Geschichte und Kultur

Nicaraguanische Revolution: die aufständigen Massen schrieben Geschichte

40 Jahre sind vergangen seit einer der wichtigsten Revolutionen des amerikanischen Kontinents.

Nicaraguanische Revolution: die aufständigen Massen schrieben Geschichte

Die Rev­o­lu­tion in Nicaragua war eine der tief­greifend­sten rev­o­lu­tionären Prozesse in Lateinameri­ka. Eine auf­ständis­che Bewe­gung aus Landarbeiter*innen und Bauern*Bäuerinnen, Arbeiter*innen und der armen Stadt­bevölkerung stand an der Spitze der Revolte und es war „die Guer­ril­la, die als Unter­stützung der Massen diente“, nicht umgekehrt. So musste es selb­st Hum­ber­to Orte­ga zugeben, ehe­ma­liger Oberkom­man­dant der San­din­is­tis­chen Volk­sarmee und Brud­er des aktuellen Präsi­den­ten, Daniel Orte­ga.

So lief die Geschichte ab

Der somozis­tis­che Staat wurde prak­tisch vom nor­damerikanis­chen Impe­ri­al­is­mus geschaf­fen, der von 1911 bis 1933 durch seine Trup­pen präsent war. Sie waren es, die die massen­mörderische „Guardia Nacional“ grün­de­ten und Anas­ta­sio Somoza Gar­cía an ihre Spitze set­zten. Dieser gelangte 1936 nach einem durch betrügerische Wahlen rat­i­fizierten Mil­itär­putsch in die Präsi­dentschaft der Repub­lik; Die Fam­i­lie Somoza blieb daraufhin 45 Jahre lang an der Macht.


Anas­ta­sio Somoza

Zu Beginn der 1960er Jahre begann allerd­ings die Entwick­lung ein­er Dif­feren­zierung in den Rei­hen der Bour­geoisie: auf ein­er Seite die mit der Somoza-Dynas­tie ver­bun­dene Oli­garchie, auf der anderen eine von der ökonomis­chen Expan­sion dieser Jahre prof­i­tierende Bour­geoisie — let­ztere waren vor allem Agrar-Exporteur*innen, Indus­trielle und Bankiers, für die sich die Somoza-Regierung als wenig hil­fre­ich erwies. In diesen Jahren ent­stand die Frente San­din­ista de Lib­eración Nacional (San­din­is­tis­che Nationale Befreiungs­front — FSLN), eine Guer­ril­la-Organ­i­sa­tion, die sich durch einen klein­bürg­er­lich-nation­al­is­tis­chen Charak­ter ausze­ich­nete und sich den Sturz Somozas zur Auf­gabe machte.

Während der 1970er Jahre entlädt sich die Unruhe der Massen­be­we­gun­gen in den wichti­gen Streiks von 1973 und 1974. Diese wer­den grausam niedergeschla­gen. Zwis­chen 1975 und 1976 wird die von der Regierung aus­ge­hende Repres­sion immer blutiger und der Grün­der der FSLN, Car­los Fon­se­ca Amador, fällt ihr zum Opfer. Die Unzufrieden­heit nimmt ab Sep­tem­ber 1977 stark zu. Im Jan­u­ar 1978 wird der berühmte Jour­nal­ist Pedro Joaquín Chamor­ro ermordet. Die Sit­u­a­tion wen­det sich:

Die oppo­si­tionelle Bour­geoisie wird dazu gebracht, der Regierung frontaler ent­ge­gen­zutreten. Als aber die Massen­be­we­gung in Aktion tritt, beg­ibt sich jene oppo­si­tionelle Bour­geoisie auf die Suche nach Ver­söh­nung und Kom­pro­miss mit der Dik­tatur.


Car­los Fon­se­ca (mit Bart)

Im Sep­tem­ber des­sel­ben Jahres, startet die FSLN eine aben­teuerische Mil­itärof­fen­sive in ver­schiede­nen Städten des Lan­des. Der Gege­nan­griff der Guardia Nacional ist bru­tal und endet in einem Mas­sak­er, in dem 10.000 Arbeiter*innen, Jugendliche und Student*innen ermordet wer­den.
Doch dieser ver­häng­nisvolle Rückschlag schwächt die rev­o­lu­tionären Kräfte eines ganzen Volkes nicht, das auf genü­gend Rück­halt zählen kann, um seine Masse­nak­tion trotz der Putschak­tio­nen der Guer­ril­la auszuweit­en.

