Geschichte und Kultur

Fünf Mythen über die Russische Revolution

Auch wenn die Idee des Sozialismus an Beliebtheit gewinnt, halten sich Mythen über die Russische Revolution hartnäckig.

Fünf Mythen über die Russische Revolution

Die Kapitalist*innenklasse führt seit einhundert Jahren eine Schmierkampagne gegen die Russische Revolution. Obwohl mehr und mehr Menschen sich als Sozialist*innen verstehen, liegt der sogenannte Red Scare schwer auf dem US-amerikanischen Bewusstsein. Dieser Artikel versucht fünf Mythen über die Russische Revolution aufzudecken.

Mythos 1: Die Oktoberrevolution war ein Putsch, ausgeführt von einer Handvoll von elitären, machiavellistischen Intellektuellen, die an die Macht kamen, indem sie eine passive und gleichgültige Arbeiter*innenklasse manipulierten.

Die Idee, dass die Bolschewistische Partei eine kleine Organisation berufsmäßiger Verschwörer*innen war, die den russischen Arbeiter*innen fremd war oder ihnen sogar feindlich gegenüberstand, wird von bürgerlichen Historiker*innen für gewöhnlich mit einer aus dem Zusammenhang gerissenen Passage aus Lenins Was tun? gerechtfertigt. Darin sagt er, dass Arbeiter*innen allein nur ein reformistisches Bewusstsein erreichen können und dass deshalb das revolutionäres oder sozialistisches Bewusstsein von außerhalb der Arbeiter*innenklasse kommt. Diese Passage von 1902 bezieht sich auf die Schwierigkeiten, mit denen die ersten marxistischen Organisationen im damals reaktionärsten Land Europas, regiert mit dem göttlichen Recht der Könige, konfrontiert waren. Russland besaß nicht einmal eine bürgerliche Verfassung – politische Parteien waren illegal und die politische Polizei war die gefürchtetste der Welt. 1905 revidierte Lenin diese Position selbst und kritisierte sogar bolschewistische Genoss*innen, die die bewusste Führung einer marxistischen, revolutionären Partei der Selbstorganisierung der Arbeiter*innen gegenüber stellten. In einer Partei organisiert würden die Arbeiter*innen ihre eigene Revolution machen.

Als er im April 1917 in Russland ankam, rief Lenin nicht sofort zum Sturz der kapitalistischen Provisorischen Regierung auf, die noch von einer Mehrheit der Bevölkerung unterstützt wurde. Stattdessen rief er die Bolschewiki dazu auf, den Arbeiter*innen geduldig zu erklären, dass die Räte die Staatsmacht übernehmen sollten. Lenin zufolge konnte die Provisorische Regierung nicht gestürzt werden, ehe die Bolschewiki die Unterstützung der Mehrheit des Volkes besaßen. Er bestand darauf, dass die Menschen nicht passiv und noch weniger gleichgültig waren. Im Oktober schloss sich eine Gruppe Marinesoldaten den Bolschewiki an und bewaffnet mit Bajonetten fragten sie: „Wann werden wir sie endlich benutzen?“

Zu diesem Zeitpunkt hatten die Bolschewiki die Unterstützung der überwältigenden Mehrheit gewonnen, weshalb die Provisorische Regierung gestürzt wurde, ohne dass in Petrograd ein einziger Schuss abgegeben wurde. Es waren ebenso die Bolschewiki, die einen spontanen Sturz der Provisorischen Regierung während der Julitage vermieden, weil sie sich bewusst waren, dass ein verfrühter Aufstand die Stadt von den ländlichen Gegenden isolieren könnte, wo die Provisorische Regierung noch Unterstützung genoss.

Nach vierzehn Jahren der organisatorischen Arbeit in der russischen Arbeiter*innenklasse gewannen die von den Bolschewiki vertretenen Positionen an Stärke, weil sie die Nöte und Wünsche der Massen ausdrückten. Dies erlaubte der Partei von 17.000 Mitgliedern im Februar 1917 auf 240.000 im Oktober desselben Jahren zu wachsen, indem sie sich organisch mit der Arbeiter*innenklasse verband.

Mythos 2: Von Beginn an war das wahre Ziel der Bolschewiki eine Diktatur einer einzelnen Partei.

