Geschichte und Kultur

Gilmore Girls und sexistische Maßstäbe, oder: Zwei Trotzkistinnen schauen Gilmore Girls

Zehn Jahre nach Serienende kamen Ende November vier neue Folgen von Gilmore Girls bei Netflix heraus. Zwei Revolutionärinnen und (ehemalige) Fans schreiben eine Rezension.

Gilmore Girls und sexistische Maßstäbe, oder: Zwei Trotzkistinnen schauen Gilmore Girls

Da sitzen wir also und freuen uns. Gleich werden wir wieder die bekannten Gesichter von Rory und Lorelai sehen, ihre schnellen Sätze hören. Auf Sookie freuen wir uns und auf Lane, die coole Schlagzeugerin, für die immer ein bisschen zu wenig Platz war. Wir werden in das kleine Städtchen Stars Hollow mit all den verschrobenen Charakteren eintauchen. Und gleichzeitig sind wir auch ein bisschen nervös. Denn die Serie war immer zu weiß, zu hetero, zu reich, als dass wir sie heute unkritisch und ohne einen gewissen Abstand genießen können. Schafft sie es, das zu ändern?

Natürlich nicht. Und dazu fällt uns noch einmal schmerzlich auf, was für eine schlechte Schauspielerin Alexis Bledel ist (sie spielt Rory), wie wenig Charakterentwicklung stattfindet und wie Geldprobleme immer wieder durch Zauberhand von den reichen Verwandten gelöst werden. Rory wird nie eine Revolutionärin sein, auch wenn genau zweimal in der Serie auf den Trotzkismus Bezug genommen wird, falls wir und unser Genosse, dessen Gedächtnis wir die zweite Erwähnung verdanken, uns richtig erinnern. Einmal, als Rory absurde Optionen für die Zukunft aufzählt und ein anderes Mal, als ein singender Fisch mit Leo Trotzki verglichen wird – naja. Der Uni-Aktivismus von Rory und ihrer Freundin Paris dauert genau eine Folge – damit sie sich dann wieder mit voller Kraft dem eigenen Vorankommen widmen können. Die „Planned Parenthood“-Plakate in Rorys Studizimmer freuen uns kurz, aber sie sind doch nur Ausstattung. Ja, alles nicht cool.

Aber: Popkultur ist im Kapitalismus nun mal meistens nicht besonders fortschrittlich. Und während wir uns für „typisch weiblichen“ kapitalistischen Müll schämen sollen, sollen wir das viel weniger für den männlich konnotierten Müll. Dabei ist der genauso wenig revolutionär und nimmt genauso wenig die Perspektive der Unterdrückten ein. Es ist aber – auch unter Linken – sozial sehr viel akzeptierter, diese Serien und Filme zu mögen, auch wenn in ihnen zum Beispiel Übergriffigkeit gegen Frauen normalisiert wird (Han Solo ist echt kein Vorbild…) und männliche Rollen gefeiert werden, die nicht weniger schädlich sind als weibliche Rollen. Es steckt auch immer eine ganze Menge Frauenfeindlichkeit in der Abwertung von „weiblicher Kultur“: Coole Mädchen sind die, die lieber Macho-Action-Filme schauen statt Frauenkram und nie Pink tragen. Star Wars ist immer besser als Gilmore Girls – dahinter steckt neben der Ablehnung der weiblichen Rolle durch die Zuschauerin selbst auch die Abwertung der Frauen durch die patriarchale Ideologie.

Und es sprach immer auch einiges für die Serie: Die Beziehung zwischen den Frauen spielte – bei allem Liebes-Hin-und-her – doch immer die Hauptrolle – und zwar nicht nur die zwischen den Hauptfiguren, sondern auch die Beziehungen unter Freundinnen. Rory ist nicht in erster Linie schön, sondern vor allem eine nerdig-intelligente Bücherliebhaberin. In den neuen Folgen wird die Ziellosigkeit der gut ausgebildeten Anfang Dreißigjährigen gezeigt und wir merken, dass die Krise auch vor den Gilmore Girls nicht halt gemacht hat, wenn auch noch so oberflächlich dargestellt. Und vor allem: Es gibt nun mal keine hunderttausend guten Serien zur Auswahl mit coolen weiblichen Hauptfiguren, und es gab sie erst recht nicht vor zehn Jahren.

Während wir für den Kommunismus kämpfen – und die ganzen fortschrittlichen Serien, die es dann geben wird – entspannen wir uns deshalb weiterhin ab und zu bei Gilmore Girls. Ja Netflix, die nächste Folge auch noch.

2 thoughts on “Gilmore Girls und sexistische Maßstäbe, oder: Zwei Trotzkistinnen schauen Gilmore Girls

  1. Luke Trotzki sagt:

    „Ich will keine Tablette – ich will einfach wieder 20 sein!“

    Netflix und Sherman-Palladino setzen eine Serie fort und alle bingen, bis das Endgerät qualmt.

