Brot und Rosen

Feminismus und Coronavirus: Was ist jetzt zu tun?

Der Feminismus warnte bereits vor der brutalen Prekarisierung gesellschaftlicher Reproduktionsarbeit, die vor allem Frauen trifft, sowie vor dem Widerspruch zwischen Leben und Profit im Kapitalismus. Nun bestätigt die Pandemie diese Diagnosen. Was sollen wir also tun?

Feminismus und Coronavirus: Was ist jetzt zu tun?

Die von der Covid-19-Pandemie ausgelöste Gesundheitskrise überschneidet sich mit einer seit langem bestehenden kapitalistischen Krise und beschleunigt diese. Wie Matías Maiello in „Pandemie und Kapitalismus, der Kampf der Arbeiter*innenklasse an zwei Fronten“ feststellt, hat die Pandemie „das prekäre Gleichgewicht zerbrochen, das der Kapitalismus zuletzt mit sich geschleppt hatte: rezessive Tendenzen, fehlende neue Akkumulationsmotoren, mit wachsenden geopolitischen Spannungen und einen breiten Zyklus von Aufständen“. So sehr wie wahrscheinlich nie zuvor wurde deutlich, dass diese Krise „nicht etwa nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine ökologische, politische und auf die gesellschaftliche Reproduktion bezogene“ ist1.

Wenn wir uns auf diesen letzten Aspekt konzentrieren, können wir ohne Zweifel sagen, dass der Coronavirus Millionen Menschen vor Augen geführt hat, wie brutal und gnadenlos das kapitalistische System die gesellschaftliche Reproduktion der unaufhörlichen und massiven Produktion von Waren unterordnet. Das dient dem Ziel, dass einige wenige ihre Profite durch die Ausbeutung der Arbeit von Millionen, deren Leben währenddessen immer prekärer wird, immer weiter steigern können. Die Langsamkeit, mit der die überhaupt nicht lebensnotwendigen Tätigkeiten in vielen Ländern gestoppt wurden und die Schnelligkeit, mit der diese Maßnahme entgegen aller Warnungen von Epidemiolog*innen wieder aufgehoben wurde und mit der millionenschwere Rettungspakete für Unternehmen verabschiedet wurden während diese es nicht einmal schaffen, dem Gesundheitspersonal Mundschutz bereitzustellen: Das sind Anzeichen dafür, dass der Kapitalismus sich auf die Profite stützt, die durch die Ausbeutung der Lohnarbeit erwirtschaftet werden – auch wenn das letzten Endes dem Schutz des Lebens entgegensteht2.

Feminisierung und Entblößen der „vordersten Front“

Jahrzehntelange Privatisierungspolitik und Sparpläne haben die Gesundheitssysteme ausgelaugt – selbst in Ländern wie dem Spanischen Staat, der sich damit rühmt, eines der besten der Welt zu haben3. Die gegenwärtige Krise rückt in den Vordergrund, wie bedeutend das Gesundheitssystems für die gesellschaftliche Reproduktion ist. Sie zeigt jedoch auch, dass Bereiche, die den Kapitalist*innen keine Profite bringen – wie die Prävention oder die Erstversorgung – komplett unterfinanziert sind. Vor diesem Hintergrund ist es wenig verwunderlich, dass die lukrativen hingegen privatisiert wurden.

Frauen tragen in beiden Fällen die Hauptlast. Im ersten, dem der Pflege von Angehörigen, werden sie mit der nicht lohnförmigen Reproduktionsarbeit in den Haushalten belastet, weil sie zu den kostspieligen Alternativen keinen Zugang haben. Der andere bezieht sich auf die Zusammensetzung der Angestellten im öffentlichen Sektor, wo die Sparpläne eine Spur der Arbeitslosigkeit und -flexibilität sowie des Mangels an Gütern und Ressourcen hinterlassen haben – eine Situation, die durch die Pandemie noch verschärft wird: Sie sind mehrheitlich Frauen.

