Frauen und LGBTI*

Gibt es Sexismus gegen Männer?

Auch über Männer werden Witze gerissen, manche von ihnen erfahren Gewalt oder Übergriffe, werden unfreiwillig sexualisiert. Das ist schrecklich. Aber handelt es sich hierbei um Sexismus?

Gibt es Sexismus gegen Männer?

Manchmal gehe ich gerne auf Partys, auf denen keine Männer sind. Oder ich diskutiere gerne mit anderen Frauen* über politische Themen, ohne Männer, auch wenn sie noch so interessiert, gebildet und nett sind. Ein Bekannter hat mir deshalb einmal vorgeworfen, sexistisch gegen Männer zu sein. Meine Antwort war: „Ich denke nicht, dass es Sexismus gegen Männer gibt“. Daraufhin zählte er mir empört Fälle auf, die mir das Gegenteil beweisen sollten: Auch Männer erfahren häusliche Gewalt durch Partner*innen. Männliche Körper werden manchmal sexualisiert, ohne dass sie das wollen. Über Männer werden Witze gerissen, wenn sie nicht stereotyp männlich genug sind. Sie sterben im Schnitt früher und müssen in vielen Ländern Militärdienst leisten. Das ist alles wirklich schlimm. Aber ist es Sexismus?

Sexismus = Vorurteil + Macht

Ich habe einmal eine Formel gehört, die sich mir eingeprägt hat: Sexismus ist Vorurteil plus Macht. Das heißt, dass nicht jeder unangenehme oder verletzende Vorfall, der etwas mit dem Geschlecht zu tun hat, sexistisch ist. Es muss dazu auch noch eine klare Struktur geben, die ein Geschlecht regelmäßig und systematisch benachteiligt.

Die Benachteiligung und Unterdrückung von Frauen* und Mädchen* ist in unserer Gesellschaft systematisch: Gewalt und Sexualisierung ihrer Körper wird durch Werbung, Filme, Witze und Gespräche immer wieder als normal dargestellt. Ihnen wird weniger zugehört und nicht so viel Wissen und Intelligenz zugetraut wie Männern. Sie verdienen im Schnitt knapp ein Viertel weniger. Sie werden durch verschiedenste Rollenvorstellungen und wirtschaftliche Mechanismen immer wieder dazu gebracht, mehr unbezahlte Hausarbeit zu leisten und in besonders schlechten (Halbzeit-)Jobs zu arbeiten.

Alle doofen Witze, alle Vorfälle von sexueller Gewalt und jede ungerechte Behandlung am Arbeitsplatz, die Frauen betreffen, sind also Teil eines großen Ganzen. Sie entstehen, weil in unserer Gesellschaft Frauen unterdrückt werden und tragen ebenfalls zur Aufrechterhaltung der Unterdrückung bei. Diese Handlungen werden sogar teils geduldet und gefördert, weil die Unterdrückung von Frauen profitabel für Kapitalist*innen ist.

Von Witzen und Gewalt an Männern

Es werden aber wie gesagt auch Witze über Männer gemacht; sie erfahren Gewalt und unfreiwillige Sexualisierung. Das ist schlimm – aber es ist nicht Teil einer systematischen Unterdrückung von Männern. Deshalb ist es nicht sexistisch. Denn Männer füllen in unserer Gesellschaft die allermeisten machtvollen Positionen aus – sei es im Staat, der Wirtschaft oder in der eigenen Familie und in der Freund*innenclique. Dabei profitieren einige Männer mehr davon – die Kapitalisten, die so die Arbeiter*innenklasse spalten und ihre Profite erhöhen – und andere weniger – Arbeiter, die zwar in ihrem Privatleben einige Privilegien gegenüber Frauen haben, aber letztlich unter der Spaltung ihrer Klasse leiden.

Oft haben Witze und Angriffe auf Männer dabei trotzdem einen sexistischen Hintergrund – weil sie Männer dafür bestrafen, zu „weiblich“ zu sein. Da Frauen in unserer Gesellschaft unterdrückt werden, gilt „frauentypisches“ Verhalten als weniger wertvoll. Männer sollen sich laut den herrschenden Vorstellungen dafür glücklich schätzen, Männer sein zu dürfen. Wenn sie sich dann doch „weiblich“ verhalten, stellt das öffentlich die Gleichung „Männlich sein gleich besser und wichtiger sein“ und eine klare Rollenverteilung in Frage und das kann nicht hingenommen werden. Interessanterweise sind dabei meistens auch Männer die Täter.

