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Erfahrungsbericht: Schuhhändler Görtz setzt während Corona Mitarbeiter:innen auf die Straße

Ein Arbeiter von Görtz berichtet darüber, wie das Unternehmen seine Mitarbeiter:innen auffordert, sich unbezahlt freizustellen.

Erfahrungsbericht: Schuhhändler Görtz setzt während Corona Mitarbeiter:innen auf die Straße

Ich bin 18 Jahre alt und beim Schuhhändler Görtz als studentische Aushilfe angestellt, wo ich hauptsächlich im Lager arbeite und für Online-Aufträge zuständig bin. Ich würde 80 Stunden im Monat arbeiten, doch kann durch meine Anstellungsart als Aushilfe unregelmäßig und je nach Bedarf auch weniger eingesetzt werden.

Erstmals kam im Dezember – als der Lockdown und die Schließung des Einzelhandels angekündigt wurden – die Nachricht von meiner Chefin, dass wir für den Versand der Online-Bestellung nur noch sechs Stunden am Tag geöffnet haben. Bei genau sechs Stunden Arbeit haben wir keinen rechtlichen Anspruch auf eine Pause und unsere Chefin sagte uns, wir sollen auch keine Pause machen. Wir müssen also sechs stunden lang extrem monotone Arbeit leisten, Schuhe raussuchen, verpacken oder am Computer sitzen, und sollen – beziehungsweise dürfen – bis auf kurze Raucherpausen keine Pause machen. Das alles zu einem Stundenlohn, der kaum über dem Mindestlohn liegt.

Gestern wurde uns mitgeteilt, dass die Aushilfen aufgrund des mangelnden Bedarfs diesen Monat kaum eingesetzt werden. Das heißt statt 80 Stunden arbeite ich diesen Januar höchstens 24. Uns wurde deshalb angeboten, uns diesen Monat freiwillig freizustellen und uns für die nächsten drei Wochen einen anderen Nebenjob zu suchen, was nicht nur dreist, sondern auch vollkommen unrealistisch ist. Ich habe im letzten Jahr mehrere Monate lang dutzende Bewerbungen verschickt, bis ich endlich an diesen Job gekommen bin. Jetzt von heute auf morgen kurzfristig einen Nebenjob für die nächsten drei Wochen zu finden ist absolut unrealistisch. Uns dieses Angebot zu machen, in diesem neuen Höhepunkt der Krise, nachdem etliche Jugendliche und Studierende ihren Job verloren haben, es kaum Jobs gibt und der Einzelhandel und die Gastronomie geschlossen sind, ist einfach nur dreist.

Ich bin auf diese Lohnarbeit angewiesen, um meine Miete und meinen Lebensunterhalt zu bezahlen, so wie viele andere Jugendliche und Studierende. Der Lohn für 24 Stunden im Monat, der ca. 200 Euro netto beträgt, reicht nicht einmal ansatzweise dafür aus. Vor allem bei den ungeheuerlichen Mieten in München, die für die meisten Jugendlichen und Studierenden unbezahlbar sind.

Ich würde gerne mehr arbeiten, da ich finanziell davon abhängig bin. Doch gleichzeitig halte ich es für absurd, dass gerade jetzt, wo die Corona-Todesfälle hier einen neuen Höhepunkt erreichen, nicht-essenzielle Unternehmen geöffnet sind und solche Jobs noch ausgeführt werden. Damit setzen wir Beschäftigten uns nicht freiwillig, sondern aus Not einem Risiko aus, das nicht nötig wäre. Ich brauche das Geld, will mich und andere aber auch nicht gefährden, indem ich öffentlich zu einer Arbeit fahre, die alles andere als systemrelevant ist.

Während der Pandemie machen Unternehmen wie das, bei dem ich arbeite, Zalando oder andere durch den Onlinehandel enorme Gewinne. Amazon beispielsweise hat durch Corona seine Gewinne verdreifacht und Jeff Bezos streitet mit Elon Musk darum, wer der reichste Mensch der Welt ist. Aber auf wessen Rücken werden diese Gewinne geschaffen? Wer aufgrund der Pandemie und der Krise, in der wir uns befinden, nicht arbeiten kann, muss einen vollen Lohnausgleich erhalten, das ist die einzige Lösung, die ich sehe.

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