Der Aufstand der Massen und der Fall von Somoza

In den ersten Monat­en des Jahres 1979 begin­nen die Massen mit Gen­er­al­streiks, Landbe­set­zun­gen und Auss­chre­itun­gen in den Städten gegen das somozis­tis­che Regime die poli­tis­che Bühne zu betreten. Am 4. Juli erk­lären Massenor­gan­i­sa­tio­nen und die FSLN einen Gen­er­al­streik, der das ganze Land lahm­legt und in den Fol­ge­ta­gen zu Auf­stän­den führt, die in den Städten Chi­nan­de­ga, León, Mata­gal­pa, Estelí, Masaya, Grana­da und Cara­zo aus­brechen.

Was der Sit­u­a­tion aber eine entschei­dende Wende gibt, ist die spon­tane, auf­ständis­che Bewe­gung, in deren Folge ab dem 10. Juni in den wichtig­sten Arbeiter*innenvierteln der Haupt­stadt Man­agua von der Polizei „befre­ite Zonen“ entste­hen. Nicaragua befind­et sich im Auf­s­tand. Es begin­nt eine rev­o­lu­tionäre Krise, die mit kein­er anderen ver­gle­ich­bar ist. Der Fall Somozas ste­ht kurz bevor.

Als der nor­damerikanis­che Impe­ri­al­is­mus sieht, dass die Sit­u­a­tion sich ihm entzieht, wen­det er sich an die Organ­i­sa­tion Amerikanis­ch­er Staat­en (OAS), um eine direk­te Inter­ven­tion durch die Entsendung von „Frieden­skräften“ zu tar­nen. Inter­na­tion­al erhält dieser Vorschlag jedoch keinen Rück­halt. Somoza kapselt sich mehr und mehr ab und erhält nur noch von den lateinamerikanis­chen Dik­taturen der Zeit Unter­stützung.

Es ist die Hoff­nung des Impe­ri­al­is­mus, dass Somoza die Arbeiter*innen und Bauern*Bäuerinnen grausam nieder­schlägt, um daraufhin eine neue, bürg­er­liche Regierung einzuset­zen. Für diese dreck­ige Arbeit lassen sich die Regierun­gen von Venezuela, Mexiko, Cos­ta Rica und Pana­ma gewin­nen, die mit allen Mit­teln zu ver­hin­dern ver­suchen, dass die Entwick­lung eines Bürger*innenkriegs nicht mit der insti­tu­tionellen Kon­ti­nu­ität bricht. Im Juni wird dann die Bil­dung ein­er Über­gangsregierung, der Jun­ta de Gob­ier­no de Recon­struc­ción Nacional de Nicaragua (Regierungsjun­ta für den Nationalen Wieder­auf­bau Nicaraguas, GRNN) vor­bere­it­et, die angesichts des unmit­tel­bar bevorste­hen­den Sturzes von Somoza die Staatskon­trolle übernehmen soll. Mit­glieder dieser Jun­ta waren Vio­le­ta Chamor­ro (die Witwe von Pedro Joaquín Chamor­ro) und Alfon­so Robelo Calle­jas, zwei hohe Repräsentant*innen der Bour­geoisie; Daniel Orte­ga und Moisés Hernán, zwei Vertreter*innen der FSLN; und Ser­gio Ramírez, der als Medi­a­tor agierte und die Mit­telschicht­en ver­trat. Diese Jun­ta wurde von den lateinamerikanis­chen Regierun­gen, die dies wiederum zuvor sig­nal­isiert hat­ten, anerkan­nt. Sie hat­te vor, einem wichti­gen Sek­tor der Guardia Nacional einen Platz inner­halb der neuen Regierung zu garantieren. Diese soll­ten sich mit den Guer­ril­la-Kräften der FSLN fusion­ieren.