Es entstehen auch Nachteile für Männer dadurch, dass ihnen die Rolle des dominanten Mackers und Familienernährers zugewiesen wird: Jungs dürfen keine Gefühle zeigen. Väter verbringen weniger Zeit mit ihren Kindern. Männer sterben im Schnitt früher, unter anderem weil es stressig ist, der Hauptverdiener zu sein. Ganz zu schweigen davon, was Kriegs- und Militärdienst mit Männern anrichtet. Das ist die Kehrseite einer Medaille, die Männern sonst viele Vorteile und Privilegien einbringt.

Kampf dem Sexismus!

Klar ist, dass Männer – in unterschiedlichem Ausmaß – Privilegien besitzen. Die machen sie aber nicht unbedingt glücklich, weil sie auch Männer in enge Rollen pressen. Der Kampf gegen die Frauenunterdrückung und damit gegen diese Rollen bringt also auch Verbesserungen in der Lebensqualität von Männern mit sich, obwohl er gegen ihre kurzfristigen Interessen geführt wird.

Längerfristig liegt dieser Kampf deswegen klar im Interesse aller Männer – außer jener der herrschenden Klasse – weil Sexismus zur Spaltung führt. Diese Spaltung rückt den Sieg über den Kapitalismus in weite Ferne. Und der Kapitalismus bietet auch für die Masse der Männer nur knallharte Ausbeutung, gepaart mit dem ungenügenden Zuckerstück, Frauen unterdrücken zu dürfen.

Um gegen Frauenunterdrückung zu kämpfen, braucht es die Selbstorganisierung von Frauen*. Frauen* müssen die Möglichkeit haben, sich über ihre Unterdrückung und die Strategien des Kampfes dagegen bewusst zu werden. Sie müssen eigene Forderungen aufstellen können. Deshalb war es vielleicht ärgerlich für meinen Bekannten, nicht mit mir und den anderen Frauen* bei diesem einen Workshop diskutieren zu dürfen. Aber letztendlich können nur so wir beide befreit werden.

Und noch eine kurze Nachbemerkung: Manchmal reagiere ich auf die Aussage, es gäbe Sexismus gegen Männer aggressiver, als es nötig wäre. So wie mir geht es sicher einigen. Das liegt daran, dass diejenigen, die am lautesten „Das ist sexistisch gegen Männer!!!“ schreien, oft sogenannte Männerrechtler sind. Sie benutzen diesen Ausruf, um jegliche Diskussion über Gewalt und Benachteiligung von Frauen zu ersticken. Für sie ist es sexistisch, wenn ich sage, dass viele Frauen Gewalt durch Männer erfahren, weil sie behaupten, ich würde damit sagen, alle Männer seien Vergewaltiger. Ihnen geht es nicht darum, das Leben von Männern zu verbessern. Sie wollen eigentlich nur das Recht der Männer, Frauen zu unterdrücken, verteidigen.

4 thoughts on “Gibt es Sexismus gegen Männer?

  1. seinswandel sagt:

    Ein Problem mit dieser Diskussion ist, dass der Begriff ‚Sexismus‘ so breit verwendet wird. Oft werden z.B. frauenfeindliche Äußerungen als sexistisch bezeichnet. Dieser Sprachgebrauch ist weit verbreitet. Ich würde mit dem Begriff Sexismus eine strukturelle Diskriminierung auf Grund des Geschlechts bezeichnen, also eine eine systematische, regelhafte, andauernde, strukturelle Benachteiligung oder Herabwürdigung auf Grund der Kategorie Geschlecht. Das deckt sich weitestgehend mit der Formel Vorteil+Macht. Das betrifft meines Erachtens zwar mehrheitlich aber nicht nur Frauen. Männer sind beispielsweise deutlich häufiger von Gefängnisstrafen und Obdachlosigkeit betroffen. Das wäre ein typisches Beispiel für eine sozial-strukturelle Benachteiligung wie es etwa auch die geringere Entlohnung von Frauen ist. Die Aussage „Männer sind privilegiert“ finde ich daher in dieser Pauschalität nicht zutreffend. Präziser wäre es zu sagen, Männer sind mehrheitlich oder im Durchschnitt im Vergleich zu Frauen in einer priviligierten Position.
    Nachdem der Co-Pilot das Flugzeug in den Alpen zum Absturz brachte und damit sich und alle Insassen tötete, forderte Luise Pusch in der Emma eine Frauenquote für Cockpits. Sie stellte damit männliche Piloten unter einen Massenmörder-Generalverdacht, dem durch die Anwesenheit einer Frau Abhilfe geschaffen werde könne. Das wäre ein Beispiel für eine männerfeindliche Äußerung.