Durch die Kriegsmetaphern, die derzeit für den Kampf gegen den Coronavirus verwendet werden, wird nicht ausreichend darauf hingewiesen, dass zu den vielen Unterschieden zu konventionellen Kriegen auch zählt, dass Frauen – die in ihren Haushalten hauptsächlich für reproduktive Aufgaben zuständig sind – in diesem Krieg die Mehrheit oder einen sehr wichtigen Sektor an der „vordersten Front“ darstellen. Dazu gehören das Gesundheitspersonal, die Pflege älterer und abhängiger Personen, die Reinigung, die Herstellung und den Verkauf von Lebensmitteln und anderen grundlegenden Gütern usw. Kim Moody sagt in „Wie der Just-in-Time-Kapitalismus den Covid-19 verbreitete“, dass viele dieser Arbeiter*innen illegalisierte Migrant*innen sind: Für die imperialistischen Staaten sind sie die „Nobodies“, die sich in der Krise paradoxerweise als „essentiell“ herausstellen. Heute zeigt sich, dass die Wirtschaft und die Sorgearbeit, die täglich das Leben von Millionen von Menschen aufrechterhalten, von ihrer Arbeit abhängen.

Nach Angaben von Ärzteverbänden und des Instituts für Statistik des Spanischen Staates stellen Frauen dort 49,77% aller medizinischen Fachkräfte im Gesundheitswesen und 79% in der Pflege dar. Die Zahlen unterscheiden sich nicht wesentlich von denen anderer europäischer Länder. Das zeigt, dass die Pflege auf der weitgehend prekären, anstrengenden und mit noch schlechteren Löhnen und Budgets als noch vor einem Jahrzehnt versehenen Arbeit einer riesigen „weißen Armee“ – aufgrund der Farbe ihrer „Kampfuniformen“ – von Frauen beruht.

Heute sind sie es, die anfangen, zu zeigen, wie sich kapitalistische Irrationalität in dieser Gesundheitskrise verhält: „Wir sind auf der Straße, um persönliche Schutzausrüstung, Beatmungsgeräte und ein angemessenes Sicherheitsprotokoll für die Mitarbeiter*innen des Gesundheitswesens an der Front zu fordern. Wir haben diese Task Force gebildet, weil der Spruch „Wir stecken da alle gemeinsam drin“, den Cuomo, Trump und andere Politiker*innen, und sogar CEOs abspulen, völlig falsch ist. Wir sind es, die unsere Körper aufs Spiel setzen. Wir sind es, die unsere Familien und uns selbst in unserem Job in Gefahr bringen“, sagt Krankenpflegerin Tre Kwon vom Mount Sinai Hospital in New York, die vor der Tür des Krankenhauses von mehreren Fernsehsendern interviewt wurde.

„Wir sind sehr dankbar für den Applaus, aber wir müssen der Gesellschaft sagen, dass sie uns in einen Krieg ohne Waffen schicken“, klagt eine Pflegekraft eines Krankenhauses in Buenos Aires. „Es ist notwendig, dass das Gesundheitspersonal getestet wird. Bitte berichten Sie davon, denn so ist es“, sagt sie in die Kamera einer Nachrichtensendung hinein, die zur absoluten Primetime ausgestrahlt wird. Und sie schließt mit den Worten: „Wir sind keine Helden, wir sind prekarisierte Arbeiter“. Eine spanische Ärztin warnt die Presse: „Ohne Schutzausrüstung werden wir erst uns und dann andere infizieren“. Und sie fügt hinzu: „Solange wir dieses Material nicht für alle Arbeiter*innen, sondern nur für das Gesundheitspersonal haben, wird das Problem weiterbestehen“.

Von einem Ende der Welt zum anderen wird die verzweifelte und dringende Forderung nach persönlicher Schutzausrüstung (PSA) wiederholt. Denn obwohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Ausbruch des Covid-19 schon vor Wochen zu einer Pandemie erklärt hat, ist sie vielerorts noch immer unzureichend – oder fehlt. Und doch sind weder Bosse noch Regierungen in der Lage auf eine solch grundlegende Forderung zu reagieren.

