Hintergründe

Was ist Bonapartismus?

Was ist Bonapartismus?

Frage:

In eur­er let­zten Aus­gabe war von „Bona­partismus“ die Rede. Was bedeutet das?

Antwort:

Die his­torisch-mate­ri­al­is­tis­che The­o­rie von Karl Marx geht davon aus, dass der Staat ein Instru­ment jen­er Klasse ist, die die Pro­duk­tion­s­mit­tel besitzt, um andere Klassen niederzuhal­ten. Doch in bes­timmten Aus­nahme­si­t­u­a­tio­nen entste­hen Gesellschafts­for­ma­tio­nen, „wo die kämpfend­en Klassen einan­der so nahe das Gle­ichgewicht hal­ten, daß die Staats­ge­walt als schein­bare Ver­mit­t­lerin momen­tan eine gewisse Selb­ständigkeit gegenüber bei­den erhält“[1], wie Marx’ Mit­stre­it­er Friedrich Engels es for­mulierte. Das berühmteste Beispiel hier­für war das Kaiser­re­ich von Napoleon III. zwis­chen 1852 und 1870.

Die Zweite Franzö­sis­che Repub­lik ent­stand nach der Feb­ru­ar­rev­o­lu­tion von 1848. Bere­its im Dezem­ber des­sel­ben Jahres wurde der Neffe von Napoleon Bona­parte, Louis Bona­parte, zum Präsi­den­ten gewählt. 1851 ließ er sich mit­tels eines Staatsstre­ichs mit dik­ta­torischen Voll­macht­en ausstat­ten und ein Jahr später krönte er sich zum Kaiser. Marx analysierte diese Bewe­gun­gen 1852 in „Der achtzehnte Bru­maire des Louis Bona­parte“. Er erk­lärte, wie es dazu kam, dass die franzö­sis­che Bour­geoisie ihre eigene par­la­men­tarische Vertre­tung zugun­sten eines Dik­ta­tors auflösen ließ, über den sie keine unmit­tel­bare Kon­trolle ausüben kon­nte. In dieser Sit­u­a­tion schien „sich der Staat völ­lig verselb­ständigt zu haben“[2]. Doch der Staat war nicht los­gelöst von der Gesellschaft: Die Exeku­tive stützte sich auf einen starken Staat­sap­pa­rat, der als Schied­srichter zwis­chen den Klassen fungieren kon­nte, und auf die klein­bürg­er­lichen Parzel­len­bauern/-bäuerin­nen, die trotz ihrer Vere­inzelung und ihrer daraus resul­tieren­den poli­tis­chen Bedeu­tungslosigkeit die große Masse der franzö­sis­chen Nation aus­macht­en.

Das bona­partis­tis­che Regime kon­nte entste­hen, weil sich die Bour­geoisie in ein­er kri­tis­chen und inner­lich zer­strit­ten Lage befand. Sie brauchte einen „starken Mann“, um ihre inter­nen Kon­flik­te zu schlicht­en und ihre wirtschaftliche Macht vor anderen Klassen zu schützen: Die Bour­geoisie sah ein, dass „um ihre gesellschaftliche Macht unversehrt zu erhal­ten, ihre poli­tis­che Macht gebrochen wer­den müsse; (…) daß, um ihren Beu­tel zu ret­ten, die Kro­ne ihr abgeschla­gen (…) wer­den müsse.“[3] Dabei vertei­digte und förderte dieses Regime bürg­er­liche Besitz- und Pro­duk­tionsver­hält­nisse, wom­it es weit­er­hin als ein bürg­er­lich­er Staat zu betra­cht­en war und die Etablierung eines „nor­malen“ bürg­er­lichen Regimes zu einem späteren Zeit­punkt vor­bere­it­ete[4]. Für Marx war auch der Bona­partismus Aus­druck der Unfähigkeit der Arbei­t­erIn­nen­klasse, selb­st die poli­tis­che Macht zu übernehmen: Es gab eine Sit­u­a­tion, „wo die Bour­geoisie die Fähigkeit, die Nation zu beherrschen, schon ver­loren und wo die Arbeit­erk­lasse diese Fähigkeit noch nicht erwor­ben hat­te.“[5]

Leo Trotz­ki analysierte die Regierun­gen der Weimar­er Repub­lik, die dem Faschis­mus vorangin­gen (Brün­ing, von Papen und von Schle­ich­er), als bona­partis­tisch, weil der sich zus­pitzende Kampf zwis­chen den Klassen eine solche Span­nung erre­ichte, dass diese mit­tels ihrer Notverord­nun­gen „die Bedin­gun­gen für Herrschaft von Bürokratie, Polizei, Sol­dates­ka“[6] schufen und die Exeku­tive sich verselb­ständigte. Trotz­ki ergänzt aber auch, dass sich der Faschis­mus an der Macht zunehmend weniger auf seine soziale Basis im Klein­bürg­er­tum und mehr auf den Staat­sap­pa­rat stützt, was ihm eben­falls einen bona­partis­tis­chen Charak­ter ver­lei­ht[7]. Schließlich ver­wen­dete er die Kat­e­gorie auch zur Analyse des Stal­in­is­mus, da die Sow­jet­bürokratie zwis­chen der Arbei­t­erIn­nen­klasse, den Bauern/Bäuerinnen und dem Weltim­pe­ri­al­is­mus bal­ancierte[8].