  2. vonStaatsSexismusBetroffener sagt:

    Ihre Meinung kann ich so gar nicht teilen. Ich erfahre täglich was Sexismus gegen Männer bedeutet, wenn ich meine Tochter nicht sehen darf. 90% der „alleinerziehenden“ sind Frauen. Das ist staatlich geförderter Sexismus gegen Männer, der sich ganz leicht aus ihrer propagierten der Formel SEXISMUS=VORURTEIL+MACHT ergibt. VORUTEILe ->“Die wichtigste Bezugsperson für das Kind ist die Mutter“, „Väter kümmern sich doch eh nicht um ihre Kinder“, usw. die Anzahl an Vorurteilen bezüglich Kinder und Kindeserziehung der man sich als Mann in unserer Gesellschaft ausgesetzt sieht ist extrem groß und vollkommen in den Köpfen der Staatsorgane und Beratungsorganisationen verankert. MACHT: Die alleinige Macht bei der Kindeserziehung liegt bei der „alleinerziehenden“ Mutter. Familiengerichte, Jugendämter und Beratungen sind bei einem Informationsstand aus den 50er Jahren. Das dies anders geht beweisen Länder wie Frankreich, Belgien, Italien, Tschechien, Slowakei, Dänemark, Schweden, Norwegen, Spanien, Griechenland, USA, Kanada und Australien in denen das Wechselmodell zum Umgang gesetzlich verankert ist. Das in Deutschland praktizierte Residenzmodell ist einfach nur Kinder- und Männerfeindlich.

    Im Übrigen wurde ich schon persönlich von Richterinnen vom Familiengericht durch klar sexistische Äußerungen vor den Kopf gestoßen.

    Auch die Tatsache, dass man als unehelicher Vater in Deutschland einen Antrag auf Sorgerecht stellen darf und nicht von Geburt und mit Annerkennung der Vaterschaft das Sorgerecht, wie in den meisten Ländern der Welt üblich, erhält, ist ganz klassischer Sexismus von Staatswegen. So einer Art des Sexismusses von Staatswegen sieht sich eine Frau in Deutschland nicht ausgesezt.

  3. nora sagt:

    Ich möchte die Diskussion die ich hier (https://www.klassegegenklasse.org/deutsche-justiz-bestraft-frau-dafuer-ihre-legalen-rechte-auszuueben-gina-lisa-verurteilt/?rkj=1) mit angestoßen habe, bei diesem Artikel fortführen, da dies gut aufeinander aufbaut:

    1. Ich möchte die Überlegungen der Autorin unterstützen, dass es für eine strukturelle Diskuriminierung eine strukturellen Bau braucht. Diskriminierung ist nunmal nicht gleich Unterdrückung. So far.

    Besonders möchte ich diesen Satz hervorheben: „Längerfristig liegt dieser Kampf deswegen klar im Interesse aller Männer – außer jener der herrschenden Klasse – weil Sexismus zur Spaltung führt. Diese Spaltung rückt den Sieg über den Kapitalismus in weite Ferne. Und der Kapitalismus bietet auch für die Masse der Männer nur knallharte Ausbeutung, gepaart mit dem ungenügenden Zuckerstück, Frauen unterdrücken zu dürfen.“

    Und hinzufügen: Nicht nur aus Klassenperspektive, sondern auch aus einer anti-patriarchalen Perspektive haben Männer ein EIGENES Interesse sich gegen patriarchale Scheiße zu wehren (siehe meinen anderen Kommentar).