Einheit im Streik: „Tut es auch für uns!“

Als italienische Arbeiter*innen am 25. März im Rahmen eines Generalstreiks zur Schließung nicht lebensnotwendiger Fabriken und Betriebe aufriefen, prangerten 400 Krankenpfleger*innen den Mangel an Schutzausrüstung und die Aussetzung aller ihrer Arbeitsrechte an: „Die Zeit ist reif für einen Streik! Gesundheit und Sicherheit müssen an erster Stelle stehen! Obwohl es sich bei unserem Streik um einen symbolischen handeln wird, bitten wir euch, zu streiken. Damit viele es tun, damit ihr es auch für uns tut“4.

Die internationale Gesundheitskrise, die wir heute durchleben, macht deutlicher als je zuvor: Ohne die Einheit der Arbeiter*innen aus den verschiedenen lohnabhängigen Bereichen der Reproduktion und Produktion wird es viel schwieriger, die Gleichung Kapital gegen Leben, mit der der Profitdurst der Kapitalist*innen sein tödliches Chaos und Ungleichgewicht aufzwingt, in die Schranken zu weisen. Selbst mit dem enormen und verdienten – während der Pandemie gestiegenen – sozialen Prestige, das der Gesundheitssektor erlangt hat, hat er – von sich aus – nicht die Kraft, seine elementaren Forderungen durchzusetzen.

Auf den Straßen des New Yorker Viertels Harlem fordert Tre Kwon vor den Fernsehkameras etwas, das über die Krankenstation hinausgeht; das aber selbst dafür, dass es PSA für alle Beschäftigten im Gesundheitswesen gibt, eindeutig unverzichtbar ist: „Was wirklich notwendig ist, ist dass die verarbeitende Industrie verstaatlicht und unter vollständige öffentliche Kontrolle gestellt wird – eigentlich unter die demokratische Kontrolle der Arbeiter*innen. Das wäre der einzige vernünftige Weg, auf diese Krise zu reagieren. GM – all diese Konzerne sitzen herum und warten auf ihr Paket von der Bundesregierung… Aber letztendlich ist eine zentralisierte, koordinierte Planung erforderlich, aber nicht in den Händen von Trump. Trump ist ein weiterer rassistischer, milliardenschwerer Boss, der auch seine eigenen Interessen vertritt. Die Industrie muss wirklich unter der Kontrolle der Öffentlichkeit, der Arbeiter*innenklasse, stehen“.

Ein wirklich antikapitalistischer Feminismus sollte scharf darauf hinweisen, dass die Krankenpflegerinnen in New York, die anfangen, die Notwendigkeit der Arbeiter*innenkontrolle für die Produktion von PSA zu benennen, heute genauso unentbehrlich sind, wie die Arbeiterinnen einer Textilgenossenschaft im argentinischen Patagonien, die ihre Werkstatt umstrukturiert haben, um Mundschutz herzustellen. Vor allem aber muss er darauf hinweisen, dass die essentielle Rolle, die diese Arbeiterinnen heute spielen, ihnen eine enorme Autorität verleiht. Eine Autorität, die ihnen ermöglicht, nicht nur die Bevölkerung, sondern auch andere Berufsgruppen zur Unterstützung aufzurufen. Diese können sich für die Gesundheit der Bevölkerung einsetzen und den Kampf für Maßnahmen, die über die Mauern des Krankenhauses hinausgehen, in die Hand nehmen: in jedem Betrieb Gesundheits- und Hygienekomitees, die sich aus den Beschäftigten zusammensetzen, durchzusetzen, um zu gewährleisten, dass sich der Virus nicht weiter ausbreitet; Arbeitslose einzugliedern, um mehr lebensnotwendige Gütern zu produzieren, ohne dabei die Löhne zu senken; die Kontrolle über Fabriken zu übernehmen, die schließen oder Arbeiter*innen entlassen, um den Verlust von Arbeitsplätzen und die Verarmung weiterer Familien zu vermeiden und für die Verstaatlichung der lebensnotwendigen Industrien und Dienstleistungen sowie für die Umstrukturierung der Produktion von Unternehmen, die nicht lebensnotwendige Güter herstellen, zu kämpfen, um sie im Kampf gegen diese Pandemie in den Dienst der Bedürfnisse der Bevölkerung zu stellen. All dies sind Notfallmaßnahmen, die keine Regierung der kapitalistischen Demokratien der Welt bereit sein wird, zu ergreifen, weil sie die Interessen des Großkapitals angreifen.

