Geschichte und Kultur

Fünf Mythen über die Russische Revolution

Auch wenn die Idee des Sozialismus an Beliebtheit gewinnt, halten sich Mythen über die Russische Revolution hartnäckig.

Fünf Mythen über die Russische Revolution

Die Kapitalist*innenklasse führt seit ein­hun­dert Jahren eine Schmierkam­pagne gegen die Rus­sis­che Rev­o­lu­tion. Obwohl mehr und mehr Men­schen sich als Sozialist*innen ver­ste­hen, liegt der soge­nan­nte Red Scare schw­er auf dem US-amerikanis­chen Bewusst­sein. Dieser Artikel ver­sucht fünf Mythen über die Rus­sis­che Rev­o­lu­tion aufzudeck­en.

Mythos 1: Die Oktoberrevolution war ein Putsch, ausgeführt von einer Handvoll von elitären, machiavellistischen Intellektuellen, die an die Macht kamen, indem sie eine passive und gleichgültige Arbeiter*innenklasse manipulierten.

Die Idee, dass die Bolschewis­tis­che Partei eine kleine Organ­i­sa­tion beruf­s­mäßiger Verschwörer*innen war, die den rus­sis­chen Arbeiter*innen fremd war oder ihnen sog­ar feindlich gegenüber­stand, wird von bürg­er­lichen Historiker*innen für gewöhn­lich mit ein­er aus dem Zusam­men­hang geris­se­nen Pas­sage aus Lenins Was tun? gerecht­fer­tigt. Darin sagt er, dass Arbeiter*innen allein nur ein reformistis­ches Bewusst­sein erre­ichen kön­nen und dass deshalb das rev­o­lu­tionäres oder sozial­is­tis­ches Bewusst­sein von außer­halb der Arbeiter*innenklasse kommt. Diese Pas­sage von 1902 bezieht sich auf die Schwierigkeit­en, mit denen die ersten marx­is­tis­chen Organ­i­sa­tio­nen im damals reak­tionärsten Land Europas, regiert mit dem göt­tlichen Recht der Könige, kon­fron­tiert waren. Rus­s­land besaß nicht ein­mal eine bürg­er­liche Ver­fas­sung – poli­tis­che Parteien waren ille­gal und die poli­tis­che Polizei war die gefürchtet­ste der Welt. 1905 rev­i­dierte Lenin diese Posi­tion selb­st und kri­tisierte sog­ar bolschewis­tis­che Genoss*innen, die die bewusste Führung ein­er marx­is­tis­chen, rev­o­lu­tionären Partei der Selb­stor­gan­isierung der Arbeiter*innen gegenüber stell­ten. In ein­er Partei organ­isiert wür­den die Arbeiter*innen ihre eigene Rev­o­lu­tion machen.

Als er im April 1917 in Rus­s­land ankam, rief Lenin nicht sofort zum Sturz der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­vi­sorischen Regierung auf, die noch von ein­er Mehrheit der Bevölkerung unter­stützt wurde. Stattdessen rief er die Bolschewi­ki dazu auf, den Arbeiter*innen geduldig zu erk­lären, dass die Räte die Staats­macht übernehmen soll­ten. Lenin zufolge kon­nte die Pro­vi­sorische Regierung nicht gestürzt wer­den, ehe die Bolschewi­ki die Unter­stützung der Mehrheit des Volkes besaßen. Er bestand darauf, dass die Men­schen nicht pas­siv und noch weniger gle­ichgültig waren. Im Okto­ber schloss sich eine Gruppe Mari­nesol­dat­en den Bolschewi­ki an und bewaffnet mit Bajonet­ten fragten sie: „Wann wer­den wir sie endlich benutzen?“

Zu diesem Zeit­punkt hat­ten die Bolschewi­ki die Unter­stützung der über­wälti­gen­den Mehrheit gewon­nen, weshalb die Pro­vi­sorische Regierung gestürzt wurde, ohne dass in Pet­ro­grad ein einziger Schuss abgegeben wurde. Es waren eben­so die Bolschewi­ki, die einen spon­ta­nen Sturz der Pro­vi­sorischen Regierung während der Julitage ver­mieden, weil sie sich bewusst waren, dass ein ver­frühter Auf­s­tand die Stadt von den ländlichen Gegen­den isolieren kön­nte, wo die Pro­vi­sorische Regierung noch Unter­stützung genoss.

