Geschichte und Kultur

Liebe und Sozialismus

Im Laufe der Geschichte stand die Liebe im Dienst der herrschenden Klasse. Doch wie wäre Liebe im Sozialismus?

Liebe und Sozialismus
Foto: Dominic Robinson, Wikimedia Commons

Liebe hat eine Geschichte

Alexandra Kollontai war eine der ideenreichsten bolschewistischen Schriftstellerinnen zu den Themen Geschlecht, Liebe und Ehe. Wie jede gute Marxistin sah Kollontai Liebe nicht als ewiges und unveränderliches Gefühl, sondern als historisches Konstrukt – eines, das sich im Laufe der Zeit drastisch verändert hat.

Liebe hat eine Geschichte und im Laufe der Geschichte wurde sie verwendet, um die Gesellschaft im Interesse einer kleinen herrschenden Klasse zu organisieren. Wie Kollontai in ihrem Text „Ein Weg dem geflügelten Eros“ argumentiert, hat die Gesellschaft in „allen Stadien der historischen Entwicklung Normen festgelegt, die definieren, wann und unter welchen Bedingungen Liebe legal ist (also den Interessen des gegebenen sozialen Kollektivs entspricht) und wann und unter welchen Bedingungen Liebe sündhaft und illegal ist (das heißt, wenn sie den Aufgaben der gegebenen Gesellschaft widerspricht).“

Friedrich Engels versucht in seinem Buch „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ die Entwicklung der Kernfamilie, die zur bürgerlichen Familie führt, wissenschaftlich zu verfolgen. Er argumentiert, dass Gesellschaften vor der Entstehung des Privateigentums nicht auf der Grundlage von Familieneinheiten organisiert waren und dass es keine strikte Trennung zwischen einer Familie und einer anderen gab. Stattdessen organisierten Gruppen gemeinsam Kinderbetreuung und Produktion. Erst mit dem Aufkommen von Privateigentum wurde die Familieneinheit geschaffen, um es weiter zu vererben. Später, mit der Entwicklung des Kapitalismus, bildete sich die „bürgerliche“ Familie. Das Proletariat hatte kein Eigentum, welches weitergegeben werden konnte, und hatte daher keine Verwendung für die Familieneinheit, welche vom Rest der Gesellschaft getrennt war.

Engels nennt das Ende der matriarchalen Beziehungen und die Gründung der Familieneinheit die „historische Niederlage des weiblichen Geschlechts“. Die Schaffung der patriarchalen Familie ging dem Kapitalismus voraus und wurde zur Grundlage der wirtschaftlichen und sozialen Struktur des Kapitalismus. Ideologisch wird sie bis heute als einzige gegebene Möglichkeit dargestellt, liebevolle Beziehungen auszudrücken und zu organisieren.

Liebe im Kapitalismus

Wie die meisten Menschen sagen würden, dreht sich im Kapitalismus alles um Wettbewerb und um den Individualismus. Das stimmt zwar, ist aber nur ein Teil der Geschichte. Es ist nicht nur das Individuum, um das man sich kümmern soll – es ist die eigene Familieneinheit. Im Gegensatz zu vorindustriellen Städten oder Stämmen ist die Kernfamilie der zentrale Baustein der kapitalistischen Gesellschaft. Der Kapitalismus ist von jeglichem kollektiven Bewusstsein befreit und schreibt vor, dass wir uns mehr um unseren Ehepartner und unsere Kinder kümmern als um andere Menschen in unserer Gemeinde und deutlich mehr als um andere Menschen auf der Welt.