Die Einheit der Arbeiterinnen (und Arbeiter) der gesellschaftlichen Reproduktion und der Arbeiter (und Arbeiterinnen) der Produktion wird zu einer Waffe im Kampf gegen den Kapitalismus, auf die nicht verzichtet werden kann. Er selbst war es, der diese Sphären miteinander verbunden hat – natürlich im Dienst seiner eigenen Interessen.

Nach langen Jahrzehnten der Produktionsverlagerung in periphere Länder einerseits und des Ausbaus von Logistik, Transport und Hauslieferdiensten in zentralen Ländern andererseits, zeigt die Gesundheitskrise, dass Krankenpfleger*innen, die ihr Leben an der „vordersten Front“ der Krankenhäuser in Madrid, New York oder Buenos Aires schützen müssen, auf die Arbeit der Textilarbeiter*innen in Peking angewiesen sind, für die das Produktionstempo in den letzten Wochen gestiegen ist5. Und jene kostbaren Güter, die heute das Leben derer schützen sollten, die das Leben schützen, zirkulieren durch ein ausgedehntes internationales Netz von Arbeiter*innen (in ihrer Mehrheit Männer), die sich ebenfalls der Ansteckung aussetzen und ihre Rechte einfordern.

Der Neoliberalismus hat mit seinen neuen Versorgungskreisläufen zwar das Entstehen dieser Pandemie – sowie auch anderer künftiger, von einigen Wissenschaftler*innen bereits vorhergesagter Pandemien – ermöglicht, doch hat er auch neue strategische Positionen der Arbeiter*innenklasse und damit neue Anfälligkeiten für das Kapital im globalen Maßstab geschaffen. Auf der Suche nach billigeren, schutzlosen und entrechteten Arbeitskräften wurde Mundschutz für die ganze Welt in China hergestellt. Aber selbst wenn die Nähmaschinen den Rhythmus ihrer Nadelschläge schwindelerregend erhöhen, muss Mundschutz in Container verladen, auf Schiffen transportiert, in anderen Häfen entladen, in Lastwagen umgeladen, in Lagerhäusern eingelagert und als Fracht verteilt werden, bis er in die Hände von Tre und ihren Kolleg*innen in New York gelangt. Ein Kreislauf, in den Tausende von Arbeiter*innen involviert sind, um kapitalistische Profite sicherzustellen – oder um für seine Unterbrechung zu sorgen.

Aber Mundschutz, Kittel, künstliche Beatmungsgeräte, Intensivbetten, ja sogar die Krankenhäuser selbst könnten auch genäht, hergestellt und gebaut werden, wenn die Arbeiter*innenklasse die großen Unternehmen der Bekleidungsindustrie, die multinationalen Konzerne der Automobilindustrie und die gigantischen Rüstungsfabriken in ihre eigenen Hände nehmen, sie entsprechend den gesellschaftlichen Bedürfnissen umstrukturieren und gleichzeitig die Prekarisierung und Arbeitslosigkeit weiter Teile der Bevölkerung bekämpfen würde.

Einige Frauen an der „Front“ haben folgende Botschaft an ihre Klassengeschwister geschickt: „Tut es für uns“. An der Stelle, an die das kapitalistische System sie stellt, ist es ihnen heute unmöglich, ihre (Für-)Sorgearbeit niederzulegen, um ihren Forderungen Gehör zu verschaffen. Aber die gesellschaftliche Anerkennung, die sie inmitten dieser Pandemie erlangt haben, stärkt und verstärkt ihre Stimme: vor Millionen von Lohnabhängigen, vor ihren Schwestern in einer Arbeiter*innenklasse, die in den letzten Jahrzehnten einen intensiven Prozess der Feminisierung durchlebte und vor der Bevölkerung, deren Leben von ihrer aufopferungsvollen Arbeit abhängt.