Nach vierzehn Jahren der organ­isatorischen Arbeit in der rus­sis­chen Arbeiter*innenklasse gewan­nen die von den Bolschewi­ki vertrete­nen Posi­tio­nen an Stärke, weil sie die Nöte und Wün­sche der Massen aus­drück­ten. Dies erlaubte der Partei von 17.000 Mit­gliedern im Feb­ru­ar 1917 auf 240.000 im Okto­ber des­sel­ben Jahren zu wach­sen, indem sie sich organ­isch mit der Arbeiter*innenklasse ver­band.

Mythos 2: Von Beginn an war das wahre Ziel der Bolschewiki eine Diktatur einer einzelnen Partei.

Die Okto­ber­rev­o­lu­tion legte die Macht in die Hände des Zweit­en All­rus­sis­chen Sow­jetkongress, der am Tag des Auf­s­tands, dem 25. Okto­ber 1917, eröffnet wurde. Die Sow­jets waren die Räte der Arbeiter*innendelegierten, die die Arbeiter*innen selb­st in den Fab­riken wählten. Sie wur­den gle­ich bezahlte wie ein*e gewöhnlich*e Arbeiter*in und ihre Man­date waren jed­erzeit wider­ru­flich. Diese Räte hat­ten neben der Pro­vi­sorischen Regierung seit dem Fall der Monar­chie bestanden und waren eine immens demokratis­chere Form der Regierung als die kap­i­tal­is­tis­chen „Demokra­tien“, in welchen die Politiker*innen Priv­i­legien genossen, durch Lügen gewählt wur­den, reich wur­den auf Kosten der Massen und jahre­lang an der Macht blieben, obwohl sie diejeni­gen bet­ro­gen, die sie gewählt hat­ten und die sie zu vertreten vor­gaben.

Die Sow­jets waren Mehrparteienor­gan­i­sa­tio­nen, in welchen sich alle pro­le­tarischen poli­tis­chen Ten­den­zen demokratisch messen kon­nten. Die Bolschewi­ki waren bis Sep­tem­ber 1917 in der Min­der­heit; die bei­den Mehrheitsparteien waren die Men­schewi­ki und die Sozial­rev­o­lu­tionäre, die gemein­sam mit anderen kap­i­tal­is­tis­chen Parteien Teil ein­er Koali­tion der Pro­vi­sorischen Regierung waren. Nach­dem Lenin aus dem Exil zurück­gekehrt war, ver­langten die Bolschewi­ki von diesen bei­den Parteien, dass sie mit den Kapitalist*innen brachen, die kap­i­tal­is­tis­chen Kabi­nettsmit­glieder auss­chlossen und eine streng men­schewis­tis­che und sozial­rev­o­lu­tionäre Regierung bilde­ten, die den Sow­jets ver­ant­wortlich sein würde, in welchen diesel­ben bei­den Parteien die Mehrheit hiel­ten. Hät­ten sie dies getan, wäre die Bolschewis­tis­che Partei zwar nicht an der Regierung gewe­sen, doch sie hät­ten eingewil­ligt, keine Gewalt gegen die Regierung einzuset­zen und gegen die Rück­kehr des Zaren zu kämpfen. Men­schewi­ki und Sozial­rev­o­lu­tionäre weigerten sich.

Unmit­tel­bar nach dem Okto­ber­auf­s­tand stimmte der Zweite All­rus­sis­che Sow­jetkongress für ein Ende der Pro­vi­sorischen Regierung mit ein­er Dreiviertelmehrheit beste­hend nicht nur aus den Bolschewi­ki, son­dern auch aus dem linken Flügel der Sozial­rev­o­lu­tionären Partei.

Die demokratisch geschla­gene Min­der­heit aus Men­schewi­ki und rechtem Flügel der Sozial­rev­o­lu­tionäre ver­ließen den Kongress und unter­stützten – mit dem Rat der britis­chen, deutschen, franzö­sis­chen und US-amerikanis­chen impe­ri­al­is­tis­chen Agent*innen – alle Ver­suche der zaris­tis­chen Gen­eräle, die bish­er Feinde der Pro­vi­sorischen Regierung gewe­sen waren, einen Putsch gegen den neu formierten Sow­jet­staat zu organ­isieren. Die Details dieser und ähn­lich­er Ver­schwörung sind in Vic­tor Serges Werk Year One of the Russ­ian Rev­o­lu­tion zu find­en.