Die Oktoberrevolution legte die Macht in die Hände des Zweiten Allrussischen Sowjetkongress, der am Tag des Aufstands, dem 25. Oktober 1917, eröffnet wurde. Die Sowjets waren die Räte der Arbeiter*innendelegierten, die die Arbeiter*innen selbst in den Fabriken wählten. Sie wurden gleich bezahlte wie ein*e gewöhnlich*e Arbeiter*in und ihre Mandate waren jederzeit widerruflich. Diese Räte hatten neben der Provisorischen Regierung seit dem Fall der Monarchie bestanden und waren eine immens demokratischere Form der Regierung als die kapitalistischen „Demokratien“, in welchen die Politiker*innen Privilegien genossen, durch Lügen gewählt wurden, reich wurden auf Kosten der Massen und jahrelang an der Macht blieben, obwohl sie diejenigen betrogen, die sie gewählt hatten und die sie zu vertreten vorgaben.

Die Sowjets waren Mehrparteienorganisationen, in welchen sich alle proletarischen politischen Tendenzen demokratisch messen konnten. Die Bolschewiki waren bis September 1917 in der Minderheit; die beiden Mehrheitsparteien waren die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre, die gemeinsam mit anderen kapitalistischen Parteien Teil einer Koalition der Provisorischen Regierung waren. Nachdem Lenin aus dem Exil zurückgekehrt war, verlangten die Bolschewiki von diesen beiden Parteien, dass sie mit den Kapitalist*innen brachen, die kapitalistischen Kabinettsmitglieder ausschlossen und eine streng menschewistische und sozialrevolutionäre Regierung bildeten, die den Sowjets verantwortlich sein würde, in welchen dieselben beiden Parteien die Mehrheit hielten. Hätten sie dies getan, wäre die Bolschewistische Partei zwar nicht an der Regierung gewesen, doch sie hätten eingewilligt, keine Gewalt gegen die Regierung einzusetzen und gegen die Rückkehr des Zaren zu kämpfen. Menschewiki und Sozialrevolutionäre weigerten sich.

Unmittelbar nach dem Oktoberaufstand stimmte der Zweite Allrussische Sowjetkongress für ein Ende der Provisorischen Regierung mit einer Dreiviertelmehrheit bestehend nicht nur aus den Bolschewiki, sondern auch aus dem linken Flügel der Sozialrevolutionären Partei.

Die demokratisch geschlagene Minderheit aus Menschewiki und rechtem Flügel der Sozialrevolutionäre verließen den Kongress und unterstützten – mit dem Rat der britischen, deutschen, französischen und US-amerikanischen imperialistischen Agent*innen – alle Versuche der zaristischen Generäle, die bisher Feinde der Provisorischen Regierung gewesen waren, einen Putsch gegen den neu formierten Sowjetstaat zu organisieren. Die Details dieser und ähnlicher Verschwörung sind in Victor Serges Werk Year One of the Russian Revolution zu finden.

Die Bolschewiki betrachteten es nicht als Vorteil, die alleinige Partei an der Macht zu sein. Menschewiki und Sozialrevolutionäre hatten ihre Waffen seit 1917 gegen den Sowjetstaat gerichtet, wurden aber erst im Juni 1918 verboten. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Bürger*innenkrieg nicht nur russische Monarchist*innen gegen die UdSSR mobilisiert, sondern auch vierzehn fremde Armeen – darunter die Vereinigten Staaten, das Vereinigte Königreich, Frankreich, Deutschland und Japan (die hauptsächlichen imperialistischen Mächte der Zeit). Das Verbot anderer Parteien war eine außergewöhnliche Verteidigungsmaßnahme, die von den historischen Umständen diktiert wurde und die sich Trotzki zufolge, der während des Bürger*innenkriegs die Rote Armee anführte, nicht aus der bolschewistischen Theorie ergab. Tatsächlich sah das bolschewistische Parteiprogramm ein Mehrparteiensowjetsystem vor.

Der Stalinismus, die konterrevolutionäre Antithese des Bolschewismus, war für die bürokratische, die Umstände ignorierende Institutionalisierung eines Einparteienregimes verantwortlich. Die Kapitalist*innenklasse setzt bewusst eine Kriegsmaßnahme der Bolschewiki mit einer Konzeption der Stalinist*innen gleich.

Mythos 3: Hätte die Oktoberrevolution die Provisorische Regierung nicht gestürzt, wäre Russland eine Demokratie geworden.

