Hintergründe

Einige Gedanken zu Bellamy Foster, Ökosozialismus und die Frage der Strategie

In früheren Artikeln setzten wir uns bereits mit der Perspektive des Ökosozialismus auseinander, wie zum Beispiel in den Interviews mit dem in diesem Feld führenden Umweltsoziologen John Bellamy Foster oder der Soziologin Hannah Holleman. In diesem Artikel arbeitet Gilson Dantas einige der Schwächen dieser politischen Strömung heraus und weist auf die Notwendigkeit einer strategischen Orientierung im Kampf gegen Naturzerstörung und Kapital hin.

Einige Gedanken zu Bellamy Foster, Ökosozialismus und die Frage der Strategie

Der Kampf gegen die Umweltzerstörung hat eine wertvolle Generation an Intellektuellen hervorgebracht, die sich im Lager des Marxismus verorten wollen, um eben diesem Kampf Konsequenz zu verleihen. Eine große Anzahl an Texten wurde seitdem in diesem Feld produziert und zweifellos sticht John Bellamy Foster als einer der führenden Köpfe in der Umweltfrage hervor unter denen, die sich ausdrücklich auf Marx beziehen. Dennoch macht sich auch in der linken Umweltbewegung, ebenso wie es an anderer Stelle innerhalb der Linken passiert, der Virus des Eklektizismus und des Reformismus breit, verpackt in radikal-marxistisches Gequatsche.

In einem jüngeren Artikel in dem Magazin Monthly Review vom Dezember 2015 nimmt Foster eine Ehrenrettung des historisch-theoretischen Denkens von Marx in Bezug auf die Ökologie vor und gleitet dann aber im Namen einer „Great Transition“ (großer Übergang) der Geschichte in einen maximal machtlosen Possibilismus ab.

Das bedeutet „für das hier und jetzt“ Banner (also Forderungen) für die Umwelt zu erheben, die „heute umgesetzt werden können“ (im Rahmen des Kapitalismus) und die, wie er sagt, „rationale und realistische Ausgangspunkte für eine ökologische Revolution“ sein würden. Dabei führt er an, dass „wir nicht das ganze System von heute auf morgen ersetzen können“ und verteidigt, dass diese erhobenen Banner die Transformation „hin zu einem neuen sozialen Metabolismus sein sollen, in vollem Einsatz für eine nachhaltige menschliche Entwicklung“, während er prophezeiht, dass in einer nicht allzu fernen Zukunft „quasi unvermeidlich, ein Umweltproletariat“ aufkommt.

Welche sind die Banner für den heutigen Tag?

Kürzungen in den Militärbudgets, um Solar- und Windenergie zu finanzieren; ein Moratorium für das Wachstum der größten Weltwirtschaften, um Kohlenstoffemissionen zu reduzieren; die „radikale Umverteilung von Profiten, um die sozial Benachteiligten zu schützen“; Steuern auf die Kohlenstoffemissionen, um die Einkünfte auf die Bevölkerung zu verteilen; Verbot von Fabriken, die mit fossilen Brennstoffen betrieben sind; internationale Verhandlungen über das Klima, welche als Grundlage die „egalitären und ökozentrischen [Prinzpien] des 2010 in Bolivien geschlossenen Vertrags der Völker“ setzen.

Nachdem er davon ausgeht, dass diese „Notfallmaßnahmen zusammenprallen mit der vorherrschenden Logik der Kapitalakkumulation“, argumentiert er, dass „sie nichtsdestotrotz unter den aktuell vorherschenden Bedingungen entwickelt werden können“.

Wir haben hier ein klares Problem der politischen Perspektive

Lasst es uns direkt sagen: Diese Maßnahmen zielen gegen die Logik der Kapitalakkumulation, aber wir [wer?] werden dieselben Herren des Kapitals auffordern, diese Logik aufzugeben, also mit dieser Logik zu brechen. Das ist nichts neues in diesem „umweltfreundlichen“ Diskurs. Kautsky, Bernstein, aber auch Morales und die Gesamtheit der Umwelweltbewegung des Establishments und der „progressiven Regierungen“ Lateinamerikas würden dies unterschreiben. Es ist auf einer Linie mit Initiativen wie der Rio-Konferenz von 1992 und den „Milleniumsentwicklungszielen“.

De facto macht es in diesem Falle weder Sinn, noch ist es angemessen, sich auf Karl Marx zu beziehen

Noch weniger, wenn du den Leuten mit dem „Umweltproletariat“ schöne Augen machst. Es braucht schon eine kolossale utopisch-romantische Fantasie, eine fast schon wahnhafte, um sich vorzustellen, dass die Obamas-Clintons-Hollandes etc. die Militärbudgets entschieden herunterschrauben würden, um den Dreck auf dem Planeten zu beseitgen. Dies gilt insbesondere für den chemischen und radioaktiven Dreck, welchen sie die ganze Zeit und jedes Mal mehr anpreisen, eben aufgrund ihrer unausweichlichen Kondition als politisches Personal des Kapitals.

In Uruguay hat ein Umweltaktivist einige Sichtbarkeit erlangt, welcher für eine ähnliche Perspektive arbeitet: Eduardo Gudynas vom Lateinamerikanischen Zentrum für Sozialökologie (Centro Latinoamericano de Ecología Social). Er hat sich als südamerikanischer Umweltreferent einen Namen damit gemacht, das Konzept des „Buen Vivir“ („Guten Lebens“) der Völker weiter auszuarbeiten und bewegt sich in den engeren Kreisen lateinamerikanischer Regierungen wie der von Ecuador oder Bolivien.