Die Bolschewi­ki betra­chteten es nicht als Vorteil, die alleinige Partei an der Macht zu sein. Men­schewi­ki und Sozial­rev­o­lu­tionäre hat­ten ihre Waf­fen seit 1917 gegen den Sow­jet­staat gerichtet, wur­den aber erst im Juni 1918 ver­boten. Zu diesem Zeit­punkt hat­te der Bürger*innenkrieg nicht nur rus­sis­che Monarchist*innen gegen die UdSSR mobil­isiert, son­dern auch vierzehn fremde Armeen – darunter die Vere­inigten Staat­en, das Vere­inigte Kön­i­gre­ich, Frankre­ich, Deutsch­land und Japan (die haupt­säch­lichen impe­ri­al­is­tis­chen Mächte der Zeit). Das Ver­bot ander­er Parteien war eine außergewöhn­liche Vertei­di­gungs­maß­nahme, die von den his­torischen Umstän­den dik­tiert wurde und die sich Trotz­ki zufolge, der während des Bürger*innenkriegs die Rote Armee anführte, nicht aus der bolschewis­tis­chen The­o­rie ergab. Tat­säch­lich sah das bolschewis­tis­che Parteipro­gramm ein Mehrparteien­sow­jet­sys­tem vor.

Der Stal­in­is­mus, die kon­ter­rev­o­lu­tionäre Antithese des Bolschewis­mus, war für die bürokratis­che, die Umstände ignori­erende Insti­tu­tion­al­isierung eines Ein­parteien­regimes ver­ant­wortlich. Die Kapitalist*innenklasse set­zt bewusst eine Kriegs­maß­nahme der Bolschewi­ki mit ein­er Konzep­tion der Stalinist*innen gle­ich.

Mythos 3: Hätte die Oktoberrevolution die Provisorische Regierung nicht gestürzt, wäre Russland eine Demokratie geworden.

Die Pro­vi­sorische Regierung wird von bürg­er­lichen Historiker*innen häu­fig als fortschrit­tliche, von „demokratis­chen Sozialist*innen“ geführte Regierung beschrieben, die in der Lage gewe­sen sei, Rus­s­land in eine Demokratie wie Frankre­ich oder Großbri­tan­nien zu ver­wan­deln, hät­ten sie mehr Zeit gehabt, bevor die bolschewis­tis­chen „Verschwörer*innen“ an die Macht kamen. Diese soge­nan­nten „Verschwörer*innen“ gewan­nen die Unter­stützung der über­wälti­gen­den Mehrheit des rus­sis­chen Volkes, indem sie geduldig erk­lärten, dass nur die in Sow­jets organ­isierten Arbeiter*innen Rus­s­land aus dem Weltkrieg her­ausziehen, Land vom Adel an die arme Bauern­schaft umverteilen und eine kon­sti­tu­ierende Ver­samm­lung ein­berufen kön­nten. Kurzum waren die Arbeiter*innen die einzi­gen, die den Ruf der Feb­ru­ar­rev­o­lu­tion nach Frieden, Land und einem Ende der Monar­chie beant­worten kön­nten. Die Forderun­gen der Rev­o­lu­tion waren von der Pro­vi­sorischen Regierung wieder­holt aufgeschoben wor­den und kon­nten wegen der engen Verbindun­gen des Organs zum britis­chen und franzö­sis­chen Impe­ri­al­is­mus nicht erfüllt wer­den.

Inner­halb weniger Stun­den dekretierte der Zweite Sow­jetkongress Frieden und eine Lan­dreform – zwei Dinge, die die Pro­vi­sorische Regierung acht Monate lang nicht geschafft hat­te. Die Okto­ber­rev­o­lu­tion bewies Trotzkis The­o­rie der per­ma­nen­ten Rev­o­lu­tion. Diese The­o­rie behauptet, dass die demokratis­chen Auf­gaben, die die Kapitalist*innenklasse in den Rev­o­lu­tio­nen des 17. und 18. Jahrhun­derts ange­gan­gen war, wie die Lan­dreform, in periph­eren Län­dern nur durch eine pro­le­tarische Rev­o­lu­tion zu erfüllen waren. Ein­mal an der Macht würde die Arbeiter*innenklasse die demokratis­chen Auf­gaben lösen kön­nen und auch zu sozial­is­tis­chen Auf­gaben schre­it­en, wie der Enteig­nung der Kapitalist*innen.

