Geschichte und Kultur

Als 20.000 Nazis eine Arena in New York füllten, wer stellte sich ihnen entgegen?

Am 20. Februar 1939 versammelten sich 20.000 Nazis im Madison Square Garden in New York. Doch auf der Straße protestierten bis zu 80.000 Menschen dagegen – organisiert von Trotzkist*innen.

Als 20.000 Nazis eine Arena in New York füllten, wer stellte sich ihnen entgegen?

Für den 20. Februar 1939 rief der German-American Bund, eine faschistische Organisation in den USA, zu einer Kundgebung im Madison Square Garden in New York auf – in einer Stadt mit 1,7 Millionen jüdischen Einwohner*innen, also knapp 30 Prozent der Bevölkerung. Doch keine jüdische Organisation rief zum Gegenprotest auf. Zwei jiddischsprachige Zeitungen rieten ihren Leser*innen, die Gegend um den Garden weiträumig zu meiden. Das American Jewish Committee unterstützte sogar das Recht der Nazis auf freie Meinungsäußerung.

Auch die stalinistische Partei Communist Party of the USA wollte nicht protestieren. Einerseits suchten sie Frieden mit dem demokratischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Andererseits sollte Stalin in wenigen Monaten selbst einen Pakt mit Hitler schließen.

Nur die trotzkistische Socialist Workers’ Party (SWP) mobilisierte gegen die Nazis. Im Vorfeld besuchte eine Delegation der „Yipsels“, der SWP-Jugend, das Büro des linkszionistischen Jugendverbandes Hashomer Hatzair in der Lower East Side. Dort wurde ihnen gesagt: „Leider können wir uns nicht anschließen. Unser zionistischer Grundsatz ist, dass wir uns nicht in der Politik außerhalb Palästinas betätigen.“

Die SWP antwortete mit einem Aufruf in ihrer Zeitung („Socialist Appeal“, herausgegeben von Max Shachtman) nach einem „Ende zionistischer Illusionen“. An die „jüdischen Jungs und Mädchen“ gerichtet hieß es:

Der Kampf gegen den Faschismus findet hier und jetzt statt, und alle wirklichen Kämpfer gegen den Faschismus gehören in die Reihen der Socialist Workers’ Party!

Am 20. Februar kamen bis zu 22.000 Menschen zur Nazi-Kundgebung. Unter US- und Hakenkreuzfahnen wetterte der „Bundesführer“ Fritz Kuhn gegen „Frank D. Rosenfeld“ und seinen „Jew Deal“ als Teil einer jüdisch-bolschewistischen Verschwörung. Hinter der Bühne standen Männer in SA-ähnlichen Uniformen vor einem riesigen Porträt George Washingtons.

Am Ende folgten 50.000 oder sogar 80.000 Menschen dem Aufruf zum Gegenprotest – mehrheitlich Juden und Jüdinnen, aber auch Anhänger*innen des schwarzen Nationalisten Marcus Garvey oder Basismitglieder der Kommunistischen Partei waren gekommen. Fünf Stunden lang tobten Straßenschlachten vor der Arena. Nur die berittene Polizei konnte die 20.000 Nazis auf der Kundgebung schützen.

Und diese Episode zeigt sehr gut den Gegensatz zwischen Zionismus und Trotzkismus in dieser Zeit.

Die Katastrophe für die Juden und Jüdinnen zeichnete sich immer deutlicher ab. Darauf hatte der Zionismus, auch in seiner linkesten Variante, als Antwort nur die Alija (d.h. Auswanderung) – und aufgrund der Restriktionen der britischen Kolonialbehörden ging das nur tröpfchenweise. Für die Millionen Juden und Jüdinnen, die vom deutschen Faschismus unterdrückt wurden, bot das nicht die geringste Hilfe.

Nötig war eine massenhafte Kampagne des Widerstandes gegen Hitler, genauso wie die Öffnung der Grenzen für jüdische Geflüchtete. Die SWP stand an der vordersten Front mit beiden Forderungen. Die zionistischen Organisationen dagegen erhoben keinen Protest gegen die rassistischen Einwanderungsgesetze in den USA oder Großbritannien – aus Angst, dass Juden und Jüdinnen, die in die USA geflüchtet waren, dann nicht mehr nach Palästina ziehen würden.

Der junge Herschel Grynzspan, der wenige Monate davor den deutschen Botschafter in Paris erschossen hatte, war nicht allein – jüdische Jugendliche auf der ganzen Welt brannten nach einem Kampf gegen Hitler. Die Vierte Internationale bot ihnen eine internationale Struktur und vor allem ein politisches Programm an – dieses Angebot wurde in Brüssel, in Haifa und in New York angenommen.

Von Hashomer Hatzair kamen Mitglieder aus verschiedenen Ländern zur Vierten Internationale. Dazu gehörte Abraham León in Brüssel, der eine marxistische Analyse der jüdischen Frage schrieb, während er Streiks gegen die deutschen Besatzer*innen organisierte. Dazu gehörten Jakob Moneta und Rudolf Segall in Haifa, die die trotzkistische Bewegung in Westdeutschland nach dem Krieg wieder aufbauten. Dazu gehörte Martin Monath in Paris, der illegale Zellen innerhalb von Hitlers Armeen aufbaute. Diese auch-aber-nicht-nur-jüdische Tradition des Widerstands gegen den Faschismus darf nicht vergessen werden.

Wladek Flakin arbeitet gerade an einer Biographie Martin Monaths, die – hoffentlich – bis zum Herbst erscheinen soll. An dieser Stelle wird er gelegentliche Vorabdrucke aus dem Buch veröffentlichen.

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