Die Provisorische Regierung wird von bürgerlichen Historiker*innen häufig als fortschrittliche, von „demokratischen Sozialist*innen“ geführte Regierung beschrieben, die in der Lage gewesen sei, Russland in eine Demokratie wie Frankreich oder Großbritannien zu verwandeln, hätten sie mehr Zeit gehabt, bevor die bolschewistischen „Verschwörer*innen“ an die Macht kamen. Diese sogenannten „Verschwörer*innen“ gewannen die Unterstützung der überwältigenden Mehrheit des russischen Volkes, indem sie geduldig erklärten, dass nur die in Sowjets organisierten Arbeiter*innen Russland aus dem Weltkrieg herausziehen, Land vom Adel an die arme Bauernschaft umverteilen und eine konstituierende Versammlung einberufen könnten. Kurzum waren die Arbeiter*innen die einzigen, die den Ruf der Februarrevolution nach Frieden, Land und einem Ende der Monarchie beantworten könnten. Die Forderungen der Revolution waren von der Provisorischen Regierung wiederholt aufgeschoben worden und konnten wegen der engen Verbindungen des Organs zum britischen und französischen Imperialismus nicht erfüllt werden.

Innerhalb weniger Stunden dekretierte der Zweite Sowjetkongress Frieden und eine Landreform – zwei Dinge, die die Provisorische Regierung acht Monate lang nicht geschafft hatte. Die Oktoberrevolution bewies Trotzkis Theorie der permanenten Revolution. Diese Theorie behauptet, dass die demokratischen Aufgaben, die die Kapitalist*innenklasse in den Revolutionen des 17. und 18. Jahrhunderts angegangen war, wie die Landreform, in peripheren Ländern nur durch eine proletarische Revolution zu erfüllen waren. Einmal an der Macht würde die Arbeiter*innenklasse die demokratischen Aufgaben lösen können und auch zu sozialistischen Aufgaben schreiten, wie der Enteignung der Kapitalist*innen.

Nach dem Juliaufstand zog ein zaristischer General namens Kornilow Nutzen aus dem Zustand der Ermüdung der Petrograder Massen und versuchte einen konterrevolutionären Putsch gegen die Provisorische Regierung. Der rechte Putsch fand statt, obwohl die „progressive“ und „demokratische“ Provisorische Regierung die Bolschewistische Partei kriminalisiert und ihre Führung inhaftiert hatte.

Ein ähnliches Ereignis fand in Chile unter Salvador Allende, einem „demokratischen Sozialisten“, statt, dessen Regierung von einem von Augusto Pinochet geführten Putsch gestürzte wurde. Pinochet war ein General, der von Allende selbst zwei Wochen vor dem Putsch zum Oberbefehlshaber der Truppen ernannt worden war.

Allgemein gesprochen ist die Geschichte der peripheren kapitalistischen Länder eine Abfolge von Putschs und Diktaturen. Ein stabiles „demokratisches“ kapitalistischen Regime zu haben war über das vergangene Jahrhundert ein Privileg imperialistischer Staaten. Die bürgerliche Demokratie besitzt in peripheren Ländern wie Chile oder Brasilien, wo die Kapitalist*innenklasse schwach und auf den Imperialismus angewiesen, die Arbeiter*innen überausgebeutet sind und die ungelösten demokratischen Fragen die Massen unterdrücken, keine langfristige Stabilität. Wäre die Oktoberrevolution besiegt worden, wäre Russland keine Demokratie geworden; es ist viel wahrscheinlicher, dass es eine deutsche Halbkolonie (Trotzki zufolge „etwas zwischen dem zaristischen Russland und Indien“) geworden wäre, regiert von einer Diktatur unter Kornilow oder einem anderen zaristischen General.

Mythos 4: Der Stalinismus war die natürliche und unvermeidliche Konsequenz der Oktoberrevolution und des leninistischen Bolschewismus.

Die Bolschewiki dachten die Oktoberrevolution nicht als eine lediglich russische Revolution, sondern als den Zünder einer internationalen Revolution, die sich auf alle Länder, besonders die im Ersten Weltkrieg, ausbreiten würde. Die Bolschewiki sahen ihren eigenen Triumph daran gebunden, dass die Arbeiter*innenklasse in westeuropäischen Staaten und besonders in Deutschland die Macht übernehmen müsste. In der Folge der Oktoberrevolution versuchten Arbeiter*innen Revolutionen in verschiedenen Ländern Europas wie Italien und Deutschland; im letzteren entfaltete sich ein beinahe kontinuierlicher und ununterbrochener revolutionärer Prozess zwischen 1917 und 1923.