Nach dem Juli­auf­s­tand zog ein zaris­tis­ch­er Gen­er­al namens Kornilow Nutzen aus dem Zus­tand der Ermü­dung der Pet­ro­grad­er Massen und ver­suchte einen kon­ter­rev­o­lu­tionären Putsch gegen die Pro­vi­sorische Regierung. Der rechte Putsch fand statt, obwohl die „pro­gres­sive“ und „demokratis­che“ Pro­vi­sorische Regierung die Bolschewis­tis­che Partei krim­i­nal­isiert und ihre Führung inhaftiert hat­te.

Ein ähn­lich­es Ereig­nis fand in Chile unter Sal­vador Allende, einem „demokratis­chen Sozial­is­ten“, statt, dessen Regierung von einem von Augus­to Pinochet geführten Putsch gestürzte wurde. Pinochet war ein Gen­er­al, der von Allende selb­st zwei Wochen vor dem Putsch zum Ober­be­fehlshaber der Trup­pen ernan­nt wor­den war.

All­ge­mein gesprochen ist die Geschichte der periph­eren kap­i­tal­is­tis­chen Län­der eine Abfolge von Putschs und Dik­taturen. Ein sta­biles „demokratis­ches“ kap­i­tal­is­tis­chen Regime zu haben war über das ver­gan­gene Jahrhun­dert ein Priv­i­leg impe­ri­al­is­tis­ch­er Staat­en. Die bürg­er­liche Demokratie besitzt in periph­eren Län­dern wie Chile oder Brasilien, wo die Kapitalist*innenklasse schwach und auf den Impe­ri­al­is­mus angewiesen, die Arbeiter*innen über­aus­ge­beutet sind und die ungelösten demokratis­chen Fra­gen die Massen unter­drück­en, keine langfristige Sta­bil­ität. Wäre die Okto­ber­rev­o­lu­tion besiegt wor­den, wäre Rus­s­land keine Demokratie gewor­den; es ist viel wahrschein­lich­er, dass es eine deutsche Hal­bkolonie (Trotz­ki zufolge „etwas zwis­chen dem zaris­tis­chen Rus­s­land und Indi­en“) gewor­den wäre, regiert von ein­er Dik­tatur unter Kornilow oder einem anderen zaris­tis­chen Gen­er­al.

Mythos 4: Der Stalinismus war die natürliche und unvermeidliche Konsequenz der Oktoberrevolution und des leninistischen Bolschewismus.

Die Bolschewi­ki dacht­en die Okto­ber­rev­o­lu­tion nicht als eine lediglich rus­sis­che Rev­o­lu­tion, son­dern als den Zün­der ein­er inter­na­tionalen Rev­o­lu­tion, die sich auf alle Län­der, beson­ders die im Ersten Weltkrieg, aus­bre­it­en würde. Die Bolschewi­ki sahen ihren eige­nen Tri­umph daran gebun­den, dass die Arbeiter*innenklasse in wes­teu­ropäis­chen Staat­en und beson­ders in Deutsch­land die Macht übernehmen müsste. In der Folge der Okto­ber­rev­o­lu­tion ver­sucht­en Arbeiter*innen Rev­o­lu­tio­nen in ver­schiede­nen Län­dern Europas wie Ital­ien und Deutsch­land; im let­zteren ent­fal­tete sich ein beina­he kon­tinuier­lich­er und unun­ter­broch­en­er rev­o­lu­tionär­er Prozess zwis­chen 1917 und 1923.

Diese Rev­o­lu­tio­nen wur­den jedoch besiegt. Der Haupt­grund dafür war der Betrug der sozialdemokratis­chen Parteien, deren kon­ter­rev­o­lu­tionäre Rolle ana­log zu der der rus­sis­chen Men­schewi­ki war. Demzu­folge war die einzige erfol­gre­iche pro­le­tarische Rev­o­lu­tion der Geschichte in einem ver­armten, von vier Jahren des Weltkrieges und weit­eren drei des kon­ter­rev­o­lu­tionären Bürger*innenkrieges zer­störten Lands isoliert.