Im mexikanis­chen Exil entwick­elte er eine the­o­retis­che Analyse des dor­ti­gen Cár­de­nas-Regimes und beson­ders der Ver­staatlichung des mexikanis­chen Öls im Jahr 1938 und die darauf­fol­gen­den Ver­suche der Regierung, die Gew­erkschaften in die Ver­wal­tung der staatlichen Unternehmen einzu­binden[9]. Nach der Analyse von Trotz­ki bal­anciert ein bona­partis­tis­ches Regime in einem entwick­el­ten kap­i­tal­is­tis­chen Land zwis­chen der Bour­geoisie und dem Pro­le­tari­at als den bei­den Haup­tk­lassen. Doch in den kolo­nialen und hal­bkolo­nialen Län­dern existiert ein weit­er­er gesellschaftlich­er Pol: die impe­ri­al­is­tis­che Bour­geoisie, die den Großteil der Pro­duk­tion­s­mit­tel besitzt und damit die Entwick­lung ein­er ein­heimis­chen Kap­i­tal­istIn­nen­klasse ver­hin­dert:

„In den indus­triell rück­ständi­gen Län­dern spielt aus­ländis­ches Kap­i­tal eine entschei­dende Rolle. Das ist der Grund für die rel­a­tive Schwäche der nationalen Bour­geoisie im Ver­hält­nis zum nationalen Pro­le­tari­at. (…) Die Regierung schwankt zwis­chen aus­ländis­chem und ein­heimis­chem Kap­i­tal, zwis­chen der schwachen nationalen Bour­geoisie und dem rel­a­tiv starken Pro­le­tari­at. Dies gibt der Regierung einen bona­partis­tis­chen Charak­ter sui gener­is, ein­er beson­deren Art. Sie erhebt sich, sozusagen, über die Klassen.“[10]

Aus dieser Lage her­aus kann sich die Regierung zum Statthal­ter des impe­ri­al­is­tis­chen Kap­i­tals machen, etwa in Form ein­er repres­siv­en Mil­itärdik­tatur, oder sie kann die Arbei­t­erIn­nen­klasse mit­tels Zugeständ­nis­sen auf ihre Seite ziehen, um einen gewis­sen Spiel­raum gegenüber dem impe­ri­al­is­tis­chen Kap­i­tal zu gewin­nen. Trotz­ki sah im Cár­de­nas-Regime die zweite Vari­ante, die ihre höch­ste Form in der Ver­staatlichung der Eisen­bahn und des Öls im Jahr 1938 erre­ichte. Die aktive Unter­stützung der Arbei­t­erIn­nen­klasse brauchte Cár­de­nas, um impe­ri­al­is­tis­ches Kap­i­tal aus diesen Bere­ichen zurück­zu­drän­gen.

Trotz­ki verneinte die Möglichkeit, dass solche Ver­staatlichun­gen durch einen kap­i­tal­is­tis­chen Staat zum Sozial­is­mus führen kön­nten – das wäre nur durch eine Rev­o­lu­tion der Arbei­t­erIn­nen­klasse mit Unter­stützung der Bauern­schaft möglich. In den Ver­staatlichun­gen sah er sowohl die Gefahr, dass die Gew­erkschafts­führerIn­nen als „admin­is­tra­tive Agen­ten“ vom bürg­er­lichen Regime koop­tiert wer­den kön­nten, wie auch die Möglichkeit, dass rev­o­lu­tionäre Arbei­t­erIn­nen diese „Aktiv­itätssphäre“ für einen Angriff gegen den bürg­er­lichen Staat ver­wen­den kön­nten[11]. Für ihn war der einzige Schutz gegen eine Vere­in­nah­mun­sge­fahr der Auf­bau ein­er marx­is­tis­chen Arbei­t­erIn­nen­partei.

Die Bona­partismus­the­o­rie ist nüt­zlich, um ver­schieden­ste poli­tis­che Phänomene zu analysieren: vom stal­in­is­tis­chen Sys­tem auf Kuba unter Cas­tro über das „boli­var­i­an­is­che“ Regime in Venezuela unter Chávez bis hin zu den „tech­nokratis­chen“ Regierun­gen in Griechen­land und Ital­ien unter Papademos und Mon­ti[12].

[1]. Friedrich Engels: Der Ursprung der Fam­i­lie, des Pri­vateigen­tums und des Staats. 1884. Kapi­tel 9. [2]. Karl Marx: Der achtzehnte Bru­maire des Louis Bona­parte. 1852. Vor­wort zur Zweit­en Aus­gabe. [3]. Ebd.: Kapi­tel 4. [4]. „indem er [Louis Bona­parte] ihre mate­ri­ale Macht beschützt, erzeugt er von neuem ihre poli­tis­che Macht‘.“ In: Ebd.: Kapi­tel 7. [5]. Karl Marx: Der Bürg­erkrieg in Frankre­ich. 1871. Kapi­tel 3. [6]. Leo Trotz­ki: Der einzige Weg. 1932. Kapi­tel 1. [7]. Leo Trotz­ki: Bona­partism and Fas­cism. 1934. [8]. Leo Trotz­ki: The Work­ers’ State, Ther­mi­dor and Bona­partism. 1935. [9]. Leo Trotz­ki: Nation­al­ized Indus­try and Work­ers’ Man­age­ment. 1939. [10]. Ebd. Eigene Über­set­zung. [11]. Ebd. [12]. Juan Chin­go: Ein neuer bona­partis­tis­ch­er Kurs in Europa. In: Klasse Gegen Klasse Nr. 2.

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