Geschichte und Kultur

Lasst uns über die DDR sprechen – aber ehrlich

Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls schallt es über alle Kanäle: "Der Unrechtsstaat ist gefallen." Im Triumphgeheul der BRD bleibt eine ernste historische Einordnung auf der Strecke. Was bedeutete der entstellte Sozialismus der DDR wirklich?

Lasst uns über die DDR sprechen – aber ehrlich

Früh­jahr 1945: Während die Schlacht um Berlin noch läuft, übernehmen lokale antifaschis­tis­che Auss­chüsse in vie­len Orten ein­fache Ver­wal­tungsauf­gaben. Sie verteilen Lebens­mit­tel und Wohn­raum, sam­meln Waf­fen ein oder hal­ten Nazi-Funk­tionäre fest. Doch bald nach dem Krieg lässt die sow­jetis­che Mil­itärad­min­is­tra­tion die Komi­tees auflösen und in die entste­hende bürokratis­che Ver­wal­tungsstruk­tur über­führen.

Weltweit war der Kap­i­tal­is­mus nach dem Zweit­en Weltkrieg in Mis­skred­it ger­at­en. Bre­ite Massen forderten den Auf­bau ein­er sozial­is­tis­chen Gesellschaft, selb­st die CDU musste angesichts des Drucks der Massen 1945 in ihre Leit­sätze einen “wirtschaftlichen Sozial­is­mus auf demokratis­ch­er Grund­lage” aufnehmen.

Für Stal­in war die aufkeimende rät­edemokratis­che Organ­isierung jedoch eine Gefahr, die sowohl im Wider­spruch zu sein­er eige­nen bürokratis­chen Kon­trolle stand, als auch das Bünd­nis mit den West­al­li­ierten in Frage stellte. Für ihn waren die neuen Satel­liten­staat­en in Osteu­ropa lediglich ein Puffer gegenüber dem West­en. Für Deutsch­land schwebte ihm zunächst keine sozial­is­tis­che Umgestal­tung vor, son­dern eine kap­i­tal­is­tis­che Demokratie. Jedoch macht­en ihm der Druck der Massen von unten sowie die vom West­en aufgezwun­gene Teilung mit Währungsre­form und Staats­grün­dung einen Strich durch die Rech­nung.

Die Ver­staatlichung der Pro­duk­tion­s­mit­tel in den Ost­block­staat­en und in der Sow­jetis­chen Besatzungszone dien­ten dem Ziel, eine solche Puffer­zone aufzubauen und zugle­ich die Massen zu kon­trol­lieren, indem diese Ver­staatlichung bürokratisch, von oben, durchge­führt wurde. 1945 wurde in der Sow­jetis­chen Besatzungszone eine Boden­re­form durchge­führt, bei der die Großgrundbesitzer*innen enteignet wur­den. Es fol­gten die Ver­staatlichung der Ver­sorgungs­be­triebe wie Wasser‑, Gas und Elek­triz­itätswerke sowie der Schlüs­selin­dus­trien. Diese für jede sozial­is­tis­che Umwälzung notwendi­gen Maß­nah­men wur­den ohne demokratis­che Mitbes­tim­mung umge­set­zt.

Heute mögen bürg­er­liche Kommentator*innen die Enteig­nun­gen in ein­er Rei­he mit Stasi und Mauer­bau als „Unrecht“ beze­ich­nen. Direkt nach dem Krieg jedoch stand die Stim­mung in der bre­it­en Bevölkerung deut­lich gegen die Wieder­her­stel­lung der kap­i­tal­is­tis­chen Wirtschaftsweise. Als in der britisch-amerikanis­chen Besatzungszone die Preiskon­trollen aufge­hoben wur­den und die Preise stark anzo­gen, führte dies 1948 zum Gen­er­al­streik: 9 Mil­lio­nen Beschäftigte legten ihre Arbeit nieder, der Streik wurde jedoch von den Gew­erkschafts­bürokra­tien im West­en ver­rat­en und erfuhr von der stal­in­is­tis­chen Bürokratie im Osten kein­er­lei Unter­stützung. Um einem Kon­flikt mit den West­mächt­en aus dem Weg zu gehen, ließ die Sow­je­tu­nion die Wiedere­in­führung der Mark­twirtschaft im West­en zu und akzep­tierte damit die deutsche Teilung. Dabei hätte sie nicht ein­mal eine direk­te Auseinan­der­set­zung einge­hen müssen. Die KPD im West­en hätte für die Umset­zung der Streik­forderun­gen mobil­isieren und so die Per­spek­tive eines sozial­is­tis­chen Deutsch­lands aufw­er­fen kön­nen.

Stattdessen beschränk­te sich die DDR darauf, einen Rumpf-Sozial­is­mus in einem Land aufzubauen. Mit der Ver­staatlichung von Indus­trie und Boden hat­te sie zwar wichtige Schritte unter­nom­men, die aber ohne die poli­tis­che Macht der Arbeiter*innen unvoll­ständig bleiben mussten und auf ein Land beschränkt eine Man­gelver­wal­tung bedeuteten. Doch obwohl die Plan­wirtschaft von Anfang an bürokratisch deformiert war, kon­nte sie in den ersten Jahren der DDR bedeu­tende Erfolge erzie­len: Während der West­en mit den Mil­liar­den des Mar­shall-Plans wieder­aufge­baut wurde, hat­te die Sow­je­tu­nion in ihrer Besatzungszone viele Pro­duk­tion­san­la­gen als Kriegsrepa­ra­tio­nen demon­tiert. Die Plan­wirtschaft in der DDR baute bin­nen weniger Jahre jedoch eine funk­tion­ierende Volk­swirtschaft auf.