Regierungsjun­ta für den Nationalen Wieder­auf­bau Nicaraguas

Bei den Auf­stän­den nach den Gege­nan­grif­f­en der Guardia Nacional waren spon­tan Volksmilizen ent­standen, die jedoch später in die reg­ulären Kom­man­dos der FSLN eingegliedert wur­den. Die spon­ta­nen Auf­stände, der lebendi­ge Wider­stand der Bevölkerung und die Angriffe der FSLN bracht­en die Guardia Nacional dazu, nur noch Auf­gaben der strik­ten Vertei­di­gung ihrer Kaser­nen und der Vertei­di­gung des berühmten Bunkers von Anas­ta­sio Somoza durch­führen zu kön­nen. Am Ende dieses Prozess­es ver­lässt Somoza die Regierung: Seine Flucht am 17. Juli eröffnet die finale Phase der Ent­mach­tung des Regimes.

Nach der Flucht Somozas sollte Fran­cis­co Urcuyo, ein Abge­ord­neter und Anhänger Somozas, ein­er vorheri­gen Abmachung zufolge der Regierungsjun­ta die Macht übergeben, um einen „Wan­del in der Kon­ti­nu­ität“ zu erre­ichen. Doch „ihm kam in den Sinn“ die Massen zur Nieder­legung der Waf­fen aufzu­rufen und zu verkün­den, bis zu den Wahlen von 1981 bleiben zu wollen. Die Revolte der Massen war abso­lut. Die Arbeiter*innen, die Jugend und die Ange­höri­gen der Milizen von Man­agua drangen in Somozas Bunker ein, wo sie die Zehn­tausenden beschlagnahmten Kriegswaf­fen zurück­er­langten, untere­inan­der aufteil­ten und sich zu einem erbit­terten Kampf erhoben.

Die Guardia Nacional wurde voll­ständig besiegt und zer­fiel endgültig. Am 19. Juli drangen die Kräfte der FSLN in die Haupt­stadt ein und instal­lierten die Regierungsjun­ta, die aus ihnen und Per­so­n­en der oppo­si­tionellen Bour­geoisie bestand. Die Bilanz dieser ersten Peri­ode der Rev­o­lu­tion: 40.000 Tote und 100.000 Ver­let­zte. Ihr zen­traler Motor waren die Arbeiter*innen der Städte, die Landarbeiter*innen, das arme Volk, die Halbproletarier*innen vom Land und arme Bauern*Bäuerinnen. Wie Hum­ber­to Orte­ga zugab, „war es die Guer­ril­la, die als Unter­stützung der Massen diente“, und nicht umgekehrt.


Frauen der FSLN, 1979

Das Paradox der nicaraguanischen Revolution

Das große Para­dox der nicaraguanis­chen Rev­o­lu­tion ist, dass die Vertreter*innen des Kap­i­tals selb­st in der Regierungsjun­ta, in den Min­is­te­rien, im Ver­wal­tungsap­pa­rat des Staates sowie in der Zen­tral­bank wiederzufind­en waren. Und das obwohl sowohl qua­si der ganze somoza­treue Sek­tor enteignet, das Bankwe­sen, die Ver­sicherun­gen und der Berg­bau ver­staatlicht, Kon­trolle über den Finanzsek­tor und über die Exporte und die Verteilung des inter­nen Mark­ts gewon­nen wor­den war. Außer­dem wur­den wichtige Errun­gen­schaften wie die mas­siv­en Alpha­betisierungskam­pag­nen, der Auf­bau eines öffentlichen Gesund­heitssys­tems, die Anerken­nung der Landbe­set­zun­gen und Enteig­nungs­dekrete von nicht bewirtschafteten Län­dereien vor­ange­bracht.

Mit dem Ziel, die anti­so­mozis­tis­che Bour­geoisie in die Auf­gabe des „nationalen Wieder­auf­baus“ miteinzubeziehen und um inter­na­tionale Kred­ite der impe­ri­al­is­tis­chen Regierun­gen zu erhal­ten, wur­den den Indus­triellen und Großgrundbesitzer*innen große Zugeständ­nisse gemacht. Die Wirtschaft wurde weit­er­hin vom Pri­vateigen­tum dominiert und die Regierung ver­trat das Konzept ein­er „gemis­chter Wirtschaft“. So begann auch die Ent­waffnung der Bevölkerung und der Auf­bau der San­din­is­tis­chen Volk­sarmee als reg­ulär­er Armee.