Der Auf­bau des Sozial­is­mus muss auf der Entwick­lung der Pro­duk­tivkräfte aufge­baut und struk­turi­ert sein, was die Reduk­tion des Arbeit­stags und eine effiziente Pro­duk­tion ermöglicht. Dies würde nach und nach die Tren­nung zwis­chen kör­per­lich­er und geistiger Arbeit abschaf­fen. Dies set­zt voraus, dass admin­is­tra­tive Posten zwis­chen allen Arbeiter*innen sozial­isiert wer­den und rotieren sowie eine zunehmende Freizeit. Dies würde allen Men­schen erlauben, Zeit mit Wis­senschaft, Kun­st, Kul­tur und der Entwick­lung ihrer größten men­schlichen Poten­tiale zu ver­brin­gen. Es ist unmöglich, dies in einem einzel­nen Land zu erre­ichen, voraus­ge­set­zt dieses Land, das von der Weltwirtschaft isoliert ist, hat nur begren­zte Pro­duk­tivkräfte. Deshalb kann der Sozial­is­mus nur in glob­alem Maßstab mit ein­er Plan­wirtschaft, die alle Pro­duk­tivkräfte der Men­schheit umfasst, errichtet wer­den.

Die Wider­sprüche ein­er isolierten pro­le­tarischen Rev­o­lu­tion wuchs in eine ther­mi­do­ri­an­is­che Reak­tion – eine Kon­ter­rev­o­lu­tion fand statt, in welch­er die Führung der Rev­o­lu­tion durch eine Bürokratie erset­zt wurde, deren haupt­säch­lich­er Vertreter Stal­in war. Die Bürokratie entwick­elte sich zu ein­er priv­i­legierten Kaste und entwick­elte ihre eige­nen, denen der Arbeiter*innenklasse ent­ge­genge­set­zten Inter­essen, indem sie die rus­sis­chen Arbeiter*innen poli­tisch enteignete, die Räte zer­störte, die bolschewis­tis­chen Revolutionär*innen ermordete und aus der Plan­wirtschaft Priv­i­legien an sich raffte. 1923 organ­isierte Trotz­ki die Linke Oppo­si­tion, die gegen die bürokratis­che Degen­er­a­tion der Rev­o­lu­tion kämpfte.

Diese Bürokratie entwick­elte sich aber nicht aus moralis­chen Prob­le­men der Bolschewi­ki oder des jun­gen Sow­jet­staates. Sie entwick­elte sich vielmehr aus den materiellen Bedin­gun­gen der Sow­je­tu­nion. Der Sozial­is­mus ist die Poli­tik der gle­ich­mäßi­gen Verteilung des durch die Massen­pro­duk­tion geschaf­fe­nen Über­fluss. Der Stal­in­is­mus erwuchs aus der Tat­sache, dass eine Bürokratie ver­ant­wortlich wurde, die weni­gen in der UdSSR ver­füg­baren Ressourcen zu verteilen. Eine Bürokratie ist notwendig, um Knap­pheit zu ver­wal­ten. In ein­er Gesellschaft des Über­flusses kann der Sozial­is­mus auf­blühen.

1924 erfand die stal­in­is­tis­che Bürokratie die The­o­rie des Sozial­is­mus in einem Land. Under der Führung Stal­ins führte die Kom­mu­nis­tis­che Inter­na­tionale, die Kom­intern, eine Poli­tik, die die Exis­tenz der UdSSR sich­ern, sich aber nicht in Rich­tung Rev­o­lu­tion bewe­gen sollte. Die Kom­intern rief die Kom­mu­nis­tis­chen Parteien in aller Welt dazu auf, den linken Flügel der Bour­geoisie des jew­eili­gen Lan­des zu unter­stützen. Dies bedeutete den Ver­rat der rev­o­lu­tionären Prozesse, die in ver­schiede­nen Län­dern, wie unter anderen im Chi­na der 1920er und im Spanien der 1930er, stat­tfan­den.

