Frauen und LGBTI*

#FreedomforSisters: Kampf der bürgerlichen Justiz!

Die Schwestern Krestina, Angelina und Maria Chatschaturjan haben im Juli 2018 ihren 57-jährigen Vater Michail Chatschaturjan erstochen und erschlagen, nachdem sie jahrelange Erniedrigung, sexualisierte Gewalt und Missbrauch durch ihn erleiden mussten. Nun stehen die armenischen Schwestern in Moskau vor Gericht und sind des Mordes angeklagt.

#FreedomforSisters: Kampf der bürgerlichen Justiz!

Die Schwest­ern Kresti­na, Angeli­na und Maria Chatschatur­jan haben im Juli 2018 ihren 57-jähri­gen Vater Michail Chatschatur­jan erstochen und erschla­gen, nach­dem sie jahre­lange Erniedri­gung, sex­u­al­isierte Gewalt und Miss­brauch durch ihn erlei­den mussten. Nachbar*innen und Ver­wandte wandten sich im Laufe der Jahre an die Behör­den — ohne Kon­se­quen­zen. Michail Chatschatur­jan soll zusät­zlich gute Kon­tak­te zur örtlichen Polizei gehabt haben. Nun ste­hen die armenis­chen Schwest­ern in Moskau vor Gericht und sind des Mordes angeklagt. Zur Tatzeit waren die drei Über­leben­den 19, 18 und 17 Jahre alt. Den bei­den älteren dro­hen 20 Jahre Haft. Die jün­gere soll in eine Psy­cha­trie zwang­seingewiesen wer­den.

Den Selb­stvertei­di­gungsakt gegen ihren Vater bestre­it­et keine der drei Schwest­ern. Als Michail Chatschatur­jan eines Tages im Som­mer 2018 im Fernsehses­sel des Wohn­haus­es am nördlichen Stad­trand von Moskau ein­schlief, erschlu­gen und erstachen die drei Schwest­ern ihren Verge­waltiger und Mis­shan­dler. Angeli­na Chatschatur­jan ist sich sich­er: Son­st hät­ten die Schwest­ern irgend­wann mit dem Leben zahlen müssen.

Jahre­lang hat der Vater seine drei Töchter bru­tal mis­shan­delt, einges­per­rt und sex­uell miss­braucht. Die jun­gen Frauen wur­den wie Sklavin­nen behan­delt. Nachbar*innen, Bekan­nte und Ver­wandte wussten von den Mis­shand­lun­gen und ver­ständigten die Polizei. Diese blieb jedoch taten­los.

Die Ermit­tlungs­be­hör­den gehen von vorsät­zlichem Mord mit vorheriger Absprache aus, während die Vertei­di­gung auf spon­tane Tötung in Notwehr plädiert. Auch wenn die Schwest­ern sich bewusst für die Tötung ihres Vaters entsch­ieden, han­delt es sich um einen Akt der Selb­stvertei­di­gung, weil sie bei Flucht den eige­nen Tod fürcht­en mussten und die Behör­den sowie die örtliche Polizei ihnen nicht zur Hil­fe kamen. Die Anklage zum Mord ignori­ert den Aspekt der Selb­stvertei­di­gung, was in Anbe­tra­cht des Falls eine groteske Ver­drehung der Tat­sachen ist.

Die Zahlen von geschlechter­be­zo­gen­er Gewalt, Gewalt gegen Kinder und Fem­izide in Rus­s­land sind erschreck­end, wie die Tageszeitung (Taz) im Juli 2019 berichtete: 36.000 Frauen lei­den jeden Tag unter direk­ter physis­ch­er Gewalt von ihrem Part­ner; 26.000 Kinder wer­den täglich von ihren Eltern mis­shan­delt; knapp alle 40 Minuten kommt in Rus­s­land eine Frau durch geschlechter­be­zo­gene Gewalt ums Leben. Ins­ge­samt ster­ben etwa 12.000 Frauen jährlich an den Fol­gen dieser Gewalt. Dabei geschehen nach offiziellen Angaben 40 Prozent aller Kör­per­ver­let­zun­gen in Rus­s­land inner­halb der eige­nen vier Wände. Sta­tis­tiken von NGOs zeigen dabei, dass rund 90 Prozent der Fälle über­haupt nicht bekan­nt wer­den.

Rus­s­land ist nicht das einzige Land, indem die Gewalt an Frauen erschreck­end hoch ist. Gewalt gegen Frauen ist sehr ver­bre­it­et, beson­ders gegen Mäd­chen und junge Frauen. Zu der psy­chol­o­gis­chen, physis­chen, sex­u­al­isierten Gewalt und der Gewalt am Arbeit­splatz kom­men Frauen­morde, in vie­len Län­dern der Erde eine der Haupt­todesur­sachen für junge Frauen dazu. Für die Mehrheit dieser Ver­brechen sind Män­ner ver­ant­wortlich, die dem Opfer nahe standen. Sie sind das let­zte – tödliche – Glied in ein­er lan­gen Kette der Gewalt, die ihre Wurzel in der patri­ar­chalen Gesellschaft hat und die sich durch den kap­i­tal­is­tis­chen Staat und die Insti­tu­tio­nen seines Herrschaft­sregimes repro­duziert und legit­imiert.

Unter Fed­er­führung der recht­en Abge­ord­neten Jele­na Boris­sow­na Misuli­na von der Partei Gerecht­es Rus­s­land der putin­treuen Opposi­ton, erließ der rus­sis­che Präsi­dent Valdimir Putin 2017 ein Dekret, welch­es die Strafe für Mis­shand­lun­gen inner­halb der Fam­i­lie abschwächte. Seit­dem wird gegen Erst­täter nur noch eine Geld­strafe statt ein­er Haft­strafe ver­hängt. Boris­sow­na Misuli­na ist durch ihre frauen- und homofeindliche Poltik auch inter­na­tion­al bekan­nt: Sie lehnt die rechtliche Gle­ich­stel­lung homo­sex­ueller Part­ner­schaften ab und fordert, dass gle­ichgeschlechtlichen Paaren die Kinder ent­zo­gen wer­den dür­fen.