Trotz alle­dem trat der alte Sek­tor der Bour­geoisie, der anfangs noch Teil der Jun­ta war, zurück. Stattdessen begab sich ein ander­er Sek­tor an seine Stelle: Rafael Cór­do­ba, Mit­glied des Ober­sten Gericht­shofs und Vor­sitzen­der des Par­tido Con­ser­vador Democráti­co (Kon­ser­v­a­tive Demokratis­che Partei) und Arturo Cruz, ehe­ma­liger Beschäftigter der Inter­amerikanis­chen Entwick­lungs­bank. Die großen Wider­sprüche der Rev­o­lu­tion führen zu mehreren Umbil­dun­gen der Jun­ta, wobei die FSLN mehr und mehr die Kon­trolle übern­immt und selb­st zur Stütze der Regierung wird. Dabei behal­ten sie jedoch ihre Strate­gie der Klassenkol­lab­o­ra­tion aufrecht, was dazu beiträgt, dass sich der klein­bürg­er­liche Charak­ter der Regierung als ein Bona­partismus sui gener­is ver­stärkt.

Nach­dem Rea­gan 1981 zum Präsi­den­ten der USA wird, begin­nt die impe­ri­al­is­tis­che Gegenof­fen­sive, die Söldner*innenarmeen organ­isiert: die soge­nan­nten Con­tras (vom spanis­chen Wort con­trar­rev­olu­ción). Die Rev­o­lu­tion wird durch Bom­barde­ments wichtiger Bere­iche der Wirtschaft wie den Häfen am Paz­i­fik schw­er getrof­fen. Die san­din­is­tis­che Regierung bit­tet die Massen um Opfer zur Vertei­dung und für den Wieder­auf­bau, macht allerd­ings Zugeständ­nisse an die Bour­geoisie. Die Massen opfern sich unter großen Anstren­gun­gen auf, doch die Bour­geoisie boykot­tiert die Wirtschaft.


Rea­gan und der “con­tra” Calero


Con­tras

Der stärk­ste Schlag, den die Rev­o­lu­tion von Nicaragua wider­fährt, kommt aber aus Kuba durch Fidel Cas­tros Poli­tik. In ein­er feier­lichen Staat­srede bestätigt Cas­tro, dass Nicaragua kein neues Kuba sein wird: „Es gibt jet­zt viele Frageze­ichen und viele Leute wollen Ähn­lichkeit­en zwis­chen dem, was in Kuba passiert ist und dem, was in Nicaragua passiert ist beweisen… Deshalb haben die Nicaraguaner*innen die von eini­gen Leuten aus­ge­drück­ten Aus­sagen oder Befürch­tun­gen, dass Nicaragua zu einem neuen Kuba wird, wun­der­bar beant­wortet: Nein, Nicaragua wird zu einem neuen Nicaragua, was eine andere Sache ist“. Das bedeutete, dass die Bour­geoisie nicht enteignet wer­den und die Rev­o­lu­tion sich nicht aus­bre­it­en sollte, son­dern das zen­tralamerikanis­che Land weit­er­hin isoliert bleiben würde.


Orte­ga 1984

Fast hätte die aufk­om­mende Rev­o­lu­tion in El Sal­vador diese Poli­tik zunichte gemacht und der Rev­o­lu­tion in Zen­tralameri­ka einen großen Antrieb gegeben. Doch die Schwächung dieser rev­o­lu­tionären Prozesse durch ihre Führun­gen wurde von Ver­hand­lun­gen mit der Bour­geoisie und dem Impe­ri­al­is­mus in den soge­nan­nten “ver­han­del­ten Übergän­gen” begleit­et. Zu diesen zählen die Friedens­abkom­men von Con­ta­do­ra, Esquípu­las, Cha­put­pec und andere, die der Rev­o­lu­tion in Nicaragua, El Sal­vador und ganz Zen­tralameri­ka ein Ende set­zen wür­den.


Das Abkom­men von Esquípu­las

Dieser Artikel erschien zuerst auf La Izquier­da Diario.

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