„Die heutige ‘Säu­berung’ zieht zwis­chen Bolschewis­mus und Stal­in­is­mus nicht nur einen bluti­gen Strich, son­dern einen ganzen Strom von Blut“, wie Trotz­ki es aus­drück­te. Entwed­er wür­den die Arbeiter*innen eine neue poli­tis­che Rev­o­lu­tion durch­führen müssen, die die Bürokratie stürzen und die Sow­jet­demokratie wieder­her­stellen würde, oder die Bürokratie würde den Kap­i­tal­is­mus wieder­her­stellen. Der Kap­i­tal­is­mus wurde, wie wir wis­sen, Ende der 1980er wieder­hergestellt.

Mythos 5: Die Oktoberrevolution verteilte nur Armut.

Kapitalist*innen haben sich bemüht, den Sozial­is­mus mit Bilden von lan­gen Schlangen und leeren Regalen in Verbindung zu brin­gen – Bilder, die natür­lich zunehmend gewöhn­liche Zustände kap­i­tal­is­tis­ch­er Staat­en abbilden, wo acht Mil­liardäre so viel Reich­tum auf sich vere­inen wie eine Hälfte der Welt­bevölkerung. Und doch zeigen diese Bilder eine Real­ität – die Peri­ode der Per­e­stroi­ka, also der kap­i­tal­is­tis­chen Restau­ra­tion in der Sow­je­tu­nion. Diese Bilder sind ein Beweis für den Zusam­men­bruch der Sow­je­tu­nion und unter­stützen nicht die Behaup­tung vom Scheit­ern des Sozial­is­mus. Diese Bilder soll­ten in ihrem Kon­text betra­chtet wer­den. Dies bedeutet zu ver­ste­hen, dass das Scheit­ern der Sow­je­tu­nion möglich war wegen ein­er Kom­bi­na­tion ver­acht­enswert­er Poli­tik des Stal­in­is­mus und impe­ri­al­is­tis­chen Drucks.

Trotz allem wuchs die sow­jetis­che Wirtschaft jährlich bis 1985 um unge­fähr drei Prozent und im Schnitt während der 1970er Jahre um mehr als fünf Prozent, eine Rate ver­gle­ich­bar mit der in den Vere­inigten Staat­en vor der Krise von 2008. Vor der rus­sis­chen Rev­o­lu­tion waren neun Zehn­tel der Bevölkerung Kleinbauer*bäuerinnen, deren land­wirtschaftliche Tech­niken und Pro­duk­tiv­ität sich seit dem 14. Jahrhun­dert kaum verbessert hat­ten. Die Okto­ber­rev­o­lu­tion ver­wan­delte das unter­en­twick­el­teste Land Europas in eine ökonomis­che, mil­itärische, wis­senschaftliche und kul­turelle Super­ma­cht. Die Sow­jet­bevölkerung war hoch gebildet, vollbeschäftigt und hat­te einen Lebens­stan­dard für Arbeiter*innen, der all­ge­mein gesprochen höher war als in vie­len kap­i­tal­is­tis­chen Län­dern.

1932 sagt Trotz­ki, als er für einen Vor­trag von der sozialdemokratis­chen Jugen­dor­gan­i­sa­tion in Däne­mark ein­ge­laden wor­den war, dass die

„Kurve der indus­triellen Entwick­lung Ruß­lands ist in groben Indexz­if­fern aus­ge­drückt die fol­gende: Set­zen wir das Jahr 1913, das let­zte Jahr vor dem Kriege, mit 100 an. Das Jahr 1920, der Höhep­unkt des Bürg­erkrieges ist auch der Tief­punkt der Indus­trie: nur 25, das heißt ein Vier­tel der Vorkriegspro­duk­tion. 1923 ein Anwach­sen bis zu 75, d.i. bis zu drei Vierteln der Vorkriegspro­duk­tion. 1929 ca. 200; 1932 – 300, daß heißt dreimal so viel wie am Vor­abend des Krieges.

