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Nochmal: Welche Einheit?

LeserInnenbrief zum Artikel „Welche Einheit brauchen wir?“, über die Neue Antikapitalistische Organisation, in Klasse Gegen Klasse Nr. 8, und eine Antwort

Nochmal: Welche Einheit?

// LeserInnenbrief zum Artikel „Welche Einheit brauchen wir?“, über die Neue Antikapitalistische Organisation, in Klasse Gegen Klasse Nr. 8, und eine Antwort //


Hallo GenossInnen, (…)

Zum NaO-Prozess: Das mag ja rein faktisch alles richtig sein, was Ihr da schreibt; in der Konsequenz führt es jedoch zu dem, was trotzkistische Kleingruppen in den letzten 50 Jahren gemacht haben und was nicht dazu geführt hat, dass sozialistische, geschweige denn trotzkistische Ideen irgendeinen nennenswerten Widerklang in der Klasse oder in Bewegungen (ausser in Einzelfällen) gefunden haben: nämlich den Trennungsstrich vor den eigenen Fusssohlen zu ziehen und sich abstrakte Programme um die Ohren zu hauen und sich darüber zu streiten, ob Trotzki das so oder so gemacht hätte. Die NaO ist winzig, ohne Frage, wobei sie wachsen wird. Ich sehe das als den vielversprechendsten Ansatz seit Jahren an.

Ich frage RIO: Wollt Ihr eine breite Bewegung und Organisation mit einigem Einfluss aufbauen oder weiter abstrakten Revolutionarismus predigen und bedeutungslos bleiben?

Solidarische Grüsse,
Stefan Godau, NaO-Aktivist, SIB-Mitglied und der Einheitsliste verbunden

Lieber Genosse,

danke für deinen LeserInnenbrief!

Wir haben eine andere Analyse dessen, was „trotzkistische Kleingruppen in den letzten 50 Jahren gemacht haben“. Viele Strömungen haben sich jahre- oder jahrzehntelang als loyale Opposition innerhalb einer reformistischen Partei betätigt. So haben verschiedene SIB-Mitglieder in früheren Jahren die Grünen, die PDS und die WASG mit aufgebaut. Sie sind nicht wegen des Festhaltens an einem revolutionären Programm bedeutungslos geblieben, sondern weil sie ihr Programm so weit verwässert haben, dass sie in diesen Projekten nur als linkere Variante des Reformismus auftraten.

Deswegen versucht die Trotzkistische Fraktion – Vierte Internationale Übereinstimmungen in den wichtigsten Fragen des internationalen Klassenkampfes zu finden und auf dieser Grundlage eine Umgruppierung zu suchen. Unser Manifest stellt einen Versuch dar, eine solche Synthese zu finden.1 Beispielsweise stellt es eine ernsthafte Diskussionsgrundlage für die Umgruppierungsprozesse unserer Schwesterorganisationen LTS in Mexiko oder JRI in Uruguay dar, die auf der Basis des Manifests neue Organisationen gründen. Auch in Europa suchen wir die Diskussion über die programmatischen Fragen, die sich angesichts der wichtigsten Ereignisse des Klassenkampfes ergeben. Auch die NaO rufen wir zur Diskussion auf.

Leider werden politische Differenzen zwischen Organisationen oft mit Allgemeinplätzen überdeckt. Organisationen mit einer solchen Grundlage zerbrechen, sobald sie auf die Probe gestellt werden. Die trotzkistischen Gruppen der NaO haben große strategische Differenzen miteinander, die eine gemeinsame Intervention in den Klassenkampf schwierig machen. Die verschiedenen Gruppen vertreten komplett verschiedene programmatische Konzepte: die Einen wollen eine breite antikapitalistische Organisation, ohne eine Klassenbasis in der ArbeiterInnenklasse, die Anderen eine leninistische Partei. In der NaO herrschen komplett unterschiedliche Ansichten über die zentralen Fragen des internationalen Klassenkampfes (arabischer Frühling, linke Regierungen, Gewerkschaftsbürokratien und proletarische Selbstorganisation usw.). Im NaO-Manifest werden diese strategischen Fragen mit Allgemeinplätzen überdeckt – so fehlt zum Beispiel eine Analyse der griechischen SYRIZA völlig.2 Das ist ein Paradebeispiel für „abstrakte Programme“.

Wir befürworten die Umgruppierung überall dort, wo sie einen Schritt hin zur politischen Unabhängigkeit der ArbeiterInnenklasse bedeutet. Das basiert auf dem Verständnis, dass die Selbstorganisation der ArbeiterInnen und der Jugend im Kampf die zentrale Voraussetzung für eine politische Umgruppierung darstellt – und hat nichts mit Ökonomismus zu tun. Die Politik jeder einzelnen Sektion der FT-CI angesichts solcher Prozesse, sei es beispielsweise die Revolutionär-Kommunistische Strömung (CCR) in der französischen NPA oder die Intervention der bolivianischen LOR-CI im Rahmen des Aufbaus einer neuen ArbeiterInnenpartei, beweist das.

Uns geht es nicht um „abstrakten Revolutionarismus“, der einen genauso zur Bedeutungslosigkeit verdammt, wie es prinzipienloser Opportunismus tut. Wir wollen uns mit den kämpferischen Sektoren der ArbeiterInnen und Jugendlichen verschmelzen, die erste Erfahrungen mit Kämpfen gegen die Regierung, gegen die Bosse und gegen die Gewerkschaftsbürokratie machen. Dies tun wir nicht auf der Grundlage eines abstrakten Einheitsprogramms, sondern auf der Basis genau abgegrenzter politischer Übereinstimmungen in konkreten Politikfeldern – im vollen Bewusstsein der Beschränktheit dieser Übereinstimmungen und der Notwendigkeit ihrer dialektischen Überwindung. Aus diesem Grund stoßen wir die Gruppierungen Waffen der Kritik und Red Brain an, die Solidarität für die Streiks der LehrerInnen oder im Einzelhandel organisierten und den Refugee Schul- und Unistreik mit Streikkomitees an die Universitäten und Schulen trugen.

Wir wollen keine „breite Bewegung und Organisation mit einigem Einfluss“. Wir wollen eine revolutionäre Kampf­partei aufbauen, die in der ArbeiterInnenklasse verankert ist und Masseneinfluss besitzt. Aber das setzt voraus, dass die Organisation nicht am ersten größeren Hindernis des Klassenkampfes zerbricht. Das aber kann sie nur, wenn Einigkeit über die zentralen Aufgaben und Methoden von RevolutionärInnen heute besteht.

Wir haben in der Vergangenheit bereits mit der NaO zusammengearbeitet. Wir werden immer eine Zusammenarbeit anstreben, wenn wir ein gemeinsames Ziel vertreten. Die Einheitsfront aller linken und ArbeiterInnenorganisationen zum Zurückschlagen von Angriffen wie im Falle der „Tarifeinheit“ oder im Kampf gegen Konzerne wie Amazon ist für uns zentral. Darüber hinaus können wir auch jederzeit, sowohl öffentlich wie privat, über die großen Fragen des aktuellen Klassenkampfes diskutieren. Erst wenn die strategischen Übereinstimmungen diese Einheitsfronten überschreiten, halten wir eine gemeinsame Organisation für zukunftsfähig. Doch ein zentristisches Sammelbecken wollen wir nicht.

Mit solidarischen Grüßen,
Wladek Flakin und Peter Robe

Fußnoten

1. FT-CI: Manifest für eine Bewegung für eine Internationale der sozialistischen Revolution.

2. NAO: Manifest für eine Neue antikapitalistische Organisation.

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