Wenn die Kernfamilie ein wesentlicher Bestandteil der Aufrechterhaltung eines Systems der Ausbeutung und des Privateigentums ist, ist die Liebe im Kapitalismus ein Köder für die wirtschaftlichen Funktionen der Familieneinheit. Kollontai sagt: „Im Bewusstsein, dass die Stabilität der Familie – der wirtschaftlichen Einheit, auf welcher das bürgerliche System beruht – es erforderlich macht, dass ihre Mitglieder nicht nur durch wirtschaftliche Beziehungen verbunden waren, propagierten die revolutionären Ideologien der aufstrebenden Bourgeoisie das neue moralische Ideal der Liebe, welches sowohl den Körper als auch die Seele umarmt.“ Mit anderen Worten: die moderne Liebe, verbunden mit der Ehe wurde vom Kapitalismus erfunden.

Schließlich stellt die Familieneinheit dem Staat oder den Kapitalist:innen kostenlose Kinderbetreuung, Verpflegung und saubere Wäsche zur Verfügung, von denen der Großteil von Frauen erledigt werden soll. Die Familie sorgt für Wettbewerb nach außen und Selbstlosigkeit nach innen, insbesondere in Form von unbezahlter Arbeit von Frauen. Kollontai argumentiert: „Die gesamte Moral der Bourgeoisie war auf die Konzentration des Kapitals gerichtet. Das Ideal war, dass das Ehepaar zusammenarbeitete, um sein Wohlergehen zu verbessern und den Wohlstand seiner jeweiligen Familieneinheit zu erhöhen, die von der Gesellschaft getrennt waren.“

Das oben erwähnte System setzt der Liebe eine Reihe wichtiger Grenzen, darunter die wirtschaftliche Notwendigkeit, in Beziehungen zu bleiben und einen Mangel an Zeit für Intimität. Der Sozialismus würde die Befreiung von diesen Beschränkungen mit sich ziehen; das würde bedeuten, die Liebe zu befreien, um dem „geflügelten Eros“, den Kollontai beschreibt, Platz zu machen.

Sozialismus und das Ende der Familie

Für die Bolschewiki war die freie Liebe und die Befreiung der Frauen ein zentraler Bestandteil der sozialistischen Revolution. Sie schrieben und debattierten ausführlich zu diesem Thema und führten die fortschrittlichste Frauenrechtsgesetzgebung ein, die die Welt jemals gesehen hatte. Die Bolschewiki legalisierten Abtreibung und Scheidung, entkriminalisierten Homosexualität und der Staat begann unbezahlte Arbeit von Frauen über öffentliche Kantinen und Kindertagesstätten aufzunehmen. Leo Trotzki schreibt:

„Die Revolution machte einen heldenhaften Versuch, den sogenannten ‚Familienherd‘ zu zerstören, das heißt, jene veraltete, beengende und starre Einrichtung, in der die Frauen der werktätigen Klassen von der Kindheit bis zum Tode wahre Zwangsarbeit leisten müssen. An die Stelle der Familie als geschlossener Kleinbetrieb sollte, so war es gedacht, ein vollendetes System öffentlicher Pflege und Dienste treten: Geburtshäuser, Krippen, Kindergärten, Schulen, öffentliche Kantinen, öffentliche Waschanstalten, Kliniken, Krankenhäuser, Sanatorien, Sportvereine, Kinos, Theater und so weiter. Die völlige Aufnahme der wirtschaftlichen Funktionen der Familie durch Einrichtungen der sozialistischen Gesellschaft, die die gesamte Generation in Solidarität und gegenseitigem Beistand eint, sollte der Frau und dadurch auch dem Ehepaar wirkliche Befreiung aus den tausendjährigen Fesseln bringen.“ (Trotzki, Verratene Revolution)

Liebe & Gemeinschaft: Liebe im Sozialismus

„Moderne Liebe sündigt immer, weil sie die Gedanken und Gefühle von liebenden Herzen aufnimmt und das liebende Paar vom Kollektiv isoliert. In der zukünftigen Gesellschaft wird eine solche Trennung nicht nur überflüssig, sondern auch gedanklich unvorstellbar.“ (Kollontai, Ein Weg dem geflügelten Eros)

