Geschichte und Kultur

Einmaleins des Sozialismus: Wir wollen Smartphones, keinen Kapitalismus!

Besonders in der Weihnachtszeit gehen Millionen Menschen in den großen Einkaufszentren shoppen, auf der Suche nach dem besten Schnäppchen. Doch sind diese Shopper*innen „kapitalistischer“? Was bedeutet es überhaupt, kapitalistisch zu sein?

Einmaleins des Sozialismus: Wir wollen Smartphones, keinen Kapitalismus!

Dieser Artikel wurde zuerst am 29. November bei Left Voice veröffentlicht und für Klasse Gegen Klasse leicht abgewandelt.

Lange Schlangen von wartenden Menschen, die vor Läden stehen, sitzen oder sogar bei Eiseskälte zelten, um dieses Handy, jenen Fernseher oder solche Schuhe zu kaufen. Viele dieser Leute haben ihr Thanksgiving-Essen abgebrochen oder es sogar ausfallen lassen, um draußen in der Kälte zu warten. Jedes Jahr am „Black Friday“ verletzen und prügeln sich viele, um etwas zu kaufen und dabei zu sparen.

Jedes Jahr müssen Millionen Arbeiter*innen ihre Ferien unterbrechen, um am „Black Friday“ zu arbeiten. Sie müssen diese aufgeregten und oft aggressiven Leute bedienen. Manche bekommen Sonderzahlungen, um bis in die späte Nacht am Tag nach Thanksgiving zu arbeiten, aber viele bekommen sie nicht.

Ja, das ist der Kapitalismus im reichsten Land der Welt. Am Tag nach Thanksgiving – angeblich ein Tag, an dem man den immateriellen Dingen wie der Familie, den Freund*innen oder den Geliebten dankbar sein sollte – gehen Millionen arbeiten oder shoppen und kämpfen im wahrsten Sinne des Wortes um das größte Schnäppchen.

Viele Liberale verurteilen diese Menschen, die für ein bisschen Ersparnis in der Schlange stehen. „Sie sind so kapitalistisch“, sagen sie. Dahinter steckt ein grobes Missverständnis darüber, was der Kapitalismus überhaupt ist.

Kapitalismus vs. Konsumismus

Der Kapitalismus ist ein System, in dem die Besitzer*innen von Produktionsmitteln Arbeiter*innen ausbeuten, die Werte produzieren. In anderen Worten kaufen diese Kapitalist*innen die Arbeitskraft der Proletarier*innen und behalten den Profit. An einem etwas vereinfachten Beispiel wird die Funktionsweise dieses Systems leicht erkennbar: Wenn eine Arbeiterin bei Subway angestellt ist, bekommt sie rund acht Dollar die Stunde. Doch in einer Stunde macht sie rund 30 Mahlzeiten pro sechs Dollar, also insgesamt 180 Dollar die Stunde. Die Arbeiterin produziert 180 Dollar und verdient acht. Wohin geht der Rest? Sicher, ein guter Teil davon muss für die Instandhaltung des Lokals eingesetzt werden (Erneuerung und Instandhaltung der Maschinen, Miete, Kauf der Zutaten, etc.). Doch den Rest können sich die Besitzer*innen von Subway einstecken. Wenn man den Unterschied zwischen dem produzierten Reichtum und dem Lohn jedes*r einzelnen Arbeiter*in betrachtet, wird deutlich, warum die Unternehmer*innen immer reicher werden, während der Arbeiter*innenklasse am Ende des Monats das Geld fehlt. Das ist die Essenz des Kapitalismus – die Arbeiter*innen werden ausgebeutet und die Kapitalist*innen streichen sich den vom Proletariat erarbeiteten Mehrwert ein.

Konsumismus wiederum ist mit dem Verbrauch von Konsumgütern verbunden. Das ist ein großer Unterschied zum Kapitalismus. Natürlich verbrauchen Menschen in der aktuellen kapitalistischen Wirtschaft viele Konsumgüter und Kapitalist*innen erzeugen den Wunsch nach immer neuen Produkten. Der Konsumismus wird durch die kontinuierliche Erneuerung von Produkten genährt, was man an den alljährlich erscheinenden neuen iPhones erkennen kann. Aber auch die fehlende Haltbarkeit der Produkte führt dazu, dass wir immer wieder neue Dinge kaufen müssen.

Der Konsumismus ist eng mit der US-amerikanischen Kultur verbunden, die die USA zusammen mit ihren Unternehmen und deren Produkten in die Welt exportieren wollen. Ohne Zweifel spielt der Konsumismus eine entscheidende Rolle im Kapitalismus, aber er definiert ihn nicht. Der heutige Kapitalismus könnte nicht ohne Konsumismus überleben, doch das war nicht immer der Fall. Die USA waren auch kapitalistisch in Zeiten geringeren Konsums der Massen wie während der Großen Depression oder zu Kriegszeiten.

