Geschichte und Kultur

Patrice Lumumba: Einer von Millionen Opfern des belgischen Kolonialismus

Am 17. Januar jährt sich zum 55. Mal der Todestag von Patrice Lumumba, dem Anführer des Mouvement National Congolais (MNC) und ersten Ministerpräsidenten des unabhängigen Kongo. Eine kritisch-solidarische Würdigung eines bedeutenden antikolonialen Kämpfers.

Patrice Lumumba: Einer von Millionen Opfern des belgischen Kolonialismus

55 Jahre sind seit seiner Ermordung nun vergangen. Das sind 20 mehr als Patrice Lumumba leben durfte. Ehe er von den Schergen des belgischen Kolonialismus und den US-Imperialismus erst brutal gefoltert und dann in der kongolesischen Provinz Katanga ermordet wurde. Als Lumumba am 2. Juli 1925 unter dem Namen Tasumbu Tawosa geboren wurde, war der Kongo noch eine Kolonie Belgiens.

Als er jedoch starb, war der Kongo und eine Reihe anderer Länder Afrikas unabhängig geworden. Er selbst ging als Märtyrer des antikolonialen Widerstandes in die Geschichte ein. Nach den Worten des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre hörte er auf, eine Person zu sein. Er wurde zu ganz Afrika. Wie konnte das passieren?

Koloniale Verbrechen

Der Kongo wurde wie alle anderen Kolonien in Afrika massiv ausgebeutet und deren Bevölkerungen von den kolonialen Gendarmerien Europas grausam unterdrückt und ermordet.

Als der belgische König Leopold II. den Kongo 1885 nach der Aufteilung Afrikas unter die Kolonialmächte auf der Berliner Konferenz in Besitz nahm, fanden in kurzer Zeit zehn Millionen Menschen den Tod. Unter der Überausbeutung der Kongoles*innen, die für die Kolonialmacht Kautschuk liefern mussten, konnte Belgien von 1885 bis 1908 horrende Summen erwirtschaften, da der Preis um 96 Prozent stieg.

Dies war möglich, da der Brite John Boyd Dunlop gerade den mit Luft gefüllten Gummireifen entwickelt hatte, und die Kolonie um 1900 eine Monopolstellung in der Ernte von Kautschuk besaß, dessen Export den Wohlstand der belgischen Monarchie sicherte. Zur Sicherstellung der Produktion wurden Angehörige als Geiseln genommen. Konnte nicht genug geliefert werden, oder weigerten sich die Sklav*innen, wurden ihre Familien ermordet, Frauen vergewaltigt, Körperteile abgeschnitten.

Jedes Zeichen von Rebellion endete mit der Auslöschung eines Dorfes.

Diese Ordnung wurde durch die Force Publique gesichert, eine koloniale Polizeitruppe, bei der jedoch nur die Offizier*innen weiß waren.Mit der Übertragung des Kongo an den belgischen Staat 1908 endete diese als “Kongogräuel” bekannt gewordene Schreckenszeit. Die Hälfte der Bevölkerung war jedoch nicht mehr am Leben – und der Kongo immer noch nicht frei.

Widerstand und Würde

Lumumba zeichnete sich schon früh als Kämpfer gegen die zutiefst ungerechten und rassistischen Verhältnisse in der belgischen Kolonialverwaltung aus. Durch seine konsequent antikoloniale Rhetorik erlangte er schon früh die Aufmerksamkeit der belgischen Kolonialverwaltung, wurde verhaftet und gefoltert. Doch der 1958 gegründete MNC konnte sich sehr schnell als nationale Vereinigung gegen die koloniale Unterdrückung etablieren. Lumumba wurde schnell zu einer ihrer Führer*innen. Der MNC setzte sich die Unabhängigkeit des Kongo zum Ziel und konnte diese am 30. Juni 1960 erreichen. Der Kongo wurde unabhängig, blieb aber ein halbkoloniales Land, welches faktisch immer noch unter der Kontrolle der weißen Siedler*innen und des belgischen Kapitals stand.