Das Bild wird noch greller im Licht des Inter­na­tionalen Index. Von 1925 bis 1932 ist die indus­trielle Pro­duk­tion Deutsch­lands fast um zwei Drit­tel gesunken, in Ameri­ka fast um die Hälfte, in der Sow­je­tu­nion ist sie um mehr als das Vier­fache gestiegen. Diese Zif­fer spricht für sich selb­st.“

Ein­er der ersten Siege der Okto­ber­rev­o­lu­tion war der ein­er nie gekan­nten, von keinem kap­i­tal­is­tis­chen Regime erre­icht­en Alpha­betisierungskam­pagne. Die sow­jetis­che Eisen­pro­duk­tion ver­dop­pelte sich zwis­chen 1933 und 1936. Während der­sel­ben Peri­ode sprang die Sow­je­tu­nion vom zehn­ten auf den vierten Rang der größten Kohlepro­duzen­ten, vom sech­sten auf den drit­ten der Stahl­pro­duzen­ten. 1936 hat­te sich die Pro­duk­tion von Eisen, Kohle und Stahl im Ver­gle­ich zum Vorkriegsniveau ver­dreifacht. 1935 besaß Rus­s­land 95 Kraftwerke und eine pro­duk­tive Kapaz­ität von 4,4 Mil­lio­nen Kilo­watt; es waren nur zehn Kraftwerke und 253 Tausend Kilo­watt, als die GOEL­RO-Komis­sion ein­gerichtet wurde.

Diese Fortschritte schufen die Bedin­gun­gen für eine kosten­lose öffentliche Gesund­heitsver­sorgung und Bil­dung. In kurz­er Zeit been­dete die Sow­je­tu­nion im Grunde den Anal­pha­betismus. Men­schen in der Sow­je­tu­nion hat­ten das Recht auf ein Heim wie auch auf Kindertages­be­treu­ung. Kein kap­i­tal­is­tis­ch­er Staat hat jemals eine solche Entwick­lungsrate erre­icht. „Der Sozial­is­mus“, so schreibt Trotz­ki, „bewies sein Recht auf den Sieg nicht auf den Seit­en des ‘Kap­i­tal’, son­dern in ein­er Wirtschaft­sare­na, die ein Sech­s­tel der Erdober­fläche bildet, bewies es nicht in der Sprache der Dialek­tik, son­dern in der Sprache des Eisens, des Zements und der Elek­triz­ität.“ Diese Sta­tis­tiken sind noch beein­druck­ender, wenn wir bedenken, dass die Sow­je­tu­nion kein sozial­is­tis­ches Land war, son­der ein pro­le­tarisch­er Über­gangsstaat, dessen Fortschritt zum Sozial­is­mus von der Bürokratie unter­brochen wor­den war. Noch inmit­ten ein­er umge­lenk­ten Rev­o­lu­tion genossen die Arbeiter*innen große Siege. Stellen wir uns nur die Möglichkeit­en eines Arbeiter*innenstaates vor, in dem das in Räten organ­isierte Pro­le­tari­at die volle Kon­trolle und Entschei­dungs­macht ausübt.

6 thoughts on “Fünf Mythen über die Russische Revolution

  1. Jonas sagt:

    “Noch inmit­ten ein­er umge­lenk­ten Rev­o­lu­tion genossen die Arbei­t­erin­nen große Siege.” welch per­verse Beschöni­gung für die Behand­lung der Men­schen als Indus­trie- und Bauern­sklaven. Unter der Gefahr, für ein freies Wort einges­per­rt, mißhan­delt und getötet zu wer­den. Ihr wisst doch nicht, was Sozial­is­mus ist, wenn Unter­drück­ung der ein­fachen Leute für Euch eine denkbare Hand­lung bleibt. Wenn der Arbeit­er was zum Essen hat, dann geniesst er schon.