Der heutige Massenkonsum entstand in den 50er Jahren, als die US-amerikanische Kriegsindustrie keine Waffen mehr produzierte und neue Waren für die Produktion finden musste. Damals hatte die Zerstörung der europäischen Wirtschaft und Industrie die USA zum größten Produzenten der Welt gemacht. Doch Waffen waren nicht mehr so stark nachgefragt, weshalb die Kraft der US-Industrie in den Dienst der Produktion von Konsumgütern floss und dort war viel Profit zu machen. Diese wirtschaftlichen Bedingungen ermöglichten den USA, ihrer Bevölkerung nach dem Krieg einen höheren Lebensstandard zu sichern. Dazu kam, dass diese besseren Lebensbedingungen im Kalten Krieg als Vorzüge der kapitalistischen Gesellschaft gegenüber der Sowjetunion und den Ost-Block-Staaten dargestellt wurden.

Das Problem der Gleichsetzung von Kapitalismus und Konsumismus

Die Gleichsetzung von Kapitalismus und Konsumismus bereitet für diejenigen, die die Gesellschaft verändern wollen, einige Probleme. Zuerst würde es bedeuten, dass alle, die für einen billigen Fernseher Schlange stehen, große Kapitalist*innen wären, unabhängig von ihren Jobs oder ihrer Stellung zu den Produktionsmitteln. Es würde bedeuten, dass jemand, der bei Subway für acht Dollar die Stunde arbeitet, aber unbedingt Nike Sneakers haben möchte, kapitalistischer wäre als ein Mitglied der Walton-Familie (einer der reichsten Familien der USA), der*die materielle Besitztümer meidet und ein Leben ohne Massenprodukte führen möchte.

Zweitens wäre dann die Strategie zur Bekämpfung des Kapitalismus einfach weniger zu kaufen. Das Problem ist jedoch, dass wir immer noch einkaufen müssen, um zu überleben – wir müssen essen, Kleidung tragen, etc. Ein eingeschränkter Konsum würde die Kapitalist*innen nicht vom Gewinne erwirtschaften abhalten, es würde die Kapitalist*innen auch nicht davon abhalten, den Arbeiter*innen in chinesischen Sweatshops und im US-amerikanischen Dienstleistungssektor Hungerlöhne zu zahlen. Weniger zu konsumieren würde trotzdem die ausbeuterischen Produktionsverhältnisse aufrecht erhalten. Es würde höchstens dazu führen, dass die Gewinne geringer ausfallen, oder dass die Konzerne ihre Profite in anderen Bereichen oder durch Verlagerung und Lohnsenkung erzielen.

Angesichts der Überausbeutung der Arbeiter*innen bei Riesenkonzernen wie Walmart kaufen einige lieber lokale Produkte. Doch meistens sind solche Läden teurer und kaum erschwinglich für arbeitende Menschen.

Auch diese lokalen Unternehmen stellen Angestellte an, die ausgebeutet werden – manchmal weniger stark als bei multinationalen Riesen wie Walmart, aber das grundlegende Ausbeutungsverhältnis, in dem der*die Besitzer*in von dem Mehrwert abhängt, den der*die Arbeiter*in produziert, bleibt erhalten.

Mit dieser Logik müssen wir uns ständig auseinandersetzen, wenn einer*m gesagt wird: „Was bist du für ein*e Sozialist*in? Du hast ein iPhone!“ Ja, ich habe ein iPhone und ja, ich bin Sozialist*in. Selbst in einer sozialistischen Gesellschaft sollten alle Menschen Zugang zu Smartphones haben! Kommunistisch zu sein, heißt nicht, gegen den Besitz von Handys zu sein – es bedeutet, gegen die Ausbeutung der chinesischen Arbeiter*innen, die sie produziert haben, und der US-amerikanischen Arbeiter*innen, die sie verschifft und mir verkauft haben, zu sein. Ich kämpfe nicht für eine Gesellschaft ohne Smartphones, sondern für eine Gesellschaft ohne Bosse, die ihre Profite aus der Ausbeutung der Arbeiter*innen ziehen.

Wenn der Kapitalismus auf der Ausbeutung der Arbeiter*innen durch die Bosse basiert, dann ist der Kampf gegen Konsumismus etwas anderes, als der Kampf gegen Kapitalismus. Gegen den Kapitalismus zu kämpfen, bedeutet, dass sich die Arbeiter*innen zum Widerstand gegen das sie ausbeutende Kapital und das System, das die Ausbeutungsverhältnisse aufrecht erhält, organisieren. Der Fokus antikapitalistischer Arbeit sollte nicht sein, das Konsumverhalten der Mittelschicht zu ändern, sondern die Art, auf die die Arbeiter*innenklasse produziert. Wir müssen für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung kämpfen, nicht für eine Gesellschaft ohne Produkte.

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