Für Lumumba war klar, dass die Unabhängigkeit nicht bloß eine kosmetische Veränderung mit sich bringen, sondern das Recht auf nationale Selbstbestimmung der Völker vollends entfalten sollte. Schließlich war und ist der Kongo ein rohstoffreiches Land. Der mörderische belgische König Badouin betrachtete das Land aber auch nach der formellen Unabhängigkeit als Quelle des Reichtums für seine Konzerne. Ideologisch bettete er diese ökonomische Ausbeutung in einen schamlosen Rassismus ein, welcher die Kongoles*innen „pädagogisch zu erziehen“ habe. Diese koloniale Ideologie teilte die Kongoles*innen ein in eine privilegierte Schicht von mit weißen, europäischen Werten vertrauten, während die Mehrheit aller Schwarzen kaum bessere Sklav*innen waren.

Diese rassistische Denkweise sprach er offen auf dem Festakt zur Unabhängigkeit an. Demnach sah der belgische Staat seine Aufgabe gemäß des aufklärerischen Vorrechts entwickelter europäischer Nationen vor allem in der „Zivilisierung“ und „Erziehung“ der „unwissenden“ und „unterentwickelten“ Afrikaner*innen an. Dann sprach Patrice Lumumba. Und es folgte eine spektakuläre Zurechtweisung des belgischen Königs: offen sprach er die Massaker und Unterdrückung an, die sogar darin gipfelten, dass den Kongoles*innen der Arm abgehackt wurde, wenn sie nicht gehorchten. Ohne jegliche Beschönigungen und auch vor internationalen Staatsgästen sprach er die Wahrheit aus: „Wir haben erlebt, wie unser Land im Namen von angeblich rechtmäßigen Gesetzen aufgeteilt wurde, die tatsächlich nur besagen, dass das Recht mit dem Stärkeren ist.“

Tod und Hoffnung

Nach dieser Demütigung war für Badouin klar, dass Lumumba aus dem Weg geräumt werden sollte. Er stellte eine Gefahr für die Interessen seiner Unternehmen dar, und dies erst recht, nachdem er Pläne zur Verstaatlichung der wichtigsten Industrien veröffentlicht hatte. Eine gigantische Verleumdungsmaschinerie gegen ihn wurde in Belgien, aber auch in anderen westeuropäischen Ländern in Gang gesetzt.

Am 14. September 1960 putsche sich Joseph-Desire Mobutu mit Hilfe des US-Geheimdienstes CIA an die Macht. Fortan wurde Lumumba kriminalisiert und unter Arrest gestellt. Zwar konnte er noch aus der Hauptstadt Leopoldville (heute Kinshasa) fliehen, wurde jedoch von dem späteren (kurzweiligen) Ministerpräsidenten Moise Tschombe gefasst, gefoltert und mit zwei weiteren Getreuen getötet.

Zwar versuchte er noch vorher in einem Telegramm bei der Sowjetunion um militärische Hilfe zu bitten, dieses Telegramm wurde aber tragischerweise von der CIA zuerst abgefangen. Dabei war Lumumba nicht unbedingt ein Kommunist, sondern besuchte kurz vorher auch den US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower, um auch bei ihm um Unterstützung zu bitten. Sein soziales Programm war jedoch unvereinbar mit den Interessen des Imperialismus. Infolgedessen wurde Mobutu als Marionette des Imperialismus eingesetzt und etablierte eine über 30-jährige blutige Diktatur.

Lumumba zu würdigen heißt nicht, sein Vermächtnis kritiklos zu akzeptieren, sondern aus seinen Fehlern zu lernen und seinen antikolonialen Widerstandskampf in Erinnerung zu rufen. Vielleicht die wichtigste Lehre aus diesem tragischen Scheitern ist, dass der Kampf der unterdrückten Völker gegen den Imperialismus nicht nur solidarisch unterstützt, sondern auch immer von einem Klassenstandpunkt aus betrachtet werden muss. Denn die blutige Ermordung Lumumbas und die anschließende Diktatur zugunsten der Interessen des Imperialismus konnten nicht ohne die Hilfe der privilegierten Schichten der kongolesischen Bevölkerung durchgesetzt werden, die ebenso von den postkolonialen Strukturen profitierten.

Wir revolutionäre Marxist*innen werden aber die Errungenschaften und den Kampf Lumumbas gegen die koloniale Unterdrückung niemals vergessen. Denn wie er schon auf dem Festakt betonte: „Wir werden die Massaker nicht vergessen, in denen so viele umgekommen sind, und ebenso wenig die Zellen, in die jene geworfen wurden, die sich einem Regime der Unterdrückung und Ausbeutung nicht unterwerfen wollten.“

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