Es gibt kein Vakuum, sondern politischen Kampf

Jeff Bezos, der CEO von Amazon, fügte in diesen ersten Monaten des Jahres seinem bereits unermesslichen Vermögen weitere 24 Milliarden Dollar hinzu. Die Quarantäne, die Millionen von informellen Arbeiter*innen ins Elend stürzte und die Sektoren, die von einer Subsistenzwirtschaft abhängen, noch weiter verdammte, erlaubte ihm, die Ausbeutung seiner Arbeiter*innen noch weiter zu verstärken und seinen Reichtum zu vervielfachen. Wenn wir sagen: „Die Kapitalist*innen müssen für die Krise bezahlen“, dann meinen wir damit, dass es den Arbeiter*innen an der „Front“ nicht an Masken mangeln darf, während der reichste Mann der modernen Geschichte kolossale Zusatzgewinne anhäuft.

Aber das muss man durchsetzen. Das Potential der Arbeiter*innenklasse – die zunehmend feminisiert und rassifiziert ist –, das Funktionieren der Wirtschaft zu stören und somit die kapitalistischen Profite zu beeinträchtigen, Bündnisse mit anderen unterdrückten Massensektoren einzugehen und eine neue Gesellschaftsordnung aufzubauen, die auf der Befriedigung der Bedürfnisse der großen Mehrheiten und nicht auf dem Profitstreben einer Minderheit und einer parasitären Klasse beruht, entwickelt sich nicht in einem Vakuum, sondern durch das Überwinden von Hindernissen. Neben den Bossen wird die Arbeiter*innenklasse in ihrem Kampf um ihr/unser Leben auch die Gewerkschaftsbürokratien loswerden müssen, die kapitalistische Ausbeutung akzeptieren und die Kampfkraft der Arbeiter*innenklasse auf eine Verhandlung des Grades der Ausbeutung beschränken statt sie für deren Bekämpfung vorzubereiten. Als Agent*innen der Kapitalist*innen in der Arbeiter*innenbewegung fordern sie die Basis heute dazu auf, Suspendierungen, prekäre Arbeitsbedingungen und Kürzungen zu akzeptieren, um größere Übel zu vermeiden. Das heißt, dass sie die Arbeiter*innenklasse demoralisieren, damit die Antworten der Bosse, die ihre Unternehmen retten wollen, weiterhin triumphieren und die Mehrheit der Bevölkerung weiterhin für die Krise bezahlen muss.

Aber die Arbeiter*innenklasse wird sich auch dem Staat ebendieser Kapitalist*innen entgegenstellen müssen, in deren Diensten nicht nur das Gewaltmonopol steht, sondern auch die politischen Parteien, die ihre Interessen vertreten. Mittelfristig werden die Frauen an der „Front“, die in Rom und New York PSA fordern, sich nicht nur dem katastrophalen Management dieser Gesundheitskrise seitens Donald Trump oder Giuseppe Conte entgegenstellen müssen. Denn auch wegen Reformist*innen und Neo-Reformist*innen braucht es einen eigenen unabhängigen Ausweg: Sie wollen die kapitalistische Dekadenz in linker Sprache managen, indem sie mit Geschäftsleuten um die Krümel feilschen, die diese ihnen gerade in der Hoffnung anbieten, dass sich nach der Pandemie nichts ändern wird. Das ist die Rolle von Unidas-Podemos, die die neoliberale PSOE in der Regierung des Spanischen Staates unterstützt. Und obwohl er nicht die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten erreicht hat, ist es auch die, die Bernie Sanders erfüllt hat. Mit seinem Wahlkampf, der von großen Teilen der Bevölkerung getragen wurde, aus dem er sich aber schließlich zurückzog, um den Kandidaten des Establishments, Joe Biden, zu unterstützen, spielte er das Feigenblatt der imperialistischen Demokratischen Partei. Es ist die katastrophale Rolle, die Syriza in Griechenland während der letzten großen Krise 2008 einnahm, als sie an die Regierung kam.