Das Ende der Familie als soziale und wirtschaftliche Einheit wird die Grundlage der freien Liebe bilden, auf der die Menschen nach Belieben und ohne Angst vor wirtschaftlichen Konsequenzen Beziehungen eingehen und verlassen können. Es wird die Grundlage für die Gleichstellung von Männern und Frauen bilden und den strukturellen Imperativ der Geschlechterrollen beseitigen. Es wird die Gesellschaft für die Liebe als expansive Gemeinschaft und nicht als Privatbesitz öffnen. Wie Kollontai bereits im Kapitalismus argumentiert, ist Liebe nicht auf die Ehe beschränkt; von Freunden über außereheliche Beziehungen bis hin zu polyamoren Beziehungen platzt die Liebe aus allen Nähten.

Wie Kollontai darlegt, ist im Sozialismus die Ausweitung der Liebe über einen romantischen Partner hinaus ein wesentlicher Bestandteil des Sozialismus und könnte die entstehende Sowjetunion stärken und festigen. Sie schreibt: „Sicherlich ist es aus Sicht des Proletariats wichtig und wünschenswert, dass die Emotionen der Menschen ein breiteres und reichhaltigeres Spektrum entwickeln? Und sicherlich sollte die Komplexität der menschlichen Psyche und die Vielseitigkeit der emotionalen Erfahrung dazu beitragen, die emotionalen und intellektuellen Bindungen zwischen Menschen zu vertiefen, die das Kollektiv stärken?“ Liebe außerhalb der Ehe steht dem Kapitalismus entgegen. Im Sozialismus würde sich die Liebe zu etwas ausdehnen, das nicht einmal Kollontai gründlich zu beschreiben wagte.

Dennoch nutzt sie das Konzept der Genoss:innen, um die Liebe im Sozialismus zu beschreiben. Für eine:n Bolschewiki ist ein:e Genoss:in der höchste Begriff des Respekts – dies waren Menschen, mit denen man im Kampf sterben wollte; die tiefste Verbindung und Solidarität mit Tausenden von Menschen, von denen viele Fremde waren, die durch ein revolutionäres Ziel vereint waren. Kollontai sagt:

Die neue kommunistische Gesellschaft baut auf dem Prinzip der Gemeinschaft und Solidarität auf. Solidarität ist nicht nur ein Bewusstsein für gemeinsame Interessen; sie hängt auch von den intellektuellen und emotionalen Bindungen ab, die die Mitglieder des Kollektivs verbinden. Damit ein soziales System auf Solidarität und Zusammenarbeit aufgebaut werden kann, ist es wichtig, dass die Menschen zu Liebe und warmen Emotionen fähig sind. Die proletarische Ideologie versucht daher, jedes Mitglied der Arbeiter:innenklasse zu erziehen und zu ermutigen, in der Lage zu sein, auf die Not und Bedürfnisse anderer Mitglieder der Klasse zu reagieren, ein sensibles Verständnis für andere sowie ein tiefgreifendes Bewusstsein für die Beziehung des Individuums zum Kollektiv zu entwickeln. Alle diese ‚warmen Emotionen‘ – Sensibilität, Mitgefühl, Sympathie und Entgegenkommen – stammen aus einer Hand: Sie sind Aspekte der Liebe, nicht im engeren sexuellen Sinne, sondern im weitesten Sinne des Wortes.

Die Liebe, die Kollontai beschreibt, versucht niemanden zu besitzen, denn im Kommunismus wird die Idee des Besitzens überholt sein. Kein „sei mein“ mehr, kein Versuch mehr, den Körper oder die Wünsche einer anderen Person zu besitzen. Vielmehr würde eine sozialistische Gesellschaft Liebe, Fürsorge und Mitgefühl für alle fördern.