  2. Louise sagt:

    Lieber Jonas,
    1. sche­inst Du keine Ahnung davon zu haben, welchen Inhalt die Begriffe haben, die Du polemisch benutzt. Sklaven gibt es in ein­er Sklaven­hal­terge­sellschaft. In ein­er Gesellschaft, in der für Lohn gear­beit­et wird, ist der Arbeit­er im Kap­i­tal­is­mus ein (dop­pelt freier) Lohnar­beit­er, im realen Sozial­is­mus halt ein sozial­is­tis­ch­er.
    Seinen Leben­sun­ter­halt wird bzw. hat er allerd­ings nur (ge)sicher(t)n, indem er unter den gegeben Bed­i­n­un­gen Arbeit leis­tet und zwar im West­en für einen pri­vat­en ‘Arbeit­ge­ber’ und im realen Sozial­is­mus für einen Staat, der sich vorgenom­men hat­te, den Reich­tum, den seine Arbeit­er schaf­fen über sich — den real­sozial­is­tis­chen Staat — den Arbeit­ern zugute kom­men zu lassen. Wie er (der real­sozial­is­tis­che Staat) das gemacht hat und ob ihm das gelun­gen ist, hast Du (eventuell zu recht, aber dann halt lei­der zuäl­lig) neg­a­tiv beurteilt und die ‘Mei­n­ungs­frei­heit’ als das höch­ste Gut bevorzugt. Dir ist aber schon klar, dass es um eine verän­derte Wirtschaftsweise geht, die den pro­duzierten Reich­tum, der von den Arbei­t­en­den hergestellt wird zu deren Nutzen organ­isiert? Und nicht darum, dass jed­er so halt mal (übri­gens hier völ­lig fol­gen- und kon­se­quen­z­los) seine Mei­n­ung sagt, oder falls er doch mal was fun­da­men­tal kri­tis­ches von sich gibt oder Macht­mono­pole in Frage stellt, dann halt auch hier dafür bestraft oder ver­boten wird?
    2. Du hast halt anscheinend ein aus dieser Gesellschaft und ihrem Bil­dungsin­sti­tu­tio­nen eingeprägtes und damit ein neg­a­tives und falsches Bild von der Rus­sis­chen Rev­o­lu­tion und ihren Akteuren und den Grün­den und Zweck­en, warum sie diese Rev­o­lu­tion gemacht haben bzw. was sie mit ihr erre­ichen woll­ten und bist davon überzeugt, dass ‘freie Mei­n­ungsäusserung’ zum höch­sten Gut eines (sozial­is­tis­chen) Men­schen gehört. Dir ist aber schon klar, dass er davon nicht leben kann — der arbei­t­ende Men­sch — und sein Leben nicht davon wesentlich bes­timmt wird, ob er jet­zt seine Mei­n­ung sagen kann, son­dern eher davon, wie er gezwun­gen ist, seinen Leben­sun­ter­halt zu bestre­it­en?
    3. sche­inst Du die Mei­n­ung zu haben, dass ‘ein­fache Leute’schon wis­sen, was Sozial­is­mus ist … deshalb sollte man ein­fach auf die hören und schon haben wir den, den Sozial­is­mus. Ehrlich gesagt, in dem Sozial­is­mus wollte ich nicht leben, den du da so toll find­est … der wäre lei­der ein­er à la AfD … den kannst Du jet­zt schon haben, wenn er das für Dich sein soll …
    Ich mach mal ein Faz­it: Nicht alles was von unten kommt muss auch notwendi­ger­weise gut oder sozial­is­tisch sein. Da sind halt eine Menge selt­samer — um nicht zu sagen falsch­er — Gedanken und Mei­n­un­gen bzw. Fehlschlüsse unter­wegs, die auf einem Weg zum Sozial­is­mus aus­geräumt wer­den müssen, falls es für Dich über­haupt in diese Rich­tung gehen sollte …

  3. Jonas sagt:

    Jet­zt hast Du lei­der wortre­ich meine kurz gefasste Mei­n­ung bestätigt. Darf ich Dir rat­en, nicht immer nur die sel­ben Sachen Dir anzule­sen? Bei mir war es so, dass ich durch Beschäf­ti­gung mit dem ursprünglichen Sozial­is­mus aus dem autoritären und Pro­duk­tivkräfte-ori­en­tierten Denken raus und wieder zu ein­er men­schen-ori­en­tierten Sichtweise gekom­men bin.

    1. joán ujházy sagt:

      Die Wieder­hol­ung ob der ange­blichen Richtigkeit Ihres State­ments macht dieses nicht klüger.
      Sie wieder­holen stattdessen Ihre Vorurteile und bestäti­gen diese. Das ist auch eine Art von ver­ab­scheuungswürdi­gem Dog­ma­tismus.

  4. xadyn sagt:

    gibt es lit­er­atur wo man nach­le­sen kann, wie die bolschewi­ki anfang des 20. jahrhun­derts gear­beit­et haben, also was ihre (tägliche) rev­o­lu­tionäre arbeit gewe­sen ist, hin zu den rev­o­lu­tio­nen der fol­gen­den jahre?

  5. Hanns Graaf sagt:

    Für Antworten auf diese Fra­gen Mal nach­schauen auf: http://www.aufruhrgebiet.de

    MfG Hanns Graaf

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