulen für die Armen, teuere Pri­vatschulen für die Reichen. Pinochet putschte sich im Jahr 1973 an die Macht, mit tatkräftiger Unter­stützung des Geheim­di­en­stes CIA, und pri­vatisierte so ziem­lich alles im Land. Aber in den 20 Jahren seit seinem Rück­tritt hat die Regierung der sozial­is­tis­chen Partei (ver­gle­ich­bar mit der SPD in Deutsch­land) sein Bil­dungssys­tem aufrechter­hal­ten.

Neue Proteste

Doch die Forderung nach kosten­los­er Bil­dung ist immer lauter gewor­den in den Anden. Bere­its im Jahr 2006 gab es monate­lange Proteste von Schü­lerIn­nen (die „Pin­guine“ genan­nt wer­den, weil sie schwarz-weiße Uni­for­men tra­gen müssen). Seit Mai dieses Jahres sind Hun­derte Schulen und Dutzende Fakultäten beset­zt. Die Jugendlichen bei diesen Beset­zun­gen organ­isieren sich selb­st­ständig, mit täglichen Ver­samm­lun­gen und Arbeits­grup­pen­tr­e­f­fen.

Bis zu 80% der Bevölkerung unter­stützen die Forderung nach kosten­los­er Bil­dung, es gab Demon­stra­tio­nen von Hun­dert­tausenden. Vor einem Monat fand auch ein zweitägiger Gen­er­al­streik statt mit vie­len Straßen­block­aden. Doch die Regierung zeigt sich stur – der Präsi­dent Piñera ist Mul­ti­mil­liardär und ver­di­ent selb­st kräftig an pri­vat­en Bil­dung­sun­ternehmen! Er „ver­han­delt“ mit­tels Trä­nen­gas, Wasser­w­er­fern und Ver­haf­tun­gen. Die chilenis­che Polizei sieht der Berlin­er Polizei übri­gens ähn­lich, sie bekom­men ihre Uni­for­men aus Deutsch­land!

Per­spek­tive?

Diese Proteste zeigen, dass das Recht auf Bil­dung nur gewon­nen und vertei­digt wer­den kann, wenn die Betrof­fe­nen selb­st dafür kämpfen. Außer­dem ist es möglich, die Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung in diesen Kampf hineinzuziehen – mit Gen­er­al­streiks kann viel mehr Druck geschaf­fen wer­den als mit Bil­dungsstreiks alleine.

Inter­view mit ein­er Stu­dentin aus Chile

Wahlen – und jetzt?

Am Son­ntag wur­den in Berlin das Abge­ord­neten­haus und die Bezirkspar­la­mente neu gewählt. Eines ist deut­lich zu sehen: Die soge­nan­nte rot-rote Ära ist vor­bei. Ihre Nieder­lage ist Ergeb­nis ihrer Poli­tik: in 10 Jahren haben die bei­den „roten“ Parteien 150.000 Woh­nun­gen pri­vatisiert und die Bil­dungsmis­ere fortbeste­hen lassen.

Die SPD kann sich als Wahlsieger jet­zt zwis­chen der CDU und den Grü­nen entschei­den. Aber was gab es noch so? Die FDP kann man endgültig unter die „son­sti­gen“ Parteien zählen: Sie erre­ichte nur 1,8% und blieb sog­ar noch hin­ter der NPD!

Die größte Über­raschung sind aber die Pirat­en. Sie ziehen mit 8,9% ins Abge­ord­neten­haus ein. Das zeigt, dass viele – vor allem junge – Wäh­lerIn­nen keine Per­spek­tive bei den alten, abge­drosch­enen Parteien sehen. Wir wer­den sehen, was die Pirat­en im Par­la­ment tun. Pos­i­tiv ist, dass sie sich für direk­tere Demokratie ein­set­zen.

Doch direk­te Demokratie ist im Rah­men der kap­i­tal­is­tis­chen Mark­twirtschaft schw­er umset­zbar, da eine kleine Min­der­heit alle Reichtümer besitzt. Die Grü­nen – vor 30 Jahren auch mal eine Protest­partei – ließen sich ins Sys­tem inte­gri­eren. Und die Pirat­en?

Nazis am Alex

Am Son­ntag, dem 11. Sep­tem­ber, organ­isierte die recht­sex­treme Partei NPD zum Abschluss ihres Wahlkampfes eine Kundge­bung am Alexan­der­platz. Diese Kundge­bung kon­nte nur mit einem riesi­gen Polizeiaufge­bot (über 1000!) über die Bühne gebracht wer­den – und vor allem mit­tels ein­er Geheimhal­tungstak­tik der Polizei. Der Öffentlichkeit wurde bekan­nt gegeben, dass die Kundge­bung in Schönewei­de stat­tfind­en würde, obwohl der eigentliche Kundge­bung­sort schon Wochen vorher zwis­chen Polizei und Nazis abgemacht war. Am Abend vorher sick­erte die Info durch, und deshalb fan­den sich dann am Son­ntag den­noch etwa 500 Gegen­demon­stran­tInnen am Alex ein, um die 150 Nazis zu stören. Doch mit dem weiträu­mi­gen Schutz und vor allem mit ihrer Geheimhal­te­tak­tik sorgt die Berlin­er Polizei dafür, dass Nazis ungestört ihre ras­sis­tis­che Het­ze ver­bre­it­en kön­nen!