Keine gemeinsame Erfahrung, keine egalitäre Gesellschaft und erst recht nicht der Kommunismus erwarten uns am Ende dieser Krise mit offenen Armen. Wir können weder glauben noch hoffen, dass sie automatisch zu einer glücklichen Welt führt. Vielmehr befinden wir uns inmitten eines Kampfes, auf den in naher Zukunft größere folgen werden. Ob wir in den Kämpfen von morgen mit genügend Kräften auf unserer Seite rechnen können, um als Sieger*innen aus ihnen hervorzugehen, hängt davon ab, ob wir es heute schaffen, sie aufbauen.

Antikapitalistische und sozialistische Feminist*innen setzen auf die Entstehung eines kollektiven Subjekts, wobei Frauen auch in „vorderster Front“ des politischen Kampfes und des Klassenkampfes zum Sturz der Kapitalist*innen, ihrer Regierungen und ihres Staates stehen. Das ist kein Wunsch, der sich aus der utopischen Vorstellung ergibt, dass die Krise zu solchen Ereignissen führen wird. Die bevorstehenden Angriffe auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Millionen von Menschen, die diese Gesundheitskrise mit sich bringen wird, sollen der arbeitenden Bevölkerung und der Jugend aufgezwungen werden, die beide bereits vor der Pandemie wichtige Kampfprozesse (an-)geführt haben, wie z.B. die anhaltenden Mobilisierungen gegen die heftige Unterdrückung der neoliberalen Regierung Piñeras in Chile, die harten Konfrontationen der armen Bevölkerung Boliviens gegen die Putschist*innen von Añez, die Proteste in Katalonien und Hongkong für das Recht auf Selbstbestimmung und der langwierige Kampf der französischen Gelbwesten gegen das prekäre Leben, die mehr als ein Jahr lang die Straßen von Paris und anderen Städten füllten, die später durch den heftigen Generalstreik im Verkehrswesen und anderen Sektoren, die Frankreich lähmten und sich gegen die von der Regierung Macron geförderte Rentenreform richteten, leergefegt wurden. Zu ihnen zählt auch eine Frauenbewegung, die in den letzten Jahren weltweit Massen mobilisiert hat.

Darüber hinaus zeigen die arbeitenden Massen bereits Widerstand gegen die Rückkehr zur Tagesordnung: Streiks in den großen Automobilfabriken und in der Luftfahrtindustrie für bezahlte Freistellungen, Streiks der prekären Jugendlichen der Lieferdienste, die Schutzausrüstung für ihre Arbeit fordern, symbolische Proteste italienischer Krankenpflegerinnen, Basisorganisation im Gesundheitswesen von New York City und Proteste in sozialen Netzwerken von Beschäftigten in Fast-Food-Ketten. Die Arbeiter*innenklasse wird die bevorstehenden Angriffe, die in der Hitze der gegenwärtigen Gesundheitskrise brodeln, nicht passiv akzeptieren. Vielmehr sehen wir in einigen Stimmen von Krankenpflegerinnen und Arbeiter*innen, die an „vorderster Front“ ihr Leben riskieren, um die Welt zu erhalten, dass die Krise den Grundpfeiler für neue Denkweisen legt.

Wenn wir eine versöhnte Gesellschaft anstreben, in der sich Reproduktion und Produktion im Einklang mit der Natur entwickeln; eine Gesellschaft, die von allen Formen der Ausbeutung und Unterdrückung befreit ist, die den großen Mehrheiten heute zusetzen, reicht es nicht aus, auf einen künftigen spontanen globalen Aufstand zu warten, der in der gegenwärtigen Krise oder der unmittelbar darauffolgenden entstehen wird. Es ist notwendig, sich jetzt darauf vorzubereiten. Ohne das Eingreifen derjenigen von uns, die für einen antikapitalistischen und sozialistischen Feminismus kämpfen, in diesen politischen Kampf, in Form des Vorschlags, den gegenwärtigen Kämpfe eine revolutionäre Perspektive zu verleihen, werden wir angesichts der nächsten härtesten Konfrontationen des Klassenkampfes, die auf uns zukommen, machtlos sein.