Der Guardian veröffentlichte einen Artikel mit dem Titel „Neoliberalismus schafft Einsamkeit“ und argumentierte, dass die epidemische Verbreitung von Depressionen und Angstzuständen ihre Grundlage im Kapitalismus hat. Der Autor sagt:

Menschen, die ultrasozialen Säugetiere, deren Gehirne so programmiert sind, dass sie auf andere Menschen reagieren, werden voneinander getrennt. Obwohl unser Wohlbefinden untrennbar mit dem Leben anderer verbunden ist, wird uns überall gesagt, dass wir durch wettbewerbsorientiertes Eigeninteresse und extremen Individualismus vorankommen werden.

Die Art von Kollektivismus und genossenschaftlicher Liebe, die Kollontai beschreibt, ist das Einzige, was der Leere unseres isolierten und fragmentierten Lebens ein Ende setzen kann. Niemand kann unsere andere Hälfte sein, alle unsere Bedürfnisse erfüllen und alle unsere Wunden heilen, obwohl der Kapitalismus darauf besteht, dass ein Mensch allein all dies kann. Kollontai sagt: ”Der Kollektivismus des Geistes kann dann die individualistische Selbstversorgung besiegen und die ‘Kälte der inneren Einsamkeit’ – aus der Menschen in der bürgerlichen Kultur versucht haben, durch Liebe und Ehe zu fliehen – wird verschwinden.“ Im Sozialismus wird es ein Verständnis geben, dass die Liebe zu Freund:innen, Nachbar:innen und Familie der romantischen Liebe gleichwertig ist. So werden wir die neoliberale Leere füllen, die der Autor des Guardian beschreibt.

Im Kapitalismus sind wir wirtschaftlich isoliert, während wir immer nach einer sozialen Verbindung suchen und diese selten finden. Im Sozialismus würden Verbindung, Solidarität und Gemeinschaft durch soziale Strukturen und die Wirtschaft erreicht werden.

Der Weg vorwärts

Wie erschaffen wir also eine Gesellschaft, in der freie Liebe möglich ist?

Selbst innerhalb des bestehenden Systems können und sollten wir Lehren aus Kollontais Vision ziehen – Eifersucht, Besitz und das Gebot, unsere romantischen Partner an erste Stelle zu setzen, sind abzulehnen. Dennoch ist die Liebe im Kapitalismus – unvollständig, fehlerhaft und eingeschränkt – für die Klasse der Bourgeoisie enorm profitabel. So kann die Art von Liebe, die Kollontai beschreibt, nur nach einer sozialistischen Revolution verwirklicht werden, die den kapitalistischen Staat zerstört. Liebe wird im Kommunismus nur dann hegemonial sein, wenn die Familie, wie sie heute existiert, eine ferne Erinnerung ist und es materielle Bedingungen gibt, um Beziehungen einzugehen und zu verlassen, zu experimentieren, mal zu vermasseln, Herzen zu brechen und sich tief in Freund:innen, Liebhaber:innen und alles dazwischen zu verlieben.

In der Sowjetunion scheiterten Versuche, eine neue Art von Gesellschaft aufzubauen an den fehlenden materiellen Bedingungen für den Kommunismus und der stalinistischen Bürokratisierung, die die traditionelle Familie durchsetzen wollte. (Weitere Informationen zur Stalinisierung der UdSSR findest du im Artikel “Fünf Mythen über die russische Revolution”) Dies bedeutet nicht, dass wir nicht für die Art von Gesellschaft kämpfen sollten, in der die „flügellosen Eros” gedeihen würden.

An diesem Valentinstag feiern und kämpfen wir für den “geflügelten Eros” – um im Hier und Jetzt solidarische Liebe aufzubauen und für eine kommunistische Zukunft Strategien zu entwickeln, zu kämpfen und zu organisieren – die einzige Art von Gesellschaft in der modernen Geschichte, in der der wahrste Ausdruck von Liebe sich durchsetzen wird.

Zuerst veröffentlicht auf Englisch am 13. Februar 2018 auf leftvoice.org

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