    Was ich nicht verstehe ist, wie die Autorin hierauf kommt:

    2. „Um gegen Frauenunterdrückung zu kämpfen, braucht es die Selbstorganisierung von Frauen*. Frauen* müssen die Möglichkeit haben, sich über ihre Unterdrückung und die Strategien des Kampfes dagegen bewusst zu werden. Sie müssen eigene Forderungen aufstellen können. Deshalb war es vielleicht ärgerlich für meinen Bekannten, nicht mit mir und den anderen Frauen* bei diesem einen Workshop diskutieren zu dürfen. Aber letztendlich können nur so wir beide befreit werden.“ Aus der Analyse folgt NICHT zwangsläufig eine NOTWENDIGE seperate ‚Frauenorganisierung‘. Ich finde es wichtig, wie die Autorin beschreibt, dass sich Frauen auch selbtorganisieren dürfen, dass sich Menschen die aus x gründen einen gemeinsamen Raum brauchen, diesen auch bekommen. Daraus folgt aber keine Bewegung. Sondern ggf. halt nur ein Austausch.

    Ja, auch ich finde es manchmal angenehm mich nur unter Frauen zu bestimmten Themen auszutauschen. Wenn diese Räume entstehen dann meist um Themen bezogen auf unser Erleben als Frauen in dieser Gesellschaft zu diskutieren. Ich verabrede mich mit Genoss*innen um z.B. über Strategien im Umgang mit street harassment zu sprechen, aber auch um sie zu insiprieren als Frauen, als Kommunistinnen etwas zu tun. Männliche Genossen haben das ganza ndere Eingreifmöglichkeiten. Meist weniger, denn: Männer werden leichter von anderen Männern verbal und physisch angegriffen als Frauen. Und viele männliche Genossen wollen nicht paternalistisch auf Sexismus reagieren. Und dafür brauchen wir dann doch ziemlich bald gemeinsame Räume mit den Genossen: Was können wir tun? Punktuell aber auch langfristig? Was für eine Art Theorie und Praxis braucht es als Marxist*innen um Antworten auf z.B. sexistische Gewalt gegen Frauen(*) zu finden?

    Die Möglichkeit unterschieldicher (erfahrungs-)Räume um den Austausch zu bestimmten Themen teils erst möglich zu machen ist wichtig. Daraus entsteht für mich aber noch keine Frauenbewegung. Wo bleiben dann die Männer? Sollenw ir als Frauen(*) die Männer mitbefreien? Müssen sie das nicht selber als Arbeiter(*) tun?

    2. Ein Problem was bereits seinswandel vor einigen Monaten angemerkt hat, sehe ich auch: Die Pauschalisierung von ALLEN Männern als priviligiert. Das ist gefährlich, da auch hier wieder Monolithen geschaffen werden. Es ist nicht einfach nur „schlimm“ dass viele Männer sich mit patriarchalen Annahmen („Männer sind stärker“, „Männer verdienen schon das Geld“) rumschlagen müssen. Auch das hat System udn geht – wie von der Autorin richtig beschrieben – zu der anderen Seite der Medaille die Männenr auch unglaublich viel soziale Macht über Frauen(*) und Kindern einräumt. Das macht das Ganze zwar nicht sexistisch, da stimme ich auch zu, sollte aber genauso von uns als Revolutionär*innen bekämpft werden. Eine differenzierende Haltung sollte nicht pauschalisieren.

    @vonStaatsSexismusBetroffener: Was du erlebst ist Teil einer patrirchalen Logik. Ja. Jedoch kein Sexismus weil es dafür auf die Mehrheit der gesellschaftlichen Institutionen (nicht nur staatliche) ausgeweitet werden müsste. Das tut es aber nicht. Es gibt keine mehrheitliche Unterdrückung von Männern/ alleinerziehenden Vätern etc. – Deine Kritik an dem staatlichem Umgang ist richtig. Die Analyse einer sexistsichen Struktur aufgrund der Fehlenden Verallgemeinerung für alle Männer, nicht.

  4. Stefan aus HH-Barmbek sagt:

    Vorweg zur Info: Ich bin schwul. Da ich als Mann laut Artikel ja offensichtlich keinem Sexismus ausgesetzt sein kann, frage ich mich, ob du/Sie mich nicht als Mann wahrnimmst. Was bin ich denn? Oder ist mein Empfinden von erlebtem Sexismus deiner/Ihrer Meinung nach falsch? Ich kann nicht überall frei mit meinem Freund rumlaufen und sein wie ich will. Dumme Sprüche gibts da regelmäßig und Gewalt ist leider auch nicht unbekannt. Meiner Meinung kann Sexismus auch Männer betreffen! Auch wenn wir Schwule nur ein kleiner Teil der Männer sind, möchte ich trotzdem als Mann wahrgenommen werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.