Jugend

„Ich find’s scheiße, dass ich nicht mal ansatzweise Mindestlohn bekomme“

Tabea macht seit Herbst ein „Freiwilliges Soziales Jahr Kultur“ in einem Theater. Das bedeutet viel Spaß, aber auch extrem lange Arbeitszeiten und miese Bezahlung. Für Klasse Gegen Klasse erzählt sie von ihrer Situation.

„Ich find’s scheiße, dass ich nicht mal ansatzweise Mindestlohn bekomme“

Warum hast du dich dafür entsch­ieden, ein FSJ zu machen?

Meis­tens antworte ich auf die Frage: „Ja, naja, ich war jet­zt ja halt zwölf Jahre in der Schule und so, und dann direkt im Anschluss fünf Jahre oder so studieren, das ist ja blöd, weil ich was mit Men­schen arbeit­en will und dachte, bevor ich jet­zt ganz viel The­o­rie lerne, möchte ich das in der Prax­is aus­pro­bieren.“

Das stimmt natür­lich auch. Den­noch war der auss­chlaggebende Punkt für mich, dass ich nicht studieren wollte. Die let­zten Schul­jahre waren für mich nicht leicht. Etliche Male war ich kurz davor abzubrechen, hab die Schule gewech­selt, bin von Zuhause abge­hauen, hab viel geschwänzt etc.. Mein Prob­lem waren wed­er Mitschüler*innen noch Lehrer*innen, son­dern die Form „Schule“. Ich wollte nicht dann ler­nen, wann es ein Lehrplan vorschrieb, son­dern wann es mir gut tut. Ich wollte mich mit dem beschäfti­gen, was mich inter­essiert. Und ich habe riesige Prü­fungsangst. Angst zu ver­sagen. Angst, dass da eine Punk­tzahl drunter ste­ht, die „nicht gut genug“ ist. Eine Punk­tzahl, die bes­timmt, ob „mal was aus mir wird“ oder nicht.

Ich war stolz auf mich, dass ich die Schule abgeschlossen habe. Ich wollte kein Studi­um begin­nen, in dem die näch­sten Klausuren und vorgeschriebe­nen Inhalte auf mich warten. Außer­dem wusste ich schon ziem­lich sich­er, was ich arbeit­en will. Deshalb habe ich mein FSJ Kul­tur ange­fan­gen.

Wie sehen deine Arbeits­be­din­gun­gen im The­ater aus?

Ich habe einen Arbeitsver­trag, der besagt, dass ich fünf Tage pro Woche 7,48 Stun­den arbeit­en muss. Daraus entste­ht eine 39 Stun­den-Woche, Mon­tag bis Fre­itag. Da FSJs und Bufdis von einem Träger betreut wer­den, muss ich auch eine Anwe­sen­heit­sliste führen, damit ich wed­er zu viel noch zu wenig arbeite.

The­o­retisch habe ich Urlaub­sanspruch auf 25 Tage im Jahr. Aber weil ich das FSJ in einem The­ater leiste, darf ich meinen gesamten Urlaub erst zum Ende meines FSJs nehmen – dann, wenn Spielzeit­pause ist, sprich: das The­ater eh geschlossen hat.

Ich bekomme eine „Aufwand­sentschädi­gung“ von 320€. Das sind 20€ mehr als beim „nor­malen“ FSJ. Mein Stun­den­lohn beträgt damit 1,96€. FSJ’ler*innen kön­nen Wohn­geld- und ALG-II-Anträge stellen, haben darauf allerd­ings keinen rechtlichen Anspruch. Neben­jobs dür­fen offiziell nur in Absprache mit der Ein­satzstelle stat­tfind­en und müssen dann auch ver­s­teuert wer­den – und sind bei einem Vol­lzeitjob sowieso scheiße.

Fühlst du dich ungerecht behan­delt?

Schon irgend­wie. Ich weiß, dass es ein „Frei­willi­gen­di­enst“ ist. Aber ich find’s schon scheiße, dass ich nicht mal ansatzweise so etwas wie Min­dest­lohn bekomme. Allerd­ings füh­le ich mich von meinen direk­ten Vorge­set­zten meis­tens voll gut behan­delt.

Ungerecht behan­delt fühl ich mich auch von der BVG. Also, mit dem Frei­willi­ge­nausweis bekommt man die Monatskarte für 57€. Das ist krass scheiße viel Geld.

Manch­mal fühlt es sich auch unfair an, wenn von mir erwartet wird, dass ich oft abends (oder zum Beispiel länger oder früher als meine reg­uläre Arbeit­szeit) da bin. Ich kann nur noch sel­ten auf Demos, Tre­f­fen, Ver­anstal­tun­gen oder zum Train­ing gehen, weil ich oft länger arbeite. Mehr Geld krieg ich dafür natür­lich auch nicht.

Aber immer­hin werde ich über­haupt irgend­wie bezahlt: Praktikant*innen bleiben nur für max­i­mal 3 Monate – länger geht nicht, dann müssten sie Geld bekom­men. 3 Monate, in denen du Prak­tikum und min­destens einen Neben­job koor­dinieren musst. 3 Monate, in denen du „Erfahrun­gen“ bekommst, aber nicht mal einen Zuschuss zur Monatskarte.

Was sagen deine Kolleg*innen dazu?

Wir sind nur 2,5 Leute fest im Büro und die bei­den anderen wis­sen, wie scheiße es ist, dass ich kaum Geld bekomme. Aber sie freuen sich natür­lich trotz­dem, dass sie jeman­den im Büro haben, der Vol­lzeit da ist, aber die Geschäfts­führung kaum was kostet – das FSJK wird von der EU bezuschusst.

Die bei­den, die direkt in mein­er Abteilung fest angestellt sind, pro­bieren mir immer­hin irgend­wie sym­bol­isch eine Wertschätzung zu geben. Klar kann ich mir von net­ten E‑Mails und aus­gegeben­em Kaf­fee auch nix kaufen, aber es fühlt sich irgend­wie nett an. Die Kolleg*innen aus den anderen Abteilun­gen, die z.B. bezahlte Hospitant*innenstellen haben, oder nicht Vol­lzeit hier sind, regen sich über die FSJ-Bedin­gun­gen auf.

Weißt du schon, wie es für dich weit­er geht?

Ich mache auf jeden Fall mein FSJ zu Ende. Und danach vielle­icht irgend­wo ein Prak­tikum. Nicht nur, weil ich mir studieren nicht zutraue. Nicht nur, weil mir die Arbeit an sich mega Spaß macht. Son­dern auch, weil mein Lebenslauf bess­er aussieht und ich ohne Praxis­er­fahrung in einem Job, der meis­tens freiberu­flich ist, eh keine Chance hätte.

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