Der antikapitalistische Feminismus kann sich nicht darauf beschränken, festzustellen, dass arbeitende Frauen zum ersten Mal in der Geschichte fast die Hälfte der Arbeiter*innenklasse ausmachen. Er kann sich auch nicht darauf beschränken, anzuprangern, dass Frauen Opfer der schlimmsten Arbeitsbedingungen, Löhne und patriarchalen Gewalt sind. Denn Frauen sind auch diejenigen, die heute „an vorderster Front“ stehen, diejenigen, die die Menschen der Welt aus den Fenstern beklatschen und „Heldinnen“ nennen. Diese Arbeiterinnen fangen an, ihren Kolleg*innen zu sagen, dass sie, um zu siegen, ihre Kräfte miteinander vereinen müssen. Es ist also an der Zeit, dass der antikapitalistische Feminismus die Aufgabe in die Hand nimmt, die Organisation dieser Sektoren aktiv zu fördern, mit einem unabhängigen Programm, das die Perspektive eröffnet, den Kapitalismus zu besiegen und eine neue sozialistische Ordnung durchzusetzen, in der Brot und Rosen reichlich vorhanden sind.

Fußnoten

1. Arruzza, Bhattacharya und Fraser (2019): Feminismus für die 99%. Ein Manifest, Berlin: Matthes & Seitz, S. 84.

2. Die Gesundheitskrise erschüttert zum ersten Mal die reichsten und am weitesten entwickelten Länder der Welt und rückt den Widerspruch zwischen Leben und Profit ins Rampenlicht. Sie spiegelt den imperialistischen Zentren die Bilder zurück, die zuvor ausschließlich aus den abhängigen Ländern an sie gelangt sind. Diese Länder sind der maßlosen Ausbeutung ihrer natürliche Ressourcen und Arbeitskraft durch die europäischen und US-amerikanischen Konzerne ausgeliefert.

3. Laut dem Bericht „Reporte de remuneración económica y satisfacción profesiona“, der 2019 von Medscape erstellt wurde, verdienten die Beschäftigten der Gesundheitsberufe in Spanien seit 2009 rund 1.400 Euro weniger pro Jahr als vor der Wirtschaftskrise, die 2008 ausbrach. Der Bericht weist auch darauf hin, dass „Ärzte in der Grundversorgung 14% weniger verdienen als Fachärzte und Frauen in beiden Fällen 19% weniger verdienen“. In „Sechs Zweifel und sieben Diagramme zu den Gesundheitsausgaben in Spanien“ wird erklärt, dass im Jahr 2016 entgegen den europäischen Vorschriften jeder dritte Beschäftigte des spanischen Gesundheitswesens einen befristeten Vertrag hatte und jeder dritte dieser Verträge für weniger als eine Woche galt. Zwischen 2009 und 2014 gingen im öffentlichen Gesundheitsdienst 12.180 Arbeitsplätze verloren. Und während der europäische Durchschnitt bei fünf Betten pro 1.000 Einwohner*innen liegt, hat Spanien seit der Umsetzung der Sparpläne, die auf die globale Krise vor mehr als einem Jahrzehnt folgten, drei Betten pro 1.000 Einwohner*innen. Die Kürzungen im Gesundheitswesen entsprechen nicht den Prozentpunkten, um die die Wirtschaft zurückgegangen ist, sondern waren deutlich stärker als der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP), insbesondere in den Bereichen Erstversorgung und öffentliche Gesundheit, die als die ungeschütztesten Versorgungsebenen gelten und in Krisenzeiten den größten Beitrag leisten könnten. Mit Ausnahme des Jahres 2009, in dem die Ausgaben für die öffentliche Gesundheit aufgrund des massiven Kaufs von Impfstoffen zur Bekämpfung der Influenza-A-Epidemie stiegen, ging das Budget stets stark zurück.

4. L’appello di 400 lavoratori della sanità: ci stiamo ammalando a migliaia, non possiamo scioperare, il 25 marzo fallo tu #scioperaperme, Unione Sindacale di Base, 22/03/2020.

5. Seit dem 1. März hat China etwa 4 Milliarden Masken und fast 40 Millionen Schutzanzüge in fünfzig Länder exportiert.

Dieser Artikel erschien zuerst am 26. April 2020 bei Ideas de Izquierda.

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