Diese Revolutionen wurden jedoch besiegt. Der Hauptgrund dafür war der Betrug der sozialdemokratischen Parteien, deren konterrevolutionäre Rolle analog zu der der russischen Menschewiki war. Demzufolge war die einzige erfolgreiche proletarische Revolution der Geschichte in einem verarmten, von vier Jahren des Weltkrieges und weiteren drei des konterrevolutionären Bürger*innenkrieges zerstörten Lands isoliert.

Der Aufbau des Sozialismus muss auf der Entwicklung der Produktivkräfte aufgebaut und strukturiert sein, was die Reduktion des Arbeitstags und eine effiziente Produktion ermöglicht. Dies würde nach und nach die Trennung zwischen körperlicher und geistiger Arbeit abschaffen. Dies setzt voraus, dass administrative Posten zwischen allen Arbeiter*innen sozialisiert werden und rotieren sowie eine zunehmende Freizeit. Dies würde allen Menschen erlauben, Zeit mit Wissenschaft, Kunst, Kultur und der Entwicklung ihrer größten menschlichen Potentiale zu verbringen. Es ist unmöglich, dies in einem einzelnen Land zu erreichen, vorausgesetzt dieses Land, das von der Weltwirtschaft isoliert ist, hat nur begrenzte Produktivkräfte. Deshalb kann der Sozialismus nur in globalem Maßstab mit einer Planwirtschaft, die alle Produktivkräfte der Menschheit umfasst, errichtet werden.

Die Widersprüche einer isolierten proletarischen Revolution wuchs in eine thermidorianische Reaktion – eine Konterrevolution fand statt, in welcher die Führung der Revolution durch eine Bürokratie ersetzt wurde, deren hauptsächlicher Vertreter Stalin war. Die Bürokratie entwickelte sich zu einer privilegierten Kaste und entwickelte ihre eigenen, denen der Arbeiter*innenklasse entgegengesetzten Interessen, indem sie die russischen Arbeiter*innen politisch enteignete, die Räte zerstörte, die bolschewistischen Revolutionär*innen ermordete und aus der Planwirtschaft Privilegien an sich raffte. 1923 organisierte Trotzki die Linke Opposition, die gegen die bürokratische Degeneration der Revolution kämpfte.

Diese Bürokratie entwickelte sich aber nicht aus moralischen Problemen der Bolschewiki oder des jungen Sowjetstaates. Sie entwickelte sich vielmehr aus den materiellen Bedingungen der Sowjetunion. Der Sozialismus ist die Politik der gleichmäßigen Verteilung des durch die Massenproduktion geschaffenen Überfluss. Der Stalinismus erwuchs aus der Tatsache, dass eine Bürokratie verantwortlich wurde, die wenigen in der UdSSR verfügbaren Ressourcen zu verteilen. Eine Bürokratie ist notwendig, um Knappheit zu verwalten. In einer Gesellschaft des Überflusses kann der Sozialismus aufblühen.

1924 erfand die stalinistische Bürokratie die Theorie des Sozialismus in einem Land. Under der Führung Stalins führte die Kommunistische Internationale, die Komintern, eine Politik, die die Existenz der UdSSR sichern, sich aber nicht in Richtung Revolution bewegen sollte. Die Komintern rief die Kommunistischen Parteien in aller Welt dazu auf, den linken Flügel der Bourgeoisie des jeweiligen Landes zu unterstützen. Dies bedeutete den Verrat der revolutionären Prozesse, die in verschiedenen Ländern, wie unter anderen im China der 1920er und im Spanien der 1930er, stattfanden.

„Die heutige ‚Säuberung‘ zieht zwischen Bolschewismus und Stalinismus nicht nur einen blutigen Strich, sondern einen ganzen Strom von Blut“, wie Trotzki es ausdrückte. Entweder würden die Arbeiter*innen eine neue politische Revolution durchführen müssen, die die Bürokratie stürzen und die Sowjetdemokratie wiederherstellen würde, oder die Bürokratie würde den Kapitalismus wiederherstellen. Der Kapitalismus wurde, wie wir wissen, Ende der 1980er wiederhergestellt.

Mythos 5: Die Oktoberrevolution verteilte nur Armut.

