Geschichte und Kultur

Fatih Akins “Aus dem Nichts” banalisiert den rechten Terror

Mit dem Gewinn eines Golden Globe ist Fatih Akins neuester Film "Aus dem Nichts" wieder in aller Munde. Darin beschäftigt er sich mit den Auswirkungen des Rechtsterrorismus und des Rassismus in Deutschland. Doch leider enttäuscht der Film mit vielen Fehlern und bleibt Antworten schuldig.

Fatih Akins

Fatih Akin hat sich Großes vorgenom­men. “Aus dem Nichts” erzählt eine Geschichte rechter, ras­sis­tis­ch­er Gewalt, die sich sowohl in ihrer Darstel­lung, als auch in ein­er Wid­mung am Ende des Filmes auf die Ter­ro­ran­schläge des NSU bezieht. Dabei macht der Film fast alle Fehler, die vor diesem Hin­ter­grund gemacht wer­den kön­nen. Dabei hat­te der Regis­seur sog­ar die richti­gen Gedanken. In einem Inter­view mit dem Tagesspiegel erk­lärt er: „Die Mörder waren eben nicht türkische Mafiosi oder Dro­gen­deal­er, son­dern Neon­azis. Diese Wut wollte ich ver­ar­beit­en, aus der Sicht eines Opfers.“

In dem­sel­ben Inter­view erk­lärt er auch, dass der Film nicht vom NSU han­delt, der an dieser Stelle nur als Inspi­ra­tion diente – und keines­falls eine Aufar­beitung darstellen soll, es aber den­noch fast zwangsweise auf eine falsche Art ist –, ergo in einem „Par­al­lelu­ni­ver­sum“ spielt. Diese Entkon­tex­tu­al­isierung der Hand­lung bei gle­ichzeit­iger Bezug­nahme hat als Folge eine Ent­poli­tisierung der Debat­te. Denn dass der rechte Ter­ror Sys­tem hat, muss so nicht mehr the­ma­tisiert wer­den.

Für den Regis­seur ist „das markan­teste State­ment: dass das Opfer eine Deutsche ist und keine Türkin. Es bet­rifft jede und jeden, nicht nur ‚Kanaken‘, son­dern auch Weiße.“ So banal, so bedeu­tend in der Kon­se­quenz – zumal der rechte Ter­ror eben doch zuerst alle trifft, die als nicht Deutsch gele­sen wer­den. Die Ange­höri­gen der Opfer des NSU (wie die jedes recht­en Ter­rors) wur­den selb­st krim­i­nal­isiert und mussten die Schikane der Polizei und des Staates ertra­gen. Neben Demon­stra­tio­nen und Gedenkver­anstal­tun­gen wird selb­st der Gerichtssaal noch zur Bühne des Kampfes um die kon­se­quente Aufar­beitung. Zwar wird auch in “Aus dem Nichts” zuerst in der krim­inellen Ver­gan­gen­heit und eth­nis­chen Herkun­ft („war ihr Mann Kurde?“) des Ermorde­ten nach einem Grund für den Mord gesucht, aber der emo­tionale Zugang führt über die Empörung der weißen Frau.

Die „Darstel­lung“ des Neben­darstellers Nuri Sek­er­ci entspricht ganz dem Klis­chee der deutschen Audienz über kur­disch-stäm­mige Men­schen: lange Haare zum Hip­ster-Zopf gebun­den, 7‑Tage-Bart und pro­l­liger Gang. Haupt­darstel­lerin Kat­ja Sek­er­ci ist zu Beginn des Filmes als Braut gek­lei­det im Gefäng­nis auf Nuri wartend zu sehen. Bedeckt mit Tat­toos, ein­er „rock­i­gen“ Frisur und gehüllt in ein sim­ples weißes Kleid, spiegelt sie die genaue Erwartung ein­er deutschen Audienz wieder, wie eine deutsche Frau, die mit einem Kur­den, einem „Aus­län­der“ aus­ge­ht, auszuse­hen hat.

