Brot und Rosen

„Die Rechte von Frauen waren nur Verhandlungsmasse“

In der Klimapolitik werden Stimmen von Frauen kaum gehört. Doch Frauen leiden besonders unter den Folgen globaler Erwärmung.  Ein Interview mit Kate Cahoon vom internationalen NGO-Netzwerk GenderCC – Women for Climate Justice, die an der COP21-Konferenz in Paris teilnahm.

Was bedeutet der Klimawandel für Frauen?

Nicht nur zwischen Nord und Süd, sondern auch innerhalb der einzelnen Staaten gibt es eine Kluft zwischen den Verursacher*innen des Klimawandels und denen, die stark darunter leiden. Gerade Menschen mit wenig Geld werden die Folgen des Klimawandels deutlicher zu spüren bekommen. Frauen sind stärker von Armut betroffen als Männer, im globalen Norden wie im Süden.

Auch in meinen beiden Heimatländern – Australien und Deutschland – verdienen Frauen deutlich weniger Geld für die gleiche Arbeit und müssen dennoch die meiste Sorgearbeit zu Hause sowie in der Gesellschaft übernehmen. In der Wissenschaft, der Forschung und der Politik sind wir unterrepräsentiert. So haben wir in einer Studie errechnet, dass in der Energiebranche lediglich 10,1 Prozent der Führungskräfte Frauen sind. Bei den erneuerbaren Energien sieht es noch schlechter aus – hier sind es 8,3 Prozent.

Wie sieht die übliche Arbeit von GenderCC aus?

Wir als Netzwerk arbeiten etwa mit Kommunen zusammen, um die Perspektiven von Frauen in lokale Klimaschutzinitiativen einfließen zu lassen. Der Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel ist uns sehr wichtig, aber auch hier sind Frauen in Führungspositionen stark unterrepräsentiert.

Haben Genderaspekte beim UN-Klimagipfel in Paris eine wichtige Rolle gespielt?

Die Bedürfnisse von Frauen werden viel zu selten in der Klimapolitik gehört. Wir setzen uns deswegen dafür ein, dass Genderaspekte in der Debatte sichtbar gemacht werden. Leider hat es in Paris nicht wirklich funktioniert: Eine kleine Minderheit von Staaten hat die Verknüpfung von Menschenrechtsfragen und Klimawandel im Abkommen ausgebremst. Dazu gehören explizit die Rechte von Frauen oder auch die indigener Völker. Für die EU waren Menschenrechte nur eine Verhandlungsmasse.

Welche Aspekte sind dir in Klimapolitikfragen besonders wichtig?

Um die richtigen Antworten zu finden, müssen wir auch die richtigen Fragen stellen: Wer darf die Entscheidungen über Klimapolitik treffen? Wenn wir einen Übergang hin zu einer nachhaltigeren Welt wollen, wer wird von der Schaffung grüner Arbeitsplätze profitieren? Wer wird sich um die Menschen kümmern, die vom Klimawandel benachteiligt werden?

Wofür hast du dich in Paris im Einzelnen eingesetzt?

Wir lehnen Risikotechnologien wie Atomenergie oder CO2-Verpressung ab, die manche als geeignet für die Bekämpfung des Klimawandels ansehen. Leider konnten solche abenteuerlichen Vorschläge wie das „Off-Setting“ [Kompensationen für angeblich unvermeidbare Treibhausgasemissionen] einen Weg in das Abkommen finden. Auch sehen wir Marktmechanismen kritisch – denn der Markt benachteiligt Menschen, die wegen Sorgearbeit weniger sichtbar sind. Stattdessen brauchen wir nachhaltige politische Maßnahmen.

Wie waren deine persönlichen Erfahrungen in Paris?

In den beiden Wochen waren wir jeden Tag 12 bis 14 Stunden unterwegs, ohne Pausen. Der Gipfel war wie ein riesiger Zirkus. Es gab immer etwas zu tun und wir als „Beobachter*innen“ mussten verschiedenste Aufgaben parallel erfüllen: Lobbyarbeit bei den Delegationen, Gespräche mit der Presse und dazu noch Proteste. Ganz nebenbei versuchten wir zu verstehen, was bei den Verhandlungen genau ablief. Die Vertreter*innen der Staaten reden eine Art Geheimsprache miteinander, und zwar bis in die frühen Morgenstunden hinein. Oft mussten wir uns heimlich in die Verhandlungsräume einschleichen. Als Teil der Zivilgesellschaft fühlte man sich wie Bürger*innen zweiter Klasse.

Wie konnte die Zivilgesellschaft auf die Verhandlungen einwirken?

Ein harter Rückschlag war das Verbot des People’s Climate March in Paris, zu dem 100.000 Menschen – darunter auch Gewerkschaften – erwartet wurden. Das hätte ein Startschuss für eine starke Bewegung für Klimagerechtigkeit werden können. Die französische Regierung untersagte die Demo, angeblich wegen Terrorgefahr. Doch Weihnachtsmärkte und Einkaufszentren blieben ununterbrochen geöffnet.

In der zweiten Konferenzwoche haben wir eine Sitzblockade gemacht. Wir hatten Angst vor der Security, aber am Ende haben hunderte Aktivist*innen teilgenommen, auch die Leute von Greenpeace. In den Hallen skandierten wir: „Wir sind nicht aufzuhalten, eine andere Welt ist möglich!“ Doch das Ergebnis entsprach nicht dieser Losung.

Stellt das Ergebnis des Gipfels den beschworenen „Wendepunkt“ dar?

Nein.

Die Staatengemeinschaft hat sich zwar darauf geeinigt, dass sie den globalen Temperaturanstieg unter 2°C halten will, wenn möglich sogar unter 1,5°C. Dies wird als Durchbruch gefeiert, denn 1,5 Grad war eine zentrale Forderung der verwundbaren Entwicklungsländer, wie z.B. der kleinen Inselstaaten.

Wie dies geschehen soll, bleibt aber im Dunkeln. Die Selbstverpflichtungen der Staaten werden es jedenfalls nicht richten. Auch wenn sie eingehalten werden – wovon nach Kyoto nicht unbedingt auszugehen ist –, steuern wir immer noch auf eine Steigerung von mindestens 2 bis 3 Grad zu. Die Staatchefs in Paris haben also leere Versprechen abgeliefert.

Die reichen Länder haben in der Geschichte die meisten fossilen Brennstoffe verbraucht. Doch die Folgen des Klimawandels treffen vor allem die Ärmsten. Wie sieht es mit Klimagerechtigkeit aus?

Da zitiere ich am besten das Abkommen selber: Die Staaten „bemerken, dass das Konzept Klimagerechtigkeit für manche als wichtig gilt“. Diese Formulierung ist nicht besonders vertrauenserweckend.

In Paris wurde klar, dass die Industrieländer nicht für die Folgen vom Klimawandel haften wollen. Zum ersten Mal wurden die unabwendbaren Schäden und Verluste durch den Klimawandel im Abkommen erwähnt. Doch auf Druck der USA hin wurde im Kleingedruckten festgehalten, dass damit „keine Grundlage für Haftung oder Schadenersatz geschaffen wird“.

Auch die Finanzierung lässt viel zu wünschen übrig: Die Industrieländer haben es geschafft, sich ab 2025 aus der Verantwortung zu ziehen. Das heißt ab 2026 müssen Entwicklungsländer zahlen, obwohl sie historisch betrachtet selber wenig zum Problem beigetragen haben und pro Kopf nach wie vor eine geringe Rolle bei den globalen Emissionen spielen.

dieses Interview im Neuen Deutschland

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