Kapitalist*innen haben sich bemüht, den Sozialismus mit Bilden von langen Schlangen und leeren Regalen in Verbindung zu bringen – Bilder, die natürlich zunehmend gewöhnliche Zustände kapitalistischer Staaten abbilden, wo acht Milliardäre so viel Reichtum auf sich vereinen wie eine Hälfte der Weltbevölkerung. Und doch zeigen diese Bilder eine Realität – die Periode der Perestroika, also der kapitalistischen Restauration in der Sowjetunion. Diese Bilder sind ein Beweis für den Zusammenbruch der Sowjetunion und unterstützen nicht die Behauptung vom Scheitern des Sozialismus. Diese Bilder sollten in ihrem Kontext betrachtet werden. Dies bedeutet zu verstehen, dass das Scheitern der Sowjetunion möglich war wegen einer Kombination verachtenswerter Politik des Stalinismus und imperialistischen Drucks.

Trotz allem wuchs die sowjetische Wirtschaft jährlich bis 1985 um ungefähr drei Prozent und im Schnitt während der 1970er Jahre um mehr als fünf Prozent, eine Rate vergleichbar mit der in den Vereinigten Staaten vor der Krise von 2008. Vor der russischen Revolution waren neun Zehntel der Bevölkerung Kleinbauer*bäuerinnen, deren landwirtschaftliche Techniken und Produktivität sich seit dem 14. Jahrhundert kaum verbessert hatten. Die Oktoberrevolution verwandelte das unterentwickelteste Land Europas in eine ökonomische, militärische, wissenschaftliche und kulturelle Supermacht. Die Sowjetbevölkerung war hoch gebildet, vollbeschäftigt und hatte einen Lebensstandard für Arbeiter*innen, der allgemein gesprochen höher war als in vielen kapitalistischen Ländern.

1932 sagt Trotzki, als er für einen Vortrag von der sozialdemokratischen Jugendorganisation in Dänemark eingeladen worden war, dass die

„Kurve der industriellen Entwicklung Rußlands ist in groben Indexziffern ausgedrückt die folgende: Setzen wir das Jahr 1913, das letzte Jahr vor dem Kriege, mit 100 an. Das Jahr 1920, der Höhepunkt des Bürgerkrieges ist auch der Tiefpunkt der Industrie: nur 25, das heißt ein Viertel der Vorkriegsproduktion. 1923 ein Anwachsen bis zu 75, d.i. bis zu drei Vierteln der Vorkriegsproduktion. 1929 ca. 200; 1932 – 300, daß heißt dreimal so viel wie am Vorabend des Krieges.

Das Bild wird noch greller im Licht des Internationalen Index. Von 1925 bis 1932 ist die industrielle Produktion Deutschlands fast um zwei Drittel gesunken, in Amerika fast um die Hälfte, in der Sowjetunion ist sie um mehr als das Vierfache gestiegen. Diese Ziffer spricht für sich selbst.“

Einer der ersten Siege der Oktoberrevolution war der einer nie gekannten, von keinem kapitalistischen Regime erreichten Alphabetisierungskampagne. Die sowjetische Eisenproduktion verdoppelte sich zwischen 1933 und 1936. Während derselben Periode sprang die Sowjetunion vom zehnten auf den vierten Rang der größten Kohleproduzenten, vom sechsten auf den dritten der Stahlproduzenten. 1936 hatte sich die Produktion von Eisen, Kohle und Stahl im Vergleich zum Vorkriegsniveau verdreifacht. 1935 besaß Russland 95 Kraftwerke und eine produktive Kapazität von 4,4 Millionen Kilowatt; es waren nur zehn Kraftwerke und 253 Tausend Kilowatt, als die GOELRO-Komission eingerichtet wurde.

Diese Fortschritte schufen die Bedingungen für eine kostenlose öffentliche Gesundheitsversorgung und Bildung. In kurzer Zeit beendete die Sowjetunion im Grunde den Analphabetismus. Menschen in der Sowjetunion hatten das Recht auf ein Heim wie auch auf Kindertagesbetreuung. Kein kapitalistischer Staat hat jemals eine solche Entwicklungsrate erreicht. „Der Sozialismus“, so schreibt Trotzki, „bewies sein Recht auf den Sieg nicht auf den Seiten des ‚Kapital‘, sondern in einer Wirtschaftsarena, die ein Sechstel der Erdoberfläche bildet, bewies es nicht in der Sprache der Dialektik, sondern in der Sprache des Eisens, des Zements und der Elektrizität.“ Diese Statistiken sind noch beeindruckender, wenn wir bedenken, dass die Sowjetunion kein sozialistisches Land war, sonder ein proletarischer Übergangsstaat, dessen Fortschritt zum Sozialismus von der Bürokratie unterbrochen worden war. Noch inmitten einer umgelenkten Revolution genossen die Arbeiter*innen große Siege. Stellen wir uns nur die Möglichkeiten eines Arbeiter*innenstaates vor, in dem das in Räten organisierte Proletariat die volle Kontrolle und Entscheidungsmacht ausübt.

