Jugend

„Es ist die Wahl zwischen Pest und Cholera“

FU Berlin: Vor Entscheidung über neuen Präsidenten kritisieren Studierende die Unileitung. Sie rufen für Mittwoch 13 Uhr zu einer Kundgebung auf. Ein Gespräch mit Tabea Winter.

An diesem Mittwoch soll ein neuer Präsident der Freien Universität Berlin gewählt werden. Schon länger rumort es an der Hochschule. Was erwartest du?

Eigentlich ist es die Wahl zwischen Pest und Cholera. Mit dem aktuellen Präsidenten Günter Ziegler haben wir viele negative Erfahrungen gemacht. Schon vor der Pandemie hat er versucht, Protest zu unterbinden, und er ignorierte immer wieder Entscheidungen von studentischen Vollversammlungen. Seit dem Beginn der Pandemie schreibt er weltfremde Mails, die in Anbetracht der gescheiterten Coronapolitik einfach nur zynisch sind. Seine Gegenkandidatin Beatrix Busse gilt als Liebling der FU-Kanzlerin Andrea Bör. Eigentlich wurde Bör von der letzten Berliner Landesregierung abgesetzt. Aber sie weigert sich, den Posten zu räumen.

Was wird der Kanzlerin Bör vorgeworfen?

Der Auslöser für ihren Absetzungsversuch waren Untreuevorwürfe. Sie hat im Alleingang einen „Headhunter“ beauftragt, mögliche Nachfolger für Präsident Ziegler zu suchen. Kritik an Bör gab es aber auch schon zuvor. Sie möchte das Verbot von sachgrundlosen Befristungen durch das novellierte Berliner Hochschulgesetz nicht umsetzen und droht mit einer neuen Welle des Outsourcings. Bör arbeitet gegen die Interessen von Studierenden und Beschäftigten. Deshalb haben wir auf der studentischen Vollversammlung auch ihren Rücktritt gefordert.

Worüber habt ihr auf der Vollversammlung diskutiert?

Es ging vor allem um das inakzeptable Pandemiemanagement der FU. Obwohl die Uni letztes Jahr einen Überschuss von Dutzenden Millionen Euro erwirtschaftet hat, gibt es kein funktionierendes Konzept für sichere und gute Lehre. Die technische Ausstattung für Onlinelehre ist katastrophal, die Datenschutzgrundverordnung wird nicht eingehalten. Nach den Mails von Ziegler, in denen er darüber schwafelte, wie er über grüne Wiesen wandert und sich vorstellt, wieder am Campus zu sein, proklamierte er das lächerliche Hashtag „Yes We Campus“. Natürlich haben wir uns erst mal sehr gefreut, dass die sehr strapazierende Onlinelehre vorbei sein sollte. Aber eine gute und sichere Hybridlehre ist an der FU nicht möglich.

Was meinst du mit Hybridlehre?

Es geht um Lehre, die sowohl in Präsenz als auch online angeboten wird. Die reine Onlinelehre ist für alle Beteiligten eine Katastrophe. Auf der Vollversammlung klagten sehr viele Studis über Einsamkeit, Isolation und einen permanent erhöhten Lernstress. Viele Untersuchungen belegen, dass mehr Studierende unter psychischen Problemen leiden. Zudem haben viele von uns aufgrund der Wohnungskrise kein ruhiges Lernumfeld. Auch wurden die Öffnungszeiten der Bibliotheken absurderweise während der Pandemie verkürzt. Mit der Vollversammlung haben wir Studis gezeigt, was die FU mit ihrem vielen Geld nicht schafft: dass gute Hybridveranstaltungen möglich sind.

Wie steht es um das Hygienekonzept der FU?

Für 38.000 Studierende und 6.000 Beschäftigte gibt es nur ein Testzentrum. Es gibt keine Luftfilter und kein Raumnutzungskonzept. Und statt zur Überprüfung der 3G-Regel direkt Menschen bei der FU anzustellen, wurde ein privater Sicherheitsdienst beauftragt. Mal schauen, ob Bör den Sicherheitsdienst nur zur Kontrolle der Hygieneregeln beauftragt hat, oder ob sie ihn auch einsetzten wird, um unsere Kundgebung an diesem Mittwoch zu unterbinden.

Was plant ihr an diesem Tag?

Ab 13 Uhr werden wir vor dem Henry-Ford-Bau sein, wo die Wahl des neuen FU-Präsidenten oder der neuen -Präsidentin stattfinden soll. In dieser undemokratischen Uni haben die Interessen der Studis und Beschäftigten kaum Gewicht. Die wenigen Professorinnen und Professoren haben mit ihren Stimmen die Mehrheit. Am Mittwoch werden wir ihnen zeigen, dass sie nicht einfach über unsere Köpfe hinweg entscheiden können. Wir werden Druck machen, bis unsere Forderungen erfüllt sind.

Dieses Interview erschien zuerst am 15. Februar 2022 in der Tageszeitung junge Welt.

Kundgebung an der FU Berlin

Wann? Mittwoch, 16. Februar 2022, um 13 Uhr
Wo? vor dem Henry-Ford-Bau (Garystraße 35, 14195 Berlin)
Mehr Infos: Kundgebung an der FU: Gescheitertes Pandemie­management an der Uni – für eine linke Antwort!

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