Geschichte und Kultur

Leo Trotzki: Nachruf an Lenin (1924)

Heute jährt sich der Todestag von Wladimir Iljitsch Lenin, dem Anführer der Oktoberrevolution von 1917, zum 92. Mal. Leo Trotzki erhielt die Nachricht vom Tod Lenins auf dem Bahnhof in Tiflis. Daraufhin schrieb er die folgenden Zeilen:

Leo Trotzki: Nachruf an Lenin (1924)

Lenin ist nicht mehr. Er weilt nicht mehr unter uns. Dun­kle Geset­ze, die die Tätigkeit der Blut­ge­fäße bes­tim­men, haben dieses Leben abge­brochen. Die Medi­zin erwies sich als macht­los, zu voll­brin­gen, was Mil­lio­nen Men­schen­herzen von ihr erwarteten und mit Inbrun­st forderten.

Wie viele gibt es unter ihnen, die ohne Bedenken ihr eigenes Blut bis zum legten Tropfen geopfert hät­ten, wenn dadurch die Tätigkeit der Blut­ge­fäße des großen Anführers Lenin-Iljitsch, des Einzi­gen, Unwieder­hol­baren belebt, wieder­hergestellt wer­den kön­nte? Aber ein Wun­der geschah nicht, wo die Wis­senschaft sich als macht­los erwies. Und so ist Lenin nicht mehr. Die Worte sausen auf das Bewusst­sein nieder, wie ein mächtiger Fels ins Meer stürzt. Kann man es glauben, ist es denkbar, kann man es anerken­nen?

Das Bewusst­sein der Werk­täti­gen der ganzen Welt wird diese Tat­sache nicht aufnehmen wollen, weil der Feind noch furcht­bar stark, der Weg lang, das große Werk – das größte in der Geschichte – noch nicht abgeschlossen ist; weil die Arbeit­erk­lasse der Welt Lenin nötig braucht, wie vielle­icht niemals irgend jeman­den in der men­schlichen Geschichte.

Mehr als zehn Monate dauerte der zweite Anfall der Krankheit, der schw­er­er war als der erste. Die Blut­ge­fäße „spiel­ten”, wie der bit­tere Aus­druck der Ärzte lautete. Das war ein schreck­lich­es Spiel mit dem Leben von Iljitsch. Man kon­nte eine Besserung, eine fast völ­lige Wieder­her­stel­lung, aber auch eine Katas­tro­phe erwarten. Wir alle erwarteten die Gene­sung, aber die Katas­tro­phe kam. Die Atmungszen­trale im Gehirn hörte auf, ihren Dienst zu ver­richt­en – und löschte die Zen­trale des genial­sten Denkens.

Und nun ist Iljitsch nicht mehr. Die Partei ist ver­waist. Ver­waist ist die Arbeit­erk­lasse. Ger­ade dieses Gefühl vor allem ruft die Nachricht vom Tode des Lehrers, des Anführers wach.

Wie wer­den wir vor­wärts gehen? Wer­den wir den Weg find­en, wer­den wir uns nicht verir­ren? Denn Lenin, Genossen, ist nicht mehr unter uns!

Lenin ist nicht mehr, aber der Lenin­is­mus beste­ht. Das Unsterbliche in Lenin – seine Lehre, seine Arbeit, seine Meth­ode, sein Beispiel –, sie leben in uns, in der Partei, die er schuf, in dem ersten Arbeit­er­staat, dessen Haupt und Anführer er gewe­sen ist.

Unsere Herzen sind deshalb von maßlos­er Trauer ergrif­f­en, weil wir alle durch die große Gun­st der Geschichte als Zeitgenossen Lenins geboren wur­den, neben ihm gear­beit­et, bei ihm gel­ernt haben. Unsere Partei ist der Lenin­is­mus in der Aktion, unsere Partei ist der kollek­tive Anführer der Werk­täti­gen. In jedem von uns lebt ein Teilchen von Lenin; es stellt den besten Teil eines jeden von uns dar.

Wie wer­den wir vor­wärts gehen? – Mit der Leuchte des Lenin­is­mus in den Hän­den. Wer­den wir den Weg find­en? – Wir wer­den ihn find­en durch das kollek­tive Denken, durch den kollek­tiv­en Willen der Partei.

Und mor­gen und über­mor­gen, nach ein­er Woche und nach einem Monat wer­den wir uns fra­gen: Ist denn Lenin wirk­lich nicht mehr? Denn als unwahrschein­liche, unmögliche, unge­heuer­liche Willkür der Natur wird uns sein Tod noch lange erscheinen.

Möge jen­er Nadel­stich, den wir empfind­en, den unser Herz jedes Mal fühlt bei dem Gedanken, dass Lenin nicht mehr ist, zur Mah­nung wer­den, zu der War­nung, zu dem Ruf: Deine Ver­ant­wor­tung ist größer gewor­den. Sei des Anführers würdig, der dich erzo­gen hat.

In Betrüb­nis, in Trauer und Gram schließen wir unsere Rei­hen und unsere Herzen, schließen sie enger zusam­men für neue Kämpfe.

Genossen, Lenin ist nicht mehr unter uns. Leb wohl, Iljitsch! Leb wohl, Anführer!

Tiflis, Bahn­hof, am 22. Jan­u­ar 1924.

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