Unsere Klasse

“Du und ich, wir sind gleich”

Internationale Solidarität ist ein altes Prinzip in der Linken und der Arbeiter*innenbewegung. In Zeiten des wachsenden Nationalismus, der Fremdenfeindlichkeit und des Rassismus ist eine internationalistische Perspektive der Arbeiter*ìnnen unumgänglich. Impressionen aus Begegnungen unter klassenkämpferischen Arbeiter*innen.

Paris, Anfang Dezem­ber: 150 Revolutionär*innen tre­f­fen sich zu ein­er Kon­ferenz, um über die Notwendigkeit des Auf­baus ein­er inter­na­tion­al­is­tis­chen und anti­im­pe­ri­al­is­tis­chen Bewe­gung zu sprechen, die sich gle­ichzeit­ig gegen impe­ri­al­is­tis­che Krieg und gegen anti­demokratis­che Poli­tik im Innern wen­det. Größ­ten­teils junge Men­schen, Schüler*innen, Studierende, auch prekär beschäftigte junge Arbeiter*innen.

Unter ihnen aber auch Veteran*innen des Klassenkampfes, Anführer*innen emblema­tis­ch­er Kämpfe der europäis­chen Arbeiter*innenbewegung der let­zten Jahre, und solche, die es wer­den wollen. Sie sind gekom­men, um mitzud­isku­tieren und Erfahrun­gen ihrer eige­nen Kämpfe auszu­tauschen.

So berichtet Joe Moli­na, Arbeit­er der Lebens­mit­telfab­rik Pan­ri­co in der Nähe von Barcelona, von einem acht Monate andauern­den Streik gegen die Schließung des Stan­dorts. Seine wichtig­ste Schlussfol­gerung: “Das war kein isoliert­er Kampf. Er fand statt als Teil ein­er Bewe­gung, die in ganz Europa auf­steigt, wie es auch der die Kämpfe von Ama­zon in Deutsch­land oder von Peu­geot in Frankre­ich sind, und natür­lich auch der Kampf in Griechen­land.”
Als er auf Karsten, Arbeit­er von Ama­zon in Deutsch­land, trifft, sagt er: “Du und ich, wir sind gle­ich.” Bei aller Unter­schiedlichkeit ihrer Sit­u­a­tion ist eines klar: Die Prekarisierung, die unsicheren Arbeits­be­din­gun­gen, der kon­stante Krieg des Unternehmens gegen diejeni­gen, die sich nicht in die Mis­ere fügen wollen — diese Erfahrun­gen haben sie bei­de gemacht. Und bei­de sind entschlossen, sie weit­erzuführen: “Du und ich, wir sind gle­ich.”

Auch Karsten betont die Notwendigkeit ein­er Sol­i­dar­ität über Betriebe, Branchen und Nation­al­gren­zen hin­weg, “damit man nicht nur den eige­nen Kampf kämpft, son­dern auch den der anderen.”. So erzählt er von den Anfän­gen ein­er Ver­net­zung mit Stan­dorten von Ama­zon in Polen und Frankre­ich — direkt zwis­chen Kolleg*innen, unter­halb der Ebene der Gew­erkschafts­bürokratie, die sich immer wieder gegen eine stärkere Koor­dinierung sper­rt.

Kampf gegen Rassismus

Eine inter­na­tion­al­is­tis­che Bewe­gung gegen Krieg, gegen Bona­partismus und gegen die Spal­tung der Arbeiter*innenklasse durch ras­sis­tis­che und nation­al­is­tis­che Ressen­ti­ments muss auch pro­le­tarisch sein. Doch das ist leichter gesagt als getan. Denn die Arbeiter*innenklasse beherbergt einen weit ver­bre­it­eten Ras­sis­mus, Aus­druck des Erfol­gs bürg­er­lich­er Ide­olo­gien, des der „Sozial­part­ner­schaft“ inne wohne­nen­den Sozialchau­vin­is­mus und der Erfahrun­gen des sozialen Kriegs um die Reste des immer klein­er wer­den­den Kuchens.

Bei Ama­zon wer­den deutsch­landweit im aktuellen Wei­h­nachts­geschäft immer mehr Geflüchtete eingestellt — doch selb­st einige kämpferische Kolleg*innen, die bei Streiks in der ersten Rei­he ste­hen, haben Angst vor “Über­frem­dung” und sym­pa­thisieren mit Pegi­da und Co. Bei der Deutschen Post wer­den Geflüchtete als Praktikant*innen dort eingestellt, wo nach dem ver­loren gegan­genen Streik reg­uläre Stellen gekürzt wer­den – Ras­sis­mus ist hier vor­pro­gram­miert, wenn es keinen gemein­samen Kampf für bessere Bedin­gun­gen gibt.

Umso wichtiger sind diejeni­gen Kämpfer*innen ihrer Klasse, die sich diesem Kli­ma ent­ge­gen­stellen und ihre Wut über ihre Bedin­gun­gen nicht gegen ihre Klas­sen­geschwis­ter, son­dern gegen die Ausbeuter*innen wen­den. Denn die Arbeiter*innen aller Län­der besitzen, trotz all ihrer Unter­schiedlichkeit, doch eine Gemein­samkeit: Die kap­i­tal­is­tis­che Krise soll auf ihre Schul­tern abgewälzt wer­den.

Vin­cent Duse, Arbeit­er in ein­er der größten Auto­mo­bil­fab­riken Frankre­ichs, bei PSA Mul­house, weiß das genau. Er berichtet davon, wie notwendig die Ein­heit mit den migrantis­chen Kolleg*innen ist — und wie er in den let­zten Monat­en beson­ders eine gemein­same Front mit den kur­dis­chen Arbeiter*innen auf­bauen kon­nte. Der Kampf gegen Ent­las­sun­gen und andere Ein­schnitte wäre nicht möglich, wür­den sie sich spal­ten lassen.

Davon berichtet auch Aimo, Berlin­er U‑Bahnfahrer und Mit­glied der Basis­gew­erkschafts­gruppe ver.di aktiv. Deswe­gen spricht sich seine Gruppe gegen Ras­sis­mus im Betrieb aus und wirbt für einen gemein­samen gew­erkschaftlichen Kampf von Kolleg*innen mit und ohne Papiere.

Für einen proletarischen Internationalismus

Ras­sis­mus und Frem­den­feindlichkeit steck­en tief in den Köpfen auch viel­er Arbeiter*innen. Doch die Erfahrun­gen eines gemein­samen Kampfes, des Aus­tausches über unab­hängige Organ­isierung, die Per­spek­tive des Kampfes über die eigene betriebliche Ebene hin­aus, kön­nen das ändern.

Wie es Moli­na sagt: “Ich bin natür­lich auch stolz, als Arbeit­er Teil ein­er Klasse zu sein, die dafür kämpft, all das durch dieses kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem Ver­lorene wiederzuer­lan­gen.”

Diese Erfahrung auszuweit­en, ist eine große Her­aus­forderung. Daniela Cobet, Anführerin der Rev­o­lu­tionär-Kom­mu­nis­tis­chen Strö­mung der NPA, schloss daraus: “Unser Kampf beste­ht auch darin, eine große Geschwis­ter­lichkeit unter allen Arbeiter*innen der gesamten Welt aufzubauen. Dieser Kampf hängt von uns Revolutionär*innen und Internationalist*innen ab.”

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