3 thoughts on “Fünf Mythen über die Russische Revolution

  1. Jonas sagt:

    „Noch inmitten einer umgelenkten Revolution genossen die Arbeiterinnen große Siege.“ welch perverse Beschönigung für die Behandlung der Menschen als Industrie- und Bauernsklaven. Unter der Gefahr, für ein freies Wort eingesperrt, mißhandelt und getötet zu werden. Ihr wisst doch nicht, was Sozialismus ist, wenn Unterdrückung der einfachen Leute für Euch eine denkbare Handlung bleibt. Wenn der Arbeiter was zum Essen hat, dann geniesst er schon.

  2. Louise sagt:

    Lieber Jonas,
    1. scheinst Du keine Ahnung davon zu haben, welchen Inhalt die Begriffe haben, die Du polemisch benutzt. Sklaven gibt es in einer Sklavenhaltergesellschaft. In einer Gesellschaft, in der für Lohn gearbeitet wird, ist der Arbeiter im Kapitalismus ein (doppelt freier) Lohnarbeiter, im realen Sozialismus halt ein sozialistischer.
    Seinen Lebensunterhalt wird bzw. hat er allerdings nur (ge)sicher(t)n, indem er unter den gegeben Bedinungen Arbeit leistet und zwar im Westen für einen privaten ‚Arbeitgeber‘ und im realen Sozialismus für einen Staat, der sich vorgenommen hatte, den Reichtum, den seine Arbeiter schaffen über sich – den realsozialistischen Staat – den Arbeitern zugute kommen zu lassen. Wie er (der realsozialistische Staat) das gemacht hat und ob ihm das gelungen ist, hast Du (eventuell zu recht, aber dann halt leider zuällig) negativ beurteilt und die ‚Meinungsfreiheit‘ als das höchste Gut bevorzugt. Dir ist aber schon klar, dass es um eine veränderte Wirtschaftsweise geht, die den produzierten Reichtum, der von den Arbeitenden hergestellt wird zu deren Nutzen organisiert? Und nicht darum, dass jeder so halt mal (übrigens hier völlig folgen- und konsequenzlos) seine Meinung sagt, oder falls er doch mal was fundamental kritisches von sich gibt oder Machtmonopole in Frage stellt, dann halt auch hier dafür bestraft oder verboten wird?
    2. Du hast halt anscheinend ein aus dieser Gesellschaft und ihrem Bildungsinstitutionen eingeprägtes und damit ein negatives und falsches Bild von der Russischen Revolution und ihren Akteuren und den Gründen und Zwecken, warum sie diese Revolution gemacht haben bzw. was sie mit ihr erreichen wollten und bist davon überzeugt, dass ‚freie Meinungsäusserung‘ zum höchsten Gut eines (sozialistischen) Menschen gehört. Dir ist aber schon klar, dass er davon nicht leben kann – der arbeitende Mensch – und sein Leben nicht davon wesentlich bestimmt wird, ob er jetzt seine Meinung sagen kann, sondern eher davon, wie er gezwungen ist, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten?
    3. scheinst Du die Meinung zu haben, dass ‚einfache Leute’schon wissen, was Sozialismus ist … deshalb sollte man einfach auf die hören und schon haben wir den, den Sozialismus. Ehrlich gesagt, in dem Sozialismus wollte ich nicht leben, den du da so toll findest … der wäre leider einer à la AfD … den kannst Du jetzt schon haben, wenn er das für Dich sein soll …
    Ich mach mal ein Fazit: Nicht alles was von unten kommt muss auch notwendigerweise gut oder sozialistisch sein. Da sind halt eine Menge seltsamer – um nicht zu sagen falscher – Gedanken und Meinungen bzw. Fehlschlüsse unterwegs, die auf einem Weg zum Sozialismus ausgeräumt werden müssen, falls es für Dich überhaupt in diese Richtung gehen sollte …

  3. Jonas sagt:

    Jetzt hast Du leider wortreich meine kurz gefasste Meinung bestätigt. Darf ich Dir raten, nicht immer nur die selben Sachen Dir anzulesen? Bei mir war es so, dass ich durch Beschäftigung mit dem ursprünglichen Sozialismus aus dem autoritären und Produktivkräfte-orientierten Denken raus und wieder zu einer menschen-orientierten Sichtweise gekommen bin.

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