Zuallererst stellt er einige Thesen im Sinne dessen auf, dass „der Markt für sich selbst nicht die Lösung ist, aber der Staat es auch nicht sei“, oder: „Das ‚Gute Leben‘ orientiert sich daran, dynamische und konstruktive Verbindungen zu schaffen zwischen dem Markt, der Gesellschaft und dem Staat… wobei angestrebt wird, eine Gesellschaft zu schaffen mit einer Vielzahl an Typen von Märkten, um nicht eine Marktgesellschaft zu haben“. In anderen Worten: Nachdem er sich in einem Widerspruch nach dem anderen verfangen hat, fällt er auf den reformistischen Gemeinplatz zurück, irgendeine Form von „fortschrittlicher“ Regierung zu suchen, welcher auf der Unbestimmtheit (im Sinne eines leeren Konzeptes) der „nachhaltigen Autarkie“ und des „Guten Lebens“ aufbaut.

In gewissem Sinne stehen wir vor folgendem Problem: „Realpolitik“, Possibilismus, politische Angemessenheit gegenüber den real existierenden Regierungen sind Elemente, die darin enden können, sich der besten Absichten der links orientierten Umweltaktivist*innen zu verpflichten, aber weit vorbei gehen am einzigen politischen Subjekt, das diese Forderungen der Umweltaktivist*innen umsetzen könnte.

Es ist von aller höchster Wichtigkeit, dass die konsequentesten Umweltaktivist*innen eine Debatte vorantreiben mit der Basis von kämpferischen Gewerkschaften, Studierenden, der Jugend, Arbeiter*innenzellen und linken Parteien über eine realistische Perspektive im Sinne der Umwelt. Dies bedeutet eine andere programmatische Perspektive. Und niemals eine Perspektive, die funktional ist mit dem Kapitalismus; eine Perspektive, die der Bourgeoisie (sei sie auch verkleidet als post-neoliberal, anti-neoliberal oder „nachhaltig“) irgendeine Fähigkeit zur Veränderung einer Welt zuschreibt, die auf Überausbeutung und Prekarisierung von Arbeit und Umwelt aufgebaut ist, welche eben diese Bourgeoisie erschafft und aus welcher sie ihre Profite, ihren Status und ihre hohen Erträge abschöpft.
Tatsächlich muss dieser Ökosozialismus in Frage gestellt werden, welcher aus seiner „Komfortzone“ heraus und im Namen von Marx – nachdem er schöne und „ökologisch korrekte“ Anklagen verfasst hat – sich ökologische Formeln ausdenkt, die Reformen (unmittelbare und dringende ökologische Maßnahmen) von dem Aufbau des Proletariats als Subjekt trennen. Dieses Proletariat als Subjekt muss den revolutionären Kampf für Maßnahmen im Sinne der Ökologie und der sozialen Transformation antreten, wie zum Beispiel die Enteignung der kapitalistischen Oligopole, und die das ganze System der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen einreißen.

Anstelle dieses Ökosozialismus brauchen wir eine Debatte im Namen der Strategie der Arbeiter*innen und eine Perspektive, die die zwei Programme (das unmittelbare und das strategische) vereinigt für die Sammlung von Kräften aus den Reihen der Massen des Proletariats, welche nicht länger die politische Führung durch die Bourgeoisie und ihrer Vertreter*innen als mögliche Akteur*innen der ökologischen Emanzipation hinnehmen. Eine Emanzipation, welche zuallererst eine soziale und politische ist und welche niemals eine bürgerliche sein kann.

2 thoughts on “Einige Gedanken zu Bellamy Foster, Ökosozialismus und die Frage der Strategie

  1. Wolf sagt:

    Schon richtig, den Idealismus der Öko- Weltverbesserer zu zerpflücken.
    Doch nun kommt ein neuer Idealismus daher. Wir bräuchten eine Debatte zur sozialen und politischen Emanzipation, eine „Sammlung von Kräften aus den Reihen der Massen des Proletariats“.

    Dummerweise ist das Proletariat so sehr mit der Arbeit und seiner eigenen Reproduktion beschäftigt, dass ihm vor Erschöpfung nach der dritten Seite das „Kapital“ aus der Hand fällt.

    „Es wird immer schwieriger, diejenigen in den Diskurs zu bekommen, auf deren Kosten das ganze funktioniert. Im reichen Teil der Welt sitzen die Leute bald nur noch vor ihren Bildschirmen und führen Selbstgespräche. Keiner bewegt sich mehr. Denn alles was man braucht, bekommt man über Programme. Darunter bleibt dann nur noch das dumpfe Gemurmel derjenigen, die keinen Fernseher haben. Das ist die Utopie des Kapitalismus.“

    (Heiner Müller)

    1. Wladek Flakin sagt:

      Kurz vor 1968 argumentierten viele Postmarxist*innen, dass die Arbeiter*innenklasse in den imperialistischen Ländern jedes revolutionäre Potential verloren hatte. Und dann erlebte Frankreich den größten spontanen Generalstreik in der Geschichte. Man sollte die Kraft des Proletariats nicht unterschätzen, auch wenn es über Jahrzehnte fast unsichtbar bleiben kann.

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