Bundeswehr raus!

Das Robert-Blum-Gym­na­si­um hat es vorgemacht: LehrerIn­nen, Schü­lerIn­nen und Eltern entsch­ieden, Jugend­of­fizierIn­nen und anderen Propagandist­Innen der Bun­deswehr den Zugang zu ihrer Schule zu ver­weigern. Ein tapfer­er Entschluss, der ihnen natür­lich prompt Beschimp­fun­gen genau­so wie die Ehrung „vater­land­slose Gesellen“ ein­brachte.

Auch wenn es die dahin­ter ste­hen­den Spin­ner­In­nen ungern sehen, ist die Bun­deswehr natür­lich kein Instru­ment zur Wahrung der Demokratie, son­dern der Prof­it­in­ter­essen der Konz­erne. In der näch­sten Zeit wird der deutsche Staat mas­siv ver­suchen, das Image sein­er Armee aufzupolieren, nicht nur um die unpop­ulären Krieg­sein­sätze in Afghanistan und anderen Län­dern bis zum Ende führen zu kön­nen ohne größeren poli­tis­chen Schaden zu nehmen, son­dern auch, um die Bevölkerung auf zukün­ftige Besatzun­gen einzus­tim­men. Dass eine Beruf­sarmee nur die Men­schen in der BRD gegen äußere Angriffe (von wo?) schützen soll, brauchen wir nicht zu glauben.

Wenn also in Zukun­ft die deutsche Armee im Zuge ihrer Umstruk­turierung mas­siv wirbt, gilt es auch am JLG, dem entschlossen ent­ge­gen­zutreten. Denn nur durch den kon­se­quenten Kampf gegen kap­i­tal­is­tis­che Kriege und den Bun­deswehr-Mil­i­taris­mus kön­nen Frieden und Demokratie gesichert wer­den.

Gegen Lookism!

9:30. Schul­hof. Die einzel­nen Grup­pen ste­hen zusam­men, lachen und essen. Neben mir sitzen drei Mäd­chen. Sie reden über eine Mitschü­lerin. „Der Beitrag von ___ gestern war echt geil. Dass die soviel über Poli­tik weiß!“ Eine von ihnen lacht plöt­zlich: „Mein Gott, so hässlich wie die ist, muss sie ja etwas zum Aus­gle­ich haben. Son­st hätte sie gar keine Fre­unde.“ Die zwei anderen prusten los.

„Attrak­tiv­ität“ ist zum Mark­twert inner­halb der ewig konkur­ri­eren­den kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaft gewor­den und deren pos­i­tive Wertschätzung führt gle­ichzeit­ig zur Diskri­m­inierung von anderen, die nicht der Norm entsprechen. Diese Form der Diskri­m­inierung, die sich über­all find­en lässt und trotz­dem kaum beachtet wird, wird Look­ism genan­nt.

Eine gewisse Nei­gung zur Schön­heit ist evo­lu­tions­bi­ol­o­gisch ver­an­lagt, doch der größte Teil des Schön­heit­sideals ist wan­del­bar und wird antrainiert Dieser „Schönheits“begriff lässt sich nicht ohne „Hässlichkeit“ denken. Damit ist weitaus mehr gemeint als die Cool-Clique, wie sie in High-School-Fil­men betitelt wird, die auf alle herun­terblickt, die ihnen unäs­thetisch erscheinen.

Das ein­teilen von Men­schen in Kisten wie gutausse­hend (char­mant, reizvoll, inter­es­sant) und hässlich (abstoßend,minderwertig, lang­weilig) ist nicht ein­fach abzuschal­ten. Und dabei nicht in ein „sie/er sieht zwar schlecht aus, aber…“ zu ver­fall­en, noch schw­er­er. Doch es lohnt sich. Denn wer seine Mit­men­schen auf­grund bes­timmter Kör­per­for­men/-Merk­male auf- oder abw­ertet, muss auch sich selb­st in ein Kas­ten­sys­tem der Äußer­lichkeit­en ein­teilen, dass ohne jede Gnade urteilt.

Zitat des Monats…

Wenn Wahlen etwas ändern wür­den, wären sie ver­boten.

unbekan­nt (möglicher­weise Kurt Tuchol­sky)

Termine von Red Brain

* HEUTE! Demo gegen Pap­st­be­such
22. Sep­tem­ber, 16 Uhr, Bran­den­burg­er Tor

* Streik der Berlin­er LehrerIn­nen
28. Sep­tem­ber, 12 Uhr, Pots­damer Platz

* bun­desweit­er Bil­dungsstreik
17. Novem­ber an allen Schulen und Unis

* Tre­f­fen des Streikkomi­tees am JLG
jeden Mon­tag, 16 Uhr, vor der Schule

* offenes Tre­f­fen von Red Brain
jeden Fre­itag, 16 Uhr, BAIZ

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