Die Verzwei­flung­stat zeigt den starken Über­lebenswillen der Schwest­ern. Nun sitzen sie getren­nt voneinan­der im Hausar­rest in Moskau. Sie dür­fen mit nie­man­dem reden — auch nicht miteinan­der.

Wir von Brot und Rosen sol­i­darisieren uns mit Kresti­na, Angeli­na und Maria und fordern ihre sofor­tige Freilas­sung und den selb­st­bes­timmten Zugang zu medi­zinis­ch­er Unter­stützung, Ther­a­pie und psy­chol­o­gis­ch­er Begleitung für die jun­gen Frauen.

Fälle von geschlechtsspez­i­fis­ch­er Gewalt, oft als “häus­liche Gewalt” verk­lärt, wer­den in Rus­s­land, wie auch son­st auf der Welt, kaum ver­fol­gt. Wenn sich Frauen jedoch mit Gewalt zur Wehr set­zen, dro­hen ihnen hohe Strafen.

Kresti­na, Angeli­na und Maria sind trotz­dem erle­ichtert: Sog­ar die Jahre hin­ter Git­tern seien bess­er für sie, als weit­er­hin von ihrem Vater mis­shan­delt zu wer­den.

Als inter­na­tion­al­is­tis­che, sozial­is­tis­che, fem­i­nis­tis­che Grup­pierung von Frauen und Queers fordern wir von allen Regierun­gen die Durch­set­zung aller nöti­gen Maß­nah­men zur Lin­derung der Kon­se­quen­zen sex­is­tis­ch­er Gewalt und zur Ver­hin­derung von Mor­den an Frauen und Queers, sowie Zuflucht­sorte für Über­lebende! Diese Forderun­gen sind wichtig, um min­destens Teile der bru­tal­en Kon­se­quen­zen dieser Gewalt für Frauen, Queers und Kinder zu lin­dern – eine kom­plette Abschaf­fung patri­ar­chaler Gewalt wird inner­halb eines Sys­tems, welch­es kap­i­tal­is­tisch pro­duziert und somit die Aus­beu­tung des Men­schen durch den Men­schen als ewige Formel festzuschreiben ver­sucht, unmöglich sein.

In unserem inter­na­tionalen Man­i­fest schreiben wir:

Dieser Staat ist nicht neu­tral, son­dern kap­i­tal­is­tisch. Er ist der Garant der gewalt­samen Aus­beu­tung der Lohnar­beit von Mil­lio­nen von Men­schen durch die par­a­sitäre Min­der­heit der herrschen­den Klasse. Der bürg­er­liche Staat basiert auf dem Schutz des Pri­vateigen­tums durch Ausübung des Gewalt­monopols gegen die Aus­ge­beuteten. Von eben diesem Staat wird also ver­langt, Ungerechtigkeit gegen Frauen anzuerken­nen und die Täter zu bestrafen.

Der bürg­er­liche Staat hat als Gesamtkap­i­talst kein Inter­esse an der Beendi­gung von Gewalt und Ungerechtigkeit, denn er sel­ber basiert auf gewaltvoller, sys­tem­a­tis­ch­er Aus­beu­tung und Unter­drück­ung. Der Fall von Kresti­na, Angeli­na und Maria zeigt erneut, wie ein auf Grund­lage patri­ar­chal-kap­i­tal­is­tis­ch­er Inter­essen geschaf­fen­er bürg­er­lich­er Staat Frauen und Mäd­chen nicht schützt, son­dern sie bei Gewalt alleine lässt und bei Selb­stvertei­di­gung einkerk­ert.

Wir sagen: Wenn sie eine von uns angreifen, organ­isieren wir uns zu Tausenden. Lasst uns die Organ­isierung von kämpferischen fem­i­nis­tis­chen Bewe­gun­gen vorantreiben, die unab­hängig vom Staat und von den poli­tis­chen Parteien des kap­i­tal­is­tis­chen Regimes sind. Das ist die einzige Option, die uns als pro­le­tarische Frauen und Queers bleibt, um die sex­is­tis­che Gewalt zu kon­fron­tieren und tat­säch­lich zu stop­pen.

In tiefer Wut über den Umgang des rus­sis­chen Staates mit Kresti­na, Angeli­na und Maria rufen wir alle fem­i­nis­tis­chen und alle klassenkämpferischen Grup­pen und Organ­i­sa­tio­nen dazu auf, sich an ein­er inter­na­tionalen Foto-Kam­pagne zu beteili­gen — hier find­et ihr Druck­vor­la­gen auf Rus­sisch, Armenisch, Deutsch, Englisch und weit­eren Sprachen. Gerne kön­nt ihr unter dem Hash­tag #Free­dom­for­Sis­ters auch eure eige­nen Sol­i­dar­itäts­botschaften ver­fassen und ver­bre­it­en.

Wir fordern: Frei­heit für Kresti­na, Angeli­na und Maria! Sol­i­dar­ität mit den Über­leben­den patri­ar­chaler Mis­shand­lung und Gewalt! Für das Recht auf Selb­stvertei­di­gung aller Unter­drück­ten!
Schluss mit Gewalt gegen Frauen! Ni una menos! Wir wollen leben!

Nehmt auch ihr an der Kam­pagne teil!

#Free­dom­for­Sis­ters

#Bro­tun­dRosen

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