Geschichte und Kultur

Ein Leben für die Revolution

Am Mittwoch haben wir die Biographie von Martin Monath – einem jüdischen Widerstandskämpfer, der Wehrmachtssoldaten für die sozialistische Revolution organisierte – in Berlin vorgestellt.

Ein Leben für die Revolution

Der Abend in der Neuköllner Kneipe Laika begann mit kleinen Zetteln, die im Raum verstreut waren. Die Anwesenden wurden gebeten, einige davon vorzulesen.

„Auf jedem Schiff, in jeder Kaserne, in jedem Graben müssen revolutionäre Zellen und ein Kampfkomitee bestehen!“

„Dieser Krieg ist nicht unser Krieg. Es gilt, ihn in die proletarische Revolution umzuwandeln.“

Bei diesen und weiteren Textausschnitten handelte es sich um revolutionäre Propaganda, die 1943-44 unter den deutschen Besatzungssoldaten in Frankreich verbreitet wurde. Die jungen Arbeiter in Uniform wurden aufgefordert, ihre Waffen gegen die Nazis zu wenden und sich mit den französischen Arbeiter*innen zu verbünden. Alle Texte stammten aus der Zeitung „Arbeiter und Soldat“.

Wer hatte diese Zeilen geschrieben? Bisher waren nur Pseudonyme dieses ungewöhnlichen Revolutionärs überliefert: Viktor, Paul, Marcel, Martin… Erst der Historiker und Journalist Wladek Flakin konnte seine Lebensgeschichte in einer neuen Biographie rekonstruieren. Martin Monath wurde 1913 in Berlin geboren und war lange Zeit in der zionistischen Bewegung aktiv, bevor er sich im Exil der trotzkistischen Vierten Internationale anschloss.

So kam es dazu, dass er während des Krieges in Paris die trotzkistische Arbeit innerhalb der Wehrmacht leitete.

Am Mittwoch wurde diese kurze Biographie zum ersten Mal vorgestellt. Flakin las zwei kleine Kapitel aus dem Buch vor, die den größeren historischen Kontext erläutern sollten, in dem sich Monaths Leben und Wirken abspielte. Das erste Kapitel sprach von Herschel Grynszpan, der 1938 einen Nazi-Diplomaten in Paris erschoss. Im zweiten Kapitel ging es um eine Nazi-Kundgebung im Jahr 1939 in New York und die Gegenproteste, die von Trotzkist*innen initiiert wurden. (Beide verlinkten Texte sind keine Auszüge aus dem Buch.)

Anschließend las Flakin auch aus dem letzten Brief Monaths an seinen kleinen Bruder. Dieser Brief und alle weiteren Dokumente, die in der Biographie zitiert werden, befinden sich transkribiert auf einer besonderen Website. Flakin präsentierte auch Auszüge aus der Schlussfolgerung des Buches: Was für eine Bilanz können wir von Monaths 31 Jahren auf der Erde ziehen? Dabei stützte er sich auf eine Bemerkung des italienischen Kommunisten Antonio Gramsci, in der dieser Kriterien zur Beurteilung einer revolutionären Führung aufstellte: „1. in dem, was es wirklich tut; 2. in dem, was es für den hypothetischen Fall seiner Zerstörung vorbereitet. Es ist schwer zu sagen, welche der beiden Tatsachen wichtiger ist. Da man im Kampf immer die Niederlage in Betracht ziehen muß, ist die Vorbereitung der eigenen Nachfolger ein ebenso wichtiges Element wie der Einsatz für den Sieg.“ Auch wenn Monath sein revolutionäres Engagement mit dem Leben bezahlte, hinterließ seine Arbeit ein leuchtendes Beispiel für kommende Generationen.

Im Anschluss sprach der Neuköllner Autor und Aktivist Yossi Bartal, der vor 12 Jahren aus Israel nach Berlin emigrierte. Er berichtete, dass seine eigenen Vorfahren wie Monath ebenfalls entrechtete „Ostjuden“ in Deutschland waren. Aus seiner Sicht war es die ständige rassistische Ausgrenzung, die sie zum Zionismus trieb. Das macht es umso erstaunlicher, dass sich Monath vom Zionismus abwendete und für eine internationalistische Perspektive – ausgerechnet unter Wehrmachtssoldaten! – entschied.

In einer Diskussionsrunde fragte Moderator Stefan Schneider, was für den Autor der spannendste Moment in der Recherche über Monaths Leben war. Flakin erzählte, wie er eine Zusendung aus dem belgischen Staatsarchiv erhielt. Dort, auf einem Asylantrag aus dem Jahr 1939, sah er zum ersten Mal ein Foto Monaths, über den er bereits monatelang recherchiert hatte.

Das kurze Leben Monaths liefert auch 75 Jahre nach seiner doppelten Ermordung durch die Nazis viele interessante Anregungen für revolutionäre Praxis heute.

 

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