„Alter­na­tiv“ – so ließe sich ihr Stil am besten beschreiben; schließlich wür­den durch­schnit­tliche, vernün­ftige deutsche Frauen nicht mit „nahöstlichen“ Män­nern wie Nuri Sek­er­ci aus­ge­hen. Weit­er soll durch die von zwei deutschen Men­schen (im weit­eren Filmver­lauf wer­den sie als Nazis ent­blößt) gelegte Bombe und den dadurch verur­sacht­en Mord an Nuri Sek­er­ci und dem gemein­samen Sohn Roc­co Sek­er­ci eine Par­al­lele zu den NSU-Mor­den geschaf­fen wer­den. Allerd­ings hinkt der Ver­gle­ich an vie­len Stellen: die Haupt­darstel­lerin Kat­ja musste sich zwar vie­len unan­genehmen Fra­gen seit­ens der Unter­suchungskom­mis­sion stellen, jedoch erre­ichte dies nicht ein­mal ansatzweise das Aus­maß dessen, was die tat­säch­lichen Opfer des NSU im Prozess und von Seit­en der Beamt*innen durch­leben mussten. Des Weit­eren waren die tat­säch­lichen NSU-Morde im Kollek­tiv organ­isierte und durchge­führte Anschläge, mit Wis­sen und sach­di­en­lich­er Hil­fe durch den Ver­fas­sungss­chutz, während Kat­ja Sek­er­cis Fam­i­lie ein­er schein­baren Einzeltat zum Opfer fiel. Selb­stver­ständlich gibt es auch ras­sis­tis­che Einzeltat­en, allerd­ings ist Fatih Akins (Nicht-)Versuch, die NSU-Morde kün­st­lerisch aufzuar­beit­en damit nicht gelun­gen. Die NSU-Morde wer­den damit ein­er zufäl­li­gen Tat zweier ein­samer Einzeltäter*innen gle­ichgestellt, statt ein­er kollek­tiv­en krim­inellen Hand­lung, unter­schwellig unter­stützt durch insti­tu­tion­al­isierten Ras­sis­mus in deutschen Staat­sor­ga­nen.

Vielle­icht ist es deshalb auch kon­se­quent, dass Fatih Akin die Pro­tag­o­nistin Kat­ja Sek­er­ci (Diane Kruger) statt eines poli­tis­chen Kampfes um Aufk­lärung, in dem noch der Gerichtssaal zur poli­tis­chen Bühne wird, einen pri­vat­en Rachefeldzug führen lässt. Dies wird jedoch nicht nur nicht der Sache gerecht, um die es hier geht, son­dern stellt darüber hin­aus auch kein wirk­sames Mit­tel gegen den recht­en Ter­ror dar. Statt ein­er indi­vidu­ellen bedarf es ein­er kollek­tiv­en Per­spek­tive, die in der Lage ist, die ras­sis­tis­chen Struk­turen dieses Staates und seine Klassen­jus­tiz zu kon­fron­tieren.

Vielle­icht ger­ade weil Fatih Akin eigentlich für gute Filme bekan­nt ist und die Erwartun­gen dementsprechend auch beson­ders hoch waren, hin­ter­lässt uns das Ende des Films mit nicht viel mehr als Rat­losigkeit angesichts dieser Banal­isierung von rechtem Ter­ror­is­mus.

2 thoughts on “Fatih Akins “Aus dem Nichts” banalisiert den rechten Terror

  1. Ute sagt:

    Ich kann dieser Rezen­sion nur zustimmen.Sie trifft unge­fähr das, was ich beim schauen des Films emp­fand. Ich finde die Darstel­lung als sehr ober­fläch­lich und klis­chee­haft. Nach­dem sich die Hand­lung vom Gerichtssaal nach Griechen­land ver­legt hat­te, war alles vor­bei.
    Ich empfehle das Buch:„Schmerzliche Heimat. Deutsch­land und der Mord an meinem Vater” von Semi­ya Şimşek. Vielle­icht ist das The­ma zu groß um es zu ver­fil­men.

  2. David sagt:

    So ver­bohrt muss man aber auch erst­mal sein. Dass ein Film einen bes­timmten Blick­winkel auf ein The­ma ein­nimmt, heißt nicht, dass er andere Per­spek­tiv­en auss­chließt.

    Würde der Film ein­fach nur qua­si-doku­men­tarisch die Ereignisse um die NSU-Ter­ror­is­ten wiedergeben, ließe sich aus link­er Per­spek­tive genau­so dage­gen anstänkern: “Recht­ster­ror­is­mus wird als etwas dargestellt, das nur den Musel­mann bet­rifft, nicht aber den Biodeutschen.”

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