    Was haben wir nicht geweint, als Lorelai auf dem Hügel stand und endlich auf Ihr Leben klar gekommen ist. So weit, so üblich funktioniert „Ein neues Jahr“ – genau das hatte man erwartet. Die Figuren entwickeln sich gemäß Ihrer logischen Disposition, von Kirk, der seinen 2. Film mit einem Schwein dreht, über Rory, die fertig studiert hat und sich mit dem schwierigen Life und unbezahlten Jobs auseinandersetzen muss, bis zu Lorelai, die eigentlich an Ihrem Kaffeekonsum längst hätte sterben müssen.

    Gossip Girls

    Dass Bledel eine „schlechte“ Schauspielerin sei, fällt den beiden Trotzkistinnen auf. Dabei behalten Sie für sich, was genau Ihnen an der Darstellung missfallen hat, verweisen jedoch auf „wenig Charakterentwicklung“, was jedoch eher der Autorin zu zuschreiben wäre.

    In dem Zusammenhang sei auch die die Frage aufgeworfen, ob man eine Serie heute überhaupt von einem trotzkistischen Standpunkt aus bewerten sollte. Denn natürlich ist Rory keine Revolutionärin. Natürlich wird sie das nie sein – aber es hatte ja auch niemand behauptet.

    Es wäre schon ungewöhnlich anzunehmen, dass mitten im wichtigsten imperialistischen Zentrum – finanziert von privaten kapitalistischen Studios eine Serie entsteht, deren Protagonisten sich erfolgreich dem Kampf für die Weltrevolution anschließen.
    Ja, Popkultur im Kapitalismus ist unter diesem Aspekt betrachtet meistens nicht fortschrittlich – aber genauso wenig ist Sie ein Hort der Reaktion.

    Dass die Serie in einem reichen, bourgeoisen Umfeld spielt, kann man bemängeln, oder als erzählerischen, keinesfalls neuen Kniff sehen. Dass Geschichten, insbesondere Dramen in der herrschenden Klasse gespielt werden, ist seit der Antike üblich.

    Gilmore Girls startete in einer Zeit, in der es absolut keine Selbstverständlichkeit war, serielle Formate aus der Sicht von Frauen zu erzählen. Sicher, es gab Sex and the City – eine Serie zu der Kommunist*innnen auch ein ambivalentes Verhältnis haben. Die typischen Probleme, die in Gilmore Girls aufgegriffen und verarbeitet werden, machen die Serie historisch jedoch zu einem wichtigen und richtigem Schritt innerhalb der Entwicklung von seriellen Formaten und weiblicher Protagonistinnen.

    SCHÄMEN – QUO VADIS

    Wer auch immer sich in welchen sozialen zusammenhängen dafür schämen muss „Mädchenkram“ zu gucken, Sherman-Palmadinos Schuld ist es nicht. In diesem Zusammenhang ist es vllt. bemerkenswert, dass sich trotz dem sich die Vermarktung von Gilmore Girls hauptsächlich an Mädchen und junge Frauen richtete auch männliche Zuschauer interessiert zeigten: Etwa ein Drittel der Zuschauerzahlen.

    Ob sich Frauen mit Interesse für „männlich konnotierten Müll“ weniger schämen sollen als ihre Geschlechtsgenossinnen, hängt wahrscheinlich eher mit dem sozialen Umfeld zusammen.

    Bleibt vielleicht das Fazit, was die beiden Trotzkistinnen anführen: Die fortschrittlichen Serien des Kommunismus.
    Wie gut diese werden, wie die Protagonist*innen dieser Serien aussehen werden, hängt zum Großteil auch mit der Frage zusammen, welche Entwicklungsschritte die Serienschreiber*Innen jetzt machen und Gilmore Girls bildet hierbei einen zwar weißen, oft heteronormativen aber eben auch wichtigen Teil der Entwicklung serieller Formate ab, ohne den Serien wir GIRLS, etc. nicht denkbar gewesen wären.

    Weiterführende Literatur:
    Gilmore Girls – mehr als eine Fernsehserie? Sozialwissenschaftliche Zugriffe
    von Maria Anna Kreienbaum und Katharina Knoll

    und sehr zu empfehlen von Karla Paul: Gilmore Girls, erschienen bei Reclam
    (http://www.reclam.de/detail/978-3-15-961187-7/Paul__Karla/Gilmore_Girls__100_Seiten__EPUB_)

  2. Lex sagt:

    Das Gilmore Girls zu einer Zeit gedreht wurde, in der Serien mit weibliche Hauptrollen keine Selbstverständlichkeit waren, würde ich so nicht sagen… Buffy, Veronica Mars, Clarissa, Willkommen im Leben, Sabrina Total Verhext, Charmend, Clueless usw.
    Aber mich stört eher das ausschließlich typisch weibliche Rollenbild der Charaktere. Dass natürlich alle Hauptcharaktere hetero sind, war teilweise zu der Zeit auch schon anders. Zusätzlich sind die weiblichen Hauptcharaktere hier auch noch unsportlich, reden viel und haben fast nur Beziehungsprobleme. Positiv könnte man sagen, sie sind wenigstens nicht ständig auf Diät.

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