Zudem gab es in der DDR einige bedeu­tende Fortschritte, die bis heute in der BRD nicht erre­icht sind: Woh­nun­gen und Arbeit für alle, eine umfassende und kosten­lose Kinder­be­treu­ung und weit­er­re­ichende Frauen­rechte: Ab 1971 legale Abtrei­bung in den ersten drei Monat­en, kosten­lose Ver­hü­tungsmit­tel und gle­ich­er Lohn für gle­iche Arbeit. Diese Errun­gen­schaften ermöglicht­en den Massen in der DDR sta­bile Lebensver­hält­nisse, jedoch ohne große Per­spek­tive auf Verän­derun­gen und poli­tis­che Teil­habe. Nach anfänglichen Erfol­gen stag­nierte die wirtschaftliche Entwick­lung in den 1970er Jahren, da unter der bürokratis­chen Ver­wal­tung die Eigenini­tia­tive der Beschäftigten abgewürgt wurde. Dies war let­ztlich der Grund, weshalb die sozial­is­tis­chen Staat­en nicht mehr mit dem Kap­i­tal­is­mus Schritt hal­ten kon­nten und Ende der 1980er Jahre zer­fie­len.

Doch schon zuvor machte sich die bürokratis­che Umk­lam­merung der Arbeiter*innenklasse in der DDR voll bemerk­bar. Der von oben dik­tierte Plan sah die Pro­duk­tion für den Export vor, um mit den Devisen den “Sozial­is­mus in einem Land” aufzubauen. Im Juni 1953 wurde die Erhöhung der Arbeit­snor­men dekretiert, woge­gen die Beschäftigten massen­haft auf die Straße gin­gen. Der Auf­s­tand am 17. Juni 1953 wurde blutig niedergeschla­gen, der Wille der Bürokratie gegen die Massen durchge­set­zt.

Die Man­gel­wirtschaft und die Kon­trolle aller Lebens­bere­iche ver­wehrten den Massen die Per­spek­tive des sozialen Auf­stiegs, die sie im West­en der Nachkriegs­jahre beobacht­en kon­nten. Viele wan­derten in den West­en ab und so reagierte die Staatspartei SED 1961 mit dem Mauer­bau – euphemistis­che als „antifaschis­tis­ch­er Schutzwall“ beze­ich­net – ein Eingeständ­nis, dass der „Sozial­is­mus in einem Land“ gescheit­ert war und nur durch Zwang aufrecht erhal­ten wer­den kon­nte.

Mauer und Stasi sind wohl die dunkel­sten Kapi­tel in der Geschichte der DDR. Die Bevölkerung wurde massen­haft aus­ge­späht, beson­ders scharf von der Repres­sion betrof­fen waren „Repub­lik­flüchtige“, aber auch rebel­lis­che Jugendliche und linke Oppo­si­tionelle. Es soll nicht beschönigt wer­den: Das Leben in der DDR war beengt und von ständi­ger Vor­sicht geprägt. In ein­er solchen Gesellschaft kon­nte sich der Sozial­is­mus nicht voll ent­fal­ten, der sich, wie Leo Trotz­ki schrieb, “im Unter­schied zum Kap­i­tal­is­mus […] nicht automa­tisch [entwick­elt], son­dern […] mit Bewußt­sein aufge­baut” wird. Der stal­in­is­tis­chen Bürokratie ist zu ver­danken, dass die DDR nicht als Vor­posten des Sozial­is­mus diente, son­dern von den kap­i­tal­is­tis­chen Staat­en als abschreck­endes Beispiel genutzt wer­den kon­nte.

Was ist also die Bilanz der DDR? Als Arbeiter*innenstaat muss sie sich fra­gen lassen, welche Stel­lung sie der Arbeiter*innenklasse sowohl im nationalen Rah­men als auch für den inter­na­tionalen Klassenkampf ver­schafft hat. Die DDR hat zum ersten Mal in einem Teil Zen­traleu­ropas das Pri­vateigen­tum an Pro­duk­tion­s­mit­teln aufge­hoben und hätte damit die besten Voraus­set­zun­gen gehabt, um die west­liche Arbeiter*innenklasse zu unter­stützen. Doch lieber ver­schanzte sich die Bürokratie hin­ter ihrer eige­nen Mauer – sich sehr wohl bewusst, dass die Macht der Arbeiter*innen nicht nur den Kap­i­tal­is­mus in der BRD, son­dern auch sie selb­st hin­wegfe­gen kön­nte. Unfrei­willig gibt die DDR damit den fol­gen­den Gen­er­a­tio­nen eine wichtige Lehre: Einen Sozial­is­mus in einem Land kann es nicht geben – die Rev­o­lu­tion muss inter­na­tion­al aus­geweit­et wer­den.

One thought on “Lasst uns über die DDR sprechen – aber ehrlich

  1. ReiHe44 sagt:

    Ich habe die DDR von Anbe­ginn ken­nen gel­ernt und ich habe auch ver­sucht, alles zu hin­ter­fra­gen. Man ist mir keine Antwort schuldig geblieben und ich ver­danke ihr einen Großteil meines Lebens in Sicher­heit ver­bracht haben zu dür­fen. Das ist durch nichts zu erset­zen. Ob es andere oder Besser­wiss­er ver­ste­hen kön­nen, ist ohne belang.

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